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vonHelmut Höge 27.02.2008

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

1)

…So heißt eine deutsch-mongolische Zeitschrift. Die Mongolei ist das einzige Land weltweit, das noch halbwegs anständig mit seinen nomadischen Viehzüchtern umgeht. Diese sind Mitglied in der „World Alliance of Mobile Indigenous Peoples“. Die WAMIP traf sich 2007 in Segovia/Spanien. Dort verabschiedeten die Delegierten aus 38 Ländern Afrikas, Amerikas, Europas und Asiens eine „Message“ an die UNO, in der sie u.a. die Achtung vor ihrer Lebensweise und Kultur forderten, die erwiesenermaßen auf einem ressourcenschonenden Umgang mit der Natur basiere. Besonders bedroht scheinen die Beduinen auf dem Sinai und die Mongolen in der inneren Mongolei zu sein. Letztere werden systematisch von den Chinesen an die Wand gequetscht.

Dazu führte bereits ein Sprecher des „Southern Mongolian Human Rights Information Centers“ auf dem WAMIP-Treffen 2006 in Äthiopien Näheres aus. Die Roma und Sinti scheinen der WAMIP bisher noch fern zu stehen, wiewohl sie nahezu im gesamten Ostblock seit 1991 immer mehr diskriminiert und von Neonazis sowie Polizisten verfolgt werden (ähnlich wie die Beduinen von ägyptischen Polizisten). In Berlin beginnt in diesem Jahr der Bau eines Mahnmals für die mehr als 500.000 von den Nazideutschen ermordeten Roma und Sinti. In Istanbul wird gleichzeitig das Viertel Sulukule, wo die Roma seit über 1000 Jahren ansässig waren, platt gemacht und seine Bewohner vertrieben. Dort machen sich dafür die „neuen Nomaden“ breit. Hier werden sie gerne als „digitale Bohème“ bezeichnet. Es handelt sich dabei um moderne junge Menschen, die sich traditionslos, quasi losgelöst international vernetzen und heute hier morgen da jobben. Sie können zehn Jahre z.B. als Englischlehrer in Istanbul arbeiten – ohne auch nur ein einziges Wort türkisch zu lernen. Man bezeichnet sie auch als „intergalaktische Kakerlaken“, weil sie schier überall leben können. Hauptsache es gibt dort Internet, Bio-Food und coole Cafés. Mit den alten Nomaden haben diese neuen nichts gemein: Erstere setzen auf Sippe und Blutsverwandtschaft und letztere auf Scenen und Wahlverwandtschaften. Während diese – ähnlich wie die Armuts-Migranten – von einem Punkt zum anderen gehen (meistens in gerade boomende Hauptstädte), sind bei jenen die Punkte (Wasserstellen, Winterplätze, Versammlungspunkte) den Wegen streng untergeordnet.

Nun mehren sich jedoch die Versuche, die Lebensweisheiten beider zusammen zu denken. Denn wenn die alten Nomaden stur an ihren autoritätsfixierten Sitten und Gebräuchen festhalten – und damit verelenden, dann tendieren die neuen Nomaden dazu, derartig flexibel und unmoralisch zu werden, dass sich der Gast(geber) mit Grausen wendet: „Having Fun“ scheint ihre oberste Maxime zu sein. Bereits 2001 veröffentlichte die Münchner Journalistin Gundula Englisch eine Art Ratgeber für „Jobnomaden“, so der Titel ihres Buches, in dem sie das alte Nomadenwissen, das sie den Büchern des tuwinisch-mongolischen Schriftstellers Galsan Tschinag entnahm, mit den neuen noch vereinzelten Erfahrungen der hier in Bewegung geratenen Profiteure der elektronischen Revolution verknüpfte. Und im März 2008 erscheint auf Deutsch der chinesische Bestseller „Wolf Totem“ von Jian Rong. Es geht darin um eine Nutzbarmachung des mongolischen „Steppen-Ethos“ – bevor dieser mit den letzten Mongolen in China verschwindet. Dazu gehört ein Wolfs-Totemkult, denn diese Tiere verkörpern für die Nomaden laut Jian Rong alle Fähigkeiten, die man für den harten Überlebenskampf braucht. Der Autor meint, die kleinbäuerliche Landwirtschaft habe aus den Chinesen „Schafe“ gemacht, nun – als neue Selbständige und Geschäftsleute – brauchen sie den nomadischen Mut und müssen wie die „Wölfe“ werden. Es ist zu befürchten, dass seine „Message“ – via Bertelsmann-Verlag! – auch hier gut ankommt. Das ist jedoch nicht mit „Supernomad“ gemeint!

