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vonHelmut Höge 18.05.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Im Urlaub gefunden:


Auf indianisch getrimmter Touristen-Poller  (Kanada)

1. Die Wahrheit  halluzinieren

Der Begründer der Nationalökonomie Adam Smith war sich sicher: „Geschäftsleute des gleichen Gewerbes kommen selten zusammen, ohne dass das Gespräch in einer Verschwörung gegen die Öffentlichkeit endet…“ Der englische Moralphilosoph skizzierte damit eine ökonomische  „Verschwörungstheorie“ – in Form eines „intellectual guess“, der sich seitdem mit jeder öffentlich-gerichtlichen Ahndung einer „verbotenen Kartellabsprache“ oder eines „Geschäftsabschlusses durch  Bestechung“  erhärtet.

Die „Verschwörungstheoretiker“ sind in aller Regel aber erst einmal auf sich selbst angewiesen, d.h. auf die Veröffentlichung ihrer Argumente, um immer mehr Anhänger für ihre Theorie zu finden – bis dahin, das immer mehr Leute diesen „intellectual guess“ nach und nach zu  erhärten versuchen, was nichts anderes heißt, als der „Wahrheit“ zum Durchbruch zu verhelfen. Dies geschah z.B. mit dem „11.September 2001“, den hierzulande Mathias Broeckers als von den USA bzw. der CIA selbst inszeniert begriff – und daraufhin in ein weltweites Netzwerk von „Rechercheuren“ geriet, die an der „Wahrheit“ von „Nine-Eleven“ arbeiten, wobei sie davon ausgehen, dass die „El Kaida“-Attentäter wie zuvor die „Taliban“ nur Werkzeuge einer Verschwörung von US-„Geschäftsleuten“ und -Politikern waren. An dieser „Wahrheitssuche“ beteiligen sich Linke wie Rechte, für die Anhänger der offiziellen Wahrheit, d.h. der von der US-Regierung, sind sie alle  „Spinner“ und „Paranoiker“: eben „Verschwörungstheoretiker“.

Die FAZ gab jedoch gerade – unter der Überschrift „Großwissen“ – vorsichtig zu bedenken: „Dass die künstlerische Richtung des ‚abstrakten Expressionismus‘ in der Ära des Kalten Krieges von der CIA gefördert wurde, wäre vor fünfzig Jahren als Ausgeburt des puren Verschwörungsdenkens gebrandmarkt worden – bis es sich eben als Tatsache erwies. Und dass die politische Organisation ‚Otpor‘ in Jugoslawien, Georgien und der Ukraine im Sinne von Farbrevolutionen, Demokratie und Menschenrechten aktiv war, ist unstrittig; inwieweit dabei Gelder amerikanischer Dienste flossen, ist eine durchaus legitime Frage.“

Anlaß für diese Theorietoleranz der FAZ ist ein neuer „wissenssoziologischer Ansatz“, den der Leipziger Kulturforscher Oliver Kuhn gerade in einem Aufsatz über das  „Verschwörungsdenken“ veröffentlichte. Der o.e. Journalist und taz-blogwart Mathias Broeckers hatte sich zuvor bereits – empirisch – damit beschäftigt, indem er das „Lexikon der Verschwörungstheorien“ von Robert A. Wilson erweiterte  und auf Deutsch veröffentlichte. Der Wissenssoziologe Kuhn hat jetzt das in der herrschenden Meinung als abfällig begriffene Wort „Verschwörungstheorie“ ersetzt durch den neutralen Begriff „spekulatives Wissen“. Er knüpft damit sowohl an den englischen „intellectual guess“ als auch an die kontinentale „spekulative Philosophie“ an. Letzteres hatte bereits Theodor W. Adorno im amerikanischen Exil gegen das allzu vertrauensselige „Faktensammeln“ seiner dortigen  Sozialforscher-Kollegen in Anschlag gebracht – nachdem sich seine Ergebnis-„Spekulation“ empirisch bestätigt und die Kollegen in ihm daraufhin eine Art „Zauberer“ gesehen hatten.

