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vonHelmut Höge 22.07.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Glückwünsche zum neuen Heim!

Es gibt eine „Erste legale Hausverlosung“ („www.berlin-hausgewinn.at“). Das „at“ deutet bereits darauf hin, dass dieses neue „Glückspiel“ aus Österreich über uns gekommen ist. Dort verlost u.a. eine „Trudi“ auf „winyourhome2day“ eine „Finca“ auf Mallorca. Warum? „Es sind zigtausende welche sich mühsam ein Eigenheim mit Hilfe von Hypotheken und entsprechender Absicherung durch aufgezwungene Nebenprodukte finanziert haben und nun, weil sie vielleicht den Arbeitsplatz verloren, wegen Krankheit nicht arbeiten können oder durch den großen Druck die Familie auseinandergerissen wurde, dann die Raten nicht zahlen können…“ Und weil die Zwangsversteigerung des Hauses durch „ihre“  Bank derzeit nicht einmal alle ihre Schulden tilgt, heißt laut Trudi „die Lösung: Verlosung!“

In Deutschland war ein solches Verfahren der Inbesitznahme („Gewinnen Sie Ihr Traumhaus!“) bisher verboten, aber ihr hiesiger Durchsetzer, Herr Kellner, bekam dann doch eine Genehmigung vom Brandenburgischen Innenministerium. Es ging ihm konkret um eine „Hausverlosung südlich von Berlin“. Das Objekt gehört dem Ehepaar Kellner seit 1998, aber weil sie zurück nach Österreich wollten, versuchten sie es wieder zu verkaufen. Da ihnen das nicht gelang, erlaubte man ihnen  2009, ihre golfplatznahe Landvilla zu verlosen. In einer Pressemitteilung erklärte daraufhin das Ehepaar:  „Wir möchten die Gewinn- Chance für jeden einzelnen so hoch wie möglich gestalten, deshalb möchten wir die Verlosung nur mit 18.000 Teilnehmern durchführen. Die Chance, einen Treffer zu landen, ist ungleich höher als beim Lotto, 1:18.000 ist die Chance, das Haus zu gewinnen, oder noch höher, wenn Sie mehrere Lose kaufen, beim Lotto ungefähr 1:15.000.000…Registrieren Sie sich und Sie haben die große Chance, dieses Objekt zum Preis von 49 Euro zu erwerben.“

Auf der eingangs erwähnten Internetseite findet man dazu ein goldenes „LZ“-Siegel: „Geprüfte Verlosung. Lottozentrale“, dazu vier Photos von der Kellnerschen Landvilla: außen gepflegter Rasen, eine säulengefaßte Veranda mit Palmen und eine Doppelgarage; innen gediegene Ledersessel, schwere Sideboards und ein  Kamin.

Stolz auf das eigene Haus und den neuen Jägerzaun drumherum.

Weil die damit verbundene Aufforderung „Spielen Sie mit!“ den Adressaten (eigenheimerpichte Ehepaare mit zu wenig Eigenkapital z.B.) erst einmal zur Kenntnis gebracht werden mußte, hing sich Herr Kellner ans Telefon und informierte einen Hauptstadtjournalisten nach dem anderen, auch mich. Er wollte, dass über seine Hausverlosungsidee berichtet werde und rief deswegen sogar mehrmals an.

Ich war zu der Zeit jedoch eher mit dem Gegenteil beschäftigt: mit den ehemaligen Hausbesetzern in Kreuzberg, die ihre Immobilien links und rechts der Oranienstraße in den Achtziger- und Neunzigerjahren zu Öko-Stadtvillen auf- und ausgebaut hatten – und darüber zu Verlierern einer neuen Gentrifizierungswelle im Bezirk geworden waren. Zwar würden sie nicht ihr einstmals besetztes Haus zwangsversteigern oder -verlosen müssen, dazu hatten sie vorgesorgt und rund um Berlin sogar noch Datschen erworben, die sie nun liebevoll zu kleinen Landvillen ausbauten, aber sie argumentierten in den ehemaligen Besetzerkneipen in S.O. 36 schon mal gerne und immer selbstbewußter rassistisch und nationalistisch à la Sarazin („Das muß man doch mal sagen dürfen“): gegen Türken und Araber vor allem, denen sie die Schuld an der ganzen derzeitigen Kreuzberger und überhaupt Misere gaben. Sie waren in die Endphase der 68er-Bewegung hineingerutscht, hatten sich mit einem Hausprojekt immobilisiert und darüber so gut wie alle Karrieremöglichkeiten verpaßt. Nun ging es ihnen wie den letzten Subproletariern, die es nach dem Mauerbau in den Sechzigerjahren verpaßt hatten, ihren Arbeitsplätzen nach Westdeutschland zu folgen. Sie soffen sich stattdessen langsam in ihren Kreuzberger „Bierhimmeln“ blöd – und wurden dann von den aktivistisch gestimmten Türken, Palästinensern und Studenten in den Siebzigerjahren langsam weggentrifiziert, wobei sie vorher noch ausländerfeindliche Rockerbanden und rechtsnationale Kioskkundenhaufen bildeten.

