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vonHelmut Höge 24.02.2008

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Der Berlinale-Chef habe das einstige „Politfestival dekonstruiert“ – so gewählt drückte sich die Süddeutsche Zeitung aus, um damit anzudeuten, dass der „Topevent“ (Hörzu) sich entpolitisiert und amerikanisiert hat und vor allem nach Prominenz schielt. Die Bild-Zeitung gibt Flankenschutz: „Millionärin und Polit-Playboy jagen Russen aus Afghanistan“ – und zwar in einem „wahren Polit-Thriller“ von Mike Nichols. Der Regisseur ist auf der jetzigen Berlinale nur mit einem alten Vietnamfilm vertreten – im Rahmen der Veranstaltung „Vietnam-Krieg im US-Kino“. Aber sein Afghanistan-Film läuft gerade in allen unterschichtigen Multiperplex-Kinos an: „Der Krieg des Charlie Wilson“ ist laut Bild eine „extra giftige Komödie“ mit den „großen Hollywoodstars Julia Roberts und Tam Hanks“. Letzterer spielt einen  geldgierigen US-Senator namens  Wilson, der es schaffte, von der CIA sich und „seine“ Taliban finanziert zu bekommen. Als die Rote Armee abzieht, fließt ab sofort kein Geld mehr – „und das zerstörte Land versinkt in Chaos: Klingt vielleicht kompliziert und dröge, ist aber urkomisch , bitterböse und rasant,“ so urteilt das Flagschiff der Springerstiefelpresse. Die FAZ spricht von „scharfsinnig“ und dass „der wütende Antikommunismus, der hier ein Fest feiert, nicht dem Regisseur angelastet wird, ist schon eine Kunst“.

Inzwischen sind aber die Amis und die Deutschen drin – in Afghanistan:  und kämpfen, ringen, dealen mit den Taliban. Vielleicht läßt sich Tom Cruise nach seinem großen „Vorab-Bambi-Erfolg“ für seine Rolle als Rommel-Adjudant Stauffenberg vom FAZ-Sektenführer Schirrmacher überreden,  z.B. den  gerade in Afghanistan eingesetzten Elitesoldaten der „Krisen-Spezial-Kräfte“ (KSK) Erwin H.  aus Sachsen-Anhalt zu spielen. Der war bisher in Calw stationiert, wo ihn gelegentlich seine Freundin besuchte, sie berichtet:  Wenn er über Handy angerufen werde und ein bestimmtes „Codewort“ höre, dann müsse er sofort los: „Er darf dann nur noch ein Testament machen“. Bis dahin kucke  er in seiner Freizeit am Liebsten Fernsehen, wobei er „alles, was mit Krieg zu tun hat, wegzappt“, daneben „schläft  er viel“. Aber nachts wache er oft von seinem eigenen „Kampfstöhnen“ auf und manchmal bekomme sie im Schlaf einen Boxhieb von ihm ab. Sie meint, er sei „beziehungsunfähig“ und seine „wirkliche Familie“, das sei sein Vier-Mann-Kommando: mit ihnen feiere er Weihnachten und Geburtstag und nur mit ihnen dürfe er auch über seine geheimen  Dienstangelegenheiten reden. Vor dem 11.9. hätten sie noch „manchmal für ein, zwei Stunden eine fast normale Beziehung“ gehabt. Trotzdem halte sie weiter zu ihm, denn niemand habe ihn zu dem Job gezwungen, „höchstens vielleicht die hohe Arbeitslosigkeit, dort, wo er herkommt“. Aber es sei schon traurig.

Sein Vorgesetzter in Calw scheint  ähnlich zu denken: „Der Erwin hat einen Kampfwert von zwei Panzern Tigern“ (Kampfhubschraubern). Und eigentlich sei  er viel zu kostbar, um ihn in Afghanistan „der Gefahr…“ auszusetzen. Fast gleichlautend  äußerten sich auch einige Bundeswehr-Generäle, die dieses Menschenmaterial gerne noch länger in Hinterhand gehalten hätten, wobei sie die High-Tech ihrer KSK-„Kampfmaschinen“ gegen die Primitivität islamischer  Selbstmordattentäter abzuwiegen schienen.   Aber wat mutt dat mutt. So erklärte uns das auch ein PR-Offizier der Nato auf der Bonner Hardthöhe. Er referierte dazu – bereits vor dem 9.11. – die neue NATO-Verteidigungsstrategie: „Im Osten ist alles klar, es geht dort nur noch um die Raketenstationierung, aber das ist bloß eine Geldfrage. Auch die russischen Soldaten wollen heute nicht mehr sterben. Deswegen gibt es da keine Probleme mehr mit ihnen. Anders sieht es mit den Arabern aus…“ Ratsch, ließ er eine neue Landkarte runter, die die Gegend zwischen Marokko, Afghanistan und Usbekistan zeigte: „Hier verläuft jetzt unsere neue Verteidigungslinie – zur Abwehr islamischer  Terroristen“.

Seitdem war Afghanistan  immer wieder auch „Thema“ auf der Berlinale. Im Jahr der Eskalation 2008  bemühte man sich um  möglichst ausgeglichene Betroffenheit. Die „Forum“-Sektion schreibt dazu:

„In Pakistan spielt der australische Film ‚Son of a Lion‘ von Benjamin Gilmour, in dessen Mittelpunkt ein Junge steht, der einer von Waffengewalt und archaischen Traditionen geprägten Welt zu entkommen sucht. Eine interessante Parallele dazu findet sich in dem deutschen Regiedebüt ‚Nacht vor Augen‘ von Brigitte Bertele, in dem ein vom Einsatz aus Afghanistan heimkehrender Bundeswehrsoldat mit seinen Kriegstraumata den kleinen Bruder heimsucht.“

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