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vonHelmut Höge 18.10.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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DDR-Arbeiterporträt 1

Übermorgen findet eine Vorstellung des Buches von Annette Jensen über die Ostbetriebe nach der Wende statt: am 20.10 also um 19 Uhr 30 im taz-café. In der Vorankündigung heißt es: „Politisch war die Deutsche Einheit schnell unter Dach und Fach – wirtschaftlich nicht. Einen erheblichen Anteil daran hatten Währungsunion und Treuhand. Wie haben die Menschen in den Betrieben Wende und Absturz erlebt? Was ist aus ihnen geworden? Annette Jensen hat eine Geschichte von unten geschrieben. “

Mit der Autorin diskutieren werden dabei der letzte Betriebsratsvorsitzende des Ostberliner Werks für Fernsehelektronik (WF) Wolfgang Kibbel und die Wirtschaftsredakteurin der taz Ulrike Herrmann.

DDR-Arbeiterporträt 2

1996 berichtete ich über das Werk für Fernsehelektronik in Oberschwöneweide:

Oberschweineöde, so nannten die Arbeiter das Industriegebiet Oberschöneweide im Berliner Bezirksteil Köpenick zu DDR-Zeiten. Heute ist es dort noch öder: Viele Läden stehen leer, Häuser sind „ausgewohnt“ und vernagelt. Das Fabrikgelände an der Spree entstand um die Jahrhundertwende, als Emil Rathenau neue AEG-Fabriken auf der damals noch grünen Wiese errichten ließ. 1914 baute ihm dort der Architekt Peter Behrens ein Autowerk – die Nationale Automobil Gesellschaft (NAG).

An der einen Seite wurde Oberschöneweide von Flußschiffen versorgt, auf der anderen von der Wilhelminenhofstraße: mit Eisen- und Straßenbahn-Gleisen und einem Dutzend Schichtarbeiterkneipen vis à vis den Fabriktoren. Nach der Wende und dem Rückgang der Produktionszeit auf eine Schicht mußten die meisten schließen. Die Treuhandanstalt verkaufte zügig die auf ihre vermeintlichen Kerngeschäfte reduzierten Großbetriebe.

Den Anfang machte die AEG, die – obwohl inzwischen selbst eine von Abwicklung erfaßte Tochterfirma der Daimler-Benz AG – von der Treuhand das für sie wenig sinnvolle Transformatorenwerk (TRO) wiedererwarb. Sie investierte 46 Millionen Mark Fördermittel. Die übernommenen 700 Mitarbeiter wähnten sich fast verbeamtet.

Seit Jahresanfang wissen die „Trojaner“, daß die AEG sich verpflichtete, den Transformatorenbau in Oberschöneweide stillzulegen, bevor die „GEC Alsthom“, eine Tochterfirma des französischen Konzerns Alcatel, sie übernimmt. Es heißt, es gebe eine „TR- Vernichtungsklausel“ im Kaufvertrag. Seitdem kämpft der Betriebsrat für eine vom Senat und vom Arbeitsamt mit zu finanzierende „Auffanggesellschaft“.

Das Institut für Nachrichtentechnik (INT) nebenan hatte 1992 die deutsche Alcatel-Tochter „Standard Elektrik Lorenz“ (SEL) erworben. Dort stehen demnächst weitere Massenentlassungen an. Das Gebäude bekam ein Immobilienhändler, der neue Firmen, darunter eine Spielhalle und einen Billardsalon, ansiedelte.

Dahinter stand einst das Innovations- und Gewerbezentrum von Halbzeugzulieferern – mit hohen Synergieeffekten. So hoch, daß die DDR-Regierung es in den fünfziger Jahren kurzerhand zu einem volkseigenen Betrieb – „Berliner Metall- und Halbzeugwerke“ (BMHW) – zusammenfaßte. Der wurde 1990 von der Treuhand ganz abgewickelt. Getränke-Hoffmann und Aldi errichteten dort einen Supermarkt.

