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vonHelmut Höge 14.04.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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1.

Mit „Mau-Mau bei der Wohlfahrtsbehörde“ (Tom Wolfe) begann das, was man später den „New Journalism“ nannte. Nun sind wir wieder beim ganz „Old Journalism“:

Die FAZ referiert die Tagungsreden der „Vereinigung von Afrikawissenschaften“ und kommt dabei ausführlich auf die „Mau-Mau in Kenias Erinnerungspolitik“ zu sprechen, vorab werden jedoch mal eben kurz die seit der Postkolonialisierung neue „Art of the States“ in Afrika im Hinblick auf ihre „Demokratisierung“ (auf der  nach oben offenen Helmut-Kohl-Skala) abgeklopft, das hört sich so an:

„…Einstige Musterschüler wie die Elfenbeinküste wurden zu Sorgenkindern, einst verlorene Fälle wie Sierra Leone und Liberia konsolidieren sich langsam…“

(Zwar wagt es mittlerweile kein Deutscher mehr, einen Chinesen auch nur scheel anzusehen, aber bei den Afrikanern wird das wohl noch mindestens 12 Legislaturperioden (auf der nach oben offenen Obama-Skala) dauern.

2.

Der ehemalige Frankfurter „Sponti“ und “Autonomie”-Herausgeber Thomas Schmid, der einst gegen den Springerstiefel-Verlag kämpfte und nun dort ausgerechnet für dessen “Intelligenzblätter” zuständig ist: – “Mit Schmid”, sagte ein Springer-Mitarbeiter, “soll in der ganzen Gruppe eine gewisse Intellektualität einziehen” – dieser Wendehals Schmid also läßt heute in der Welt den Wahlerfolg der Neonazis und Rechtspopulisten in Ungarn wie folgt analysieren:

„Ein halbes Jahrhundert sowjetischer Einfrierung war an den Gesellschaften nicht spurlos vorübergegangen, die stillgelegte Geschichte meldete sich zurück, sie brachte auch Dämonen mit sich.“

(Da in Ungarn taucht plötzlich das alte Welt-Lieblingsbild, wenn auch nur zur Hälfte  wieder auf, wenn es um Vergangenheitsbewältigung geht: „Das Dämonische an Hitler.)

Photos: Peter Grosse


3. „Die Zeit“ „Auf dem Weg nach Katyn“ titelt das nämliche Hamburger Wochenblatt heute bildzeitungsmäßig in riesigen Lettern. Während die NPD und ihre „Internetzwerke“ vermuten, bei dem polnischen Piloten der „Unglücksmaschine“ handelt es sich in Wirklichkeit um eine Art postsowjetischen „Schläfer“, den man für diese Mission aufgeweckt habe. In Polen diskutieren die Journalisten den „Fall“ in etwa so:

Entweder war der 36jährige Pilot völlig übergeschnappt, weil er alle Warnungen der Tower in Smolensk und der Zentrale in Minsk und alles, was er je gelernt hat, in den Wind schlug und damit das Leben der ihm anvertrauten, sehr hochrangigen Passagiere leichtsinnig aufs Spiel setzte. Oder aber irgend jemand hat ihm dazu angehalten, alle Regeln zu brechen, an die er sich als Pilot eigentlich zu halten hat, und nicht nur konsequent die Weisungen der Tower und der Zentrale zu ignorieren, sondern auch nicht nur zwei Mal, wie maximal erlaubt, sondern vier Mal eine Landung zu probieren.

Ein polnischer Journalist hat dagegen die Vitae der zu Tode gekommenen „hochrangigen Passagiere“ zusammengetragen – seine Liste erreichte uns via „ostbuero.de“ auf Deutsch:

Im Flugzeug saßen u.a….

– der Chef des IPN und Kommunistenjäger Partyka

– der Generalstabschef Gagor, samt Kriegsminister Szmajdzinski und mehrere andere Kriegsverbrecher wie die beiden genannten aus dem Irak und Afghanistan im Range von Generälen,

– der Priester des Inlandsgeheimdienstes (die haben einen eigenen, so wie die Polizei und die Armee auch)

– der polnische Ombudsmann Kochanowski, der u.a. vor wenigen Tagen juristisch gegen das positive Urteil aus Strasburg von Alicja Tysiac wegen Abtreibung vorgehen wollte… und bereits zuvor die Befangenheit der Verfassungsrichter behauptetete, als diese das Lustrationsgesetz für verfassungswidrig erklärten

– der Jurist Gasiewski, der die taz wegen ihres Kaczinsky-Kartoffel-Vergleichs mit einem Interpol-Suchbefehl verfolgte

– Zbigniew Wasserman, der verantwortlich war für die Verschleierung der CIA-Geheimgefängnisse in Nordpolen vor der Delegation des EU-Parlaments und Dick Marty

– dann der Chef des Büros der nationalen Sicherheit Szczyglo, der argumentativ den Überfall auf den Irak vorbereitet hat

– und Anna Walentynowicz, hierzulande eine Heldin der Arbeiterbewegung, an der Heimatfront dagegen Ikone von Radio Maryja gegen die „Verjudung“ Polens und zugleich die zweite Hälfte von dem berühmten Danziger Tandem aus der Hlg. Brygida Kirche von Henryk Jankowski

