vonHelmut Höge 19.06.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Eben kam ich auf dem Alexanderplatz an einem Werbestand der Scientologen vorbei, nein: der La -Rouche-Sekte „Europäische Arbeiterpartei“ – jetzt „BÜSO“ genannt: „Bürgerrechtsbewegung Solidarität“. „Hallo, mein Herr!“ sprach mich eine kleine Blondine an. Ich schüttelte den Kopf und ging an ihr vorbei. „Wir haben eine Krise zu bewältigen!“ rief sie mir nach.

Nach „Ein neues Bretton Woods“ und einen „Eurasischen Transrapid“ fordern diese Amiirren jetzt erst mal nichts mehr, sondern behaupten auf allen ihren Plakaten: „Die Zukunft liegt in Afrika!“

Schon während des EU-Wahlkampfs waren mir in Frankfurt ihre diesbezüglichen Wahlplakate aufgefallen: „Hessens Zukunft liegt in Afrika!“ hieß ihre Parole dort. Und zwar deswegen, weil dieser Kontingent jede Menge Atomkraftwerke braucht, um aus dem Knick zu kommen – z.B. um damit Meerwasserentsalzungsanlagen zu betreiben.

Beim Umsteigen in Stadtmitte ging ich an zwei Punkern vorbei – und bekam mit, wie der eine den anderen fragte: „Weißt du, dass an der Schweinegrippe nur Leute erkranken, die nicht immun gegen das Schweinesystem sind?!“

In der U6 dann lag ein ausgelesener „Tagesspitzel“. Gleich auf Seite 1 sprang mich die „Meinung“ meines alten taz-redakteurs gerd nowakowski über die „Aktionswochen“ der Autonomen an. Er wohnt jetzt am Wannsee und ist tsp-redakteur. Wegen des Abfackelns von Autos habe sich „das Klima längst nachhaltig verschlechtert“, meint er, „nicht nur bei Investoren“. Er denkt dabei jedoch nicht an den globalen CO2-Ausstoß, sondern: „Erst bewies eine Gruppe Roma, wie man die Verwaltung der Hauptstadt an den Rand der Lächerlichkeit bringt, nun führen [auch noch] gewaltbereite Chaoten die Landesregierung vor.“ Also Zigeuner und Linke verschlechtern das Klima! Das hören die Tagesspitzel-Leser in Steglitz und Wilmersdorf gerne. „Ihre pseudorevolutionäre Gewalt“ begründen sie perfiderweise mit „politischen Begriffen“ – wie: „Protest gegen Mietsteigerungen und die Verdrängung einkommensschwacher Menschen, Repressionen gegen Ausländer und Asylbewerber, Kampf gegen Neonazis.“ Was ist an diesen Protesten „pseudorevolutionär“. An diesem Wort stieß ich mich. Läßt er jetzt nur noch die „Revolution“ – in der Mobilfunktechnik, bei Geschirrspülern, Waschmitteln und Volkswagen z.B. gelten? Die Autonomen werden jedenfalls „jeden Tag“ stärker – mit ihrer „pseudorevolutionären Gewalt“, und „das Vertrauen in die Sicherheit der Stadt“ schwindet, deswegen müssen Politik, Polizei und Staatssicherheit endlich losschlagen.

Was für eine grauenhafte Wandlung hat Nowakowski da vollzogen – schlimmer als die ganzen 68er- und 89er-Wendehälse.

Aber dann las ich weiter: Eine ganze Seite über Dahrendorf, den der Tagesspiegel als „Einen, der Epoche machte“ bezeichnet. Mit der Epoche muß die Zeit von den Sechzigerjahren bis jetzt – zu seinem Tod, gemeint sein. Aber das ist grober Unfug, denn Dahrendorf, genauso wie sein kongenialer Langweiler Habermas, der noch lebt, haben gerade keine Epoche gemacht, da die Frankfurter Schule und vor allem die Studentenbewegung ihnen zum Glück den Wind aus den Segeln nahm.

Es kommt aber noch dicker – im „Kultur“-Teil: Eine Seite über die Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie: Bilder aus der „privatesten Sammlung“ (was ist das überhaupt für ein Blödsinn: eine Privatsammlung ist eine einfach Privatsammlung) Und in diesem Fall sogar eine fast öffentliche, denn der Sammler Heinz Pietzsch errichtete gleich nach der Wende sein „Pietzsch-Palais“ Unter den Blinden, wo er Uecker und andere Großformate an eine über mehrere Stockwerke reichende Wand hängte, die man sich von außen durch die Scheiben ankucken konnte. Pietzsch ist oder war im Verein „Freunde der neuen Nationalgalerie“, der von Westberliner Immobilienspekulanten dominiert wurde und vielleicht noch wird. Da war es für ihn wohl ein leichtes, mit seiner Sammlung auch irgendwann dort zu landen. Wie der einst reichste Mann Westberlins Karsten Klingbeil und der „betrügerische Baulöwe“ Dietrich Garski, der nach der Wende in Potsdam noch einmal groß rauskam, möchte anscheinend auch Pietzsch ein Museum von der Stadt für seine Kunstsammlung haben: Er „gäbe seine Bilder gern, aber nicht fürs Depot“, schreibt die tsp-autorin und sie zählt auch gleich die „Lücken“ auf, die derzeit noch in den staatlichen Bildersammlungen klaffen – bei den Surrealisten und den abstrakten Expressionisten. Und genau da könne die „Sammlung Pietzsch“ gewissermaßen aushelfen.

Kein einziges Wort darüber, dass Pietzsch 1991 zusammen mit Karsten Klingbeil und Reinhard Müller auf eine derart üble Weise in den Besitz der Riesenimmobilie von Narva an der Oberbaumbrücke gekommen waren, dass die Treuhandanstalt aufgrund der „pseudorevolutionären Proteste“ in der Öffentlichkeit diesen „Deal“ schließlich schweren Herzens und unter erheblichem Gesichtsverlust wieder rückgängig machen mußte. U.a. hatte dieses unverschämte Trio damals in ihrem „Übernahmeangebot“ versprochen, die bis dahin noch existierenden etwa 1500 Arbeitsplätze „im Licht“, d.h. in der Lampenfertigung, zu erhalten. Aber bevor noch die Unterschrift unter den Kaufvertrag vorlag, hatten sie die besten Fließreihen schon Osram sozusagen heimlich zum Kauf angeboten. Dies flog dank des Osram-Betriebsrats dann auf. Es kam noch hinzu: Die beste und neueste dieser Osram 1991 zum Kauf angebotenen Fließreihen, zur Herstellung von Energiesparlampen, hatte Narva erst Anfang 1990 von Osram geliefert bekommen. Dazu wußte der damalige von der Treuhand als Aufsichtsratsvorsitzender bei Narva eingesetzte Kudamm-Anwalt Dr. Abshagen zu berichten: Sie kostete 1988 6 Millionen DM. Da es sich dabei um ein Embargogut handelte, sei das Geschäft über den Stasi-Bereich „KoKo“ (Kommerzielle Koordination) abgewickelt worden, jedoch nicht über den KoKo-Chef Schalck-Golodkowski, sondern über die dazugehörige DDR-GmbH in Pankow „F.C.Gerlach“, bzw. über deren Geschäftsführer Michael Wischnewski. Wischnewski ist der Schwager von Heinz Pietzsch. Als man ihn 1990 wegen seiner krummen Geschäfte verhaften wollte, setzte er sich nach Israel ab. Vielleicht ist er dort inzwischen gestorben – er war damals schon krank.