Was damals ein anregender Disput war und sich dann in dem fortsetzte, was Adorno in den Sechzigerjahren den „Positivismusstreit“ nannte,  hat sich nach 2000 anscheinend zu einem „Kampf der Kulturen“ verdichtet. Der Basler Wissenssoziologe Ludger Schwarte sprach in diesem Zusammenhang auf einem Kongreß in Berlin von einem „philosophischen Rassismus“, der das Verhältnis zwischen der angloamerikanischen „analytischen [positivistischen] Philosophie“ und der „kontinentalen [spekulativen] Philosophie“ beherrsche. In einer Zusammenfassung seiner Ausführungen (auf der Internetseite der „mobilen Akademie“ von Hannah Hurtzig) heißt es:

„Wann die Unterscheidung zwischen Analytischer und Kontinentaler Philosophie getroffen wurde, ist nicht ganz klar, aber sie geht davon aus, dass die klassische philosophische Tradition komplett sinnlos ist und es sich nicht mehr lohnt, mit ihr zu beschäftigen. Laut John Searle ist es eine Frage der intellektuellen Hygiene, in keinen Dialog mit sogenannten Kontinentalphilosophen zu treten. Die Ablehnung schlägt sich im Lehrbetrieb der USA so nieder, dass als Philosophie nur analytische Sprachphilosophie gilt und die metaphysische Philosophietradition in die Literaturwissenschaft abgedrängt wurde. Man kann hier von einem Kulturkampf sprechen und mit Etienne Balibar von einer Form des Rassismus, weil zwar nicht die Rasse zur Grundlage der Verwerfung gemacht wird, aber dennoch ein unüberbrückbarer, kultureller Unterschied naturalisiert und essentialisiert als Waffe eingesetzt wird, um sich abzugrenzen.“

Putte fixiert Poller (Italien)

2. Das ist Fakt!

„Es gibt immer zu viel Deutung und nie genug Fakten. Die Akte durch Deutung sind am gefährlichsten für die Freiheit.“ (Francois Ewald) Der Fakt ist laut Wikipedia eine „Tatsache“ (lat. factum, engl. matter of fact). Diese läßt sich kriminalistisch vom „Sachverhalt“ unterscheiden, der  „erwiesene Tatsachen“ zunächst unberücksichtigt läßt. Im positivistisch-logischen Sinne gelten hingegen „verifizierte Sachverhalte“ als Tatsachen. Wir kennen den Leitspruch des „Focus“-Herausgebers Markwort: „Fakten, Fakten, Fakten – und immer an die Leser denken“. Diese Worte an seine Redakteure blieben  leider unerhört. Nicht viel besser erging es bisher dem MDR-Politmagazin „Fakt“, obwohl es bescheiden im Singular blieb und das Wort auch nicht drei mal wiederholte. Dieser Singular ist genuin ostdeutsch, wenn nicht eine DDR-Erfindung – für den Abschluß einer  dialektisch-materialistischen Argumentation: „Das ist Fakt!“ Punkt. Im Westen sagt man stattdessen: „Echt!“, „Ehrlich!“ oder „Glaub mir!“ bzw. „Kannste mir glauben!“

Daraus erhellt sich bereits, dass die Kriminalistik gut daran tut, den Sachverhalt erst mal als eine Aussage unabhängig von den erwiesenen Tatsachen aufzunehmen. Ersteres besteht u.a. aus Zeugenerklärungen und -erinnerungen, zu letzteren gehören DNA- und andere wissenschaftlich-technische  Analyseergebnisse von Objekten am „Tatort“ und bei Verdächtigen. Deswegen werden in Kriminalromanen auch die polizeilichen Ermittler von ihren Vorgesetzten und dem Staatsanwalt  bei ihren Ausführungen so oft ermahnt, statt sich  in Mutmaßungen und Spekulationen zu ergehen, bei den „Fakten“ zu bleiben bzw. davon auszugehen. Manchmal fordern sie auch herrisch ein  „Zurück zu den Fakten!“ (Krimiautor Klaus-Peter Wolf) Fakt ist jedoch, dass man auch diese erst mal deuten muß und das erfordert Lernen und Erfahrung. Beim polizeilichen Ermittler ebenso wie bei seinem Vorläufer, dem Jäger.