Weiter flußabwärts besaß das TRO-Werk noch ein zweites Betriebsgelände, das die Berliner Landesentwicklungs-Gesellschaft (BLEG) von der Treuhand kaufte, um es neu zu entwickeln. Die BLEG gehört zur einen Hälfte dem Land Berlin und zur anderen der Landesbank. Auf diesem „Gewerbegebiet Tabbert-/Nalepastraße“ ist die Hälfte der Grundstücke bereits weiterverkauft: an einen Papierfabrikanten, einen Filmhersteller, einen medizintechnischen Betrieb, einen Maschinenbauer und eine Textildruckerei.

An der entgegengesetzten, der südöstlichen Seite des TRO-Werkes stehen die zum Teil denkmalgeschützten Hallen der Kabelwerke Oberspree (KWO). Sie wurden 1992 von der British Callendar Company (BICC) erworben, obwohl es bereits große Überkapazitäten in der europäischen Kabelproduktion und besonders in Berlin gab.

Die für die BICC nicht mehr betriebsnotwendigen KWO- Grundstücke und Gebäude erwarb die BLEG 1993. Aus drei der ehemaligen KWO- Gebäude entsteht dort das Handwerks- und Gewerbezentrum „Wilhelminenhof“. Die Räume werden bereits jetzt – für 12,50 Mark pro Quadratmeter – vermietet. Die Betreiber rechnen mit einer Warteliste. Große Teile des Geländes sind seit dem Ersten Weltkrieg arsenverseucht, von daher besteht die Gefahr einer Grundwasservergiftung. Die BLEG hat erst einmal mehrere „Sanierungsbrunnen“ zur Boden-Luft-Reinigung aufgestellt. Einen Teil des Ufergrundstücks wird sie in öffentliches Grünland umwandeln, statt es teuer abtragen zu lassen.

In der von der BLEG erworbenen „Rathenau-Villa“ haben sich einige mit der Gesamtenwicklung des „Industrie- und Gewerbegebietes Spreeknie“ betraute Ingenieur- und Architekturbüros eingemietet.

Ein weiterer öffentlicher Zugang zum Fluß entsteht zwischen dem TRO- und dem KWO-Werk, wo erneut eine Fußgängerbrücke – der Kaisersteg – über die Spree geplant ist, davor ein sogenannter „Stadtplatz“ mit Läden, Wohnungen, Sozialeinrichtungen. Dieses Gelände gehört zur Hälfte dem Bezirk Köpenick und zur anderen der Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft, die neuerdings auch mit „Development“-Aufgaben liebäugelt.

Während die europäischen Elektrokonzerne sich am Spreeknie zurückziehen, treten die Staatsbetriebe dort in Planungs- und Entwicklungskonkurrenz. Ihre „Visionen“ sind bescheidener geworden: Die ersten Pläne sahen 1992 noch pompöse Yachthäfen vor. Selbst die Arbeiterkneipen waren davon angesteckt: So ließ sich der Zapfer der „Sportklause“ („Sporti“) zur Fortbildung nach Las Vegas schicken, um sich Inspirationen für seine HO-Kneipe zu holen. Als er zurückkam, hatte seine Frau schon Konkurs angemeldet.

Auf der anderen Seite der Wilhelminenhofstraße steht das Batteriewerk BAE. Ein Teil dieses Betriebes ist, nachdem sich ein Joint-venture mit Varta zerschlagen hatte, von seinen leitenden Angestellten privatisiert. Die Geschäftsführung residiert in der „Quandt-Villa“. Und im alten Verwaltungsgebäude betreibt der Köpenicker Alkoholikerkreis ein „WAS-Haus“ („Wohnen-Arbeit- Sucht“).

Das riesige BAE-Kulturhaus mit Theatersaal steht leer. 1994 beherbergte es ein kurdisches Kulturzentrum, das sich aber in dieser deutsch-proletarischen Gegend nicht lange halten konnte. 80 Prozent der Bewohner sind Sozialhilfeempfänger, ergab jüngst eine Kundenstudie der Supermarktkette „Kaiser’s“. Die Filialleiterin schaffte den Langen Donnerstag wieder ab. Das Gelände des Batteriewerkes ist stark bleiverseucht.