Über diese ganzen Pietzsch-Connections und -Deals steht im Tagesspiegel-Artikel natürlich kein einziges Wort. Die Autorin schwärmt bloß eine ganze Seite voll über die „Bilderträume“ des „Baustoffhändlers“ Pietzsch: „Mit der Sammlung Pietzsch wird ein gewaltiger Bilderschatz gehoben“. Der Tagesspitzel macht sich damit zu einem blöden Vereinsorgan der „Freunde der italienischen Nationalgalerie“, wie die taz dieses einflußreiche Westberliner „Netzwerk“ früher nannte. Aber mit der Stasi beschäftigt er sich natürlich als geharnischtes Antikommunistenforum auch immer wieder gerne. In der heutigen Ausgabe findet sich u.a. auf der „Berlin Kultur“-Seite unter der Überschrift „Zentrale der Angst“ eine ganze Seite über einen Künstler, der „Bilder in den Fußboden des Stasi-Museums ritzt“. Na toll!

Der dickste und dämlichste Hammer kommt aber auf der letzten tsp-seite „Weltspiegel“: Nachdem seit der Krise Politik und Wirtschaftswissenschaftler monatelang Ursachenforschung betrieben haben, wobei idiotischerweise herauskam: Es lag an der zu großen „Gier“ der Banker. Haben nun irgendwelche Amiwissenschaftler herausgefunden: „Die Gier im Finanzverhalten ist genbedingt!“ Es gibt also nicht nur ein Neid-, sondern auch ein Gier-Gen. Die tsp-überschrift dazu lautet nun: „Gentest für Führungskräfte gefordert“ – fordern tut das der „Frankfurter Zukunftsrat“ whateverthatis. Wahrscheinlich ein elitärer Sauhaufen von debilen Elder Statesmen and Capitalists. Vorsitzende ist Marie-Elisabeth Schaeffler, auf der Liste der reichsten Deutschen steht sie an 22. Stelle. Die „deutsche Unternehmerin“ (Wikipedia) stützt sich laut tsp bei ihrem Vorschlag – Gentest für alle Führerpersönlichkeiten – auf „Erkenntnisse“ der Bonner Hirnforschung: „Das Belohnungssystem des Gehirns reagiere auf kurzfristige Gewinne und den Anblick von Geld wie auf Kokain. Seine Aktivierung könne ’süchtig machen‘.“ So etwas hirnverbranntes kannte man bisher nur aus den Boulevardblättern der Springerstiefelpresse.

Als Pietzsch seine Bilder in sein neues Palais unter den Blinden aufhängte, boomte gerade das Kunst- und das Baugewerbe in Berlin wie verrückt. Damals forderte „Die Zeit“ Aufklärung von mir darüber, ich schrieb ihnen:

„Good Business is the Finest Art!“ (Andy Warhol)

Einer der Bauherren am Potsdamer Platz, die Daimler-Benz-Tochter debis, zeigt in einer Ausstellung, was die Bauarbeiten bisher zutage förderten: einen Stahlhelm mit Schädelstücken, Munition und Hakenkreuze. Bei der Fundamentierung der Friedrichstadt-Passagen stieß man in fünfzig Meter Tiefe gar auf ein Braunkohleflöz.

Aber auch oberhalb ist man vor Überraschungen nicht sicher: Neuerdings ziehen die Baugruben wie magisch Künstler an. In einem für die Berlinale 1996 produzierten Film („Wüste Westberlin“) lassen die alten Kunstberühmtheiten des Charlottenburger Savignyplatzes – Lüpertz, Fetting, Hödicke, Joachimides und Block – noch einmal die heroische Vorwendezeit aus dem Sack: „Wir haben Berlin an den Weltkunstmarkt angeschlossen“ und „Die Paris-Bar wurde zum absoluten Muß der Kunstwelt“, sagt darin zum Beispiel der Maler Lüpertz.

Ein Gutachten, in Auftrag gegeben vom Senator für kulturelle Angelegenheiten, hatte indes 1994 schon die nächste Kunstgeneration – abseits der Paris-Bar – ins Visier genommen. Lapidar heißt es darin: „Die Stadt fordert die Phantasie der Künstler aufs neue heraus.“ Die „Stadt“ – damit ist vor allem der derzeitige „Aufschwung“ gemeint, der atmosphärisch eine über den Bauboom vermittelte dritte Gründerzeit eingeläutet hat.

Schon die erste hatte in Berlin um die Jahrhundertwende eine eigene „Aufbau-Kunst“ hervorgebracht: Adolf Menzels „Eisenwalzwerk“ beispielsweise, aber auch die weniger bekannten Werke von Gärtner und Hummel. Während der zweiten Gründerzeit wurde von den Künstlern der – diesmal sozialistische – Wiederaufbau der Hauptstadt der DDR verherrlicht: Otto Nagels „Maurerlehrling“ und „Polier“ an der Baustelle Stalinallee wären hier zu nennen sowie die Werke von Heinz Löffler und Walter Wommaka, der bei den späteren Portraits seiner „Helden der Arbeit“ die Pop-art in den Sozialistischen Realismus einführte. Ganze Künstlerkollektive begleiteten die Bauarbeiten.

Was nun die neuen Hauptstadt-Werke angeht, so möchte der Betrachter sie durchgängig als „Krankunst“ bezeichnen: Nicht Bauarbeiter oder -ingenieure, also das Humankapital, stehen diesmal im Zentrum des Schaffens, sondern Kräne, Bagger und Betonstahl. Als Leitmotiv dafür könnte eine Nachwendebemerkung des Geisteswissenschaftlers und kurzzeitigen VW-Vorständlers Daniel Goeudevert gelten: Im Mittelpunkt steht der Mensch, aber genau da steht er im Weg!

