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vonHelmut Höge 22.02.2011

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

„Orientalistische Vision“ (E.Said). Photo: schockwellenreiter.de


„Im Zeitalter von Ludwig XIV war man hellenistisch, heute ist man orientalistisch gestimmt.“ (Victor Hugo, 1829)

Der Spiegel titelte vor einigen Tagen: “Wir sind alle Ägypter”

Und heute – nach einer Protestdemonstration von 80.000 Gewerkschaftsmitgliedern in den USA: “Kairo in Wisconsin”.

Die Berliner Zeitung zog nach und titelte über diese anhaltenden Proteste auf dem zentralen Platz in Madison gegen die Erhöhung der Kranken- und Alterssicherung: „Tahrir in Wisconsin“.

Während die FAZ vom „Kairos des Fertigmachens“ sprach – in bezug auf die deutsche „Opposition“ gegen Guttenberg. Wobei der Kairos jedoch keine verbummfiedelte Beziehung zur ägyptischen Opposition auf dem Tahrir-Platz hersrtellen sollte, sondern bildungsbürgerlich den „günstigsten Zeitpunkt für eine Entscheidung“ (Wikipedia) bedeutete.  Aber in diesen Tagen und Wochen liest man ein solches Wort in einer Überschrift erst einmal anders.

Auch die Neonazis haben Kairo im Kopf. Der Tagesspiegel berichtet heute, dass nach ihrer verlorenen Schlacht in Dresden auf mehreren Faschoseiten im Internet „wutschnaubend behauptet wird, es habe in der sächsischen Hauptstadt ‚ägyptische Verhältnisse‘ gegeben.“ Gemeint ist damit: „politische Machthaber und Polizei“ hätten „Hand in Hand mit Kriminellen“ agiert.


„GaddaPlag Wiki“ meldet: „92% des Contents von Gaddafis „Grünem Buch“ besteht aus Plagiaten!“

Titanic-online berichtet aus Libyen: „Kein Rücktritt, aber: Gaddafi verzichtet auf Diktatorentitel!“

Der Sprecher des US-Präsidenten, Robert Gibbs, auf einer Pressekonferenz über den sich ausbreitenden und vertiefenden Arabischen Aufstand: „We are monitoring the fluid situation.“

Der kerndeutsche Historiker und Hobbyorientalist Michael Stürmer über das wichtigste Medium im Arabischen Aufstand: „Al Dschasira liefert die Euphorie zur Revolution. (…)  Es fehlt dem arabischen Sender aber an Sachkunde, Nüchternheit und Interesse am Hintergrund. So fiel auf, dass neben tobenden, Slogans schreienden hin und her flutenden jungen Männern kaum junge Frauen ins Bild kommen: Hätte nicht auch dieser auffällige Unterschied der Erklärung bedurft? Dass alte Frauen an die jungen Protestler Süßigkeiten verteilten, war wenig aufschlussreich.“

Der Direktor des neugegründeten Kairoer „Instituts für Okzidentalistik“, Dr. Al-Basrawi: „Wenn europäische und amerikanische Orientalisten von ‚Hintergrund‘ reden, meinen sie stets die Bodenschätze.“

DPA/AP meldet: Von der einen Seite nähern sich zwei iranische Kriegsschiffe, von der anderen Seite ein englisches Kriegsschiff – der libyschen Küste. Auch die Führung der deutschen Kriegsmarine hat „Leinen los“ befohlen. Die taz schreibt: „Erstmals seit 1979 erlaubt Ägypten iranischen Kriegsschiffen die Passage durch den Kanal. Israel sieht darin eine Provokation, ist aber vorerst nicht beunruhigt.“ Die Nachrichtenagenturen melden: Auch Syrien will nun Schiffe an die libysche Küste entsenden. Die Marine solle die dort inmitten der schweren Unruhen festsitzenden syrischen Landsleute aufnehmen. Und die USA prüfen nach Angaben des Weißen Hauses noch verschiedene „Optionen“…Es ist somit absehbar, dass in Libyen bald vor der Küste mehr los sein wird als an Land. Aber dass von diesen ganzen Geschwadern eine zu den Aufständischen überläuft, ist mehr als fraglich.

„Orientalistische Vision 2.0“. Photo: abendblatt.de

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kommentare

  • Letzte Meldungen am Dienstag:

    Ägypten:

    Die Muslim-Brüderschaft, die größte Oppositionsgruppe Ägyptens, monierte an der Regierungsumbildung, die neue Regierung beweise, dass Mubaraks „Kumpanen“ noch immer die Politik kontrollierten. „Das neue Kabinett ist eine Farce“, sagte ein hochrangiges Parteimitglied, Essam al-Erian. „Es tut so, als beziehe es wirklich die Opposition mit ein, aber in Wirklichkeit stellt diese Regierung Ägypten unter die Bevormundung des Westens.“

    Am Dienstag forderten zudem etwa 500 Demonstranten in Kairo den Rücktritt der Militär-Regierung. „Wir verlangen die Abdankung von Ministerpräsident Ahmed Schafik und seiner Regierung, die wir für ein Überbleibsel des früheren Regimes halten“, hieß es auf Flugblättern, die von der Jugendbewegung „6. April“ verteilt wurden. Das Kabinett wurde größtenteils noch von Mubarak eingesetzt, der am 11. Februar nach heftigen Protesten zurückgetreten war. Die Demonstranten sagten, sie würden der Regierung bis Mittwoch Zeit für einen Rücktritt geben. Für Donnerstag wollten sie zu einer Sitzblockade auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo aufrufen und für Freitag zu einem Demonstrationsmarsch. (Reuters)

    Libyen:

    Er schrie, keifte, schwadronierte: Erstmals seit Beginn der Proteste in Libyen hat sich Diktator Gaddafi direkt an das Volk gewandt. In einer Fernsehansprache beschimpfte er die Demonstranten als „Ratten“ – und drohte ihnen mit brutaler Gewalt. Der Westen ist entsetzt.

    Er pries sich selbst mit überschlagender Stimme als Bastion gegen Kolonialisten, Imperialisten und Islamisten, beschwor die glorreiche libysche Vergangenheit, las passagenweise aus seinem Grünen Buch vor – und schmetterte den Zuschauern dann seine zentrale Botschaft entgegen: „Ich werde Libyen nicht verlassen!“ Nein, lieber wolle er als „Märtyrer sterben“.

    Prompt folgte ein drastische Warnung an seine Gegner: „Legt Eure Waffen sofort nieder, sonst gibt es ein Gemetzel!“ Libyen werde nun „Haus für Haus gesäubert“, kündigte der Revolutionsführer an.
    (spiegel online)

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