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vonHelmut Höge 09.01.2011

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Faszination eines antiken Großpollers. Photo-Archiv: Peter Grosse

1. Die abendliche „Kulturspelunke“

„Spätzle-Stasi“ wird der Spitzelskandal in Heidelberg genannt. Dort flog gerade ein Aktivist der Antifa-Bewegung, „Simon Brenner“, als verdeckter LKA-Ermittler auf. Überraschend war, dass er – enttarnt und zur Rede gestellt – „vom normalen Umgangston der linken Szene in einen Behördenjargon switchte,“ wie sich einer der Betroffenen wunderte. Das war bei den Stasispitzeln im „Dichterbezirk“ Prenzlauer Berg anders: Hier waren Leben und Werk – Lyrik und Frontberichte – noch identisch. Bei Sascha Anderson und Rainer Schedlinski vor allem, die einmal als „Gravitationszentren“ eines großen Kreises von Künstlern galten. Nach ihrer Enttarnung stritten sie erst mal alles ab, gleichwohl gab und gibt es Bespitzelte, die nach wie vor fast  freundschaftlich mit ihnen verkehren – die Dichter Bert Papenfuß und Stefan Döring z.B..

Schedlinski gab 1986 die Szene- und Literatur-Zeitschrift ariadnefabrik heraus, „deren Abonnent das Ministerium für Staatssicherheit war“, wie sein einstiger Weggefährte Henryk Gericke in der neuen Ausgabe der Literaturzeitschrift Prenzlauer Berg Konnektör schreibt. Sie wird von ihm und Bert Papenfuß herausgegeben. Gericke hat sich darin fast liebevoll der Vergangenheit und Gegenwart von Schedlinski angenommen, der „nicht nur ein inoffizieller Mitarbeiter, sondern auch ein bekennender Strukturalist war“, weswegen „sein Leben vom fließenden Strukturwechsel zwischen den Systemen – Szene und Stasi – bestimmt“ wurde. Aus heutiger Perspektive drängt sich Gericke der Eindruck auf, „dass in seinen beinahe tonlosen Gedichten, wie in der bilderlosen Sprache der Staatssicherheit, die Metaphern zu Codes mutierten. Die Systemanalysen Schedlinskis jedenfalls wären heute von einigem Wert“ – wenn der sie fortschriebe.

Zunächst gründete Schedlinski zusammen mit Sascha Anderson nach ihrer Enttarnung das Druckhaus Galrev mit angeschlossener Kneipe Kyril. So wie auch die Bespitzelten Papenfuß und Döring eigene Zeitschriften gründeten – erst Sklaven, dann Gegner. Letztere erscheint noch heute im Basisdruck – dem Verlag des Neuen Forum. Döring eröffnete dann im Prenzlauer Berg die Bar Luxus, und Papenfuß jüngst – nach dem Ausstieg aus seinem vom Tourismus verbrannten Kaffee-Burger – die Kulturspelunke Rumbalotte continua. So heißen auch seine Gedichtbände, die er im Rhön-Verlag von Peter Engstler veröffentlicht. Anderson zog nach Frankfurt/Main – und schrieb seine Biographie: „Sascha Anderson“. Laut Gericke mischt er dort weiter im Literaturbetrieb mit: „bezeichnenderweise im Gutleut-Verlag“.

Schedlinski hat dagegen aufgehört zu schreiben, wie seinem nunmehrigen Biographen Gericke bekannt wurde. Er hat auch keine Kneipe mehr, sondern eine Firma – „namens Thermalforce“ gegründet. Auf Basis eines Patents für einen thermalelektrischen Generator. Die „tradierte Lesart einer solchen Wandlung wäre die des Verräters, der zum biederen Einzelhändler wird“. Das aber „würde seiner Person nicht gerecht“. Gericke fragt sich stattdessen, was es heißt, „dass sich der Dichter eines kühlen Sprechens dem Handel von Wärmeleitmitteln widmet?“ Schedlinski habe anscheinend „erkannt, dass es ein letzter Akt des Sprechens ist, zu schweigen, wenn einem niemand mehr eine Zeile abnimmt, geschweige denn ein Wort glaubt. Die Hingabe an die Erzeugung von Energie durch Wärme mag eine Folge der Kälte sein, mit der man seiner Person heute begegnet.“

Es soll hier noch von zwei weiteren Personen in diesem abseits der heutigen „Bionade“-Oberfläche im Prenzlauer Berg fortbestehenden „Underground“ die Rede sein, denen man „mit Kälte begegnet“ – und zwar in Westberlin: Alexander Brener und Barbara Schurz – zwei Künstlernomaden in der Tradition des Aktionismus mit Basislager im „Dichterbezirk“, die ihre Reise- und Aktionserfahrungen im Gegner veröffentlichen und deren letzter Bericht – aus Istanbul – im Basisdruck-Verlag noch immer der Auslieferung harrt. Demnächst erscheint schon ihr Italien-Bericht – im Selbstverlag. Es geht ihnen dabei anscheinend nicht um den Verkauf. Die Feministin Barbara Schurz kommt aus dem Wiener Slawistik-Institut. Alexander Brener wiederum wird von der sibirischen Literaturwissenschaftlerin Natalja Ottovordemgentschenfelde in ihrer „Studie zur Phänomenologie und Typologie des ‚Narren in Christo'“ als „Kulminationspunkt des Moskauer Aktionismus“ bezeichnet. Wobei die Autorin diesen auf die Heiligen Narren im frühchristlichen Mönchtum Rußlands zurückführt. Über das „Lachen bei Michail Bachtin“ nach dem Zweiten Weltkrieg kommt sie dann zu Wenedikt Jerovejews „Reise nach Petuschkin“ – dem für sie ersten modernen „Narren in Christo“.

Ihre Studie endet mit den „Provokationen“ Alexander Breners: Im Moskauer Puschkin-Museum schiss er vor ein Bild von van Gogh, vor dem Puschkin-Denkmal versuchte er seine an der Aktion mitwirkende Ehefrau zu kopulieren. Gab jedoch bald auf – und rief: „Es klappt nicht! Ja, es klappt nichts bei den modernen Künstlern!“ Er bewarf die weissrusische Botschaft mit Ketchupflaschen – und wurde zusammengeschlagen. Er übermalte im Amsterdamer Stedeljik-Museum das Kreuzbild von Malewitsch mit einem Dollarzeichen und kam ins Gefängnis. Und in Berlin übersprühten er und Barbara Schurz ein Kitschbild an der „East Side Gallery“. Auch in ihrem  Istanbul-Bericht kommen noch jede Menge Obszönitäten und Gewalttätigkeiten vor.

Aber schon bei Breners nacktem Auftauchen bei einem Modeevent auf einem Schiff an der Moskwa, wo er auf das Publikum einschlug und schließlich die Musikanlage zertrümmerte, deutete sich an, dass auch dieser Aktionismus vom Kunstbetrieb vereinnahmt werden kann: Der Veranstalter stoppte seine Bodyguards mit den Worten: „Regt euch nicht auf, Männer, es ist ja Brener. Das regeln wir anders.“ Immerhin, schreibt Frau Dr. Ottovordemgentschenfelde: „Sein anti-intelligibler Exhibitionismus“ und sein „Verlangen nach Äußerung einer absoluten Aufrichtigkeit belebte die ‚Narren-in-Christo‘-Tradition mit ihrem lüsternen Wunsch zum Leiden.“

Als Papenfuß 2000 eine Veranstaltung mit Alexander Brener und den Westberliner Künstlern Thomas Kapielski und Klaus Theuerkauf (von „Endart“) im Brecht-Zentrum organisierte, wurde Brener erneut angegriffen, von Kapielski verbal und von Theuerkauf tätlich, wobei letzterer jedoch den kürzeren zog, wie er in dem kürzlich von „Anarcho-Kramer“ veröffentlichten Buch „Überlegungen zum Problem von Übermalungen in der Kunst“ berichtet. Dort meint Theuerkauf rückblickend und immer noch wütend auf Brener: „Wieder einmal kam dem Mistbock zu viel Bedeutung zu.“ Er nimmt dem Moskauer insbesondere übel, dass dieser ein „Lego-KZ“, das Zbigniew Libera 1996 in Theuerkaufs Galerie „Endart“ ausstellen wollte, zuvor zerstört hatte. Auch der Herausgeber Bernd Kramer mag diesen Aktionismus nicht: „Der Russe und die Österreicherin, diese Dumpfbacken“, schimpft er. Kapielski riet den beiden auf der Veranstaltung, eine Weile besser nichts zu machen, es werde sowieso schon zu viel getan. Im übrigen unterstellen die Autoren dem Duo Brener/Schurz, dass sie allzu mediengeil und karrieristisch sind. Nichts könnte falscher sein. Eher befürchten die drei Westberliner, ihre eigene „Provokationskunst“, die bis zur Wende und noch darüberhinaus stetig Früchte trug, könnte bei solchen Aktionismen, die dazu noch – wie 1945 die Aktivitäten der Kulturoffiziere – quasi aus Moskau kommen, an Ansehen verlieren. Ihre Beschimpfungen sind also eine Art Abwehrzauber. Bei Kapielski nimmt das in einigen seiner Bücher bereits elitär-xenophobe Züge an.