So ist es auch nicht verwunderlich, daß zuallererst eine arbeitslose Mitarbeiterin der 1993 abgewickelten Westberliner Kunsthalle, Bea Stammer, auf die Idee kam: Sie gründete zusammen mit einer Kollegin, Gabriele Horn, die noch beim Kultursenat beschäftigt ist, die Firma Art Management. Stammer und Horn verfaßten mehrere Konzepte, die sie an große, in Berlin tätige Bauunternehmen schickten. „Es geht darum, Kunst mit Wirtschaft zu vernetzen“, so Bea Stammer, der dazu beispielsweise ein „Kranballett“ und „Lesungen auf Kränen“ (mit Otto Sander) eingefallen waren.

Recht eigentlich begann die Krankunst jedoch bereits mit der Wiedervereinigung und dem dadurch bewirkten Zusammenbruch des gesamtgesellschaftlich gültigen Tarifsystems – was sich schon bald im boomenden Berliner Baugewerbe drastisch bemerkbar machte: Zwar wurde im vereinigten Tarifgebiet Berlin-Brandenburg den Bauhilfsarbeitern zum Beispiel ein Bruttostundenlohn von 15,67 Mark zugestanden, aber englische Arbeiter taten es bald auch für unter 15, portugiesische, sizilianische und spanische gar fü r 5 bis 10 Mark die Stunde, Russen, Ukrainer und Polen für noch weniger.

Obwohl sich 1994 auf den rund 2000 Berliner Baustellen insgesamt etwa 1200 Kräne drehten, waren gleichzeitig 30 000 arbeitslos gemeldete Bauarbeiter, meist deutscher und türkischer Herkunft, in der Stadt nicht mehr vermittelbar. Anläßlich der Streichung des Schlechtwettergeldes kam es 1994 zu einem Aktionstag und zu schwarzen Fahnen auf einigen Kränen. Die Bauunternehmer konterten mit blinkenden Weihnachtssternen und Lichtergirlanden.

Auf einen regulär Beschäftigten kamen bald – nach Schätzungen der Bauarbeitergewerkschaft – zwei illegal Tätige. Auf den Baustellen selbst waren die Lohnunterschiede häufig Anlaß für Streitereien. Spektakulär gerieten die Proteste der Bauarbeiter und ihrer Industriegewerkschaft Bau – Steine – Erden, wenn sie sich direkt gegen ihre Unternehmensleitungen wendeten – und es dabei zu sogenannten Kranbesetzungen kam: So geschehen im Mai 1994 auf einer Pankower Baustelle, wo italienische Arbeiter die Kräne besetzten, um ihre ausstehenden Löhne einzuklagen. Erst dem italienischen Konsul gelang es, hierbei erfolgreich zu vermitteln. Ähnlich lag der Fall bei einer Tempelhofer „Baustellenblockade“ durch irische und englische Bauleute, die als Einmannsubunternehmer plötzlich keinen Lohn mehr von ihrer holländischen Firma bekommen hatten. Sie hängten selbstgemalte Protesttransparente an die Kräne.

Einen Tag vor dem 17. Juni, dem Tag des Bauarbeiteraufstandes in der Stalinallee 1953, traten auch einige deutsche Arbeiter – auf einer Baustelle in Marzahn – in den Ausstand. Sie besetzten die Kräne und verteilten Flugblätter: „An alle – Wir haben die Schnauze voll!“ Unterschrieben hatten sie als „IG BSE (Initiativgruppe Bau – Schweine – Erledigen)“. Ihr Zorn richtete sich primär gegen ihren Subunternehmer aus Trier, der sich aus dem Staub gemacht hatte. Der Generalübernehmer des Bauprojekts, die Firma Heitmann, ließ daraufhin dessen Geräte beschlagnahmen und zahlte die ausstehenden Löhne. Das Bauarbeiterflugblatt wurde von vielen Berliner Zeitungen im Lokalteil ausführlich zitiert.

Mit der folgenden Aktion an der Großbaustelle Checkpoint Charlie Friedrichstraße, im März 1995, verlagerte sich der Schwerpunkt, medial gesehen, vollends vom Wirtschaftsteil ins Feuilleton: Die Investoren des fünfblöckigen Mixed Use Complex am ehemaligen Grenzübergang, die anfangs noch mit der Art-Agentur von Stammer und Horn zusammenarbeiten wollten, beauftragten statt dessen die Werbeagentur Ogilvy & Mather, ihnen die Baugrube attraktiver zu gestalten. Als erstes ließen sich die Werbeleute ein „Baustellenportal“ einfallen – mit dem Photo eines amerikanischen Panzerfahrers und dem halbfetten Hinweis: „Halt, hier wird gebaut. 1961 – Die Mauer wird gebaut. 1994 bis 1998 – Fünf Jahre nach dem Fall der Mauer entsteht hier eine der attraktivsten Business-Adressen Europas.“ Laut Ogilvy & Mather wurde dies das meistphotographierte Bauschild der Welt.

Hinzu kamen dann noch einige „Informationstafeln“ am Bauzaun sowie ein überlebensgroßes Cut-out des amerikanischen Stararchitekten Philip Johnson, der hier für den Block 106 verantwortlich zeichnete. In der Nacht vom 14. auf den 15. März wurde dieses vier Meter hohe Cut-out aus Blech von Unbekannten entführt. Eine Woche später bekam der Berliner Tagesspiegel ein abgesägtes Ohr zugeschickt, und die Bauwelt erhielt ein „Bekennerschreiben“. Ausführlich wurde darin Nietzsche zitiert, der sich in seinem „Zarathustra“ einst über die Genies mit den allzu großen Ohren ausgelassen hatte. Ogilvy & Mather erbaten sich über die Springerpresse ihren Blech- Johnson zurück, dann ließen sie ein neues Portrait an die Baugrube stellen, das fortan von einem Wachdienst geschützt wurde.

Die Pressesprecher des Baugewerbes in der Hauptstadt horchten bei diesem schlagzeilenproduzierenden Schelmenstück auf – und dachten sich daraufhin selbst ihre Baustellenereignisse aus: Als erstes wurden die diversen Grundsteinlegungen und Richtfeste immer opulenter ausgestaltet – mit Musik, Tanz- und Theatervorführungen, VIP-Zelten, Sommerfesten und Pressemappen. Die Journalisten bekamen dazu dicke In-Kontakt-bleiben-Geschenke – wie Handys, Bauhelme, Bücher und T-Shirts. Der Erfolg dieses Pre-Marketing im Event-Bereich ließ nicht lange auf sich warten.