„Waffeln für die Hasenstraße!“

„Wir bleiben!“

Lebten sie noch, würden sie jetzt während der WM lauter Deutschlandfahnen schwenken,  nächtelang im „Problembezirk“ rumbrüllen und in die Hauseingänge pissen. Das machen nun die Verlierer der neuerlichen Gentrifizierung. Was aber bei der ersten noch undenkbar gewesen wäre, dass die sie Verdrängenden gutmütig mit ihnen Deutschlandfahnen schwenken, ist nun auch noch eingetreten. Die deutschen  Sportreporter sprechen verharmlosend von „aufklärerischem Patriotismus“ und „innerem Reichsparteitag“, der immer mehr Leute amüsierpöbelmäßig erfaßt. Und ich überlege, ob dieses ganze BluBo-Geblubber nicht ein reines Immobilienproblem ist. Schon bei der ersten Gentrifizierung des „Problembezirks“, als die Studenten aus den mit dem Mauerbau frei gewordenen Groß-Wohnungen links und rechts des Kudamms nach Schöneberg und Kreuzberg vertrieben wurden (weil die Hausbesitzer sich doch wieder um ihre Immobilien kümmerten, die der Iwan ignoriert hatte), und gleichzeitig die türkischen „Gastarbeiter“ aus den Unterkünften ihrer Betriebe auszogen und sich Wohnungen in Kreuzberg nahmen, Anfang der Siebzigerjahre also gerieten die ersteren mit den letzteren aneinander, obwohl sie sich eigentlich gegenüber den Rechten und Rockern einig waren. Das Veranstaltungsmagazin „Zitty“ titelte: „In einem Türkenghetto entscheiden nur noch Justiz und Polizei…Türken raus? Warum nicht. Zumindest einige. Es sei denn, man will den Stadtteil sterben lassen.“ Als Fazit kann man vielleicht sagen, mit den Worten von Santu Mofokeng, einem Künstler aus Soweto: „Die meisten Leute können nicht squatten, sie lassen sich schon von einem Stuhl korrumpieren.“

Früher gehörte dem die Welt, der ein gutes Pferd und eine Stunde Vorsprung hatte.

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kommentare

  • In der Jungen Welt von heute berichtet Eike Stedefeldt über eine Gruppe von Hausbausäuen, die sich als Weltretter aufspielen. Sie folgte einer Einladung in die angenehme Kühle der Kirche zum Heiligen Kreuz.

    »Am 16. April diesen Jahres haben Sie in einem Artikel in der Jungen Welt unsere Initiative erwähnt«, informiert mich die E-Mail einer Diplom-Politologin. »Daher möchten wir Sie kurzfristig auf eine Veranstaltung aufmerksam machen, in der wir uns erstmals der Nachbarschaft präsentieren.«

    Aino Simon vertritt den Vorstand der Möckernkiez eG und deren gutmenschliches Vorfeld. Ihre Genossenschaft möchte drei Hektar an der Yorck-/Ecke Möckernstraße, welche die Altanwohner gern dem Park auf dem Gleisdreieck zugeschlagen hätten, zum »Stadtquartier mit ca. 385 neuen Wohnungen« aufwerten: »gemeinschaftlich, Generationen verbindend, ökologisch, interkulturell und barrierefrei«. Alarmstufe grün.

