vonHelmut Höge 02.11.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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…- im Approximationsverfahren: „Die Ungenauigkeit aber nicht als Annäherung an eine immer größere Genauigkeit, sondern als genau der Ort des Durchgangs zu dem, was geschieht.“ (Deleuze/Guattari)

Hier könnte es Nachts stellenweise dunkel werden.

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wetterfee-frankreich

Und hier heiß…

 

Am Anfang der Farbphotographie posierten die Eheleute noch durchaus unterschiedlich, wenn ihr jeweiliger Partner sie im Urlaub z.B. vor einem Schloß  oder einem Ausblick knipsen wollte. Während die Frauen versuchten, sich mehr oder weniger lässig am nächsten  Geländer oder Zaun festzuhalten, zeigten die Männer auf irgendetwas. Anhand meiner von Trödlern gekauften Urlaubs-Diasammlungen stellte ich dieses Motiv – „Männer, die Frauen etwas zeigen“ von mir genannt, heraus – d.h. zu einer Serie zusammen. Bald kamen jedoch immer mehr Photos von Frauen dazu, die ebenfalls auf etwas zeigten. Am Ende konnte nur noch von einer, dafür großen Dia-Serie „Menschen, die etwas zeigen“, kurz: „Zeigefinger“, die Rede sein.

Mit dem Besitzerwechsel wurden die privaten Dia-Sammlungen quasi entprivatisiert. Diese ganzen Zeigefinger geben deswegen keinen Fingerzeig mehr ab – sie zeigen gewissermaßen ins Leere. Man kann jetzt rätseln: Auf was wollte der oder diejenige da hinweisen? Die Richtung ist zwar noch klar, aber entweder befindet sich das Objekt, auf das der Finger weist, außerhalb des (Dia-) Rahmens oder es ist dort durch das Lösen aus dem privaten Rahmen hingeraten. Gewiß, man sieht da z.B. einen Berg, aber das Entscheidende daran war in dem Moment, dass der Zeiger, wenn die Geste nicht gänzlich aus der Luft gegriffen war, dort einmal z.B. gewandert ist und den Berg sozusagen persönlich kannte. Dies gilt auch für ein Gasthaus, eine Skihütte oder auf was auch immer da jemand zeigt.

„Der Zeigefinger mahnt nicht nur, er weist auch die Richtung“, heißt es im blogspot „zeigefinger“. Während ein „Fingerzeig“ so etwas wie ein Tipp oder Hinweis ist – Zeigen im metaphorischen Sinne, fast schon ein Zeichen. Bei der Google-Bildersuche nach „Fingerzeigen“ kommen natürlich nur „Zeigefinger“ (gezeichnete, photographierte und gemalte) zum Vorschein – 27.700 um genau zu sein. Die Zahl ist nicht ganz unwichtig, ebensowenig, um welchen Finger es sich dabei handelt: Es ist durchweg der zweite Finger und befindet sich zwischen dem Daumen und dem Mittelfinger. Er heißt Zeigefinger, weil er laut Wikipedia „bevorzugt dafür verwendet wird, um auf ein Objekt oder in eine Richtung zu zeigen. Der Zeigefinger wird von allen Fingern am häufigsten genutzt (ohne Greifen). Er kann im Gegensatz zu den anderen Fingern, aber ebenso wie der Daumen, relativ unabhängig bewegt werden.“

Findest du den etwa gelungener?!

So, nun wissen wirs. Und auch, warum dieser Finger es im Internet auf 27.700 Abbildungen bringt (die berühmtesten sind von Dürer, Michelangelo und Leonardo da Vinci): Unter den Malern der Renaissance war der Zeigefinger ein  Hinweis auf einen gelehrten Geheimbund (siehe dazu „Der Zeigefinger des Täufers“ von Sabina Marineo), heute sollte man von einem  Google-Finger sprechen, genau genommen sind es jetzt zwei – die Zeigefinger an jeder Hand, mit denen Zigmillionen Menschen tippen (das sog. „Zweifingersystem“). Schon dieses mit der Schreibmaschine aufgekommene Verb verweist auf den Fingerzeig – den (mehr oder weniger heißen) Tipp. Dieser wird im Verkehr der Menschen untereinander weitergegeben/verschickt,  während man beim Verrat eines Menschen – nach oben – von „Hinweis geben“ spricht, die Polizei selbst benutzt gerne die Formulierung „Hinweise aus der Bevölkerung“, was dann  auch noch wie „Bewölkungszunahme“ ausgesprochen wird – also im Ton eines Wetterberichts.