2)

Seit 2005 wird den Sinti und Roma wieder verschärft das Leben schwer gemacht: in Istanbul wurde ihnen erst das meiste Gewerbe in ihrer „ältesten Zigeunersiedlung der Welt“ verboten und dann das ganze Viertel platt gemacht, in Ungarn, Polen, Tschechien und der Slowakei werden sie von Neonazis angegriffen, in Italien ausgewiesen und auch in Deutschland will man 50.000 bosnische Roma islamischen Glaubens „repatriieren“.

Angesichts dieser Repressionswelle griffen die Roma-Organisationen auf einem Kongreß 2006 noch einmal das vom Zionismus inspirierte Projekt einer „Roma-Nation“ auf, das bereits 1971 auf dem ersten „Roma-Weltkongreß“ diskutiert worden war. Diesmal sprachen sich die Teilnehmer jedoch konkreter für einen „nicht-territorialen Roma-Staat“ aus. Damit erwiesen sich die Zigeuner einmal mehr und trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer festgefügten Traditionalismen als Avantgarde der Weltbevölkerung. Zuvor hatte bereits die US-Science-Fiction-Serie „Raumschiff Enterprise“ im Universum eine Reihe von Völkern ohne Territorium ausgemacht, die dennoch in der „Föderation“ sowie auch in deren „Rat“ vertreten waren. Auch der Frankfurter Soziologe Karl-Otto Hondrich sprach dann davon, dass die zivilisierten Staaten sich von der Vorstellung lösen müssen, ein Territorium beherrschen zu wollen. So wie ja auch immer mehr Unternehmen versuchen, weltweit zu agieren, indem sie – wie z.B. Sony und Daimler-Benz – ihre nationalen Bindungen abstreifen. Dadurch und mit dem gleichzeitigen Übergang vom Industrie- zum Finanzkapitalismus hört die Nationalökonomie auf zu existieren. Es gibt bald nur noch Betriebsökonomien. Das gilt auch für Städte, Regionen und ganze Länder. Letztere können zwar mit kriminellen Steuerfahndungsaktionen, Finanzgerichten, die alle Klagen abschmettern, Privatisierungen und Unterstützungskürzungen noch eine Weile auf ihre Staatsbürger setzen – indem sie sie immer raffinierter ausbeuten, aber irgendwann ist Schluß. Und je länger die Betriebswirtschaft des Staates sich aus solchen Sozialverbrechen speist, desto weniger ist er in der Lage, wirkliches Standort-Marketing zu betreiben, d.h. sich so attraktiv auszugestalten, dass man z.B. gerne viel Geld für seinen Paß (vulgo: Staatsbürgerschaft) bezahlt. Vor allem muß ein solcher Staat aber natürlich attraktive Arbeitsplätze schaffen – in Größenordnungen und in schärfster Konkurrenz zu den Privatunternehmen, die (das gilt u.a. bereits für Siemens und Daimler-Benz) schon lange keine Steuern mehr zahlen. Er darf nicht seine Flächen für Bioenergie und Monokulturen vernutzen, sondern muß Gärten für jeden bereitstellen. Außerdem muß er sich dergestalt deterritorialisieren, dass er nicht nur autonome Untereinheiten duldet (wie z.B. Russland in seiner Mitte Tatarstan), sondern diese schafft. Denn der Zukunftsstaat muß sich wie ein halbnomadisches (flexibles) Kollektiv organisieren – und von dem ganzen alten Mist (Hymne, Flagge, Regierungspalast, Parteien, repräsentative Demokratie, Parlament, Rauch- und Drogenverbot, Kindergeld, Militär etc.) nur Briefmarken (sofern sie sich verkaufen lassen), Währung, Pässe, Pin und Fuhrpark behalten. Alles andere muß er neu erfinden. Ganz so wie das Nordhäuser „Strike-Bike“-Kollektiv sich ohne ihre vom Management geklauten Produktionsanlagen nun eine neue Fabrik erfinden muß. Platon hielt noch dafür, das ein Kollektiv nicht mehr als etwa 1600 „Seelen“ umfassen dürfe – alles darüberhinaus sei von Übel. Wie man weiß, haben die Kibuzzim dieses Problem dadurch gelöst, dass sie immer wieder aus ihrer Mitte heraus einen neuen Kibbuz sozusagen outsourcten. Wie Gilles Deleuze sagt, gibt es kein Territorium ohne einen Flucht-Vektor. Aus dem lokalen Widerstandskämpfer mit Geländekenntnissen ist noch in jedem siegreichen Fall ein quasiglobaler Soldat geworden, der Karten lesen und überall eingesetzt werden kann. Umgekehrt gilt jedoch auch, dass es kein Verlassen des Territoriums gibt, ohne dass sich gleichzeitig anderswo ein Vektor der Reterritorialisierung auftut. Auf jede „Weltrevolution“ folgt früher oder später eine Sicherung des bis dahin Erreichten – der schwindelerregenden „Erfolge“. Immer steht die permanente Deterritorialisierung (Trotzki) gegen eine nationalistische Reterritorialisierung (Stalin). Diese Tragödie wiederholte sich gerade noch einmal als Farce: Auf die Verschleuderer Gorbatschow/Jelzin (Tatarstan) folgte der Zusammenraffer Putin (Tschetschenien) – wobei sie alle drei nur Charaktermasken – Politpersonifizierungen ökonomischer Hamsterräder – sind. Denn es gilt nach wie vor, aus der kommunistischen „Utopie“ (ein Ort, den es noch nicht gibt) eine „Atopie“ zu machen: etwas, das keinen Ort mehr hat.