Fast täglich druckte die Hauptstadtpresse nun Baustellenphotos ab. Und in den eiligst mit dem plötzlichen Verfall der Gewerbemieten eingerichteten „Immobilienredaktionen“ riß man sich geradezu um hochkarätige Statements und kontroverse Einschätzungen von „Developern“ städtischer „Filetstücke“ und märkischer „Speckgürtel“. Dabei entstanden solche Headlines wie „Datenhighway mit U-Bahnanschluß“ und „Neue Urbanität im historischen Kontext“. Die CDU-Parlamentspräsidentin Hanna-Renate Laurien und der SPD-Ministerpräsident Manfred Stolpe ließen zu gegebenen Anlässen fast unisono verlauten: „Jede Baustelle ist eine Hoffnungsstelle!“

Als dann auch noch die städtischen Werbemanager darauf kamen, daß Berlin seit der Wiedervereinigung eigentlich nur noch staubildende Baumaßnahmen zu bieten hatte, verwandelten sie dieses für die Hotels zunächst ruinöse Manko mit Hilfe von Reiseveranstaltern, Printmedien und Stadtbilderklärern (City-Guides) flugs in ein neues Erlebnisurlaubsangebot. Und fortan fuhren die Reisebusse von Baustelle zu Baustelle, wo man, ähnlich wie früher an der Mauer, Aussichtsplattformen errichtete. Am früheren Mauertouristen-Hotspot Potsdamer Platz, der jetzt mit 111 000 Quadratmetern größten Baustelle Berlins, wurde sogar eine aufgestelzte, dreistöckige rote Info-Box für mehrere Millionen Mark plaziert. Neben viel High-Tech sind darin die Büsten von fünf Architekten zu bewundern.

Ende November wußte der Spiegel bereits die ersten Berlinbaustellen-Besucherzahlen: „An die 200 000 seit Mitte Oktober.“ Außerdem konnte er auch gleich den Erfinder dieser neuen Kunstsparte – „Cultural Events in der Baugrube“ – namentlich nennen: den einstigen Pressesprecher und jetzigen Marketingdirektor des Checkpoint-Charlie-Business-Centers in der Friedrichstraße, Frank Schmeichel. Der Diplompsychologe war vor der Wende „Night-Talker“ des Westberliner Radiosenders 100,6 gewesen, wo er allnächtlich sexuelle Probleme verhandelt hatte, zum Beispiel: „Wo befinden sich die ausgefallensten Liebesorte?“ Der Sender gehörte und gehört einigen großen Westberliner Bauherren.

Auch Schmeichels neue Arbeitgeber, die Investoren vom Checkpoint Charlie, betreiben seit der Wende einen eigenen Sender in der Stadt: den Fernsehkanal 1A Brandenburg. Diese beiden Medien machten natürlich auch noch aus dem allergeringsten Baustellenereignis, wenn es sich nicht gerade um Querelen am Bau oder tödliche Unfälle handelte, ausführlichste Reportagen mit feinsten Feature-Elementen. Vielgelobt wurde insonderheit die 24-Stunden-Kamerabegleitung der Fundamentierung des ersten Bauabschnitts am Checkpoint-Charlie-Business-Center. Woraufhin ein anderer Hauptstadt-TV-Sender sofort mit einer äußerst einfühlsamen Reportage über die aus Hamburg stammende Bedienung des Schwimmbaggers am Potsdamer Platz nachzog.

Schmeichels Verdienst liegt vor allem in der Einrichtung der „ersten Bauzaungalerie Deutschlands“ – „am geschichtsträchtigen Ort“, wie der Kultursenator dazu im Vorwort des Katalogs schreibt. In den Collagen des Künstlers Hoffmann de Vere fehlen die Kräne natürlich nicht, statt Menschen gibt es höchstens Public Faces und Frauenbeine auf seinen Bildern zu sehen – Krankunst als gesunde Mischung aus Jungen Wilden und altem Wommaka, sozusagen.

Die nächste derartige Ausstellung fand in der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen statt – und hieß „Kranzeit“! Der Künstler Ulrich Baehr „sitzt mit seinem Atelier im Zentrum des Geschehens am früheren Checkpoint Charlie“, betont der Senatsbaudirektor Hans Stimmann im Katalogvorwort. Baehr nannte seine Aquarelle folgerichtig „Kräne am Abend 2“, „Checkpoint im Winter“ und so weiter. Seit diesen Ereignissen, so sagt Frank Schmeichel, werde er von Künstleranfragen geradezu überschwemmt. Den Pressesprechern anderer Investoren geht es ähnlich, und die Galeristen bekommen den neuen Berlintrend auch schon zu spüren.

Dem Trendsetter Schmeichel wurde indessen bereits ein erster Lehrauftrag angeboten – ausgerechnet am bisher vor allem als linke Kaderschmiede verschrieenen Politologischen Institut der Freien Universität: von einem Professor, der bis zur Wende die DDR beforschte – und nun „Stadt-Marketing“ lehren läßt. Frank Schmeichel spricht dafür gerne, im Zusammenhang mit der Schaffung eines „positiven Projekt-Image“, von „Political Engineering“.

Auch die zwei Kunsthochschulen der Stadt denken langsam um: Nicht immer, aber immer öfter sieht man auf den Aussichtsplattformen der innerstädtischen Baustellen in aller Frühe bereits junge Menschen mit Skizzenblock, Bleistift und Wasserfarben auftauchen. Gegen zehn kommen die ersten Photographen und Kamerateams angewackelt. Ein neuer Berlinfilm, mit Meret Becker in einer Hauptrolle, der im nächsten Monat abgedreht sein wird, heißt sinnigerweise gleich „Das Leben ist eine Baustelle“.

Auch der alte Junge Wilde Rainer Fetting malt inzwischen „Baustellen-Bilder“. Einige stellte das Art Management 1995 in den leerstehenden Büros der Friedrichstadt-Passage aus, zusammen mit Bildern von Stefanie Bürkle, die schon seit zehn Jahren an Baustellen künstlerisch tätig ist. Mehrere „Stadtlandschaften“ von Reiner Goertz wurden jedoch von den Investoren kurzerhand ausjuriert – „zensiert“, wie Bea Stammer meint, der eine derartige Rigorosität erst einmal fremd war.

Solche Kompromisse stehen jetzt aber wohl auf der Tagesordnung. Einer der Pre-Marketing-Manager in der Info-Box der Baustelle am Potsdamer Platz meint, daß seine Auftraggeber, debis, Sony, ABB, nicht einmal die dünnsten Texte unkorrigiert ließen – und anschließend davon so gut wie nix übrigbliebe: nur immer wieder das Wort „Urbanität“.