Geh ihm ein Stück entgegen, aber bleib auf dem Weg.

Aber gibt es nicht sowieso einen engen Zusammenhang zwischen der zunehmenden Überwachung/ Kontrolle durch den Staat und den immer üppiger werdenden Wetterberichten? Im italienischen Fernsehen werden sie inzwischen von halbnackten Moderatorinnen präsentiert, hinzu kommen immer mehr Animationen auf der Wetterkarte sowie eine immer kleinteiliger werdende Berichterstattung. So heißt es z.B. im Sommer nicht mehr „An der Nordseeküste…“, sondern jede Insel hat da nun ihr eigenes Klima. Auch die meteorologische Begrifflichkeit wird immer umfangreicher. Berlin hat neuerdings ein „Stadtwetter“. Und nicht wenige Philosophen waren im Krieg „Wetterbeobachter“ – Heidegger und Wittgenstein z.B…

Als die Wetterberichte noch vom meteorologischen Institut der FU kamen, fragte ich dort den sonntagsdiensthabenden Meteorologen einmal , was es mit dem damals neuen Wort „Zwischenhoch“ auf sich habe. „Ha!“ sagte er, „da sind Sie ja bei mir an den Richtigen geraten, denn das Wort ist meine Erfindung. Ich bin nämlich ein Optimist, wenn auf ein Tief ein nächstes folgt, dann spreche ich von einem Zwischenhoch. Meine Kollegen hier, die pessimistischer sind als ich, lehnen das ab.“

Die Bundesbahn warb 1966 mit dem kecken Spruch „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Zwei Jahre später übernahm der SDS ihn – für ein eigenes Plakat. Es zeigte die Köpfe von Marx, Engels und Lenin – darüber der Spruch „Alle reden vom Wetter.“ und darunter: „Wir nicht“. Das Plakat (vom damaligen Kunststudenten Jürgen Holtfreter  entworfen, der nunmehr Layouter des „Freitag“ ist) war so  beliebt, dass der SDS hunderttausende davon verkaufte – und seine Verbandsarbeit damit teilweise finanzieren konnte (1). Ähnlich wie zur gleichen Zeit die Westberliner Kommune 1, die vor allem vom Verkauf von Mao-Bibeln und -Ansteckern (Badges) lebte. „Die Kommunisten nahmen derart überhand, daß man sie vom Staatsdienst fernhalten mußte. Alles voller Roter Zellen,“ schreibt Ulrich Enzensberger in „Die Jahre der Kommune 1“.

Nachdem der SPD-Außenminister Willy Brandt seine „Ost-West-Entspannungspolitik“ erfolgreich abgeschlossen hatte, wurde 1970 auch die Wetterkarte im Fernsehen geändert: „Die deutschen Grenzen von 1937 verschwanden und machten einem grenzenlosen Europa Platz.“ (U.Enzensberger) Gleichzeitig wurden große Teile der Linken, mindestens ihre  „Rädelsführer“, dann doch noch staatlich integriert – durch ein Dutzend „Reformuniversitäten“, in deren Planungsausschüsse sie berufen wurden. Auf der Straße tat sich Ähnliches: Statt die demonstrierenden Studenten immer gekonnter in Schach zu halten  und ungeachtet der Kontroverse, ob sie bloß  mit „gezielten Schlägen auf den Kopf“ wieder zur Vernunft gebracht werden könnten, wie die CDU behauptete oder ob dies genau das Gegenteil, nämlich ihre Radikalisierung bewirke, wie einige SPDler meinten, schuf der Westberliner Polizeipräsident Klaus Hübner (SPD) ein „Diskussionskommando“ – die „Gruppe 47“, die laut Enzensberger vom SDS-Funktionär Peter Gäng geschult wurde, der sich in der Folgezeit vom Spezialisten für den Vietnamkrieg zu einem für buddhistische Mystik weiter entwickelte und zuletzt die „Buddhistische Akademie Berlin-Brandenburg“ gründete. (2) Das  Polizei-Kommando zur Deeskalation von Demonstrationen gibt es heute auch noch – unter dem Namen „Anti-Konflikt-Team“ (3).