3) 

Der Philosophieprofessor Boris Groys meint in seinem „postkommunistischen Manifest“ (es 2403), dass die russische und die chinesische Führung den „Umbau“ (Perestroika) und den „Übergang zum Kapitalismus“ nicht aus Schwäche oder Not wagten, sondern weil sie sich absolut sicher wähnten: Es gab keine inneren Feinde mehr und auch keine äußere Bedrohung. Der Eindruck der „Niederlage“ entstand durch die daraus erfolgte „Auflösung der Sowjetunion“ – die von Russland ausging, indem es aus dem „losen Staaten-Union“ austrat, was die sowjetische Verfassung seit 1936 jeder Sowjetrepublik eingeräumt hatte. Groys vermutet, dass Stalin damit „die Sowjetunion dialektisch definieren wollte – als Staat und Nicht-Staat zugleich.“ Er reagierte damit auf die Kritik vor allem von Trotzki an seiner „These von der Möglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Land“.

Trotzki faßte seine Kritik 1936 wie folgt zusammen: „Das Absterben des Staates beginnt nach Lenin bereits am Tag nach der Expropriierung der Expropriateure, d.h. noch bevor das neue Regime seine wirtschaftlichen und kulturellen Aufgaben in Angriff nehmen kann. Jeder Fortschritt bei der Lösung dieser Aufgabe bedeutet somit eine neue Etappe in der Liquidierung des Staates, seiner Auflösung in der sozialistischen Gesellschaft. Der Grad dieser Auflösung ist das beste Merkmal für die Tiefe und das Gelingen des sozialistischen Aufbaus. Man kann etwa folgendes soziologische Theorem aufstellen: Die Stärke des von den Massen im Arbeiterstaat ausgeübten Zwangs ist direkt proportional zur Stärke der Ausbeutertendenzen oder der Gefahr einer Wiederherstellung des Kapitalismus und umgekehrt proportional zur Stärke der gesellschaftlichen Solidarität…“