Vorgestern abend lasen Papenfuß, Döring und weitere Autoren des Peter Engstler Verlags in der Rumbalotte continua, Metzerstraße 9. In der Woche darauf übermalen Brener/Schurz einen Teil der Kneipe, in dem sich die Buchhandlung Straßenschaden von Alexander Krohn befindet.

Pollermann. Photo: Peter Grosse



2. Das Veranstaltungsspektakel

Eine  „wissenschaftlich-künstlerische Konferenz“ über „Die Idee des Kommunismus“ in der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

„Was gibt es überhaupt in der Geschichte, was nicht Ruf nach oder Angst vor der Revolution wäre? fragte sich der französische Philosoph Michel Foucault. Sein Freund und Kollege Gilles Deleuze hätte da mit ihm eingestimmt, wobei die Revolution für ihn keine Geschichte war, sondern ein  „Werden – was die Historiker nie begreifen“. Und das sie – die Revolution – noch jedesmal übel endete, „das weiß man doch!“ Schon die englischen Romantiker redeten über Cromwell genauso wie die heutigen Ex-Linken über Stalin. „Die tun so, als hätte man die ganzen Schweinereien erst jetzt entdeckt. Und was wurde aus der französischen Revolution? Napoleon. Oder die Amerikaner – die haben doch ihre Revolution genauso vermasselt wie die Bolschewiki. Auch sie wollten eine neue Gesellschaft, den neuen Menschen. Dieses Scheitern hindert „aber doch die Leute zum Glück niemals daran, revolutionär zu werden – wenn es zu einer Situation kommt, die ihnen keinen Ausweg läßt. Das Revolutionär-Werden ist etwas ganz anderes als die Revolution.“

So wie das Anstreben des Kommunismus im Westen etwas ganz anderes ist als selbiges im Osten – von oben geplant. Die „Süddeutsche Zeitung“ schüttelt es trotzdem. Sie spricht im Zusammenhang der Volksbühnen-Konferenz von einer „neuen Faszination des Kommunismus“ – und hat auch gleich jede Menge Gegenmittel parat: Zwar nicht Solschenizyns oder Nadeshda Mandelstams Erinnerungen, dafür aber gleich drei Antikommunisten mit ihren Verdammungsurteilen, darunter einen ehemaligen Maoisten-Stalinisten aus dem Ruhrgebiet. Dieser widerspricht in seinem Machwerk selbst dem „großen Historiker Eric Hobsbawm“, schreibt die SZ, aber „er hat Recht“…. Das klingt überzeugend!

Diesen matten Kommunismusverächtern stehen am Wochenende also die Kommunismusverfechter in der Berliner  Volksbühne gegenüber, darunter die  „Promis“ Zizek und Badiou, bei denen die taz Wochen zuvor bereits um ein Interview angeklopft hatte. Von Zizeks Anworten auf ihre brennenden Revolutionsfragen, war die taz-Redakteurin dann jedoch arg enttäuscht. Sie waren ihr viel zu verschwurbelt. Derweil verfaßte der Biologe Cord Riechelmann eine Eloge nach der anderen auf den Immernochmaoisten Badiou – zuletzt vor dessen Volksbühnen-Auftritt in der FAZ.

Zur „Idee des Kommunismus“ gehört auch ein  „Lehrstück“ von Bertolt Brecht in der Inszenierung von Frank Castorf. Zu Brechts „Lehrstücken“ zählt „Die Maßnahme“, die an der Volksbühne zuletzt mit dem „Mauser“-Stück von Heiner Müller derart vermantscht worden war, dass die Inszenierung  nahe an Zizeks Antworten auf die brennenden taz-Fragen reichte. Ihr Regisseur Frank Castorf schrieb selbst – auf „volksbuehne.de“: „Brechts Passionsspiel aus dem Schreckenskabinett des Totalitarismus feiert das Glück, eine Sache über sich selbst zu stellen. Bei Heiner Müller will das Leid nicht enden.“ Wenn Castorf „das“ Lehrstück aufführt, dann ist damit Brechts „Badener Lehrstück vom Einverständnis“ (1929) gemeint. Auch hierin stellte Brecht klar, dass man kein persönliches Schicksal hat, dass es auf einen nicht ankommt, wie Brecht es nennt.

Zur Konferenz über die „Idee des Kommunismus“ gehört zwar kein Heiner-Müller-Beitrag, aber ein „Ingemüllermonolog“ mit dem Titel „Schutt“, und zu den Mitideatoren der Veranstaltung gehören die zwei Herausgeber einer Merve-Reihe zur „Kommunistischen Morale Provisoire“. Von den Kommunismusverfechtern unter den „Promis“ hätten sie auch noch Boris Buden und Boris Groys und eigentlich alle balkanischen Theoriebildner einladen können, sie gingen aber auf Nummer sicher – und bestellten Antonio Negri auf das wichtigste „Panel“ – „Number One“. Dieses wird künstlerisch umrahmt und umgarnt – mit diversen auf das Wochenende verteilten „Neuvertonungen“, (originalrussischen)  „Songspielen“, „Installationen“, (Kollektiv-)“Performances“, Wortbeiträgen von Terroristen-Kindern, Filmen von Godard, Kluge und dem „allerverbotensten Filmemacher“ Chris Marker – am Ende dann noch einmal Alain Badiou – mit einem längeren „Statement“. Gefördert wird diese ganze durchaus selbstkritische Kommunismusverherrlichung vom „Hauptstadtkulturfonds“: Man gönnt sich ja sonst nichts! Wegen der Franzmännerlastigkeit des Kongresses ist  auch das „Institut Francais“ mit im Boot.

Zurück zum „Lehrstück“: In dem Aufsatzband „Nach dem bewaffneten Kampf“ erinnert sich die Therapeutin Angelika Holderberg an eine Diskussion mit ehemaligen RAFlern, dass dabei  irgendwann „der bedeutsame Satz fiel: ‚In der RAF hat es keine wirklichen Freundschaften gegeben'“. Auch die  fünf anderen  Psychologen/Autoren der Aufsatzsammlung zitieren diesen Satz. In seinem Lehrstück „Die Maßnahme“ hat Bertolt Brecht dieses Problem 1930 am Fall einer klandestinen kleinen Kadergruppe durchgespielt. Einer der Genossen reagierte mehrmals derart unpolitisch, d.h. menschlich, dass ihn die drei anderen, nachdem er dadurch ihren „Auftrag“ in Gefahr gebracht hatte, schließlich umbringen. Brecht läßt ihren Mord, der keinem „Verräter“, sondern höchstens einem Schwächelnden galt, durch einen Chor – als Parteigericht – für gerechtfertigt erklären.

1948 hat Jean-Paul Sartre dieses „Problem“ noch einmal aufgegriffen – in seinem Stück „Die schmutzigen Hände“. Hier ist es jedoch der Mörder, der es nicht schafft, den parteipolitischen Versager zu töten. Daraufhin wird seine Frau zu einer „Verräterin“, indem sie sich in den Genossen, dessen Tod beschlossen wurde, verliebt. Erst in diesem Moment gelingt dem Mörder die Tat – aus unpolitischer Eifersucht also.