Demonstrieren heißt zeigen – sich (öffentlich) zeigen und damit und dabei  gleichzeitig auf etwas hinweisen: auf einen Mißstand z.B..Und mit einem solchen hat man es zu tun, wenn die Leute die ganze Zeit über das Wetter statt über ihr Leben, ihre Erlebnisse und die von anderen reden. Auf den folgenden Zeige-Photos geht es dagegen noch um was (die Mehrzahl der Serien, denen die Dias entnommen wurden, stammen aus den Jahren zwischen 1955 und 1985 und anfänglich waren Farbfilm-Aufnahmen noch so teuer, dass man nur zu besonderen Anlässen knipste – vor allem in den Sommerferien, den „schönsten Wochen des Jahres“: wenn die Sonne lacht – Blende acht!)…

Die Häuser da oben werden auch alle abgerissen.

Wenn man die Zeigephotos hier im blog sieht, sollte man allerdings folgendes bedenken: „Das Diapositiv lebte vom epistemischen Kontrast zwischen Verdunkelung und Helligkeit. Die transluzide Fotografie ermöglichte eine Inszenierung von Wissenschaft als Geistersehen, worin dem Publikum in nächtlicher Tiefe buchstäblich Erhellendes zuteil wurde,“ schreibt der Karlsruher Medientheoretiker Beat Wyss in „PowerPoint. Macht und Einfluß eines Präsentationsprogramms“. Weiter heißt es dort: „PowerPoint hat dieser phänomenologischen Naivität einen tödlichen Schlag versetzt…Es ist die Machart des kunsthistorischen Denkens, das seit PowerPoint erschüttert ist.“ Hier kommt nun noch hinzu: Diavorträge, aber auch PowerPoint-Präsentationen hält man gewöhnlich vor einem mehrköpfigen Publikum, das im Falle dieses blogs jedoch nur noch aus einer (isolierten) Person besteht – die darüberhinaus auch noch ohne  Referenten vor sich auskommen muß.

Um dieses Manko auszugleichen, kann man wenigstens versuchen, sich den auf den Photos zeigenden Menschen anzunähern. Und dies dadurch, dass man während des Betrachtens mit dem Zeigefinger in der Luft rumfuchtelt. Auf unseren Zeigefingern leben große Populationen von Cyanobakterien. Dort „sammelt sich alles, was durch die Luft fliegt, auch kleine Pflanzenteile,“ schreibt die SZ, und „diese Mikroben leben eigentlich auf Pflanzen“. Indem man also quasi künstlich seine Cyanobakterien-Population auf dem Zeigefinger den Cyanobakterien-Populationen auf den Zeigefingern der hier Abgebildeten angleicht, erleichtert man sich das Verständnis für diese sagen wir wichtigtuerische oder mindestens nachdrückliche Geste all der „Leute“, die auf den folgenen Photos anderen etwas zeigen. Wobei man mitunter natürlich auch den Eindruck bekommen kann, dass die Person hinter dem Zeigefinger damit nur bei einer Frage, Freude oder Furcht auf das betreffende (auslösende) Objekt hindeuten will, dem habe ich bei einigen Untertitelungen Rechnung getragen. Mir sind jedoch von Kindheit an, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, vor allem die vielen „erhobenen Zeigefinger“ in schlechter Erinnerung. Erst heute Vormittag hörte ich mir im Zentralinstitut für Kulturforschung (ZfL) einen Vortrag über „Tod und Leben“ an und sah, dass der Biologe und Philosoph Henry Atlan sogar in der anschließenden Diskussion über seinen Vorschlag zur Trennung von Körper und Person („Biologie und Ethik“) beim Argumentieren den Zeigefinger anhob und ausstreckte – in Richtung desjenigen jeweils, auf den seine Erwiderung gemünzt war. (4)

Die Stauden da hinten habe ich vom „Holländer“.