    Die angenehme Kühle erweist sich als Irrtum. Die Christenheit betet einen strafenden Gott an, ich hätte es wissen müssen. Noch läßt das »Gespräch unter Nachbarn«, die keine sind, auf sich warten. Überwiegend ältere Frauen– Typ: langjähriges tapferes Gemeindeglied – plauschen über Stuhlreihen hinweg. Vermerken an den Sommerkleidern zufolge heißen sie Ingeborg, Rosemarie, Gabi, Brigitte. »Du mußt dir ein Namensschild holen, Inge, damit die sehen, wer wir sind und wer die anderen!« Ein Satz wie aus einem Standardwerk zum Fremden-Diskurs: Es geht hier also ums Dazu- und Nichtdazugehören, ums Ab- und Ausgrenzen, um »wir« und »die«.

    »Wir« haben »für uns« ein Podium aufgebaut. Dahinter eine Leinwand, auf der versehentlich ein Dateimanager und so was wie das Elfte Gebot erscheint: »Du sollst das Recht der Armen nicht beugen.« Dann startet eine Frontalunterrichtung. Frau Simon hält (feministische Psychologie, Grundkurs) ihr Kindleinklein vor der Mutterbrust, während aus ihrem lieblichen Munde die Bessere Welt sprudelt: »nachhaltige Stadtentwicklung selbst gestalten«, »Partizipation der zukünftigen BewohnerInnen und der Menschen in den umliegenden Bestandsbauten bei der Gestaltung des Quartiers«, »attraktiver Wohnstandort mit wohnungsnahen Versorgungseinrichtun­gen«, »autofrei«, »Förderung und Stärkung des sozialen Zusammenhalts der Menschen im Kiez«, »Passivhäuser, eine phantastische Sache!«, »selbstbestimmtes Altern«, »Design für alle«. Ergo: »Auf dem Baufeld Möckernkiez soll kein Luxusviertel entstehen, sondern ein offener und bunter Lebensraum, der zu Kreuzberg paßt und der sich nach außen öffnet.« Stolz verweist sie auf »fast tausend« Mitglieder. Noch Zweifler? »Wir betrachten uns nicht nur als Genossenschaft, sondern als Bürgerinitiative!«

    »Die« dürfen fragend am »Gespräch« teilnehmen, »wir« fragen nicht. Frau Simon teilt mit: »Der Kaufvertrag für den Baugrund ist unterschrieben. Den Kaufbetrag muß die Genossenschaft allerdings Ende Juli 2010 nachweisen.« Weil sonst im August der städtebauliche Vertrag mit dem Bezirksamt platzt. »Wir stehen kurz vor diesem Ziel, deshalb haben wir Sie eingeladen.« Kovorstand Ulrich Haneke präzisiert: »Das Investvolumen beträgt 72 Millionen, das macht 2000 Euro/m2 Baukosten. Davon müssen wir 30 Prozent als Eigenkapital nachweisen. Wir haben bisher Zeichnungsverträge in Höhe von acht Millionen, bis Ende Juli werden 21 bis 22 Millionen gebraucht.«

    Ach, so läuft der Hase: Wegen 14 Millionen in 14 Tagen lud man zum »Gespräch« und verteilt Vordrucke zur »Beitrittserklärung« am Eingang. »Inzwischen haben wir 450 Mitglieder in der eG«, straft der altgediente Sozialdemokrat Frau Simon Lügen. 450 bei 385 Einheiten? »Das werden keine Eigentumswohnungen, sondern Mietwohnungen in genossenschaftlichem Eigentum.« Demnach handelt es sich beim Formular »Interessensbekundung für das Projekt Möckernkiez«, worin man als »bevorzugte Wohnform« auch »Eigennutzer von Wohneigentum/Erwerb einer Wohnung« ankreuzen kann, wohl um einen Streßtest für Kleinanleger.

    »Das Ganze läuft auf eine Nettokaltmiete von 8,30 Euro hinaus. Es werden vorwiegend kleine Einheiten gebaut, damit sich möglichst viele die Wohnungen leisten können«, beruhigt der laut Tagesspiegel »entschiedene Befürworter von Hartz IV« eine Interessentin. »Wenn jemand merkt, daß er sich später die Miete doch nicht leisten kann, gibt es für solche Fälle auch Klauseln zum vorzeitigen Ausstieg aus der Genossenschaft.«

    Aber jetzt brauchen »wir« erst mal solvente Nachbarn für »unser Modellprojekt«, aus dem »wir«, sofern es je realisiert wird, die zu Armen notfalls dankend entlassen. Haneke immerhin warnt: »Wir verstehen uns als soziales Projekt, aber wenn wir uns die Preise ansehen, dann ist es schon nicht mehr so sozial.« – »So«?

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