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vonHelmut Höge 28.05.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Kunst, Poller oder produktive Arbeit? Die Schweiz im Mai.


Arbeit und Kunst

Die erste Eintragung über „Genossenschaften“ findet man in diesem blog am  24.7.2008. U.a. hieß es darin:

Um den Gedanken von gemeinschaftlich geführten Betrieben zu verbreiten – und gleichzeitig ihre Produkte vorzuführen, finanziert der Brüsseler Dachverband, die “Konföderation für Produktivgenossenschaften, Sozialgenossenschaften und andere Formen mitarbeiterkontrollierter Unternehmungen” (CECOP) und vor allem der Dachverband “Cooperatives Europe” eine Art Leistungsschau europäischer Produktivgenossenschaften – in Berlin (Neukölln), Budapest, Dunaujvaros und Usti nad Labem. Den Produkten sieht man die genossenschaftliche Herkunft nicht an, deswegen wird die Verkaufsausstellung ab dem 23. September 2008 flankiert von Filmen, Diskussionen und Dokumentationen über die Produzenten. Die Genossenschaften tageszeitung und Junge Welt sind quasi natürliche “Medienpartner” dieses auch von dem EU – Programm “Kultur 2007-2013″ sowie von der Bundeskulturstiftung, dem Kulturamt Neukölln, dem ungarischen Ministerium für Kultur und dem tschechischen Ministerium für Kultur geförderten “Kunstprojekts” namens Le Grand Magasin, das von Andreas Wegner gemanagt wird.

Am 8.Mai 2010 ging diese „Leistungsschau“ der Produktivgenossenschaften in Form eines künstlerischen Projekts nun zu Ende – mit einem Symposium im Berliner  Collegium Hungaricum. U.a. wurde dort noch einmal das Projektkonzept „Ein Kaufhaus als Kunst“ problematisiert.

Die Journalistin Jeanette Tust schrieb hernach in der Jungen Welt:

Das Kunstprojekt „le grand magasin“ in Neukölln arbeitete europaweit mit Genossenschaften zusammen. Kunst wirkt ja bekanntlich am besten, wenn sie Alltag verzerrt. Damit ihre Rezipienten wieder einen unverstellten Blick auf die wahren Formen von Dingen bekommen. Dass dabei alte verkrustete Strukturen offengelegt werden können, erfuhren die Teilnehmer des Projektes. Der Künstler Andreas Wegner betrieb im Rahmen eines von der EU und der Bundeskulturstiftung finanzierten Rahmenprojektes gut ein Jahr lang in Berlin-Neukölln das „le grand magasin“ als ein Modellkaufhaus, in dem ausschließlich genossenschaftliche Erzeugnisse angeboten wurden – von Textilien und Schuhen über Möbel und Gartengerät bis zu Spielzeug und Kosmetika. „Meine Idee war es, eine bestimmte Art von Wirtschaft mit Kunst zu verbinden.“ Wegner studierte Bildende Künste an der Universität Bremen.

Das Kaufhaus befand sich in den ersten Monaten in der Galerie im Saalbau in der Karl-Marx-Straße, dann  zog es in eine Ladenpassage in der Hermannstraße. Hier wie dort blieb die große Marktnachfrage aus. Der Projektinitiator Wegner zeigt sich enttäuscht. Ende dieses Monats läuft das gesamte Rahmenprojekt aus. Einen Antrag auf Verlängerung stellen möchte er nicht. Nicht erahnt habe er vor dem Projekt die fehlende Vernetzung zwischen europäischen Produktivgenossenschaften. Auch dass ihre Dachverbände in Brüssel ihm trotz finanzieller Unterstützung nicht groß weiterhelfen konnten, hatte ihn erstaunt. Als Künstler musste er dann die Genossenschaften vor Ort selbst finden und diese dann von der Präsentation ihrer Waren in Berlin erst noch überzeugen. In Osteuropa hätten die Genossenschaften zum Teil noch in den Strukturen der 60er-Jahre produziert, viele verloren nach und nach ihre Märkte. Wegner wünschte sich eine dauerhafte Existenz des alternativen Kaufhauses. Er ist davon überzeugt, dass die Betriebsform Genossenschaft, die als einzige geistige und körperliche Arbeit tendenziell vereine, eine Zukunft habe. Sie entfremde die Menschen nicht derart von ihrer Arbeit wie es in Kapitalbetrieben der Fall sei. „Ich wollte ein vollständiges Bild alternativer Produktion zeigen“, sagt er. Ein Bild, das seiner Ansicht nach mehr Anspruch auf allgemeines Interesse habe als z.B. die mit  Luxusprodukten handelnden  „Eine-Welt-Läden“. Er habe den  genossenschaftlichen Produkten in einem Kunstkontext Raum geben wollen, ohne eine künstlerische Botschaft damit zu verknüpfen, um das Projekt „sehr offen zu  halten“.