In den Siebzigerjahren wurde dieses „Partisanen-Drama“ von Sartre in Belgrad inszeniert, mit den besten Schauspielern des Landes: Es wurde ein Kultstück, ausgehend von der dortigen Studentenbewegung und ihrer Kritik an der Parteiführung. Zuletzt inszenierte es Castorf in der Volksbühne – aktuell bezogen auf den Zerfall des jugoslawischen Staates – aber er verstand das Problem dabei nicht: „Er hat  die Partisanen-Problematik bis zu Karadzic hin verlängert – als den letzten degenerierten Kommunisten, mit einer jugoslawischen Fahne auch noch. Das ist falsch, das hätte er höchstens mit Milosevic machen können. Demnächst wird es eine nochmalige Inszenierung des Stückes in Belgrad geben“, meinte der jugoslawische Regisseur Zoran Solomun nach der Premiere.

Über den dortigen Kommunismus äußerte er sich folgendermaßen:

„1968 war ein entscheidendes Jahr für Jugoslawien:Wenn man verstehen will, was heute in Jugoslawien geschieht, dann muß man bis auf das Jahr 1968 zurückgehen. Damals waren die Kommunisten genau zwanzig Jahre an der Regierung – 1948 hatten sie sich von Moskau losgesagt. Die einzigen Konflikte, die es danach gab, waren Machtrangeleien in der Nomenklatura. 1968 entstand jedoch eine starke linksradikale Studentenbewegung. Sie war eine Folge der Öffnung Jugoslawiens ab Mitte der Sechzigerjahre: Es gab die ersten Pässe, Gastarbeiter, Einflüsse vom Westen, Tourismus. Die Studentenbewegung war gegen die kommunistische Regierung gerichtet – wie auch die in Westeuropa, d.h. es war eine Abrechnung mit den letzten 20 Jahren. Die Studenten besetzten im Juni, Juli 68 die Belgrader Universität – und benannten sie in „Rote Universität Karl Marx“ um. Sie wollten das erreichen, was die Väter ihnen immer nur versprochen hatten: einen radikalen Umbau der Gesellschaft. Ich war damals 15 – also noch zu jung um mit zu machen. Ich habe nur zugekuckt. Einer der herausragenden Studentenführer von damals war Vlada Mijanovic. Ich glaube, er fährt heute Taxi in Chicago. Für die Kommunisten war die Studentenbewegung ein Schock. Ich erinnere mich noch an einen Fernsehauftritt von Tito. Er sagte: „Wenn die Jungen wollen, daß wir Alten gehen sollen, dann gehen wir auch!“ Das war eine blanke Lüge, denn natürlich wollten die Alten nicht abtreten. Und das erste, was sie dann gemacht haben, war auch genau das Gegenteil. Sie haben den jugoslawischen Studentenbund aufgeteilt – nach Nationalitäten, einen serbischen, einen kroatischen usw.. Und dann haben sie mit weiteren nationalen Spielchen angefangen.

Anfang der Siebzigerjahre entstand daraus die erste große nationale Bewegung, der „kroatische Frühling“ – angeführt von den kroatischen Kommunisten. 1974 wurde eine neue Verfassung in Kraft gesetzt, in der all diese nationalistischen Ideen Eingang fanden, d.h. die Republiken wurden fast souveräne Staaten. Das alles ist die Voraussetzung für den jugoslawischen Krieg jetzt. Die Wurzeln dafür liegen nicht im Zweiten Weltkrieg, sondern in dieser spezifischen Abwehr der emanzipatorischen Forderungen der Studentenbewegung durch die jugoslawischen Kommunisten. In Polen haben sie zur gleichen Zeit aus den selben Gründen den Antisemitismus wieder aktualisiert.  Ich erinnere mich noch an ein spätes Statement von Tito, in dem er sagte: „Natürlich bin ich ein Jugoslawe, aber in erster Linie bin ich Kroate“. Und plötzlich war die Nationalfrage für die Kommunisten genau so wichtig wie die Klassenfrage. Um an der Macht zu bleiben, spielten sie mit den Nationalismen – im Kosovo, in Serbien, in Slowenien: Überall haben sie die nationalistischen Kräfte nach vorne geschoben. So wurde der Nationalismus wiederbelebt. Selbst meine Mutter hat sich auf ihre alten Tage noch von einer Kommunistin zu einer Großserbin gewandelt. Milosevic hat diese nationale Welle nur bis zur letzten Konsequenz geführt. Insofern sind die Kommunisten, Tito usw., für diesen Krieg verantwortlich. Und deswegen stimmt es einfach nicht, wenn gesagt wird: Damals war alles schön, aber dann kamen die Bösen. Das war kein Bruch, sondern eine logische Entwicklung. Ein weiterer Mythos ist der, daß die Serben im Zweiten Weltkrieg alle auf der richtigen Seite, bei den Partisanen, gekämpft haben und die Kroaten an der Seite der Deutschen. Eher ist es umgekehrt: In Kroatien gab es sogar sehr viele kommunistische Partisanen, während viele Serben monarchistisch gesinnt waren. Die serbischen Partisanen, das waren in erster Linie die Serben aus Bosnien, und die Widerstandsbewegung war in Kroatien viel stärker als in Serbien. Auch bei den Mohammedanern gab es eine starke antinationalistische Front, gerade von den reichen Familien, aus Sarajewo z.B., standen viele Tito nahe Man spricht jetzt oft von rechten Partisanen.

Copic warnte generell vor neuen nationalistischen Auseinandersetzungen – vor deren destruktiven Kräften. Es stimmt, der Partisanen-Mythos hat sich lange gehalten. Als wir 1990 nach Berlin kamen, war meine Tochter 9 und mein Sohn 11 Jahre alt. Sie hat sich in ihrer Entwicklung als Mädchen nicht so sehr wie er mit mir identifiziert. Und diese ganze jugoslawische Partisanen-Geschichte interessiert sie kaum. Manchmal betrachtet sie z.B. meine Tante, die Partisanin war, wie eine Fremde. Mein Sohn hat dagegen etwas mehr von mir. Gerade dieser Tante schrieb er 1991 in einem Brief: „Liebe Tante, es geht uns gut, Berlin ist eine schöne Stadt, hier sind alle Leute Deutsche – nur wir sind die einzigen Partisanen“. Er wollte sie natürlich ein bißchen ärgern, aber gleichzeitig zeigt das, wie weit diese einfache Weltsicht – der Partisanen von einst – gegangen ist. Es hat natürlich in Jugoslawien immer Leute gegeben, die sich nie als Partisanen begriffen, immer nur als Kroaten, Serben etc. Aber alle, die an der Macht waren, hatten eine Identität als Partisanen“

Ähnlich wie Zoran Solomun äußerte sich auch einmal Gilles Deleuze: Er habe nie Marx abgeschworen und nie Mai’68 verworfen. Der 1925 geborene Philosoph erlebte die „Libération“ von den Deutschen 1944/45 als die „reichste Zeit: Wir entdeckten eine ganze Welt. Sartre, Kafka, die amerikanische Literatur. Es war eine schöpferische Atmosphäre. Und dann wieder die Sechzigerjahre – bis 68. Seitdem leben wir jedoch in einer Dürrezeit.“

Es entwickelte sich jedoch nach dem Mai 68 fast so etwas wie eine nietzscheanisch-spinozistische Verschwörung unter den Pariser Philosophen. Nach dem Tod der meisten ging sie einerseits in die (konservative)  pragmatisch-wissenschaftliche „politische Ökologie“ der „Akteur-Netzwerk-Theoretiker“ um Bruno Latour und andererseits in die operaistische italoamerikanische Theorieproduktion von Negri und Hardt über.  Im Kern ging und geht es dabei um die „Multitude“: „In Spinozas Staatslehre gibt es keinen einheitlichen und befriedeten populus, sondern nur eine multitudo, deren Fähigkeit zum autonomen politischen Handeln niemals endgültig stillgestellt werden kann: jede politische Ordnung ist von der ständigen Drohung der Gehorsamsverweigerung überschattet, heißt es dazu im Forum „grundrisse.net“. Die spinozistische „Multitude“ setzt sich aus „Minderheiten“ zusammen.  Das erinnert an Herbert Marcuses „Randgruppenstrategie“, bezieht sich jedoch vor allem auf die „1000 Plateaus“ von Guattari und Deleuze. Letzterer, der Spinoza im Herzen trägt, wie er sagt, ist in seinem TV-Nachlaß „Abécédaire“  1988/89 noch einmal darauf zurückgekommen: „Nur Minderheiten sind produktiv“ und es geht dabei nicht darum, eine Mehrheit zu werden, sondern eine Differenz zu eröffnen. „Jeder ist eine Minderheit!“ 1977 hatte der Libidoökonom Jean-Francois Lyotard bereits von einem „Patchwork der Minderheiten“ gesprochen. Dieses Bild einer damals im Heraus- und Zusammenkommen begriffenen Bewegung (von Schwulen/Lesben, Indianern, Heimkindern, Behinderten, Nekrophilen, Irren, Pädophilen, Prostituierten, Palästinensern, globalen Banlieues usw.) haben Negri/Hardt jetzt in „hrem „Common Wealth“ wiederverwendet. Auch ihnen geht es dabei noch wie Lyotard  um eine „herrenlose Politik“. Diese will der Wissenssoziologe Bruno Latour nun auch noch für Tiere und Pflanzen geltend