(1) Neuerdings gibt es dazu „Beiträge zur Förderung der kritischen Vernunft“ vom Asta der FH Münster – unter dem Titel „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Sowie ein SWR-Feature von Regina Leßner über Ulrike Meinhof „Alle reden vom Wetter – Wir nicht! Vom Protest zum Terror“. Das hört sich schon fast so an, als würde das Nichtreden übers Wetter auf direktem Wege zu Mord und Totschlag führen.

(2) Sogar die aus dem SDS ausgeschlossenen Bewegungskader der „Kommune 1“ immobilisierten sich: Sie zogen in eine heruntergekommene Fabrik in Moabit und machten sich an deren Renovierung: „Wir mauerten und hämmerten und verlegten neue Elektroleitungen. Unter Putz. Kein Zweifel, wir waren auf dem Weg zur Institution,“ schreibt U.Enzensberger. Die Kommunarden, die sich stets einig in der Ablehnung der verspießerten DDR gewesen waren, mußten sich daraufhin sagen lassen, dass die Handwerksbrigaden in der DDR demgegenüber nie so weit gegangen waren: Sie verlegten durchweg und bis zuletzt alle Leitungen und Rohre auf Putz!

(3) „Zerbricht das Anti-Konflikt-Team?“ fragten wir uns allerdings 2007 einmal:
Am 4.11. fand in Berlin auf dem Neuköllner Hermannplatz eine kleine  „Kurden-Demo“ statt. Der Platz wurde derweil von Polizisten in schwarzen und grünen Uniformen sowie mit schwerem Räumgerät abgeriegelt. Vom Karstadt-Fitnesscenter, das extra  geschlossen hatte, filmten derweil Polizisten in Zivil, die auch in den nahen Nebenstraße herumstanden, das Geschehen auf dem Platz. Am Rande der Demo, die eher eine Kundgebung war, trieb sich außerdem noch das „Anti-Konflikt-Team“ (AKT) herum. Diese  „Quasseltruppe“, wie sie von einigen mißgünstigen Kollegen aber auch von militanten Demonstranten genannt wird, war an ihren gelben Plastikwesten zu erkennen. Gegen 16 Uhr kam es zu einem Konflikt in diesem Team. Uschi hatte einigen grüngekleideten Kollegen zugeschaut, die an der Ecke zur Sonnenallee kurdisch aussehende Passanten durchsuchten. Anschließend fragte sie Heinz: „Wie kann man eigentlich Türken von Kurden unterscheiden?“ Heinz hatte ihr daraufhin etwas salopp   geantwortet: „Kurden sind dicker als die Türken“. Die vollschlanke Uschi nahm ihm das übel. Statt ihm das jedoch ins Gesicht zu sagen, wandte sie sich an ihren  jungen Kollegen Kevin mit den Worten: „Kevins werden bei uns nicht alt, weißt du das?“ Kevin verstand kein Wort – bisher waren doch alle zufrieden mit seiner Einstellung zur Arbeit gewesen…Er kuckte Uschi groß an. Die meinte bloß: „Schau dir nur mal die Akten über die Kinder- und Jugendmorde der letzten Zeit an. Egal ob in Ost oder Westdeutschland, wenn es sich dabei um Jungs handelte, hießen sie fast immer Kevin.“ Das war nicht lustig. Ihr junger Kollege Kevin hatte eine schwere Kindheit und Jugend hinter sich, bevor er zur Polizei kam. Noch heute mußte er manchmal schwer schlucken, wenn das Gespräch auf seine ihm verhasste Mutter kam. Chantal, die das Gespräch mit angehört  hatte, stieß ihn von der Seite an und sagte: „Laß Dich nicht provozieren. Sie ist nur aufgebracht, weil Heinz mal wieder auf ihre Figur angespielt hat. Das hat mit Dir gar nichts zu tun.“ Detlef munterte ihn dann auch noch auf: „Laß dein Kundalini nicht von anderen absinken…“Und so oder so ähnlich gingen die Sticheleien und Beschwichtigungen dann weiter. Aber wir hörten nicht mehr hin: Was gingen uns diese „Teamprobleme“ an? Eben. Zudem war uns doch sowieso schon lange klar, dass das permanent in politische Konflikte sich einmischende/schulende AK-Team früher oder später die selben Spaltungsprozesse durchmachen muß wie ihre Zielgruppen: Frauen-Männer, Schwule-Heteros, Esos-Realvernünftler, Dogmatiker-Tolerante, Stalinisten-Spontis, Drogies-Alkoholiker, Islamis-Israelis, Einer muß den Hut auf haben-Jeder muß Verantwortung tragen  usw.usw..