So lernte der Geograph und Ethnologe Wladimir Arsenjew, der als zaristischer Offizier mehrere Expeditionen in das Gebiet südlich des Ussuri leitete, von einem eingeborenen „Taigajäger“ namens Dersu Usala, wie man Spuren liest: „Am Ufer sah man die Reste eines Lagerfeuers. Asche, Kohlestückchen und halb verbrannte Holzstücke lagen herum. Dersu sagte, dass vor drei Tagen das letzte Mal ein Mensch hier am Feuer genächtigt habe. Es war ein Greis, ein Chinese, ein Fallensteller. All dies konnte sich auch Arsenjew erklären „Aber wieso wußte Dersu, dass dieser Mensch ein Greis war? Da ich die Lösung des Rätsels nicht fand, bat ich Dersu, es mir zu erklären ‚Wie, du bist schon so viele Jahre in den Bergen und verstehst nicht,‘ gab er seinerseits die Frage an mich zurück“.  Als sie einmal auf einem Pfad durch den Wald auf Fußspuren stießen, „eröffneten sich Dersu sogleich „Zeichen – für mich völlig unsichtbar, dass dieser Mensch, der dort ging, ein Udechese auf der Jagd nach Zobeln war, einen Stock, eine Axt und ein Netz hatte und, dem Gang nach zu urteilen, ein junger Mensch war.“ Diese ganzen Fakten entnahm der Taigajäger ein paar zertretenen Grashalmen,  abgeknickten Ästchen und winzigen Fasern daran. Wenig später schon stellte sich die Richtigkeit seiner Annahmen heraus, wie Arsenjew in seinem Expeditionsbericht immer wieder erstaunt hervorhob.

Aber haben die Spuren,  die einem erfahrenen Jäger sagen, dass dort kürzlich ein junger zobeljagender Udechese ging, die selbe „Faktizität“ wie die Spuren, die darauf hindeuten, dass z.B. in Afghanistan  die Werte unserer christlich-freiheitlichen Welt verteidigt werden? Oder werden z.B.  die „historischen Fakten“ in dem neuen ZDF-Film über „Rudi Dutschke“ derart grob gedeutet, dass man – wie „Die Welt“ – geradezu von ihrer „Verfälschung“ sprechen kann? In beiden Fällen behilft man sich erst einmal damit, dass man zwischen „Fakten“ und „Fiktion“ trennt bzw. zwischen „Fiction“ und „Non-Fiction“. Sowohl der Afghanistankrieg als auch der ZDF-Fictionfilm sind Fakt, es gibt sie, aber die ihnen zugrundliegende „Faktenlage“ ist höchst fiktiv (d.h. umstritten) – jedenfalls nach Meinung der Kritiker.

Weil auch das „gesichertste Wissen“ Glaubensfragen unterliegt, schlägt der  Wissenschaftssoziologe Bruno Latour vor, zwischen „Fakt“ und „Fetisch“ nicht mehr zu trennen und – ganz vormodern – das Wort „Faitiche“ stattdessen zu verwenden. An die Stelle von „Matters of Facts“ will er sodann „Matters of Concern“ setzen.

Angeschwemmter Poller (Karibik)

3. Das Lebensprinzip Konkurrenz

„Die Konkurrenz muss es auf sich nehmen, alle Begriffslosigkeiten der Ökonomen zu erklären, während die Ökonomen umgekehrt die Konkurrenz zu erklären hätten. (Karl Marx) Das versuchen stattdessen die Biologen: Gerade setzten zwei US-Biologen 1703 Leguane, darunter 553 Männchen, auf einigen Bahamas-Inseln aus, wo sie überleben sollten, dazu etliche ihrer Fressfeinde (Schlangen). „Vor dem Experiment hatten die Tiere im Mittel 170 Sekunden durchgehalten, als die Biologen sie auf einem Laufband testeten. Die Männchen, die das Experiment überlebt hatten, schafften 17 Sekunden mehr. Solche Vorteile können beim Kampf um Futter oder Weibchen den Ausschlag geben. Die kräftigeren Reptilien hatten auf dicht besiedelten Inseln viel bessere Chancen, sich fortzupflanzen und ihre Eigenschaften weiterzugeben,“ schreibt die SZ am 14.Mai in einer Besprechung dieses Forschungsexperiments. So weit so gut: Wer länger durchhält beim Weglaufen (vor Schlangen) bzw. beim Hinlaufen (zu einem Weibchen) hat einen Vorteil gegenüber kurzatmigeren Artgenossen. Die SZ zitiert dazu jedoch einen der am Experiment beteiligten US-Biologen: „Manchmal ist der Tod durch den Konkurrenten wichtiger für die natürliche Auslese als der Tod durch den Fressfeind.“ Das mag vielleicht sein, ergibt sich jedoch überhaupt nicht aus der obigen Zusammenfassung des Leguan-Experiments.