Der größte Betrieb im Spreeknie war zu DDR-Zeiten die NAG – das Werk für Fernsehelektronik (WF). 1992 erwarb es der koreanische Konzern Samsung. Er verpflichtete sich, tausend der vormals zehntausend Leute weiter zu beschäftigen und 50 Millionen Mark zu investieren. Beide Vorgaben hatte er bereits Anfang 1995 deutlich überschritten. Dazu ließ die Geschäftsführung die Kantine modernisieren, einen Park anlegen, richtete ein Fitneßzentrum und ein „Duty Free“-Warenhaus ein. Demnächst wird noch eine zweite Kantine sowie eine dritte Produktionslinie in Betrieb genommen.

Die Belegschaft ist wohl als einzige im Spreeknie mit ihrer Geschäftsleitung zufrieden, obwohl der Betriebsrat 1995 einer Regelung zur dreischichtigen Wochenendarbeit zustimmen mußte. Das liegt auch daran, daß sie in den letzten drei Jahren – und nicht zuletzt auf Lehrgängen in Seoul – den Eindruck gewann, daß Samsung trotz aller möglichen Expansionsbehinderungen, durch deutsche Konkurrenten etwa, „an einem längerfristigen Engagement in Deutschland und auch an der Farbbildröhrenfertigung in Oberschöneweide festhält“. Dazu der Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Kippel: „Wer es schafft, bei Samsung reinzukommen, der verläßt den Betrieb als Rentner.“

Der Hang koreanischer Konzernherren zur Übernahme von Totalverantwortung für ihre Mitarbeiter scheint hier aufs schönste mit dem im Osten ausgeprägten Wunsch nach einer lebenslänglichen Arbeitsplatzsicherheit zu harmonieren. Beim WF kommt dazu noch die Bescheidenheit des seit einem Jahr als Präsident eingesetzten „Samsung-Man“ In Kim. Er trägt stets eine Art asiatisches FDJ-Hemd und reiht sich wie alle in die Essensschlange der Kantine ein. Dort gibt es auch koreanische Gerichte. In Kim sieht eine Bestätigung für die Richtigkeit seines Führungsstils auch darin, daß, obwohl nur zwanzig Koreaner im Werk arbeiten, inzwischen „über achtzig koreanische Gerichte täglich“ verspeist werden. Tendenz steigend.

Auf der anderen Straßenseite besaß das alte WF einen weiteren Betriebsteil, den es gleich nach der Wende aufgab. Er gehört heute ebenfalls der BLEG, die dort ein „Technologie- und Gründerzentrum Spreeknie“ (TGS) errichten wird. Schon jetzt haben sich dort sechs ausgegründete WF-angesiedelt. Sie wurden zunächst von einer „Entwicklungs- und Qualifizierungsgesellschaft“ betreut und mit ABM-Stellen betrieben. Dazu kommen vier neue Firmen. Es gibt weitere Pachtinteressenten. Einer Recyclingfirma widerfuhr allerdings gerade die Zerschlagung eines Großauftrags von Siemens. der Münchner Konzern war der Ansicht, daß die Pruduktionsbedingungen am Standort Oberschöneweide allzu provisorisch seien.

Der IEA-Elektrokartell-Führer Siemens vermasselte auch Samsung eine vielversprechende Akquise: Nachdem die Koreaner 1995 ihr Interesse an dem in finanziellen Schwierigkeiten steckenden ostdeutschen Ökokühlschrank-Hersteller Foron bekundet hatten, teilte Siemens ihnen mit, sie würden das als unfreundlichen Akt ansehen: Samsung zog seine Kaufofferte zurück. In den derzeit noch halb leerstehenden Behrens-Bau – dem Wahrzeichen von Oberschöneweide, in dem sich bis 1994 das Technikmuseum des WF befand (unter anderem waren dort Störsender gegen den Rias und ein besenschrankgroßer Mikrowellenherd aus dem Jahr 1962 ausgestellt) – sollte eigentlich die neue Samsung-Europazentrale einziehen. Hierbei kam dem Bemühen des Berliner Senats aber der englische Wirtschaftsminister zuvor, der viermal nach Seoul reiste: Dann entschieden sich die Koreaner für London statt Berlin. WF- Präsident In Kim geht jetzt davon aus, daß die Deutschland-Zentrale von Frankfurt am Main in den Behrens-Bau zieht, dazu die Vertriebszentrale für einen neuen Samsung-Mittelklassewagen, der ab 1998 in Europa verkauft wird. Damit würde am Spreeknie wieder ein Auto-Hersteller ansässig.