(4) Die Cyanobakterien (ursprünglich Blaualgen genannt) bilden eine Abteilung der Domäne Bacteria. Sie zeichnen sich durch ihre Fähigkeit zur „oxygenen Photosynthese“ aus. Und darum geht es ja immer – zwischen den Photos und ihren mehr oder weniger atemlosen Betrachtern. Früher wurden die Cyanobakterien zu den Phycophyta (Algen)  gerechnet und als Klasse Cyanophyceae (Blaualgen) geführt. Sie besitzen jedoch keinen echten Zellkern und sind somit als Prokaryoten nicht mit den anderen als „Algen“ bezeichneten, eukaryotischen Lebewesen verwandt, sondern zählen zu den Bakterien. Cyanobakterien besiedeln vermutlich bereits seit mehr als 3,5 Millarden Jahren die Erde und gehören damit zu den ältesten Lebensformen überhaupt.

In der SZ vom 10.11.09 las ich dann noch eine Meldung – über den „schlimmen Finger“: „Männer, deren Ringfinger länger ist als ihr Zeigefinger, gehen angeblich öfter fremd als andere. Zumindest bei Affen haben Biologen nachgewiesen, dass es tatsächlich einen solchen Zusammenhang gibt (American Journal of Physical Anthropology, online). Demnach paaren sich Rhesusaffen- und Pavian-Männchen mit vielen verschiedenen Weibchen und sind außerdem aggressiver. Bei ihnen ist der vierte Finger deutlich länger als der zweite, wie bei diesem Steppenpavian (Foto: Fotex). Menschenaffen wie Orang-Utans und Schimpansen sind kooperativer und toleranter, was sich in einem weniger ausgeprägten Längenunterschied der beiden Finger widerspiegelt. Ursache sind unterschiedliche Konzentrationen männlicher Sexualhormone, denen Föten im Mutterleib ausgesetzt sind. Sie beeinflussen sowohl die Finger als auch das Sozialverhalten.“

Der Vollständigkeit halber sei noch hinzugefügt, dass die Nase ein Vorfahre unseres Zeigefingers ist und dass man den Finger zwischen Zeige- und Ringfinger auch hierzulande inzwischen „Stinkefinger“ nennt, gespreizt bildet er zusammen mit dem Zeigefinger das Victory-Zeichen, während der kleine Finger zusammen mit dem Zeigefinger gespreizt den Satanistengruß abgibt.

Kürzlich bekam der US-Anthropologe Michael Tomasello den „Hegel-Preis“der Stadt Stuttgart und eine  Laudatio von Jürgen Habermas. Der Tagesspiegel schrieb – unter der Überschrift „Am Anfang war der Zeigefinger“: Tomasellos These lautet „Der Mensch unterscheidet sich selbst von seinen nächsten Verwandten, den Menschenaffen, dadurch, dass er über die Fähigkeit zum ‚kulturellen Lernen‘ verfügt. Darunter versteht Tomasello die Möglichkeit, andere Menschen als seinesgleichen zu erkennen, sich in deren Absichten hineinzuversetzen und mit ihnen die Rollen zu tauschen. Beim Vergleich der Entwicklung von Schimpansen und Kleinkindern lässt sich nämlich beobachten, dass Menschenkinder im Gegensatz zu Schimpansen anderen Kindern zeigen, was sie entdeckt haben. Ihre Fähigkeit der Weltwahrnehmung ist verbunden mit der Fähigkeit, mit ihren Artgenossen eine gemeinsame Weltsicht aufzubauen. Tiere können das nicht, sie kennen kein ‚wir‘.“