Wenn man dem Zeitgeistkritiker Jean Baudrillard glauben darf, dann haben sowieso nur noch „Objektstrategien“ wirklich Aussicht auf Erfolg. Und so darf es nicht verwundern, wenn die Baukräne höchstpersönlich anfangen zurückzuschlagen: Ende September 1995 wurde die Prenzlauer-Berg-Malerin Käthe Ebner an der Baustelle Kontorhaus Mitte in der Friedrichstraße von einer herabstürzenden tonnenschweren Kranmatratze getötet. Sie hatte sich zuletzt an einer Gemeinschaftsausstellung in der Karl-Marx-Allee über Informelle Poesie beteiligt. Die Berliner Morgenpost schrieb nach dem Unglück: „Alptraum Baustelle: Stahlträger erschlug Nachwuchskünstlerin.“ Uns bleibt nur zu hoffen, daß ihr Tod nicht umsonst war und diese ganze Ranschmeißerei an die Drehkräne unter dem Himmel von Berlin damit zu einem baldigen Ende kommt – noch bevor womöglich die Neue Nationalgalerie anfängt, die ersten Krankunstwerke aufzukaufen. Die Gefahr besteht, denn in ihrem (Förder-)Verein der Freunde der Nationalgalerie sind die wichtigsten Bauunternehmer der Stadt aktive Mitglieder.

Baustellenkunst mit Pollern. Photo: Alena Stolpe

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Etwa zur selben Zeit fand in der Galerie der IG Medien (früher IG Druck & Papier heute Ver & di) eine Ausstellung statt über all die Blödheiten, die sich der Besitzer des Tagesspiegels so leistete in seinem langen Arbeitsleben, ich rezensierte sie damals in der taz:

Früher haben wir uns regelmäßig über den Tagesspitzel und Tantenspiegel geärgert, gelegentlich auch mal mit seinem Logo eine richtigstellende „Entschuldigung“ als Flugblatt verteilt – was den Tsp-Chef Franz Karl Maier jedesmal zu geharnischten „Richtigstellungen“ verleitete. Mit der Wende und dem Verkauf an den Düsseldorfer Dieter von Holtzbrinck, der gerade das „demokratische Nachwende-Intermezzo“ bei seiner Lausitzer Rundschau mit Entlassungen beendete, ist der Tagesspiegel nun vollends zum Regierungspropagandablatt geworden. Es traf sich Ende September, daß der neue Herausgeber einen Franz-Karl-Maier-Preis für verquaste Leitartikel vergab – zeitgleich mit einer Ausstellung über „50 Jahre Tagesspiegel„, zusammengestellt von Mitarbeitern der Mercator-Druckerei der Zeitung. Dieser Visualisierungsversuch, „den (Tagesspiegel-)Dingen auf den Grund“ zu gehen, thematisiert vor allem die Arbeitskämpfe der Metteure, Setzer und Drucker gegen Franz Karl Maier – dies unter anderem in Form von handgeschriebenen „Notausgaben“, die der schwäbisch-patriarchalische Jurist Maier herausgab, um nicht klein beizugeben.

Immer wieder kam es zu Streiks, in denen die „Bereitschaftspolizei“ nicht nur massiv, mit Tränengas zum Beispiel, eingriff, sondern sich sogar als Streikbrecher zur Verfügung stellte. Einmal war die Nichtanerkennung der Arbeit der Belegschaftsvertreter der Anlaß, ein andermal ein Aufkleber, den ein Metteur an seinen Arbeitsplatz angebracht hatte: „Reagan verpiß dich! Keiner vermißt dich!“ Es gab sogar einen Ukas von Maier, mit dem er ein Fraternisierungsverbot seiner Redakteure mit den Produktionsarbeitern durchzusetzen versuchte. Flankierend dazu wurden – bis heute – „am liebsten rückgratlose junge Redakteure eingestellt“, wie ein Drucker meint. Ein ehemaliger Betriebsrat, der heute bei der Oberfinanzdirektion arbeitet, wo es sogar noch Bleisatz (für die Steuerformulare) gibt, erklärte dazu: „Maier witterte hinter jedem Busch Kommunisten! Einmal hatten wir intern einen Einheitslohn durchgesetzt, das hat Maier so gestunken, daß er unaufgefordert eine 20prozentige Lohnerhöhung gab, einige Kollegen waren tödlich beleidigt.“ Maier war spontan – „Wir pflegten zu sagen: Zwei Leute haben hier recht: Maier am Morgen und Maier am Abend. Und wir haben viel gelernt von ihm …“

Vor allem in juristischer Hinsicht: Die meisten Kollisionen mit ihm endeten nämlich vor dem Arbeitsgericht. Einem Mercator- Drucker wurde versichert: „Es besteht keine Verpflichtung des Klägers zu einer positiven Arbeitseinstellung!“ Der als liberal geltende Leitartikler Mathes schrieb einmal, Maier hätte immerhin in fast allen Prozessen Recht bekommen! Der Betriebsrat rechnete daraufhin nach: Von 103 Arbeitsprozessen hatte Maier bis dahin 94 verloren, drei waren unentschieden ausgegangen und nur sechs hatte er – in Teilaspekten – gewonnen. Dabei mußte die rebellische Produktion auch noch ihre damalige IG Druck und Papier immer wieder zur „Solidarität“ „motivieren“, anders als zum Beispiel die Prostituierten auf der Potsdamer Straße, die den Mercator-Mitarbeitern 1976 für die Dauer ihres Arbeitskampfes von sich aus 25 Prozent Rabatt einräumten.

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2009/06/19/der_tagesspitzel_-_ein_berliner_intelligenzblatt/

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kommentare

  • Ich suche nach einem Video von dem Berlin Potsdamer Platz „Kranballet“ das Sie in diesem Artikel erwaehen. Es gibt auf dem Internet nur ein kleines schlechtes Video davon, und reichlich Photos.

    Ich wuerde gerne Bea Stammer fragen, aber ich weiss nicht ob die Dame einen Blog hat, oder anders erreichbar ist. Vielleicht lesen Sie meine Frage und haben dazu eine Antwort?

    Das was ich rausgefunden habe, ist:
    Auf Europas größter innerstädtischen Baustelle am Potsdamer Platz in Berlin wird mit einem „Kranballett“ das Richtfest für das 85 m hohe künftige Gebäude der Daimler-Benz-Tochtergesellschaft Debis gefeiert: 19 Kräne „tanzen“ zu den Klängen der „Ode an die Freude“ aus Ludwig van Beethovens (1770-1827) Neunter Sinfonie, unter der Leitung von Daniel Barenboim.

    Und: http://www.60xdeutschland.de/richtfest-am-potsdamer-platz/

    Vielleicht haben Sie mehr Glueck!

  • Soeben meldete sich der einstige tsp-drucker, dem das Arbeitsgericht bescheinigte, “Es besteht keine Verpflichtung des Klägers zu einer positiven Arbeitseinstellung!” Er ist heute Redakteur einer Zeitung, die er selbst mit herausgibt.

  • Ich möchte Ihrem Kommentar noch hinzufügen, Thomas Seibert, dass eine „Überwachung der Handys linker Aktivisten“ auch deswegen sinnlos ist, weil die „wahren Revolutionäre“ alles analog machen.