Der reale Hintergrund für Brechts Lehrstück „Die Maßnahme“ ist der gescheiterte Aufstand in Shanghai, in dem die Komintern die Führung zu übernehmen versuchte.  Im „langen heißen Sommer“ von 1926 kam es zu einer Kette von Streikmaßnahmen in Shanghai – allein im Juni mit 69.556 Streikenden in 107 Betrieben. Auslöser der Streiks war der Anstieg des Preises für Reis. Im Oktober 1926 kam es zum so genannten „ersten bewaffneten Aufstand“, gefolgt von einem Generalstreik im Februar 1927, der sich in einen zweiten bewaffneten Aufstand verwandelte. Dieser wurde blutig niedergeschlagen. In den folgenden Monaten herrschte ein Terrorregime in Shanghai und die Bewegung in ganz China wurde niedergeworfen. Die Kommunistische Partei wurde verboten – die Unterstützer Chiang Kai-sheks begannen damit Gewerkschaften aufzubauen, die der Regierung unterstanden.

In einem Komintern-Aufstands-Handbuch aus dem Jahr 1928, herausgegeben von Wollenberg, Kipperberger, Tuchaschweski, und Ho Tschin Minh übte letzterer gewissermaßen Selbstkritik: „Der Sieg der proletarischen Revolution in Agrar- und Halbagrarländern ist undenkbar ohne aktive Unterstützung des revolutionären Proletariats durch die ausschlaggebenden Massen der Bauernschaft“. Ho Tschin Minh kam in seinem Beitrag sogar zu dem Schluß, das „der größte Fehler der chinesischen kommunistischen Partei“ darin bestanden habe, nichts zur Vertiefung der chinesischen „Agrarrevolution“ getan, sondern im Gegenteil die „Bauernbewegung“ noch gebremst zu haben. Die Partei hatte sich, gestützt auf ihre deutschen und russischen Berater aus der Komintern vor allem auf die Organisierung von Arbeiteraufständen in den großen Städten konzentroert, die allesamt  niedergeschlagen worden waren. Damals waren gerade mal 0,5% der chinesischen Bevölkerung Arbeiter. Ho Tschin Minh, der von Bucharin abfällig als „Bauernträumer“ bezeichnet wurde, beging später in Vietnam fast den entgegengesetzten Fehler, der den Nordvietnamesen während der „Tet-Offensive“ 1968 fast eine Niederlage bereitete, obwohl sie gleichzeitig allen deutlich machte, dass der Krieg in Vietnam von den Amerikanern und ihren Marionetten nicht mehr zu gewinnen war: Der Vietnamkriegshistoriker  Jonathan Neale schreibt: „Dennoch erlitten die Guerillos eine vernichtende Niederlage. Sie hatten erwartet, dass Saigon und Hue sich erhöben. Dazu kam es nicht. Der für den kommunistischen Untergrund in Saigon verantwortliche Tran Bach Dong erklärte später, warum: Ihre Mitgliedergewinnung war „wunderbar erfolgreich“ – bei den Intellektuellen, Studenten, Buddhisten, bei allen – nur bei den Arbeitern nicht, wo der Organisationsgrad „schlechter als schlecht“ war  – weil nämlich, so Jonathan Neale, die Befreiungsbewegung die städtischen Arbeiter nur halbherzig gegen ihre Chefs mobilisieren konnte, um nicht die „Unterstützung der Geschäftsleute und Manager dort zu verlieren.“

In Afghanistan scheiterten die „internationalen Brigaden“ der Moskauer  Kommunisten dann komplett. Die heutigen Antikommunisten haben dort jetzt weitaus bescheidenere Ziele als sie.  Wie mobilisiert und motiviert aber diese  internationale der Reaktion nun ihre Kampfkader in Afghanistan – gegen die Ganzkörperverschleierung der Frauen dort?

Über die neueste Scharade in diesem „Burka-Krieg“ berichtet die Junge Welt heute:

Das Monatsmagazin der Bundeswehr, Y, bewirbt eine Truppenbetreuung der besonderen Art. In der aktuellen Ausgabe – Titel: »Feuer frei« – macht die Zeitschrift in der Rubrik »Facts« großflächig auf einen Nacktkalender für Soldaten aufmerksam. Unter der Aufforderung »Schau an!« ist dort zu lesen: »50 Frauen und Freundinnen von britischen Soldaten meldeten sich freiwillig und ließen sich für einen guten Zweck nackt ablichten. Sie posierten völlig blank auf einem Truppenübungsplatz vor Panzern, mit Waffen oder an einer Weihnachtstafel.« Einschränkend heißt es weiter: »Es sind keine perfekten Models im Kalender zu finden, dennoch ist er ein Riesenerfolg und brachte bisher fast 30000 Euro ein. Die Einnahmen kommen in Afghanistan verwundeten Soldatinnen und Soldaten zugute.« Konkret genannt wird auf der Webseite der britischen Kalendergirls die Vereinigung »Help for Heroes«.

Die »blanke« Kriegs-PR der britischen »SWAGs« (Servicemen’s Wives And Girlfriends – Soldatenfrauen und -freundinnen) soll die 20jährige Kelly Monk initiert haben. Deren Verlobter Andrew Mason (21) ist Berichten zufolge zum zweiten Mal am Hindukusch im Kriegseinsatz und mit den Nacktaufnahmen seiner Liebsten einverstanden. »Er weiß, es ist für einen guten Zweck«, wird die auf der Insel Zurückgebliebene in den Medien zitiert. Ein »Foto seiner Freundin im Evaskostüm« könne »viele verletzte Kameraden im Lazarett aufmuntern«.

Wer braucht Poller? Photo: Peter Grosse

3. Die alljährliche Konferenz

16. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz in den Westberliner „Urania“-Volksfestsälen: „Wo bitte geht’s zum Komunismus?“

Langsam trägt die Basisarbeit der Parteien PDS/Linke und DKP Früchte: Auf der alljährlich von der Jungen Welt veranstalteten Heerschau „Rosa-Luxemburg-Konferenz“ war die Nachwendegeneration diesmal gut vertreten. Noch 2000 wirkte die „internationale Veranstaltung“ wie ein Vertriebenentreffen älterer Männer in grauen Jacken.

Dazu trugen auch die Referenten bei: Zumeist Funktionäre aus kommunistischen Parteien, die Staatspolitiker waren oder werden wollten. Wenn die Veranstalter doch mal einen Autonomen aufs Podium setzten, kam das im Publikum gar nicht gut an. Der Rosa-Luxemburg-Kongress ist noch immer eine Gefühlsveranstaltung, auf der die richtige Gesinnung beklatscht wird – keine brillanten („postmodernen“) Argumentationen. Und am Schluss des straff organisierten Kongresses, der stets vom taz-Theaterkritiker „Dr. Seltsam“ als „Radio-Show“ moderiert wird, singt man im Beisein von Egon Krenz die Internationale.

Auf dem diesjährigen „Meeting“ der Kommis am Wochenende erfreuten sich die wenigen Westantiautoritären vor allem an den klaren Gedanken der freidenkenden Referenten Moshe Zuckermann, Soziologe aus Tel Aviv, und Gaspar Tamas, Philosoph aus Budapest. Zuckermann sprach über die Institutionalisierung von „Alltagsrassismen“ in Israel; Gaspar fragte sich, ob eine „Verteidigung der bürgerlichen Rechte“ (wie Pressefreiheit) diese „Scheißgesellschaft“ nicht legitimiere? Schon ihre Stimme klang „authentisch“.