Ich halte das für darwinistic American Bullshit. Tomasellos Resümee faßt der Tagesspiegel wie folgt zusammen:  „Die menschliche Sprache ist nicht aus vokalen Urformen entstanden, sondern aus Zeigegesten und Gebärdenspiel. Am Anfang war nicht die Stimme, sondern der Zeigefinger. Dieser gestische Ursprung der Sprache wird heute noch sichtbar, wenn wir uns in einem fremden Land, dessen Sprache wir nicht verstehen, verständigen müssen: Dann gestikulieren wir mit den Händen, runzeln die Stirn oder nicken mit dem Kopf. Auch gehörlose Kinder versuchen auf diese Weise mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen. Der Vergleich mit Schimpansen zeigt, dass auch sie Zeigegesten und Gebärdenspiel einsetzen, wenn sie von Artgenossen oder Menschen etwas wollen.

Die Schimpansen betrachten denjenigen, an den sich ihre Gesten richten, lediglich als Mittel, um ein individuelles Ziel zu erreichen. Die Menschenkinder dagegen sehen in ihm jemanden, mit dem man gemeinsame Ziele haben kann. Kleinkinder sind bereits mit zwölf Monaten in der Lage, ein ‚Wir-Gefühl‘ auszubilden und aus der Vogelperspektive auf die Beziehung zum Anderen zu schauen, während Schimpansen ‚ihre eigene Handlung aus einer Ersten-Person-Perspektive und die des Partners aus einer Dritten-Person-Perspektive‘ stehen.“

Da oben sitzt Herrchen

Da unten ist unsere Pension

Da drüben ist der nette Cockerspaniel mit seinem Frauchen, denen wir heute morgen schon begegnet sind. Kuck doch mal.

Bei Wikipedia findet sich eine schöne Liste mit Bedeutungen von Handzeichen:

1. Zeigefinger alleine

  • Zeigefinger zeigt auf die eigene Brust: Ich
  • Zeigefinger zeigt auf den Gegenüber oder eine andere Person: Du, bzw. er/sie
  • Zeigefinger zeigt auf einen Gegenstand: Gestik, um die Aufmerksamkeit des Gegenübers/der Zuhörer auf diesen zu lenken
  • Zeigefinger zeigt in eine beliebige Richtung: Gestik, um diese Richtung anzuzeigen
  • Ausgestreckter Zeigefinger nach oben: Aufgemerkt! Drohung (Erhobener oder moralischer Zeigefinger)
  • Nach oben ausgestreckter Zeigefinger pendelt nach links und rechts: Nein (Dudu-Finger)
  • Nach vorne ausgestreckter Zeigefinger pendelt nach oben und unten: Belehrung oder Drohung, Das machst du nicht nochmal!
  • Zeigefinger beschreibt einen Kreis an der Kopfseite: Du bist verrückt!
  • Zeigefinger tippt an die Schläfe oder Stirn: Du bist verrückt! (den Vogel zeigen)
  • Zeigefinger tippt flach an die Schläfe: Denk mal nach! (Köpfchen muss man haben)
  • Der Zeigefinger wird aus einer (zu einer anderen Person gerichteten) Faust heraus gestreckt, und wieder zum eigenen Körper hin gekrümmt, wieder ausgestreckt, usw.: Komm her!
  • Ausgestreckter Zeigefinger wird nach oben zeigend auf die geschlossenen Lippen gelegt: Schweig! (pst!)
  • Zeigefinger wird an den Nasenflügel gelegt: Ich überlege
  • Zeigefinger tippt an den Nasenflügel: Geheimes Zeichen (gerne in Hollywoodfilmen genutzt)
  • Zeigefinger tippt auf eine Unterlage (Tisch): Ich bestehe darauf! (jetzt und hier)
  • Nach oben gesteckter Arm (und Zeigefinger): Ich melde mich, Ich habe eine Idee
  • Ein in die Wange gedrehter Zeigefinger hat je nach Kulturkreis unterschiedliche Bedeutungen: Italien: Gut!, Spanien: ein Verweis auf Homosexualität
  • Der sehende Finger des Chirurgen. Mit bevorzugt dem -gummibehandschuhten- Zeigefinger ertastete der Operateur Organoberflächen, Gewebsbeschaffenheit, Veränderungen und Begrenzungen krankhafter Prozesse (= haptische Nosognosie, in der Hirnrinde als taktile Reizdeutung repräsentiert), was ihm ermöglichte, seine Entscheidungen bei einer Operation zu fällen, ob der Eingriff durchführbar ist und in wieweit. In Verbindung mit langer Erfahrung ein unschätzbar wichtiges und sicheres Instrument. Mit Einführung der minimalinvasiven reinen Instrumentenchirurgie ein untergegangenes Medium. Ein wichtiges Sinnesorgan ist gewissermaßen erblindet.