    Dazu hat der Schriftsteller Jim Dodge bereits Erhellendes beigesteuert in seinem Roman:

    „In der ,Kunst des Verschwindens'“, schreibt Thomas Pynchon im Vorwort zu diesem Roman, „wird man nicht nur eine Gabe für Prophetisches bemerken, sondern auch eine ständige Verherrlichung jener Lebensbereiche, wo noch bar bezahlt wird – und die sich daher zumeist dem digitalen Zugriff widersetzen.“ Pynchon bezeichnet das Buch deswegen auch als erstes Beispiel „für einen bewusst analogen Roman“. Das Gegenteil davon dürften die Essays von Paul Virilio sein, die im Merve Verlag unter dem Titel „Die Ästhetik des Verschwindens“ erschienen sind: bei Virilio handelt niemand von Bedeutung mehr analog.

    Dodges Roman beschreibt eine Gruppe kalifornischer Outlaws und Anarchisten, deren Basis die sittliche Vernunft ist. Die amerikanische Literatur über solche Verschwörungen reicht von den ersten Siedler-Fantasien und den Partisanen-Erinnerungen aus dem Unabhängigkeitskrieg über „Huckleberry Finn“, die „Digger“- und „Beatnik“-Geschichten bis zu all den Unterhaltungsromanen, die eigensinnige Verbrecher, herausragende Spieler, glückliche Huren, gewiefte Schmuggler oder gewagte Künstler verherrlichen.

    In „Die Kunst des Verschwindens“ befasst sich eine mit dem Kürzel AMO bezeichnete Verschwörung mit all diesen widersetzlichen Existenzweisen gleichzeitig – in Form eines Curriculum Vitae. Dodge schildert Initiation, Lehre und Ausbildung eines Adepten, wobei ausgehend von den New-Age-Therapien in Esalen (Big Sur) und ihren radikalen Ablegern noch ein ganzes Sammelsurium von alchemistisch-pharmazeutisch und indianisch-mystisch angereicherten Zen-Buddhismen ins Spiel kommen. Zudem war die Mutter dieses Adepten bereits eine ausgewiesene Outlaw, so dass seine partisanische Waisen-Erziehung genau genommen schon in der Gebärmutter begann.

    Wir haben es hier mit einer erneuten Verkitschung des amerikanischen Mythos zu tun, aber auch mit den realen Weiterentwicklungen – etwa aus der Zeit zwischen Ken Keseys „Merry Prankster“-Bus und seiner Bauernwerdung im Oregon, der Thomas Pynchon mit seinem Roman „Vine-land“ ein Denkmal setzte. Dodge scheint nun so etwas wie sein Schüler geworden zu sein: „,Die Kunst des Verschwindens‘ zu lesen ist, als würde man eine endlose Party feiern, zu Ehren aller Dinge, auf die es wirklich ankommt“, lobt Pynchon. Dabei geht es stets um ein spiralistisches Ausbalancieren zwischen dem umherschweifenden Rebellen, der angreift und flüchtet oder umgekehrt, und dem sich wertkonservativ verteidigenden Partisanen – wobei Verschwörung auf Verschwörung prallt.

    So wie es eine bemerkenswerte Analogie zur Beatnik-Literatur seinerzeit in der Sowjetunion gab (Axjonow, Jewtuschenko und andere), gibt es nun auch solche New-Age-Verschwörungs-Romane wie die von Dodge in Russland. Zu den Autoren gehört etwa der ehemalige Miliz-Untersuchungsführer Sergej Alexejew mit seinem Bestseller „Der Schatz von Walkirij“. Die Kritik sprach von einem „philosophisch-ethnographischen Action-Roman“. Alexejew beschreibt eine unsterbliche neue Komintern, die sich, versteckt in Bergwerkskatakomben im Ural, partisanisch schult, um bei der Gestaltung der neuen Zukunft Russlands effektiv mitzumischen. Zu seinen Lesungen erscheinen immer wieder Fans, die sich persönlich für die Walkirij-Auserwählten (Adepten) halten oder sogar bereits im Untergrund leben.

    Der Gegner, das sind hier wie dort Regierung und Kapital. Dodge wendet sich speziell gegen das Edward-Teller-Laboratorium in Livermore, wo man am atomaren Schutzschild der USA baut, und daneben natürlich auch gegen FBI und CIA, deren Überwachungstechnik derart komplex ist, dass dagegen letztlich nur das völlige Verschwinden hilft. Wobei sich noch einmal das Problem des Verrats stellt.

    So wie der KGB eine sozusagen saubere partisanische Vergangenheit hat, waren auch die CIA-Anfänge in der Vorgängerorganisation OSS im Zweiten Weltkrieg durchaus ruhmreich. Das OSS rekrutierte seine Mitarbeiter aus den Kreisen der linken Sozialwissenschaftler des New Deal aus Harvard, Yale und Berkeley – unter anderen war Herbert Marcuse dabei. Ihre profunden Analysen bewirkten bald, dass die USA statt die nationalistischen und royalistischen Befreiungsgruppen in Europa mehr und mehr die kommunistischen Partisanen unterstützte, die sich dann auch fast überall durchsetzten. In den OSS-Stützpunkten herrschte damals durchaus der Geist einer Verschwörung der Guten, denn viele (antisemitische bis antikommunistische) US-Militärs wollten eher mit deutschen Truppenteilen verhandeln, wie auch umgekehrt. Der Kalte Krieg verwirklichte dann ihr Konzept.

    Die AMO-Verschwörung bei Dodge ist jetzt noch einmal eine Art Alternativ-Harvard, bei dem Marx vorausgesetzt und die Ökonomie über szenetypische Soli-Abos gewährleistet wird. Einen solchen anarchistisch-feministischen Schamanismus, der sich mit Illegalem verbindet, gibt es in Kalifornien tatsächlich. Viele Kommunen, Buchläden und Hang-Outs in dem Roman haben reale Vorbilder – mit „Ghost Dog“ versuchte sich zuletzt auch Jim Jarmusch auf diesem Territorium. Die Umdrehung, dass ausgerechnet ein Verrückter andere heilen kann, kennt man bereits aus Ken Keseys romantisch-antipsychiatrischen Roman/Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ – bei Dodge gibt es dafür das „therapeutische Tagebuch“ eines schizophrenen Teenagers.

    Insgesamt ist sein Buch eine Blütenlese aus all dem, was das andere Amerika bisher über den Großen Teich geschickt hat – ideelle Carepakete, verpackt als hedonistische Bildungsromane: Was hier bloß ein Oxymoron wäre, ist dort jedoch merkwürdigerweise ein Erfolgsrezept.