Gegenüber von Samsung, zwischen der Batteriefabrik (BAE) und dem Technologie- und Gewerbegebiet Spreeknie (TGS), liegt noch ein kleines Wohnquartier, das die BAE-Geschäftsführung 1994 miterwarb, weil dort zumeist BAE-Beschäftigte eingemietet und an die „Giftbude“ nebenan gewöhnt waren. Außerdem konnten einige Mieter die eigenhändige Umwandlung des bleiverseuchten und versiegelten Hinterhofs in einen blühenden Garten mit Karpfenteich und Grillplatz bis 1991 über den Betrieb abrechnen. Danach gab ihnen das Bezirksamt noch ein „Begrünungsgeld“ von 100.000 Mark. Seitdem drehen im beleuchteten Teich japanische Designerkarpfen (Kois) ihre Runden. Die zum großen Teil arbeitslos gewordenen Mieter schauen ihnen von ihrer skobalitüberdachten Hinterhofveranda aus zu – und trinken Bier.

Dabei kam einem – der zuletzt als Betriebsrat im BAE einen Hungerstreik organisierte – die Idee, in die Politik zu gehen. Obwohl Mitbegründer der SPD im Osten, kandidierte Peter Hartmann als Bundestagskandidat für die PDS, sein Wahlbüro eröffnete er im kurdischen Kulturzentrum: Er kam als Nachrücker für Stefan Heym tatsächlich ins Parlament. Seitdem berichtet er seiner Hinterhofrunde, was in Bonn so alles diskutiert wird: Bisher waren das die „Kakaopreise auf dem Weltmarkt“, die „Klitorisbeschneidung im Zusammenhang der Menschenrechte“ und die „neue europäische Rebstock-Verordnung“. Anfangs war er sich noch unsicher: „Wie kann ich das bloß meinen Leuten in Oberschöneweide vermitteln?“ Inzwischen haben seine Kumpel ihren Gefallen daran gefunden: „Unser Horizont hat sich enorm erweitert.“

DDR-Arbeiterporträt 3

2010 war ich im halb leerstehenden Werk für Fernsehelektronik, anschließend schrieb ich in der taz über meine neuen Eindrücke in Oberschöneweide:

„Landete der gewöhnliche Oberschöneweider doch mal im Ehebett statt in der Gosse, ging es der Frau, dem Kind und der Wohnungseinrichtung an den Kragen“, schrieb Karsten Otte in der BZ-Serie „Mein-Kiez-Tagebuch“, das er 2004 als Buch unter dem Titel „Schweineöde“ veröffentlichte. Der dortige, an der Verbesserung des „Images“ von Oberschöneweide interessierte Unternehmerstammtisch meinte dazu 2005 in der taz: „Alles erstunken und erlogen!“

Wahr war: In dem einst größten Industriegebiet Berlins, wo zu DDR-Zeiten über 30.000 Menschen arbeiteten, hatte die Treuhandanstalt ganze Privatisierungsarbeit geleistet. Von den sechs Großbetrieben – „Metallhütten und Halbzeugwerke“, „Institut für Nachrichtentechnik“, „Transformatorenwerk“, „Kabelwerk Oberspree“, „Werk für Fernsehelektronik“ und „Batteriewerk“ – überlebte dort an der Wilhelminenhofstraße nur das Letztere, das „BAE“. Und auch das nur, weil die Geschäftsführer ihren Laden selbst übernahmen. Sie residieren jetzt in der „Quandt-Villa“. Ihr ehemaliges Verwaltungsgebäude vermieteten sie an die Alkoholikerhilfe „Strohhalm“.