Planlos scheint so etwas – jedenfalls auf den ersten Blick für die Künstlerin Christine Hill aus New York. Sie zog mit Fazit auf einem abschließenden Symposium des Projekts von Wegner im Collegium Hungaricum. Bis vor einigen Jahren leitete die Künstlerin in Berlin-Mitte das Second-Hand-Geschäft „Volksboutique“, über deren Waren die „Zeit“ schrieb: „Aber konkurrenzfähig ist ihr von den Produktionsbedingungen diktierter Low-Budget-Look höchstens unfreiwillig“. Im Podiumsgespräch „Das Kaufhaus als Kunst“ wies sie auf die aktuelle Wirkungen von Kunst hin. „Es ist ein  Fehler kontemporärer Kunst, dass sie die Leute denken lässt, sie spiele ihnen etwas Falsches vor.“, sagte Hill den etwa 30 eingeladenen Künstlern und Kuratoren.  Die Kunst- und Design-Studierenden Michaela Spruzinova und Jan Daveszka von der tschechischen Jan-Evangelista-Purkyne-Universität in Usti nad Labem, die mit ihrer Galerie am „le grand magasin“ beteiligt waren,  sprachen auf dem Symposium über ihre Zusammenarbeit mit der tschechischen Blinden-Genossenschaft „Kargo“. Die leitenden Mitarbeiter dort seien nicht sonderlich an einer Kooperation mit den Künstlern und Designern interessiert gewesen, um ihre Produkte (Bürsten und  Vogelhäuschen) zu verbessern. Ihnen gehe es vor allem um eine Tätigkeit, mit der sie ihr Brot erwerben. „Was sie eigentlich produzieren, ist ihnen gleichgültig“, sagte Spruzinova. In dieser Einstellung sah sie die fehlende Marktattraktivität genossenschaftlicher Produkte begründet.

Eine andere Erfahrung schilderten dagegen die  Kuratorinnen zweier Galerien in Ungarn, die ebenfalls Teil des Projekts „le grand magasin“ waren: Die Textilgenossenschaft, mit der sie zusammenarbeiteten, fertigte für die Ausstellung extra neue Dekorationsstoffe an. Der Künstler Andreas Wegner sieht rückblickend zumindest eine ihm wichtige Frage innerhalb von le grand magasin beantwortet: Er hatte sich gefragt, ob es erfolgreiche Formen der kollektiven Produktion gäbe, die auf hohem technischen Niveau stattfinde. Die gibt es. Er verwies beispielhaft auf die spanische Genossenschaft Mondragon, die unter anderem Haushaltsgeräte in seinem Modellkaufhaus in Neukölln präsentierte. Die Genossenschaft Mondragon vereint 120 Betriebe mit über 100.000 Mitarbeitern und verkauft ihre Produkte weltweit. Sie ist die größte Produktivgenossenschaft überhaupt.  Laut Dorothea Kolland, Leiterin des Berliner Kulturamtes Neukölln, hätten die am Projekt le grand magasin beteiligten Künstler mitunter „die Eigensinnigkeit des Genossenschaftswesens“ unterschätzt. Die Frage, wie das eine System von anderen lernen und profitieren könne, sei dennoch weiterhin hochaktuell.  Antworten könnten sowohl der Kunstproduktion wie den Genossenschaften einen konzeptionellen Schub versetzen. Die Suche nach ihnen sei ein weiteres Experiment in der Kreativwerkstatt Neukölln wert. Der internationale Dialog zwischen den Systemen Kunst- und Genossenschaftsproduktion habe gerade erst angefangen.

Fourier-Poller (in Besancon, der Geburtsstadt des Genossenschaftstheoretikers Charles Fourier)


In der taz kam ich in einem Artikel über Arbeit und Kunst dann ebenfalls auf den Kongreß zu sprechen:

Die Blindenanstalt in der Kreuzberger Oranienstrasse, Ende des 19. Jahrhunderts erbaut, war immer ein etwas düsterer Ort (Blinde brauchen keinen Lichtzauber), ähnlich war auch der dazugehörige große Laden, in dem man teure Natur-Bürsten und -Besen kaufen konnte. 1998 stand plötzlich „Die imaginäre Manufaktur“ auf den Schaufenstern – und die Produkte wurden immer farbiger und immer mehr.

Ein ähnlich buntes Projekt beflügelte auch die Designer der tschechischen Universität in Usti nad labem, als sie 2009 eine Kooperation mit der örtlichen Blinden-Genossenschaft „Karko“ eingingen, in der ebenfalls Bürsten hergestellt werden, daneben noch Vogelfutterhäuschen. Auf einem Kongreß über Genossenschaften im Berliner Collegium Hungaricum berichteten die tschechischen Dozenten und Studenten kürzlich  über ihre Erfahrungen. Der 1953 gegründeten und mit der Zeit mürbe gewordenen Genossenschaft „Karko“ fehlten Absatzmöglichkeiten für ihre teuren Handarbeitsprodukte. Das Designteam machte sich frisch an die Arbeit: Es redesignte einige alte  und entwarf vier neue Produkte (eine Bürste, zwei Tischleuchten und ein Katzenklo), dann stellte es ein neues Genossenschaftslogo und einige Werbetafeln vor, die später in der Stadt aufgestellt wurden. Die ganze Zeit kamen sich die Designer dabei jedoch wie „unerwünschte Gäste“ vor: Die Blindengenossenschaft hätte lieber einen Großabnehmer für nur wenige Produkte, dafür in riesigen Stückzahlen gehabt.