    In Europa hat man statt auf eine „romantische“ reeducation (with lots of fun) eher auf Neoverismus beziehungsweise auf einen dunkel gekleideten Existenzialismus gesetzt. Wie bei Dodge geht es zum Beispiel auch in dem 1948 erschienenen neoveristischen Roman „Der Himmel ist rot“ von Giuseppe Berto um Adepten, die erzogen werden müssen: Hier ist es eine Gruppe von 13- bis 16-Jährigen, die durch deutsche Bombardierung zu Waisen geworden sind. Sie müssen sich quasi selbst zu den neuen (kommunistischen) Menschen erziehen. Die Amerikaner sind dabei nur Geldgeber – und zwar im Tausch gegen Geschlechtsverkehr, die Prostitution wird zur Hauptökonomie. Die Prostituierten standen stets auf Seiten der Linken, bei Dodge spielen sie deshalb jetzt eine wichtige Rolle. Zudem zählen diese Gewerbetreibenden ebenso wie Haschischanbauer und sonstige Drogenschmuggler in den USA quasi automatisch zu den nicht sesshaften Outlaws. In Europa dagegen gibt es für solche Leute dagegen quasioffizielle pädagogische Modelle. Aus Dänemark kommt das immer noch wirksame Schulmodell Tvind, deren interessanter Ableger für Heimkinder in der BRD Werkschule hieß, was jetzt jedoch nur mehr eine pädagogische Stiftung ist. Erwähnt sei ferner die jesuitische Kinderrepublik Bemposta in Spanien, wo jeder Adept vor seiner Artistenausbildung erst einmal ein Jahr ein Handwerk lernen muss, danach geht er betteln, anschließend eine Weile stehlen und schließlich muss er auch noch in den Knast. An sozialen Brennpunkten operiert in Berlin der „größte Kinderzirkus der Welt – Cabuwazi“, wo auch körperlich behinderte Kinder mitmachen. Daneben gibt es in den Chevennen auch noch ein Partisanenlager für geistig behinderte Kinder, „Ein Floß in den Bergen“ genannt.

    Solche Kaderschmieden könnten den Kaliforniern gefallen – auch wenn sie ebenfalls eher neoveristisch als romantisch sind. Das eine wie das andere lässt sich im Übrigen verkitschen. Was in Italien das Kultbuch „Schweine mit Flügeln“ wurde, hieß in den USA: „Even Cowgirls get the Blues“. Eins haben jedoch all diese zwischen Vernetzung und Verschwörung verwickelten Existenzen und Literaturen noch nicht geschafft: das Verschwinden. Daran scheitert auch Dodge, der erst Bauer war und dann Autor wurde, während Ken Kesey genau umgekehrt vorging – und Thomas Pynchon von Anfang an verschwunden blieb. Insofern leistet „Die Kunst des Handelns“ vom französischen Jesuiten Certeau – in dem er die spurlosen alltagspartisanischen Tugenden des „Kleinen Mannes“ gegenüber den Zumutungen der informatisierten und digitalisierten Megalopolen-Ökonomie herausarbeitet -, was „Die Kunst des Verschwindens“ von Jim Dodge bloß handlungsmäßig behauptet.

    Neuerdings arbeiten auch immer mehr Künstler am Verschwinden als Projekt: „Der Künstler muß als nomadischer Sophist in einer migranten Polis aufzutreten lernen,“ meint Krzysztof Wodiczko und beruft sich dabei auf die „Nomadologie“ von Deleuze/Guattari. Denn die Migranten sind jetzt – laut Neal Ascherson – zu Subjekten der Geschichte geworden: „die Flüchtlinge, die Gastarbeiter, die Asylsucher und die Obdachlosen“. Oder wie der Exilpalästinenser Edward Said es ausdrückte, „die Fackel der Befreiung“ ist von den seßhaften Kulturen an „unbehauste, dezentrierte, exilische Energien“ weitergereicht worden, „deren Inkarnation der Migrant“ ist. Die Plätze, Märkte, Parks und Bahnhofshallen der großen Städte werden durch sie zu neuen „Agoren“ (Versammlungsplätze in der griechischen Polis). Für Michel de Certeau greifen sie bei ihren Unternehmungen, um hier zu überleben, auf die uralten Finten und Tricks zurück, die von den Griechen „metis“ genannt wurden. Sie sind für ihn Partisanen des Alltags. Und ihr Nomadismus ist Privatsache. Bereits Herodot sah im Nomadentum (der Skythen, d.h. der Barbaren) primär eine „Strategie“, die darin bestand, daß sie unfaßbar waren (aperoi): Wenn man sie bekämpfen wollte, zogen sie sich zurück und wenn man nicht mit ihnen rechnete, griffen sie an.

    Aus den mongolisch-tatarischen Planwagen wurden dann Bauernwagen, auf die die Kosaken im Aufstandsfall leichte Kanonen und später Maschinengewehre montierten. Diese Tatschankas ließen sich nach dem Angriff blitzschnell wieder in friedliches Bauerngerät rückverwandeln. Auch die Planwagen der Siedler in Amerika und Südafrika hatten noch diese Doppelfunktion. Heute sind es die „Pick-Up-Trucks“, die sich in den diversen Rebellenarmeen durchgesetzt haben, wie der Kriegsforscher Herfried Münkler meint. Am Rand der Metropolen mehren sich die Wohnwagenleute, Rollheimer, Wagenburgen – die Mobile Home People und Campingwagen-Dauerbewohner. Auch der Container wird immer öfter zu Wohnzwecken benutzt – zuletzt in Aki Kaurismäkis Obdachlosenfilm, daneben aber auch als zeitweiliger Kiosk – wie nahezu im gesamten Ostblock. Als solcher ist der Container ein Existenzversuch, der – mit Glück – festeren Verkaufseinrichtungen weicht. Bei fast allen westdeutschen Banken in der Endphase der DDR war das z.B. der Fall. Aus den Bankcontainern wurden anschließend u.a. Kitas. Die seit mehreren tausend Jahren in Russland siedelnden Griechen, von denen seit 1991 viele in ihre „Heimat“ emigrieren, reisen mit einer riesigen Holzkiste, aus der sie unterwegs in den Häfen russische Billigwaren verkaufen. Am Ende ihrer Fahrt durchs Schwarze Meer und Mittelmeer dient sie ihnen dann – leer – als erste Behausung. Dort werden sie aufgrund ihrer kulturellen Treue als Migranten erster Klasse behandelt, ebenso wie hier die Rußlanddeutschen, die man auch Spätheimkehrer nennt. Nichtsdestotrotz gehören sie zu den neuen globalen Nomaden, die seit dem Zerfall der Sowjetunion und der „Neuen Ökonomie“, d.h. langsam aber sicher, zu einer dezentrierten Völkerwanderung anwachsen. Die Nationalstaaten, deren Wesen darin besteht, dass sie definieren, wer dazu gehört und wer nicht, unternehmen immer mehr Anstrengungen, um die „Unfaßbaren“ mit Grenzsicherungen zu stoppen. Neben den Künstlern, die laut Wodiczko als Philosophen auf den neuen Agoren auftreten sollen, gibt es für die Migranten auch noch freiwillige Fluchthelfer, Scheinheiratswillige, Paßfälscher, Übersetzerkollektive und andere Unterstützer. Aber abgesehen vom Staat, der darauf mit einem immer tiefer gehenden Denunziationszwang reagiert, lauern auf die Aporoi auch noch jede Menge Wegelagerer, Erpresser, Banden, Betrüger, die ihrerseits zur Unfaßbarkeit tendieren.