Kurze Erklärung zu den einzelnen Personen:

z. B. Walentynowicz und Jankowski mit seinen antisemitischen Weihnachtskrippen, wo der Davidstern in eine Swastika eingeschrieben ist und zusammen mit einer EU-Fahne den polnischen Adler tötet; die Generäle waren die Dienstältesten bei dem Massaker von Nangar Khel (1), der IPN-Chef, ein Nolte-Jünger, er hat nie etwas anderes von sich gegeben und zuletzt auch Walesa gejagt – als angeblichen Agenten, da ihn ja bekanntlich die Stasi mit einem Marineboot von der See aus 1980 in die Lenin-Werft brachte (so wie schon Lenin einst von der preußischen Stasi nach Rußland geschleust wurde) , der Ombudsman hat seine  Rolle verwechselt und nicht die Menschen gegen den Staat verteidigt, sondern der Staatsanwaltschaft Schützenhilfe gegeben gegen solche Frauen wie Alicja Tysiac und auch sonst gegen alles, was nicht ins Bild der IV. Republik passte. Der Ombudsman wollte auch uns Journalisten zu Loyalitätsbekundungen zwingen für Lechu K. und als das Verfassungstribunal mehrere Gesetzte zur „Aufarbeitung der Geschichte“ kippte wie vor wenigen Wochen die eindeutig rechtswidrige Rentenkürzung gegen Mitarbeiter eines kommunistischen Regimes, rief er aus, das eine der Richterinnen Ewa Letowska, zufälligerweise die erste Ombudsfrau 1987 war, als das Amt eingeführt wurde. Sie sei befangen, weil sie mal ein Interview gab, in dem sie sich gegen eine Polarisierung der polnischen Gesellschaft aussprach. Grund genug, ihr Befangenheit zu unterstellen, denn als echte Patriotin müsse sie wie viele im öffentlichen Fernsehen auftretenden Historiker wissen, dass dies keine Polen waren, sondern Kommunisten, also Juden, weil alle Kommunisten Juden sind, und alle Juden zugleich Russen, also nie und nimmer Polen. Und das behaupten Professoren im staatlichen Fernsehen, es kommen dann auch zu interessanten Hochrechnungen, dass nicht Nazis, sondern Juden (=Russen) im II. Weltkrieg mehr Menschen umgebracht haben und Polen die meisten Opfer der Weltgeschichte zu beklagen hat (im Opfer zählen die Juden wiederum als Polen und nur Polen).

Mit dem Absturz bei Smolensk gehört die IV Republik nun endlich auch real der Vergangenheit an, Walhalla hat überdies auch noch den Kriegsverbrecher Szmajdzinski gerufen (zuständig für den Deal mit den USA 2005 beim CIA Extraordinary Rendition Programm, Aufbau von Folter-Knäste, illegalen Krieg gegen zwei Länder) und bis Samstag hochgepokerter „linker“ Kandidat bei den kommenden Präsidentschaftswahlen. Sie sind beide unersätzlich. …wäre da nicht die Mythologie von Katyn und der Bischof von Przemsl hat es in seiner Lesung am Sonntag in der Wojewodschaft deutlich gemacht. „Warum ist das Flugzeug nicht am Mittwoch angestürzt?“(2)

http://www.alert24.pl/alert24/1,84880,7763307,Szokujaca_homilia_w_Katedrze
_Przemyskiej__POSLUCHAJ_.html 

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(2) Am Mittwoch war nämlich Tusk vor Ort ...und zieht die Verbindung:
Damals (1940) wie heute (2010) rief Walhalla die "Blüte der polnischen
Intelligenz" zu sich..."es ist ein Zeichen Gottes, damit wir die Spuren
nicht verwischen, die dorthin führen...und die die
Agnostiker zu verwischen trachten" (...) "ich sage es dir, weil im dem
Land an der Weichsel Mütter sterben, weil ihre Kinder keinen richtigen
Patrioten sind"..."die Ermordeten wurden mit Stacheldraht festgebunden
und erstickten wie ungeborene Kinder" (...) der Parlamentspräsident
meinte, es gäbe angesichts dieser Tragödie kein Links und Rechts
mehr...ich sage: Nein Herr Marschall...dafür gibt es kein
Einverständnis... das war der letzte polnische Patriot."

http://poznan.gazeta.pl/poznan/1,36001,7760381,Na_Rozbracie_w_sobote
_chcieli_swietowac.html

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(1) Dazu heißt es bei Polskaweb News heute: „

Am 16. August 2007 wurde im Osten Afghanistans durch polnische Militärs mit Mörsergranaten und Maschinengewehren das Dorf „Nangar Khel“ beschossen und dabei sechs Bewohner getötet, unter ihnen Kinder und eine schwangere Frau. Drei weitere Personen kamen mit schweren Verletzungen davon. Sieben Angehörige des 18. Fallschirmjägerbataillons aus Bielsko-Biala wurden unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Ihnen drohte eine lebenslange Haft. In den letzten Wochen und Monaten kämpften die Angehörigen der Einsitzenden mit großer Unterstützung der Öffentlichkeit und des staatlichen Fernsehens für eine Freilassung der Todesschützen gegen einen einsamen Militärstaatsanwalt aus Posen. Die Argumente die als Beweis der Unschuld der Soldaten gelten sollten waren, je nach Wetterlage, unterschiedlicher Natur. Mal hatte sich die Taliban in das beschossene Dorf geflüchtet, dann hätten Vorgesetzte befohlen das Dorf „einfach“ zu beschiessen und zuletzt sollte es garnicht mehr beschossen werden, sondern lediglich die katastrophale Zielgenauigkeit polnischer Mörser, habe zu der Tragödie geführt.

Jetzt kam es wie es kommen musste, die wegen Verdacht auf Völkermord in im polnischen Poznan (Posen) inhaftierten Soldaten, wurden alle aus der Haft entlassen.

Afghanischer Bunkerpoller oder Pollerbunker – der Photograph, Peter Grosse, hat das im Unklaren gelassen.

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/04/14/verlorene_faellefelle/

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