Anders die Kreuzberger Blindenanstalt: Dort werden immer mehr alte Handwerke eingerichtet – seitdem die „Union sozialer Einrichtungen“ die unter Denkmalschutz stehende staatliche Anstalt 2005 übernahm und 2009 erwarb. Die USE ist eine gemeinnützige GmbH mit über 350 Mitarbeitern und mehr als 750 behinderten Menschen an 12 Standorten in Berlin und Brandenburg. Auch hier brachten einst zwei Designdozenten neben ihrer Idee einer „imaginären Manufaktur“ eine Studentengruppe mit ins Spiel, aber deren Enthusiasmus trägt noch heute, obwohl ihre Kooperation mit der Blindenanstalt 2004  auslief. Inzwischen gibt es neben der Bürstenmacherei, in der 150 Produkte hergestellt werden, noch eine Flechtmanufaktur (für 50 Produkte), eine Buchbinderei, ein Café (in der früheren Patisserie) und eine Floristik, die sich auf Flobs spezialisiert hat: „floristische Objekte“. Diese Abteilung sowie eine Malerei (mit Airbrush-Studio), eine Tischlerei und eine Hauswirtschaft sind überdies Ausbildungsbetriebe. Seit 2008 beschäftigt die Anstalt einen neuen Designer, daneben entwirft auch der Leiter der Bürsteneinzieherei gelegentlich Produkt: z.B. das Brandenburger Tor, den Berliner Bär und den Fernsehturm als Bürste. Diese Produkte kommen dem Hang der deutschen Touristen entgegen, Souvernirs zu kaufen, die etwas Regionalspezifisches mit einem allgemeinen Gebrauchswert verbinden. So gehören in den Seebädern „Muscheln mit Thermometer“ zu den beliebtesten Souveniren.

Was sich nicht gut verkauft im Laden der Blindenanstalt  (wie die Fußmatten aus der Flechterei) fliegt aus dem Angebotskatalog. Seit einem Jahr werden die Produkte auch übers Internet vermarktet, daneben kann man sie noch im Laden des New Yorker „Museums of Modern Art“ kaufen. Ihre Rohware bezieht die Anstalt zum Teil aus Ungarn: die Naturhaare bzw. -borsten und die Holzkörper sowie die Weidenruten z.B. (die Blindengenossenschaft in Ust nad labem verarbeitet dagegen ausschließlich Plastikborsten). Der Träger der Anstalt – die USE – war bisher vor allem im Dienstleistungs- und im Gastronomiebereich aktiv – und zwar vorwiegend mit geistig Behinderten. Etwa 70 von ihnen arbeiten nun auch in der Blindenanstalt, d.h. in deren genaugenommen  „nichtimaginären Manufakturen“. Daneben leben dort noch neun Blinde. Am 9. Juni veranstalten sie ein großes „Hoffest“.

Pegel-Poller (nahe dem Wohnort des Künstlers Peter L. Grosse, der alle drei Photos hier beisteuerte)

P.S.: Es gibt auch produktive Poller: So wird z.B. dem  geschäftstüchtigen „Weatherman“ Jörg Kachelmann im „Freitag“ gerade attestiert, er hätte den Charme eines „Betonpollers“. Und in Kiel richtete die dortige Seemannsmission einen „Baltic Poller“ ein. An Pollern werden Schiffe festgemacht, der „Baltic Poller“ ist dagegen für Seeleute.  Dazu heißt es auf der Webseite der Kieler Seemannsmission:

„Im November 2008 begann die Weltwirtschaftskrise ihre Auswirkungen auf die Schifffahrt zu zeigen, und in Kiel – wie in vielen anderen Häfen – wurden die ersten Schiffe aufgelegt. Seemannsdiakon Rudi Saß und unsere ehrenamtlichen Bordbetreuer haben die Seeleute besucht, mit ihnen Ausflüge gemacht und sie in unsere Seemannsheime in Holtenau auf der anderen Seite der Förde eingeladen. Aber es kamen immer mehr Schiffsauflieger dazu, und schon bald war klar, dass wir für die in unseren Kieler Häfen ‚gestrandeten‘ Seeleute mehr tun mussten.  So wurde die Idee eines Seemannsclubs im Ostuferhafen geboren.

Der Seemannsclub „Baltic Poller“ ist montags, mittwochs und freitags jeweils von 18.00 h – 21.30 h geöffnet. So können die Seeleute für einige Stunden in der Woche dem tristen Bordalltag eines Aufliegers entrinnen. Dass das Angebot angenommen wird, scheint außer Zweifel. Schon vor der offiziellen Eröffnung wurde der Club besucht, und zur Einweihung waren mehr als 20 Seeleute unterschiedlicher Nationen gekommen.“



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