    Als einer der ersten, der diese vom Produktionsprozeß „freigesetzten“ Massen nach dem Zweiten Weltkrieg perspektivisch in den Blick nahm, gilt sder amerikanische Autor Kurt Vonnegut. Indem in den Vierziger- und Fünzigerjahren das Leben am Beispiel der Viren und mithilfe von Kybernetik und Informationswissenschaften im Rahmen der amerikanischen Kriegsforschung begriffen, d.h. „geknackt“ wurde, konstituierte sich weltweit eine Molekularbiologie, für die „lebendige Entitäten“ wie (vorprogrammierte) Computer funktionieren. Während umgekehrt die Computer von immer mehr (deprogrammierenden) Viren überfallen werden. Dergestalt wurden Mensch und Maschine wesensähnlich, ihre Austauschbarkeit begann gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Bekannt ist die theoretische Kritik daran von Baudrillard, Lyotard und Derrida – ausgehend von der „68er-Revolte“. Doch „die Wissenschaft ist grobschlächtig und das Leben subtil, deswegen brauchen wir die Literatur,“ wie Roland Barthes sagte. Vonnegut entwarf 1952 in seinem Roman „Player Piano“ ein soziales Horror-„Szenario“ – ausgehend von der Militärforschung des „Fathers of Cyborg“ Norbert Wiener und des Mathematikers John von Neumann. Es geht darin um die Folgen der „Maschinisierung von Hand- und Kopfarbeit“, d.h. um die vom Produktionsprozeß freigesetzter Menschenmassen, die überflüssig sind und nur die Wahl haben zwischen 1-Dollarjobs in Kommunen und Militärdienst, wobei sich beides nicht groß unterscheidet. Theoretisch könnten sie sich auch selbständig machen – „Ich-AGs“ gründen, wie das 1997 in Wisconsin entwickelte „Trial Job“-Modell nach Übernahme durch die rotgrüne Regierung hierzulande heißt. „Reparaturwerkstätten, klar! Ich wollte eine aufmachen, als ich arbeitslos geworden bin. Joe, Sam und Alf auch. Wir haben alle geschickte Hände, also laßt uns alle eine Reparaturwerkstatt aufmachen. Für jedes defekte Gerät in Ilium ein eigener Mechaniker. Gleichzeitig sahnen unsere Frauen als Schneiderinnen ab – für jede Einwohnerin eine eigene Schneiderin.“ Es bleibt also dabei: Die Massen werden scheinbeschäftigt und sozial versorgt, während eine kleine Elite mit hohem I.Q., vor allem „Ingenieure und Manager“, die Gesellschaft – „Das höllische System“ (so der deutsch Titel des Romans) – weiter perfektioniert. An vorderster Front steht dabei Norbert Wiener. Schon bald sind alle Sicherheitseinrichtungen und -gesetze gegen Sabotage gerichtet. Trotzdem organisieren sich die unzufriedenen Deklassierten im Untergrund, sie werden von immer mehr „Aussteigern“ unterstützt. Der Autor erwähnt namentlich John von Neumann. Die Biologiehistorikerin Lily E. Kay bemerkt dazu in ihrem 2005 auf Deutsch erschienenen „Buch des Lebens“ – über die Entschlüsselung des genetischen Codes: „Wiener scheint den Kern von Vonneguts Roman völlig übersehen zu haben. Er betrachtete ihn als gewöhnliche Science Fiction und kritisierte bloß die Verwendung seines und der von Neumanns Namen darin.“ Vonnegut antwortete Wiener damals: „Das Buch stellt eine Anklage gegen die Wissenschaft dar, so wie sie heute betrieben wird.“ Tatsächlich neigte jedoch eher Norbert Wiener als der stramm antikommunistische von Neumann dazu, sich von der ausufernden „Militärwissenschaft“ zu distanzieren, wobei er jedoch gleichzeitig weiter vor hohen Militärs über automatisierte Kontrolltechnologien dozierte. Der Roman geht dann so weiter, dass die von der fortschreitenden Automatisierung auf die Straße Geworfenen sich organisieren, wobei sie sich an den letzten verzweifelten Revivalaktionen der Sioux im 19. Jahrhundert orientieren: an den Ghost-Dancers, die gefranste westliche Secondhand-Kleidung trugen. Im Roman heißen sie „Geisterhemd-Gesellschaften“ – und irgendwann schlagen sie los, d.h. sie sprengen alle möglichen Regierungsgebäude und Fabriken in die Luft, wobei es ihnen vor allem um den EPICAC-Zentralcomputer in Los Alamos geht. Ihr Aufstand scheitert jedoch. Nicht zuletzt deswegen, weil die Massen nur daran interessiert sind, wieder an Maschinen zu arbeiten. Dodge Geheimorganisation AMO setzt deswegen, 50 Jahre später, vor allem auf hochgebildete Aussteiger sowie auf besonders eigensinnige Angehörige von Randgruppen, was wahrscheinlich der von Herbert Marcuse in den Sechzigerjahren entwickelten „Randgruppenstrategie“ geschuldet ist.

  • Sehr geehrter Herr Höge,

    statt das Problem der angeblich „revolutionären“ Autoanzünder in Berlin ernst zu nehmen, machen Sie sich darüber lustig.

    Was denken Sie sich dabei?

    Herr Dr. Juhnke, der laut Bekennerschreiben das Ziel dieses Anschlags war, ist bei diesen Kriminellen deshalb so verhaßt, weil er im Berliner Senat kürzlich einen Antrag auf Einrichtung eines Runden Tisches gegen Linksextremismus eingebracht hatte. Angesichts des Schweige-Kartells bei den Mandatsträgern von SPD und Linkspartei im Berliner Senat ist das leider notwendig. Und daß Herr Dr. Juhnke das vorantreibt ist tatsächlich revolutionär, weil die Bürger nicht mehr verstehen, weswegen der Staat nichts gegen das „Abfackeln“ von Autos unternimmt.

    Die Reaktion der SPD: „Handys linker Aktivisten sollen überwacht werden“. Wirklich tolle Ideen hat man bei der SPD. Das ist die beste Steilvorlage für alle, die vom Überwachungsstaat reden und somit eine reine Nebelkerze, um das eigentliche Problem zu zerreden.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Thomas Seibert

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