Die Berliner Zeitung berichtete am selben Tag ebenfalls über „Konkurrenz“ in der Natur, wobei sie sich (natürlich) auch auf eine Forschung von US-Biologen stützte: Wenn in der Nähe einer Wolfsspinne die fleischfressende Pflanze Sonnentau wächst, webt die Spinne ein größeres Netz als sonst üblich. Umgekehrt bildet die Pflanze in der Nähe der Spinne weniger Blüten und Samen aus also sonst. Daraus folgt – für die BZ wie für die US-Forscher: „Der Kampf um begrenzte Ressourcen ist Bestandteil eines jeden Ökosystems. Überschneiden sich die Speisepläne zweier Tierarten (bzw. in diesem Fall von einer Tier- und einer Pflanzenart), kommt es zum Konkurrenzkampf.“ Ende des kurzen Textes, aus dem eigentlich das Gegenteil hervorgeht – nämlich gerade kein „Kampf“: die Wolfsspinne breitet ihr Netz weit aus, der Sonnentau schränkt seine Vermehrungsmöglichkeiten ein. Wie man weiß, sind Mutation, Selektion (natürliche und sexuelle) sowie Konkurrenz die Prinzipien, auf denen Darwinismus und Liberalismus beruhen. Sie gehören zusammen, denn die Selektion wird durch die  Konkurrenz (der Männchen untereinander – um Weibchen bzw. aller Individuen einer Population untereinander, aber auch zwischen verschiedenen Arten um Nahrung, Brutplätze etc.) in Gang gesetzt. Und eine Mutation ist dann u.U. in der Lage, dem davon Heimgesuchten einen Selektionsvorteil zu verschaffen. Ein US-Regierungsberater sagte es so: „Ohne Arbeitslosigkeit  gibt es keine Innovation.“

Georg Simmel schrieb 1903 in seinem Aufsatz „Soziologie der Konkurrenz“: „Wie der Kosmos ‚Liebe und Haß‘, attraktive und repulsive Kräfte braucht, um eine Form zu haben, so braucht auch die Gesellschaft irgend ein quantitatives Verhältnis von Harmonie und Disharmonie, Assoziation und Konkurrenz, Gunst und Mißgunst, um zu einer bestimmten Gestaltung zu gelangen. Diese Entzweiungen sind keineswegs bloße soziologische Passiva, negative Instanzen, sodaß die definitive, wirkliche Gesellschaft nur durch die andern und positiven sozialen Kräfte zustande käme, und zwar immer nur so weit, wie jene es nicht verhindern. Diese gewöhnliche Auffassung ist ganz oberflächlich. Die Gesellschaft, wie sie gegeben ist, ist das Resultat beider Kategorien von Wechselwirkungen, die insofem beide völlig positiv auftreten.“

Kann man aus dieser Positivität schließen, dass deswegen der Sozialismus – ohne Konkurrenz – wenig  Chancen hat? Kein Wunder, dass die Biologen in Rußland den Darwinismus ganz anders verdauten: Dort war Darwin in sozialistischen Kreisen sehr schnell überaus populär geworden, weil es nach ihm kein begründetes Hochwohlgeboren mehr geben konnte. Auch dass der Mensch  vom Affen abstammen sollte, gefiel der russischen Linken,  nichtsdestotrotz akzeptierten sie seinen Kerngedanken,  das Konkurrenzprinzip, nicht, ebensowenig im übrigen wie die orthodoxe russische Kirche: Dies sei bloß englisches Insel- bzw. albernes Händlerdenken, hieß es. In der Weite Russlands hätte es keine Gültigkeit.

Biopoller aus Löwenzahnblüten  (Schweiz)

Antibio-Poller auf WK-Zwo-Schlachtfeld-Museum (Corbeach)

Alle Photos: Peter Grosse

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