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vonHelmut Höge 05.10.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Aus gegebenem Anlaß (taz-genossenschafts-Jahresversammlung) sei noch einmal an den Genossenschafts-Vordenker Charles Fourier erinnert.
Der „Utopische Sozialist“ war der Erfinder des „bedingungslosen Grundeinkommens“ – als nur recht und billige Kompensation der zuvor verlorenen Weiderechte, der Jagd-, Fischerei und Holzeinschlagsrechte – infolge ihrer Privatisierung, die jetzt gerade die letzte Allmende-Ressource „Wasser“ erfaßt hat. Das sei hier aber nur am Rande erwähnt.

Poller und Pilon vor der Deutschen Botschaft in Kiew. „Die Botschaft war so dermaßen abgepollert“, schreibt dazu der Photograph und Pollerbuch-Herausgeber Philipp Goll, dass es geradezu eine deutsche Message war.


Charles Fourier ging es in seinem berühmten Genossenschafts-Projekt „Phalanstère“ um eine Transformation der Arbeit in Lust. Bedingung dafür ist, so schreibt er seinem Hauptwerk „Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen“, eine möglichst heterogene Zusammensetzung der Kollektive: „Sie bestehen aus Personen, die sich in jeder Hinsicht voneinander unterscheiden, in Alter, Besitz, Charakter, Verstand etc. Die Mitglieder müssen so gewählt werden, dass sie miteinander kontrastieren und eine Stufenfolge von reich zu arm, von gebildet zu unwissend (von jung zu alt) etc. ergeben. Je größer und abgestufter die Unterschiede sind, um so mehr fühlt sich die Gruppe zur Arbeit hingezogen, erhöht sich ihr Gewinn und erzeugt soziale Harmonie.“

In der Realität – der Genossenschaftsbewegung – scheint man dann jedoch eher das Gegenteil angestrebt zu haben: Eine zunehmende Homogenität der Kollektive. Wohl in der Hoffnung, damit schneller Übereinkunft bei wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen zu erzielen. Dies war bei den ersten genossenschaftlichen Vereinigungen der Handwerker und Arbeiter bzw. Arbeitslosen der Fall. Mindestens in ideologischer oder geistiger Hinsicht galt das auch für die ganzen „Kommunen“, die im 19. Jahrhundert in den USA entstanden sowie für die späteren Kibbuzim in Palästina. In anderer Weise dann für die Behinderten-Genossenschaften nach den „Weltkriegen“. Aber auch für die ganzen aus der Studentenbewegung heraus entstandenen Kollektive, Alternativbetriebe auch genannt. Am Beispiel der sich immer mehr diversifizierenden (spaltenden) linken Zeitungen in den Siebzigerjahren läßt sich gut ablesen, wie eine immer größere Homogenität im Denken angestrebt wurde, schon die kleinste Differenz wurde als Grundsätzlich begriffen – und führte zur Entstehung einer neuen „Plattform“. Für die sich damals ebenfalls gründenden Alternativbetriebe gilt Ähnliches in der Einstellung ihrer Mitglieder zum Verhältnis von Arbeit und Leidenschaft, das allerdings einem Wandel unterworfen war.

Gerade veranstalteten 32 Berliner Kollektivbetriebe ein zweitägiges Treffen unter dem abgewandelten Adorno-Motto aus seiner „Minima Moralia“: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ – dem wurde mit dem Titel für das Kollektivtreffen: „Richtiges im Falschen“ gewissermaßen vorsichtig widersprochen. Die versammelten Kollektive stammten z.T. noch aus der Alternativbewegung, ein großer Teil war jedoch erst nach der Wende gegründet worden, wobei es sich zumeist um Kneipenkollektive handelte. Auch in der Zusammensetzung dieser „Mini-Genossenschaften“ kann man noch einen Willen zur Homogenität spüren, zudem waren zu dem Treffen keine türkischen, palästinensischen, zigeunerischen, afrikanischen oder vietnamesischen Kollektive eingeladen worden – und auch nur wenige Ostberliner. Das Treffen selbst fand dann ebenfalls ein sehr homogenes (junges, gebildetes) Publikum. Obwohl der erste Tag im Kreuzberger Kneipenkollektiv „Meuterei“ eher auf ein diskutierfreudiges und der zweite im großen Club „about blank“ am Ostkreuz eher auf ein amüsiergestimmtes Publikum stieß.

Als Charles Fourier auf die größtmögliche Heterogenität bei seinen Arbeitskollektiven in der „Phalanstère“ setzte, geschah dies in der Restaurationszeit nach der Französischen Revolution, die die Idee der „Menschenrechte“ aufbrachte. In der jetzigen Restaurationszeit nach dem Zusammenbruch des Sozialismus, da es nicht mehr um eine weitere „Modernisierung“, sondern um eine „Ökologisierung“ der Welt geht, kam ein neuer Kollektiv-Entwurf heraus, der eine Erweiterung der Menschenrechte auf die nicht-menschlichen Wesen einfordert. Die neuen Kollektive des Wissenssoziologen Bruno Latour verlangen eine noch größere Heterogenität als die von Fourier: Sie sollen nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern auch Dinge (Artefakte) aufnehmen, oder besser gesagt: Wir sollen sie nicht länger – gemäß der cartesischen Subjekt-Objekt-Dichotomie – als von uns geschieden abweisen, da wir Menschen inzwischen selbst alle zu Hybriden uns entwickelt haben und so mit ihnen bereits eng verbunden sind.

In den Latourschen Kollektiven nun geht es darum, erstens zu bestimmen, wer dazu gehören darf, dazu benötigen die Kandidaten Sprecher, und zweitens geht es darum, immer mehr potentielle „Genossen“ mit einzubeziehen. „Die genossenschaftliche Ordnung zieht aus allen Wunderlichkeiten ihren Vorteil und weiß alle erdenklichen Leidenschaften zu nützen, denn Gott hat keine einzige unnütze geschaffen“, das ist nicht von Latour, sondern von Fourier. Dieser erklärte dazu: „Unter den Leidenschaften gibt es zwittrige und bizarre Neigungen, ebenso wie man unter den Pflanzen Mischformen findet, die keiner Sorte zugehören.“ Fourier selbst besaß eine Leidenschaft für lesbische Dominas, wenn ich das richtig erinnere. Apropos: Zu dem Kollektivtreffen war auch keines der von Frauen betriebenen Bordellbetriebe eingeladen worden, von denen es immerhin noch etwa 100 in der Stadt gibt. In ihnen wird die Lust in Arbeit transformiert.

WEITERE KIEW-POLLER UND -PILONE

Alle Kiew-Photos: Philipp Goll

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