Vis-à-vis in die „Rathenau-Villa“ zog 2003 eine Landesentwicklungsgesellschaft, um aus dem „heruntergekommenen Problemviertel“ wieder eine „Topadresse“ zu machen. Die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft wurde zum Umzug von Karlshorst nach Oberschöneweide, in die Gebäude des Kabelwerks (KWO), bewegt – für 150 Millionen Euro. Daneben wurde eine 1945 von der SS gesprengte Fußgängerbrücke über die Spree, der Kaistersteg, wiedererrichtet. Mit dem Umzug der FHTW in den Kiez wandelten sich die zuletzt rechten Schichtarbeiterkneipen zu schicken Studentencafés.

Ein ehemaliger Ruhnke-Manager erwarb das Gelände des Transformatorenwerks (TRO) und siedelte dort Künstler an. Ihr Berufsverband bekam Ateliers. Fast alle Wohnhäuser wurden saniert. Nun heißt es in einem Faltblatt Kunst am Spreeknie: „Mittlerweile tut sich etwas. Stadtentwicklungspolitiker, Investoren, Glücksritter und Spekulanten haben ihren Fokus auf Oberschöneweide gerichtet. Die Ersten schicken Büros, Ateliers und Wohn-Lofts sind vermietet.“

Am Wochenende veranstaltete das Kiezbüro meineschoeneweide.de drei Tage der offenen Galerie-Tür. Allein das studentische Programm „Schnipseljagd“ auf dem Campus der FHTW war kaum zu schaffen. Der eingezäunte Campus befindet sich jetzt zwischen zwei Strand-Cafés, wovon eins mit einem teuer umgebauten Kran prunkt. In der Fabrikhalle des anderen Cafés – „Industriesalon“ genannt – zeigte der DDR-Menschenfotograf Georg Krause Arbeiter an ihren Maschinen in den Fabriken der Wilhelminenhofstraße – der „traurigsten Straße Berlins“, wie die BZ 2005 titelte.

Im „Atelierhaus 79“ begann eine Führung: „Vom Kabelwerk zur Denkfabrik“. In einer Ausstellung wurden Produktionsprozesse (von Elektronikröhren) aus dem Werk für Fernsehelektronik (WF) gezeigt, verbunden mit Video-Interviews von einstmals dort Beschäftigten und Exponaten aus dem früheren WF-Museum im „Behrends-Turm“: ein DDR-Mikrowellenherd, Baujahr 1963, und Störsender, um den antikommunistischen Westsender Rias vom Territorium der DDR fernzuhalten.

Vor allem erstaunte auf dem etwa zwei Kilometer langen Rundgang durch die „Kunst am Spreeknie“, wie viel Künstler und sogenannte Kreative es doch anscheinend in der Stadt geben muss, wenn jetzt schon wieder ein neuer Kiez von ihnen derart „revitalisiert“ wird. Bald gibt es nur noch Kunst-Kieze.

Der Charlottenburger Künstler Thomas Kapielski meinte einmal: „Nach Berlin zogen immer nur solche, die im Malen eine Eins und im Rechnen eine Fünf hatten.“ Hoffentlich bleibt das so! Obwohl mir manchmal doch schon ein regelrechter Kunsthass hochkommt. Und junge Frauen, die – fleischfarbene Trikots tragend – Schleiertänze in den leeren Fabrikhallen beiderseits der Spree vorführen, kann ich auch nicht mehr sehen.

Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung von Anja Schwanhäuser über diese ganzen Kunstschwärme („Ethnographie einer Berliner Scene“) kommt allerdings zu dem Schluss, dass es sich dabei jedes Mal um ein und dieselbe Truppe handelt: „Diese Szene schweift im Stadtraum umher und funktioniert seine Leerstände zu ,locations‘ um.“ Alles klar.