2. Zeigefinger mit anderen Fingern zusammen:

  • Faust, die oberen Glieder von Daumen und Zeigefinger reiben aneinander: Zeichen für Geld
  • Zeigefinger und Mittelfinger werden in gestrecktem Zustand gegeneinander geschlagen: Symbol für eine Schere (schnipp schnapp)
  • Zu einem V nach oben ausgestreckte und auseinandergespreizte Zeige- und Mittelfinger: Deutschland: Victory-Zeichen (Sieg); Australien, mit dem Handrücken zum Gegenüber: Verzieh Dich!
  • Mit Daumen und Zeigefinger einen Ring bilden: Deutschland: perfekt!; Frankreich: Null oder wertlos; USA: Arschloch; Südosteuropa: weibliches Genital, in Verbindung mit einer Auf-und Abbewegung: obszöne Geste; Japan: Geld, oder man bettelt mit dieser Geste. Im Tauchsport: Okay/Gut/Alles in Ordnung!
  • Zeigefinger gestreckt, Daumen gestreckt jedoch am ersten Gelenk eingeknickt: Pistole (Kinderspiel) (Peng Peng)
  • Über die Fingerkuppe der Pistole pusten: Dem hab ich es gegeben!
  • Mit dem Zeigefinger und Mittelfinger von unten an die Nase stoßen: Frankreich: Das mache ich mit links (mit den Fingern in der Nase)
  • In vielen Kulturkreisen (z. B. den USA) wird der nach oben ausgestreckte Zeigefinger dazu verwendet, die Zahl Eins darzustellen (z. B. bei einer Bestellung). Im deutschen Kulturkreis wird dagegen für diese Aufgabe meistens der Daumen verwendet.

3. Symbolik des Zeigens

Ein Verweis mit der flachen Hand statt eines direkten Draufdeutens mit dem Zeigefinger (Befehlston) auf einen Gegenstand oder eine Person gilt als höflicher. Der ausgestreckte Zeigefinger gilt seit der Antike als Geste der Kraftübertragung. Der Zeiger überträgt dabei seine Kraft auf den Gezeigten. Das heutige Tabu, nicht mit dem nackten Finger auf angezogene Leute zu zeigen, hat seinen Ursprung in dieser Symbolik. Die Menschen hatten Angst, dass die Kraft des Zeigers auf den Gezeigten übergeht, der Zeiger also seine Kraft verliert. Als besonders gefährlich galt es, auf Kranke oder Leidtragende zu zeigen, da man annahm, dass diese Geste das Leid des Gezeigten anzieht. Kleinen Kindern wurde versucht, diese Gebärde abzugewöhnen, indem man ihnen sagte, sie erstächen damit einen Engel.

Als Literatur zum Thema sei Werner Piepers „Der stolze Finger“ empfohlen, der Versandverleger und Autor annonciert sein Buch wie folgt: „Wir gestikulieren unbewusst – aber viel. Nach der Lektüre dieses Buches bewusster. Warum heißt z. B. der gestreckte Mittelfinger nur im Deutschen „Stinkefinger“? Aus dem Inhalt des Buches: Gesten und Gebärden des Menschen Die Geste als…“

 

 


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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2009/11/02/auf_wetterkarten_zeigen/

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