Wenn sich also das Land, wie Stalin behauptet, wirklich auf dem Weg zum Sozialismus befindet, warum dann, so fragt Trotzki weiter, diese „Gendarmisierung“, die aus dem „Staat der Sowjets“ einen „totalitär-bürokratischen Staat“ machte? Groys meint, es ging dabei um etwas anderes, totalitäreres als einen Staat: Indem Eigentum, Erbe, „natürliche“  Bindungen etc. abgeschafft wurden, gelangte man „vom Reich der Notwendigkeit ins Reich der (politisch-gestalterischen) Freiheit, vom traditonellen Staat zum Gesamtkunstwerk.“ Auch die derzeitige  „Privatisierung“ sei „genauso ein künstliches politisches Konstrukt, wie es die Verstaatlichung davor war“ – und führe deswegen nicht „zurück zur Natur, zum natürlichen Erbe und zum Naturrecht.“ Im Gegenteil „vollendet“ sie den Kommunismus (und „stellt ihn somit zur Wiederholung frei“), indem sie ihm „endgültig seine historische Form gegeben hat“. Denn „die eigentliche Zumutung des Sozialismus Stalinscher Prägung bestand in seinem Anti-Utopismus, d.h. in der Behauptung, dass in der Sowjetunion die Utopie im Grunde schon realisiert ist. Der reale Ort, an dem sich das sozialistische Lager etabliert hat, wurde zum Nicht-Ort der Utopie ausgerufen. Man braucht – und brauchte schon damals – keine besondere Anstrengung oder Einsicht, um zu beweisen, dass diese Behauptung eine kontrafaktische ist, dass die offizielle Idylle staatlich manipuliert ist, dass der Kampf weitergeht, sei es der Kampf für das eigene Überleben, sei es der Kampf gegen Repression und Manipulation, sei es die permanente Revolution.“ Für Groys „handelte es sich dabei um eine paradoxe Einheit zwischen Anti-Utopie und Utopie“.

Trotzki sprach demgegenüber von einer „contradictio in adjecto“ – und meinte damit die „sozialistische Bürokratie“. Sie habe als neue „herrschende Schicht“ die Oktoberrevolution verraten, aber sie derzeit (1936) „noch nicht gestürzt“, weil sie für ihre „Herrschaft noch keine sozialen Stützpunkte, d.h. besondere Eigentumsformen, geschaffen hat“. Das geschah erst mit Gorbatschows  „Perestroika“, der deswegen in Russland auch besonders verhasst ist, während ihn der Westen geradezu liebt. Der Stalinsche „Verrat“ bestand nach Trotzki u.a. darin, dass „die soziale Spanne zwischen geistiger und körperlicher Arbeit größer“ wurde („Die Kader entscheiden alles“), dass das „Akkordlohnsystem beibehalten“ wurde („Aus jedem möglichst viel herauspressen und ihm dafür möglichst wenig geben“), dass „die kleinbürgerliche Familie wiederhergestellt“ wurde, in der Armee die alten vorrevolutionären Hierarchien und dass ferner die „Gegenseitige Hilfe als Verschwörung bestraft“ wird. „Was bleibt übrig von der Oktoberrevolution,“ fragte Victor Serge, „wenn jeder Arbeiter, der sich wagt, eine Forderung oder Kritik zu äußern, Zuchthaus zu erwarten hat?“

Für Trotzki ist „freie Arbeit unvereinbar mit der Existenz eines bürokratischen Staats“. Dazu zitiert er den jungen Marx, der bereits davor warnte, den Sozialismus auf „armseliger technischer Grundlage“ aufzubauen: Dabei werde „nur der Mangel verallgemeinert, und zugleich mit der Nordurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich wiederherstellen.“ So stellt sich mir auch Russland heute in etwa dar: als wiederhergestellte alte Scheiße.

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kommentare

  • Jürgen (Biesdorf):

    Anläßlich der ITB in Berlin findet ein Empfang der Botschaft der Mongolei statt, er steht unter dem Motto: „The Home of friendly Nomads at the Heart of Asia“. Das nur nebenbei.

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