DDR-Arbeiterporträt 4

Industry-Memories reloaded

„Die Agfa-Orwo-Story“ so heißt die „Geschichte der Filmfabrik Wolfen und ihrer Nachfolger“, die am 27.9. von dem Wirtschaftshistoriker Rainer Karlsch und dem Kulturwissenschaftler Paul Werner Wagner in der „Möwe“, dem ehemaligen DDR-Künstlerclub und jetzigem Domizil der Landesvertretung Sachsen-Anhalt, vorgestellt wurde. Initiiert hatte diese Betriebsgeschichte die landeseigene MDSE – „Mitteldeutsche Sanierungs- und Entsorgungs-Gesellschaft“, die  eigentliche Rechtsnachfolgerin der Filmfabrik. Ihre Aufgabe ist die Boden- und Grundwassersanierung, außerdem versucht man dort die Liegenschaften „wieder in Umlauf zu bringen“, wie MDSE-Geschäftsführer Thomas Naujok erklärte. U.a. haben sich einige Solarenergie-Firmen auf dem „Chemiepark Wolfen Bitterfeld“ angesiedelt. Man spricht bereits von einem „Solar-Valley“. Auf alle Fälle wird dort das Licht nun nicht mehr technisch in bunte Bilder, sondern in reine Energie umgewandelt.

Am Anfang ging es um die Herstellung von Teerfarben. Dazu gründeten die Chemiker Paul Mendelssohn Bartholdy und Carl Alexander von Martius 1867 die Agfa (Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation), zunächst in Berlin-Treptow – hier entstand der erste Schwarz-Weiß-Rollfilm. Wegen der Immobilienpreise, der billigeren Arbeitskräfte, der besseren Luft und der Braunkohlen- sowie Kalinähe zog die Firma 1895 auf Anraten von Walther Rathenau in das Dorf Wolfen. Das sich ständig vergrößernde „Werk war für die Leute dort eine Familie, es hat auch der Region viel gegeben,“ so einer der Autoren. In diesem Zusammenhang hoben sie insbesondere das Wirken des Agfa-Betriebsarztes Dr. Fritz Curschmann hervor, der bis 1931 dafür sorgte, dass Werkssiedlungen, eine  Poliklinik, ein Schwimmbad, ein Kulturhaus und Ferienheime für die Beschäftigten gebaut wurden, nicht zuletzt, um eine „loyale  Stammbelegschaft“ aufzubauen und neue Wissenschaftler anzulocken. Nach der Novemberrevolution arbeitete er ein  „Betriebsrätegesetz“ aus, das bald im ganzen Reich galt.

Weil sich das neue Medium (Chemie-) „Film“ in den Zwanzigerjahren im Aufschwung befand, expandierte auch die Agfa – in alle Welt. Mit der digitalen Bild-Erfassung kam dann aber das endgültige Aus für Agfa-Orwo.  Auf phototechnischem Gebiet hoben die Autoren der Unternehmensgeschichte die Chemiker Robert Koslowsky und Wilhelm Schneider hervor. Ersterer verbesserte den Schwarzweiß-Film – u.a. in dem er Goldstaub in die Emulsion mischte: „das größte Geheimnis der Agfa“ – auch  „Koslowsky-Effekt“ genannt, und letzterer entwickelte ein universelles Farbfilmverfahren, nicht zuletzt, weil Goebbels darauf drang, dass es zur Olympiade 1936 einen Farbfilm gab.  Gleichzeitig drängte die nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation darauf, die jüdischen Mitarbeiter zu entlassen.  Agfa-Chef Fritz Gajewski brachte sie in den japanischen und südamerikanischen Niederlassungen unter. Er wurde deswegen im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß freigesprochen, obwohl er bis 1945 KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter beschäftigt hatte, vor allem in der Zellstoff- und Viskosefaser-Produktion, die damals in Wolfen zügig ausgebaut wurde – und später für die größten Umweltverschmutzungen verantwortlich war. Erinnert sei an die CNN-Reporterin Jane Fonda, die ihre Sendung über die DDR in der Wende weinend am „Silbersee“ zwischen Wolfen und Bitterfeld moderierte. „Das hat uns enorm geschadet,“ so ein Orwo-Manager.