Das war auch bei den „Statements“ der Bahn-Betriebsrätin Katrin Dornheim und der Ex-Terroristin Inge Viett auf dem Abschlussplenum der Fall. Letztere hatte einst – notgedrungen, weil zur Fahndung ausgeschrieben – ihre verwildernde Westsozialisation mit einer disziplinierenden Ost-Betriebszugehörigkeit komplettiert. Auf dem Kongress konkretisierte sie nun das zuvor von Gesine Lötzsch aufgeworfene „K-Wort“ (Kommunismus). Die Linkenvorsitzende wurde dafür auch parteiintern arg gescholten. Die einstige Untergrundaktivistin Viett entwarf nun schwungvoll eine neue revolutionäre Organisation mit „klandestinem“ Ableger.

Ich erinnerte mich an die Schülerstreiks in Bremen 1967, wo unser wichtigster Mann, im Vertrauen darauf, dass die revolutionären Kämpfe zunehmen und die Versorgungslage in der Stadt prekär werden könnte, überall Rotweindepots in den Wäldern der Umgebung anlegte. Später taten es ihm die RAF-Genossen mit ihren erbeuteten Waffen nach. Es half beide Male nichts: Die Klassenkämpfe flauten ab – in aller Welt. Und das war auch auf der 16. Luxemburg-Konferenz wieder das eigentliche Thema: der Stand der Dinge, die Kräfte des Gegners, das eigene Gewicht – nicht zuletzt der gedanklichen Anstrengungen. Die einen sahen den Neoliberalismus schon fast zu Kreuze kriechen, die anderen die internationale Linke so gut wie am Boden. „Krisen“, wohin man blickte.

In aller Unschuld wehrte sich die Referentin der „Radikalen“ – Inge Viett – gegen den Einwand eines Kritikers, der ihr politisch gekommen war, mit der Frage: „Ist das, was moralisch legitim ist, nicht auch politisch legitim?“ Sie dachte dabei unter anderem an das Abfackeln (statt Abwickeln) von Bundeswehrzeug. Und hatte dabei eine revolutionäre Kollektividentität im Sinn, bei der das Private politisch ist und umgekehrt. Was nichts anderes ist als die kommunistische Utopie, die freilich in den jetzigen Restaurationszeiten – „neofeudal“ nennt sie Mark Terkessidis in der Jungen Welt – nur noch „hübsch“ (und „richtig“) klingt. (1)

Nullpoller (am Äquator). Photo: Peter Grosse

4. Der Aufruhrspezialist

Die rechtsliberale Bundesregierung will – als Reaktion auf den „Stuttgart 21“-Protest – Großprojekte in Zukunft schneller genehmigen, während viele Politologen genau das Gegenteil fordern – weil das bisherige Planfeststellungsverfahren nicht bürgernahe genug ist und zu schnell durchgezogen werden kann.

Der Odenwaldschüler Daniel Cohn-Bendit wurde in Frankreich zu einem großen Integrator in vielen sozialen Bewegungen, deswegen hat ihn die taz immer wieder gerne befragt. Heute ist er hauptberuflich EU-Abgeordneter der Grünen und TV-Moderator. „Cohn-Bendit blickt in seine Kristallkugel“ hieß gestern die Überschrift eines taz-Interviews, das ein Schwabe mit ihm führte und in dem es vor allem um die Bürgerbewegung in Stuttgart ging:

taz: Lieber Daniel Cohn-Bendit, lassen Sie uns in das Jahr 2011 hineinblicken: Was wird aus den neuen Bürgerbewegungen?

Daniel Cohn-Bendit: Erst mal muss man die Bürgerbewegungen unterscheiden. Die in Hamburg gegen die Primarschule war eine elitäre, egoistische. Die gegen Stuttgart 21 ist eine Mischung aus konservativ und fortschrittlich. Dann gibt es die Renaissance der Anti-Atom-Bewegung. Und es gibt eine ganz starke reaktionäre Bürgerbewegung, die Sarrazin-Bewegung, beheimatet in FAZ und Bild-Zeitung, bei der Unterschicht und Oberschicht zusammenfinden. Diese widersprüchlichen Bürgerbewegungen wird es weiter geben, sie sind Ausdruck einer generellen Unsicherheit der Menschen, die sich in unterschiedliche Richtungen bewegen.

Der Sozialphilosoph Oskar Negt spricht von einer res publica amissa, einer ausgehöhlten Republik. Ausgang: unklar.

Es stimmt: Republikanische Tugenden stehen in Deutschland auf wackligen Beinen. Freiheit ist anstrengend. Wir haben es mit zwei Grundrichtungen zu tun: Viele Menschen fühlen sich übermäßig angestrengt und tendieren dazu, für die Vereinfachung die Einschränkung ihrer Freiheit zu akzeptieren, wenn sie nicht mehr solchen Anstrengungen ausgesetzt werden. Und die Renaissance der Grünen und eines Teils der Linken rührt daher, dass sich ein Teil der Bevölkerung dieser Anstrengung stellen möchte. Dies ist zumindest meine optimistische zeitgeschichtliche Interpretation.

Die Anstrengungsbereiten führen einen Machtkampf mit Parteien und Regierungen?

Ja. Die Bürger haben einen Machtkampf gegen die regierenden Parteien in Hamburg angezettelt – und gewonnen. Die Bewegung gegen S 21 ist auch ein Machtkampf. Es gibt verschiedene historische Momente, wo es solche Machtkämpfe gab. Die Studentenbewegung von 1968 war auch ein Machtkampf, gegen die große Koalition.

1968 gab es die Angst vor der Wiederkehr des Faschismus und den Marxismus als verschwommene Systemalternative.

Und heute hast du die Angst vor der Globalisierung oder Modernität. Und die Überwindung ist die ökologische Transformation.

Die Stuttgarter vor dem Bahnhof wollen doch nicht den Mappus-Kapitalismus durch Kretschmanns ökologische Transformation überwinden.

Doch, im Grunde schon. S 21 ist ein Projekt der 80er Jahre, ein Anachronismus. Trotzdem habe ich in dieser Sache Bauchschmerzen. Der Kabarettist Matthias Beltz hat mal gesagt: In Deutschland ist es leichter, sechs Millionen Bäume zu retten als sechs Millionen Juden.

Sie spielen auf die Inbrunst an, mit der manche S 21-Gegner um die Bäume im Schlossgarten kämpfen.

Sagen wir so: Das Faszinierende ist die emotionale Radikalität. Aber genau diese emotionale Radikalität ist auch die Sperre zu einer rationalen Verarbeitung. Deswegen wird der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann alle seine rhetorischen und politischen Fähigkeiten aufbringen müssen, um rational aus dem Konflikt rauszukommen.

Ist der Grüne Kretschmann nicht auf andere Art genauso 20. Jahrhundert wie der amtierende CDU-Ministerpräsident Mappus?

Nein. Winfried Kretschmann ist als Ökolibertärer und Katholik mit dieser ganzen christlichen Wehmut die ideale ökologische Persönlichkeit. Er signalisiert: Bei aller Transformation will ich, dass dieses Gefühl des Aufgehobenseins in Baden-Württemberg weiter bleibt.

Skizzieren Sie doch mal die Entwicklung bis zur Wahl in Baden-Württemberg am 27. März.

Die CDU ist hart getroffen von diesem Wutbürger von rechts: Sarrazin und Hamburg sind die besten Beispiele. Man weiß es zwar nie, aber wenn ich in meine Kristallkugel blicke, dann sehe ich eine CDU, die im Februar in Hamburg 15 bis 20 Prozent verliert, es folgt dort eine Renaissance von Rot-Grün unter ganz anderen Bedingungen als früher. Und dann kommen die Iden des März.

Damals wurde Caesar erdolcht. Diesmal: Mappus?

Es geht um mehr: Wenn die FDP unter 5 Prozent fällt, ist das bürgerliche Lager erdolcht. Grüne bei 30, SPD bei 20, dann wird die Geschichte auf ein neues Blatt geschrieben. Selbst wenn die SPD aus Angst vor der neuen Zeitrechnung in den Schoß der CDU schlüpft, verschwimmen die Orientierungsmarken der Nachkriegszeit.

Warum?