Agfa in Leverkusen und die Filmfabrik in Wolfen trennten sich erst 1964, daraufhin  wurde der  Name Orwo (Original Wolfen) mit einem enormen Devisenetat – 30 Mio DM – beworben – bis hin nach Indien und Brasilien. Obwohl die Alliierten nach dem Krieg alle Film-Patente für vogelfrei erklärt hatten und nach Gründung der DDR bis auf drei Chemiker alle in den Westen gegangen waren, erreichte die Filmproduktion 1953, als die Sowjets die Verwaltung des Kombinats abgaben, bereits wieder  Vorkriegsniveau: „Die Fünfzigerjahre waren noch einmal eine große Zeit,“ so die Autoren, „aber in den Sechzigerjahren geriet das Agfa-Verfahren im Gegensatz zu dem des Konkurrenten Kodak an seine Grenze. In den Siebziger-, Achtzigerjahren scheiterte Orwo dann – vor allem am Geld. Es kam nur zu teilweisen Kooperationen mit japanischen Firmen“ (die einst auf Basis der „befreiten“ Agfa-Patente entstanden waren). Als zuletzt die Produktivität der Werke in Leverkusen und in Wolfen verglichen wurde, kam heraus: In der selben Zeit da hier ein Meter Film hergestellt wird, sind es in Leverkusen 12, dazu noch mit weniger Leuten.

Die verwickelte Geschichte der Abwicklung des Riesenwerks, in dem mehrheitlich Frauen arbeiteten,  durch die Treuhandanstalt nach der Wende haben die Orwo-Betriebsräte Sonnenschein und Krause bereits währenddessen – 1990-93 – im Info der ostdeutschen Betriebsräteinitiative:  „Ostwind“ dargestellt. Die beiden Autoren Karlsch und Wagner wollten nun weder eine Arbeiterbewegungsgeschichte noch eine reine Unternehmensgeschichte schreiben, so entschieden sie sich für ein Dazwischen, was hieß, den Intelligenzlern (der „Kreativen Klasse“) bei Agfa, Orwo und in der MDSE den breitesten Raum einzuräumen. Ihre „Story“ ähnelt deswegen der 2002 veröffentlichten Geschichte der AEG, von der auch nur einige „revolutionäre“ Patente übrig blieben. Wie es  anders geht, haben kürzlich die 60 Autoren des umfangreichen Buches über die ebenfalls nach der Wende abgewickelte Großbaustelle des sachsen-anhaltinischen Mansfeld-Kombinats: „Bergbau- und Aufbereitungskombinat“ (BAK) in Kriwoi Rog gezeigt.

DDR-Arbeiterporträt 5

Das Konkurrenzprinzip

„Die Konkurrenz muss es auf sich nehmen, alle Begriffslosigkeiten der Ökonomen zu erklären, während die Ökonomen umgekehrt die Konkurrenz zu erklären hätten“. (Karl Marx) Das versuchen stattdessen die Biologen: Gerade setzten zwei US-Biologen 1703 Leguane, darunter 553 Männchen, auf einigen Bahamas-Inseln aus, wo sie überleben sollten, dazu etliche ihrer Fressfeinde (Schlangen). „Vor dem Experiment hatten die Tiere im Mittel 170 Sekunden durchgehalten, als die Biologen sie auf einem Laufband testeten. Die Männchen, die das Experiment überlebt hatten, schafften 17 Sekunden mehr. Solche Vorteile können beim Kampf um Futter oder Weibchen den Ausschlag geben. Die kräftigeren Reptilien hatten auf dicht besiedelten Inseln viel bessere Chancen, sich fortzupflanzen und ihre Eigenschaften weiterzugeben,“ schreibt die SZ am 14.Mai in einer Besprechung dieses Forschungsexperiments. So weit so gut: Wer länger durchhält beim Weglaufen (vor Schlangen) bzw. beim Hinlaufen (zu einem Weibchen) hat einen Vorteil gegenüber kurzatmigeren Artgenossen. Die SZ zitiert dazu jedoch einen der am Experiment beteiligten US-Biologen: „Manchmal ist der Tod durch den Konkurrenten wichtiger für die natürliche Auslese als der Tod durch den Fressfeind.“ Das mag vielleicht sein, ergibt sich jedoch überhaupt nicht aus der obigen Zusammenfassung des Leguan-Experiments.