CDU/SPD ist perspektivlos für den Bund. Und wenn die FDP aus dem Stuttgarter Landtag verschwindet, muss sie bei null wieder anfangen. Dann hätte die CDU keinen Koalitionspartner mehr. Das wäre das Spannendste, was der Bundesrepublik passieren kann. Dann müssen sich alle bewegen.

Oder zurückbewegen zu einer rot-grünen Revivaltour, obwohl etwa die Grünen in Baden-Württemberg wenig Respekt für die SPD haben.

Das hängt mit der katastrophalen Politik der SPD zu Stuttgart 21 zusammen. Und die SPD hat schon 1995 Rezzo Schlauch als OB verhindert, sie hat Özdemirs Bundestagsmandat 2009 verhindert. Das war kleinbürgerliche, unpolitische Dickköpfigkeit.

Ein Revival wäre jedenfalls nicht mehr made in Heaven.

Aber es ist Heaven für die SPD. Die Wahl in Hamburg ist für sie Gottes Gnade. Wenn sie da deutlich mehr Stimmen hat als die Grünen, leidet sie weniger und kann Grün-Rot in Stuttgart schlucken. Auch die Wahl in Berlin im September wird spannend. Was machen die Grünen, wenn Renate Künast zwei Prozent hinter Wowereit liegt, aber mit der CDU regieren könnte?

Mit der CDU als Juniorpartner regieren?

Tja. Künast kann gewinnen, wenn sie Teile des linken Wählerpotenzials mobilisiert. Deswegen ist eine Öffnung zur CDU ein Widerspruch. Und sie muss einen ernsten Wahlkampf mit einem spielerischen Moment der Dynamik verknüpfen. Sie muss das Gefühl erzeugen: Künast als Regierende – das wollen wir mal sehen!

Wie lange hält die neue Polarisierung Union vs. Grüne?

Das muss man sehen. Die Führungsriege um Angela Merkel ist viel offener für die Zukunft, als es die rückwärtsgewandte Rhetorik der Kanzlerin derzeit ist. Die Union hat jedenfalls klar positionierte Zukunftspersönlichkeiten: Guttenberg ist die konservativ-moderne Zukunft. Röttgen ist die ökologisch-konservative Zukunft. Das sehe ich bei der SPD nicht. Dieser konservative, christliche Sozialdemokratismus einer Andrea Nahles schwimmt in der Mitte.

Wie kommt es, dass die Grünen als kleinste Partei im Bundestag plötzlich die Chance haben, 2011 den großen Sprung zu schaffen?

Die Grünen reden – mal inhaltlich besser, mal nicht so gut – seit 20 Jahren über die Themen, über die jetzt alle reden. Sie haben die ökologische Transformation besetzt, sie haben klargemacht, dass sie bereit sind, die Widersprüche im Verhältnis von Bewahren und Verändern zu überwinden. Deshalb ist die Linke auch auf dem Abstellgleis. Die Frage ist nicht mehr, ob man für oder gegen Kapitalismus und Marktwirtschaft ist, sondern: Wie kann und muss man die Marktwirtschaft und den Kapitalismus regulieren – global, europäisch, national, lokal -, damit wir dieses System wieder rational in den Griff kriegen? Im Weltmaßstab ist die soziale Frage auch eine ökologische Frage. Und die Grünen haben sich selbst nicht opportunistisch verändert, seit sie aus der Bundesregierung raus sind.

Darüber gibt es geteilte Meinungen.

Bei der taz vielleicht. Aber ich muss Ihnen sagen: Das wird im aufgeklärten Bürgertum anders wahrgenommen.

Ist es nicht irritierend, wenn nach dreißig Jahren Kärrnerarbeit die Zustimmung von 10 auf 30 Prozent steigt – wegen eines Bahnhofstreits?

Sie machen einen Denkfehler. Politische Zeitenwenden lassen sich nicht immer rational erklären. Eine Erklärung für die Dynamik in Frankreich 1968 war, dass Herbert Marcuses ,Eros et civilisation‘ die Studentenrevolte angeheizt habe.

Ein Klassiker der kritischen Theorie.

Ja. Aber vor Mai 1968 waren von dem Buch grade mal 177 Exemplare verkauft.

An Sie?

Ich hatte ein Exemplar, hatte es aber damals noch nicht gelesen. Nach dem Sommer 1968 waren jedenfalls 250.000 verkauft. Das heißt: Die Bewegung hat sich dann selbst eine Erklärung gesucht. Die emotionale Konstellation 2010 war so, dass ein von Moderne und Globalisierung verunsicherter Teil der Bürger gesagt hat: So, jetzt reicht’s. Und das hat sich entzündet an Stuttgart 21. Es kann sich 2011 an anderen Dingen entzünden – neben der langfristigen Entwicklung der Atomdebatte.

Sie brächte ein Tiefbahnhof in Stuttgart nicht um den Schlaf?

Manchmal ist etwas für dich selbst nicht so wichtig, aber es verändert das Bewusstsein von Vielen. Diese Menschen haben durch den Entzündungsanlass plötzlich akzeptiert, dass sie sich in eine bestimmte Richtung bewegen wollen – und jetzt machen sie es. Darum geht es.

Dann hätte der Anlass S 21 einen neuen Teil der Gesellschaft zu grundlegender individueller und gesellschaftlicher Evaluierung veranlasst.

In Stuttgart haben bei der Bundestagswahl 2009 auch schon 30 Prozent mit der Erststimme Cem Özdemir gewählt. Wir sind hier bei der Uraltdebatte, dass die Ökologie weder links noch rechts ist und nicht in Klassen zu erklären und in den unterschiedlichen Interessen derer, die oben, und derer, die unten sind. Sie stellt die Grundfrage nach dem Überleben der Spezies. Das trifft die unten härter als die oben, aber generell trifft es alle. Es ist klar, dass in Baden-Württemberg sich viele von der CDU vorstellen können, zu den Grünen zu gehen, aber sich nie vorstellen könnten, zur SPD zu gehen. So einen Wechsel verhindert immer noch die alte Dichotomie der Politik. Das wollen sie nicht. Sie interpretieren oder projizieren in die Grünen, dass etwas Neues für sie beginnen könnte. Es scheint, als ob sie bereit wären, über ihren Schatten zu springen.

Schlachtfeldpoller  (the fetterman massacre). Photo: Peter Grosse

5. Der Sozialpsychologe

Die Junge Welt interviewte am vergangenen Samstag Mark Terkessidis. Anlaß war das Erscheinen seines Buches „Interkultur“:

JW: Der oft um sich selbst kreisende Moraldiskurs bietet für daran interessierte Kreise den Vorteil, daß sie bei Mißerfolg sagen können: »Die haben es ja nicht anders gewollt.« Damit wiederum kann begründet werden, daß Gelder gestrichen und Maßnahmen gekürzt werden.

MT: Ganz genau. Am Ende ist dieser Moraldiskurs primär dazu da, Leute für strukturelle Probleme persönlich verantwortlich zu machen. Dann heißt es: »Du bist selbst schuld, daß du dich in der Lage befindest, in der du dich befindest.« Natürlich können Leute auf bestimmte Situationen ganz unterschiedlich reagieren und sind in dieser Hinsicht auch verantwortlich. Aber für die Tatsache, daß sie in dieser Lebenssituation sind, können sie zu einem nicht unbeträchtlichen Anteil eben nicht verantwortlich gemacht werden. Der Moraldiskurs ändert aber an dieser Lage nichts, will möglicherweise auch gar nichts dran ändern, sagt aber: »Du bist selbst schuld.«

Sie verwenden den Begriff Interkultur. Was meinen Sie damit?