Die Berliner Zeitung berichtete am selben Tag ebenfalls über „Konkurrenz“ in der Natur, wobei sie sich (natürlich) auch auf eine Forschung von US-Biologen stützte: Wenn in der Nähe einer Wolfsspinne die fleischfressende Pflanze Sonnentau wächst, webt die Spinne ein größeres Netz als sonst üblich. Umgekehrt bildet die Pflanze in der Nähe der Spinne weniger Blüten und Samen aus also sonst. Daraus folgt – für die BZ wie für die US-Forscher: „Der Kampf um begrenzte Ressourcen ist Bestandteil eines jeden Ökosystems. Überschneiden sich die Speisepläne zweier Tierarten (bzw. in diesem Fall von einer Tier- und einer Pflanzenart), kommt es zum Konkurrenzkampf.“ Ende des kurzen Textes, aus dem eigentlich das Gegenteil hervorgeht – nämlich gerade kein „Kampf“: die Wolfsspinne breitet ihr Netz weit aus, der Sonnentau schränkt seine Vermehrungsmöglichkeiten ein. Wie man weiß, sind Mutation, Selektion (natürliche und sexuelle) sowie Konkurrenz die Prinzipien, auf denen Darwinismus und Liberalismus beruhen. Sie gehören zusammen, denn die Selektion wird durch die  Konkurrenz (der Männchen untereinander – um Weibchen bzw. aller Individuen einer Population untereinander, aber auch zwischen verschiedenen Arten um Nahrung, Brutplätze etc.) in Gang gesetzt. Ein US-Regierungsberater sagte es so: „Ohne Arbeitslosigkeit  gibt es keine Innovation.“

Georg Simmel schrieb 1903 in seinem Aufsatz „Soziologie der Konkurrenz“: „Wie der Kosmos ‚Liebe und Haß‘, attraktive und repulsive Kräfte braucht, um eine Form zu haben, so braucht auch die Gesellschaft irgend ein quantitatives Verhältnis von Harmonie und Disharmonie, Assoziation und Konkurrenz, Gunst und Mißgunst, um zu einer bestimmten Gestaltung zu gelangen. Diese Entzweiungen sind keineswegs bloße soziologische Passiva, negative Instanzen, sodaß die definitive, wirkliche Gesellschaft nur durch die andern und positiven sozialen Kräfte zustande käme, und zwar immer nur so weit, wie jene es nicht verhindern. Diese gewöhnliche Auffassung ist ganz oberflächlich. Die Gesellschaft, wie sie gegeben ist, ist das Resultat beider Kategorien von Wechselwirkungen, die insofem beide völlig positiv auftreten.“

Kann man aus dieser Positivität schließen, dass deswegen der Sozialismus – ohne Konkurrenz – wenig  Chancen hat? Kein Wunder, dass die Biologen in Rußland den Darwinismus ganz anders verdauten: Dort war Darwin in sozialistischen Kreisen sehr schnell überaus populär geworden, weil es nach ihm kein begründetes Hochwohlgeboren mehr geben konnte. Auch dass der Mensch  vom Affen abstammen sollte, gefiel der russischen Linken,  nichtsdestotrotz akzeptierten sie seinen Kerngedanken,  das Konkurrenzprinzip, nicht, ebensowenig im übrigen wie die orthodoxe russische Kirche: Dies sei bloß englisches Insel- bzw. albernes Händlerdenken, hieß es. In der Weite Russlands hätte es keine Gültigkeit.

DDR-Arbeiterporträt 6


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