Ich verstehe darunter eine Handlungsregel zur Umgestaltung von Institutionen, keinen Gesellschaftsentwurf und keine Utopie. Es geht darum, ein Programm zu installieren, das es den Individuen erlaubt, ihr Potential auszuschöpfen. Dazu gehört die Veränderung der Organisationskultur, des Personalbestands und der materiellen Gegebenheiten. Fast in jeder Institution gibt es unausgesprochene Regeln. Zum Beispiel gibt es in den Theatern, mit denen ich zu tun hatte, einen unausgesprochenen Konsens darüber, daß die schwäbischen Waldorfschüler Schauspieler werden, daß sich das Publikum aus Angehörigen des Bildungsbürgertums zusammensetzt und so weiter. Die Leute, die darin einbezogen sind, tummeln sich in einem Raum mit relativ homogenen Vorstellungen, machen sich das aber nur selten klar. Statt dessen gehen sie nach draußen und sagen: »Wir sind offen und Leute, die nicht bei uns sind, haben Defizite, und deswegen kommen sie nicht.« Der umgekehrte Gedanke steckt hinter dem Programm Interkultur. Wenn ich möchte, daß diese Geschlossenheit aufgekündigt wird, dann muß ich den Blick nicht auf die Leute richten, die draußen stehen, sondern auf die Institution selbst. Ich muß danach fragen, welche Barrieren diese Institution hat, die verhindern, daß die Leute reinkommen. In diesem konkreten Fall liegen die Gründe zum Beispiel darin, daß alles auf den Bildungsbürger ausgerichtet ist, daß das Personal über bestimmte Netzwerke rekrutiert wird, die wiederum einen bestimmten Typus bevorzugen. Das Theater richtet als Bildungstempel unglaubliche Barrieren auf, die Leute ohne die entsprechenden Voraussetzungen von einem Besuch abhalten.

Die Selbstwahrnehmungsprozesse, die Sie gerade geschildert haben, kann man ja auch als Art und Weise beschreiben, wie sich Leute mit dem gleichen Klassenhintergrund selbst definieren und ihren Status aufrechterhalten. Institutionen schweben nicht im luftleeren Raum, sondern sind mit dem verknüpft, was Marx als Produktionsverhältnisse bezeichnet hat. Solange die sich nicht ändern, gibt es für Wandel in den Institutionen zwar Spielräume, aber doch auch Grenzen. Spielt das in Ihrem Konzept eine Rolle?

Sagen wir mal so: Das Konzept macht keinen Vorschlag in bezug auf die Politische Ökonomie oder die Produktionsverhältnisse. Es lassen sich darin viele Dinge adressieren, nicht aber die Grundkonflikte. Es geht um mehr Gerechtigkeit innerhalb der bestehenden Institutionen, die Ungleichheit reflektieren und natürlich auch selbst produzieren. Das Konzept zielt darauf, diese interne Ungleichheit zu verringern. Es kann Unterschiede innerhalb einer Institution geben, die zu Ungleichheit führen, aber so gar nicht vorgesehen sind. Zum Beispiel ist ein Migrationshintergrund als Kriterium für Ungleichheit in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht notwendig vorgesehen. Auch daß die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht vererbt wird, ist nicht vorgesehen. Für mich war das Interessante an Marx immer, daß er über ein politisches Kräftefeld nachgedacht und danach gefragt hat, wo die politische Bewegung ist, die eine Veränderung einfordert und dazu beitragen kann. Ich sehe im Moment keine Bewegung, von der aus ich die Produktionsverhältnisse in Frage stellen könnte. Ich kann aber in bezug auf das Thema Migrationsgesellschaft sagen, daß es hier einen Druck aus der Realität gibt, der schlicht auf den demographischen Wandel zurückzuführen ist. Das ist natürlich keine Garantie für eine Umgestaltung, da es eine bürgerliche Schicht gibt, die an ihren Privilegien festhalten will. Die Sarrazin-Debatte zeigt, daß darum hart gerungen wird. Auf längere Sicht werden sich die Veränderungen aber nicht ignorieren lassen.

Sie schlagen vor, die Paradoxien des Neoliberalismus zu entfalten. Was ist damit gemeint?

Die Verhältnisse in der Bundesrepublik sind teilweise weniger neoliberal als neofeudal. In Deutschland basiert unglaublich viel darauf, daß jeder an seinem eigenen Platz bleibt. Jobs und Privilegien werden über hergebrachte Netzwerke verteilt. Man kann bei zwei Punkten ansetzen. Das ist zum einen das Konzept von Eigenverantwortung, das einem ja permanent ins Gebetbuch geschrieben wird. Zum anderen gibt es die Forderung, daß sich Leistung lohnen muß, wie es Guido Westerwelle sagen würde. Wenn aber Eigenverantwortung in Wirklichkeit nicht mehr bedeutet, als daß ausschließlich ich selbst für meine Lage verantwortlich gemacht werde und es gleichzeitig keine Mobilität nach oben gibt, dann handelt es sich um eine einzige Lüge. Die Paradoxien des Neoliberalismus zu entfalten heißt also, Möglichkeiten einzufordern, die der Neoliberalismus selbst verheißt, aber in der deutschen Wirklichkeit nicht ermöglicht. Es geht also darum, das Freiheitsversprechen dieser Ideologie gegen das auszuspielen, was heute politisch umgesetzt wird.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, schlagen Sie nichts anderes vor, als den Kapitalismus, wie er sich heute darstellt, weiter zu modernisieren und zu flexibilisieren. Ist das für Sie selbst ein zufriedenstellendes Programm?

Ja und nein. Mir fällt dazu eine Geschichte ein aus der Zeit, als wir mit den Wohlfahrtsausschüssen unterwegs gewesen sind…

Was sind Wohlfahrtsausschüsse?

In Reaktion auf die rassistischen Anschläge Anfang der neunziger Jahre fanden sich Leute aus unterschiedlichen Bereichen der sogenannten Poplinken und der autonomen Linken zusammen, um vorübergehend gemeinsame Aktionen zu machen. Dazu gehörte eine Tour durch Städte, in denen es viel Gewalt gegen Flüchtlinge gegeben hatte und gleichzeitig Aktivisten vor Ort dagegen angingen. Ich erinnere mich gut daran, daß es damals eine Diskussion mit einer Gruppe von lesbischen Aktivistinnen gab, die ein Papier gemacht hatten, in dem sie sich gegen die doppelte Staatsbürgerschaft aussprachen. Sie meinten, die doppelte Staatsbürgerschaft sei nichts anderes als eine Akzeptanz der Verwertungslogik innerhalb des Kapitalismus, wo man die guten ins Töpfchen und die schlechten ins Kröpfchen sortiert. Ich habe damals mit offenem Mund ihrer Argumentation gelauscht, weil ich es einfach nicht fassen konnte. Von einem Standpunkt sehr weit oben kann eine solche Argumentation zwar gerechtfertigt sein, aber vom Standpunkt der Leute, die keine doppelte und möglicherweise sogar gar keine Staatsangehörigkeit besitzen, kommt einem das total irre vor, daß ihnen damit gleiche Rechte verwehrt wurden.

Ich will damit sagen, daß es verschiedene Interventionsstufen gibt. Die von mir verlangte Öffnung von Institutionen, die Einforderung von Rechten sind Interventionen auf einer mittleren Ebene, die für bestimmte Leute, die diskriminiert werden, sehr viel verbessern können. Wenn dann irgendwann einmal die Revolution kommt, lebe ich besser mit einer Institution, die bestimmte Diskriminierungsformen nicht mehr kennt, als mit einer, die sie noch kennt. Auf der anderen Seite bin ich mit einer Gesellschaft, die so ungerecht ist, wie sie momentan leider ist, natürlich nicht zufrieden. Aber auf dieses Problem weiß ich zur Zeit keine definitive Antwort. Ich will die Schwächen und das Unzureichende an meinem Ansatz aber nicht leugnen. Da ich in den vergangenen Jahren vor allem Aktivist im Hinblick auf das Thema Migration gewesen bin, habe ich mich inerster Linie damit beschäftigt.

Denkpoller (Berlin). Photo: Peter Grosse

Anmerkung:

(1) Zu Inge Viett seien hier noch einige Biographeme angeführt – aus der taz, die wohl hundert mal über sie berichtet hat, dem Zeitgeist hinterherhechelnd zunehmend „kritischer“, das einzige taz-Porträt von ihr – 1983 – wurde gefakt. Hier ein paar neuere taz- und Wikipedia-Daten:

A) Inge Viett strippte einst auf St.Pauli, war dann politisch erst in der Bewegung 2.Juni und dann in der RAF aktiv. 1982 konnte sie sich Viett zum 2. Mal mit Hilfe der Stasi der Strafverfolgung entziehen. Sie floh in die DDR. Dort lebte sie zunächst unter dem Namen Eva-Maria Sommer in Dresden und absolvierte eine Ausbildung zur Repro-Fotografin. Nachdem der Verdacht aufkam, dass es sich bei ihr um die in der Bundesrepublik Gesuchte handele, musste sie 1987 nach Magdeburg übersiedeln. Dort lebte sie als Eva Schnell und war für die Organisation der Kinderferienlager des VEB Schwermaschinenbau Karl Liebknecht verantwortlich. Nach dem Mauerfall wurde Viett am 12. Juni 1990 in Magdeburg verhaftet. Vom Oberlandesgericht Koblenz wurde sie 1992 aufgrund der Schüsse auf einen Polizisten in Paris wegen versuchter Tötung zu dreizehn Jahren Haft verurteilt.

Der Regisseur Volker Schlöndorff benutzte Motive aus ihrer Autobiographie für seinen Film Die Stille nach dem Schuss. Daraufhin
warf Viett ihm und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase vor, ein Plagiat begangen zu haben. Die beiden Parteien konnten sich außergerichtlich einigen.

Viett veröffentlichte am 24. Februar 2007 in der Tageszeitung „junge Welt“ einen Beitrag, in dem sie u. a. schreibt, dass der „politisch/militärische Angriff“ damals „für uns der angemessene Ausdruck für unseren Widerstand gegen den Kapitalismus“ gewesen sei. Rückblickend beklagt sie, „dass dem Guerillakampf in der BRD und in allen imperialistischen Staaten verdammt mehr Erfahrung, Klugheit, Ausdauer und Unterstützung zu wünschen gewesen wären“. Dieser Zeitungsbeitrag ist mit dem Titel Lust auf Freiheit überschrieben.

Bei einer Demonstration gegen ein Gelöbnis der Bundeswehr am 20. Juli 2008 wurde Viett vorläufig festgenommen. Ein Prozess vor dem Berliner Amtsgericht wegen „versuchter Gefangenenbefreiung“ endete am 22. Oktober 2009 mit einem Freispruch. Allerdings wurde Viett wegen „Widerstands gegen die Staatsgewalt“ zu 225,00 Euro Geldstrafe verurteilt.

B) Mit ihrer Kindheit bringt Inge Viett vor allem eines in Verbindung: emotionale Kargheit. Geboren 1944, wuchs sie als Vollwaise bei
Pflegeeltern auf dem Land in Schleswig-Holstein auf – und wird von benachbarten Bauern missbraucht. Das Mädchen ist gut in der Schule, denn Schule ist Schonzeit. „Ich kapselte mich ein, lebte in permanenter innerer Verteidigung und Distanzierung zur Außenwelt“, schreibt sie später.

In einem „Jugendaufbauwerk“ macht sie eine Ausbildung für „frauentypische“ Berufe. 1963 nimmt sie in Kiel ein Sport- und
Gymnastikstudium auf, bricht ab, verdient eine Weile Geld als Stripperin in St. Pauli, übt mit einer Geliebten bürgerliches Leben in Wiesbaden und landet schließlich in Berlin, lernt Mollis bauen und werfen, schreibt Parolen an Wände und auf Flugblätter, wird Mitglied der diffus militanten Schwarzen Hilfe. Über diese Zeit schreibt sie: „Hier löste sich meine innere Isoliertheit auf, und ich entdeckte, dass mein Zustand der Zustand meiner Generation war und dass es dafür Gründe gab.“ 1972 bringt eine Gruppe um sie einen Sprengsatz in einem englischen Yachtclub unter – als Reaktion auf den Blutsonntag von Derry am 30. Januar 1972.
Ein Bootsbauer stirbt bei der Explosion.

Schließlich wird Viett Mitglied der Bewegung 2. Juni, die sich 1972 gegründet und nach dem Todestag von Benno Ohnesorg benannt hat. Inge Viett ist beteiligt an zahllosen Banküberfällen. 1972 und 1975 wird sie verhaftet, beide Male gelingt ihr der Ausbruch aus dem Gefängnis, nach der ersten Flucht taucht sie in die Illegalität ab.

1975 ist sie an der Entführung des CDU-Spitzenkandidaten Peter Lorenz beteiligt, der gegen fünf Inhaftierte der militanten Linken ausgetauscht wurde. Auch an den berühmten Schokokuss-Banküberfällen, bei denen die
Bewegung 2. Juni Schokoküsse an die Kunden verteilt und 100.000 Mark erbeutet, ist Inge Viett beteiligt.

C) taz-Bremen: Die Lesung findet im Keller statt. Bierbänke sind um ein leeres Podium aufgebaut, darauf stehen Tisch und Lampe. Nach und nach füllt sich der Raum im Untergeschoß des Schlachthofes mit Menschen: sehr junge Frauen mit kurzen Haaren und gepiercten Nasen, ältere Herren in Anorak und Hut, Punks mit vefilzten bunten Stacheln. Es ist kalt und konspirativ.

Als sich der Raum durch gut achtzig Menschen fast erwärmt hat, taucht sie auf: klein, zierlich mit Igel-Haarschnitt. Inge Viett, ehemalige Terroristin der „Bewegung 2. Juni“, die dieses Jahr ihre Biographie „Nie war ich furchtloser“ schrieb. „Es ist schön, Sie mal nicht auf einem Fahndungsplakat zu sehen“, sagt später ein Fan.

Eine Stunde liest sie aus ihrem Leben, spricht von Revolution, Terrorismus und der Zeit der verlöschenden Illusion. Am Anfang fällt
noch hier und da ein Schlüssel auf den Boden, hustet jemand laut oder sucht einen besseren Sitzplatz. Dann packt die Erzählung. Inge Viett fährt auf einer Verfolgungsjagd in den Gegenverkehr der Boulevards von
Paris. „Klasse“, sagt ein Hörer in den Moment atemloser Stille. Revolution ist aufregend.

Wäre da nur nicht die „amorphe Masse“, wie Inge Viett später die Bevölkerung in der Diskussion nennt. „Was mache ich mit der Kassiererin bei Aldi, die nur für ein Auto malocht?“, fragt sich ein junger Mann mit Nickelbrille. „Falsches Bewußtsein“murmeln die anwesenden DKP-Genossen und wissen doch nicht weiter. Inge Viett auch nicht. Ihr Kampf ist gescheitert – irgendwie, das findet sie auch.

Dabei sei der Gegner nicht schwächer geworden, so der Tenor der Diskussion. Die Macht, der Staat, das System – immer in der anonymen dritten Person. „Wir haben den Staat nicht progressiv verändert. Im Gegenteil. Er ist in seinen Strukturen fester denn je“, faßt Viett enttäuscht zusammen. Und so rückt man enger auf den Bierbänken zusammen, läßt die Spendendose kreisen und raucht vereinzelt einen Joint. Willkommen im Keller der Geschichte. susa

D) „So versuchte die vom Volk isolierte und gleichzeitig auf historischen Vorposten gestellte Intelligenz ihre soziale Schwäche mit der
Sprengkraft des Dynamits zu kompensieren. Die Chemie der Zerstörung wurde in ihren Händen zur politische Alchimie.“ (Aus: Leo Trotzki: „Der junge Lenin“)

Poller unter Reiher. Photo: Peter Grosse

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2011/01/09/strategien_zur_antiatomisierung_/

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kommentare

  • Ach ja, Inge Viett, der Kampf ist gescheitert weil „Genossen“ wie sie bis heute nicht erkannt haben, dass sie nur ein Spiegelbild dessen sind was sie bekämpften. Bis hin zum Aussprechen von Todesurteilen. Ein schwurbelnder Zizek langweilt wenn man seine theatralischen , lustig vorgetragenen Satzgebilde mal in einfache Sätze überträgt.Und ein angeblich selbstkritisches Buch über ein gespräch von Raf Mitgliedern: nach dem bewaffneten Kampf“ zu nennen, zeigt schon im Titel, dass hier nicht gelernt wurde das Terrorismus keine meinung sondern ein Verbrechen ist. Gescheitert ist diese „linke“ Strömung daran, dass sie nach viel Aufregung die Menschen heute zu Tode langweilt und sie die selbsternannte moralische Überheblichkeit dieser Protagonisten durchschaut haben, die bis heute in ihrer Sektenwelt um sich selber kreisen. Das es da keine wirklichen Freundschaften geben kann haben die Allermeisten schon in der 70 gern gewusst oder zumindest geahnt.
    Da fällt es doch keinem “ Gegner“ schwer stärker zu werden. Vielleicht auch weil der „Gegner“ etwas schlauer war als von oben genanntem Personenkreis angenommen.
    Während des Schreibens merke ich schon wieder wie einen das Thema langweilt

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