https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/01/Bildschirmfoto-2018-01-17-um-19.24.57.png

vonHelmut Höge 23.04.2011

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

Das österlich verbummelte Berlin, viele Einwohner sind verreist, dafür sind noch mehr Touristen angereist, steht in starkem Kontrast zu den sich immer noch oder wieder ausbreitenden Aufständen anderswo. Und doch flimmert unterhalb dessen so etwas wie Nervosität auf – einerseits mobilisieren die Autonomen zur 1.-Mai-Demo, u.a. mit einem schönen roten Plakat auf dem sich ein großes arabisches Schriftzeichen befindet – das Wort für Tahrir oder für Aufstand vielleicht? Andererseits alarmisiert die Boulevardpresse schon mal kräftig im Vorabbereich gegen eine machtvolle 1.Mai-Demonstration.

Auch die Springerstiefelpresse ist von den Arabischen Aufständen enthusiasmiert worden, aber auf ihre – reaktionäre – Weise. Seit Anfang der Woche dröselt die BZ die linke Scene, vornehmlich Kreuzbergs, auf – namentlich und mit Photos sowie Graphiken, die dieses militante „Netzwerk“ veranschaulichen sollen. Mehrere Betroffene haben bereits Klage erhoben gegen bestimmte ihnen zugeordnete „Fakten“. Für die BZ kristallisiert sich dieses schon Al-Quaida ähnelnde Terror-Netzwerk zunächst in 61 im Mehringhof, deren zwei Geschäftsführer natürlich ebenfalls von der BZ geoutet werden – als zur „linksextremen Mafia“ gehörend, sozusagen mittendrin steckend.

Das dort domizilierte Buchladenkollektiv „Schwarze Risse/Verlag Assoziation“ hat gerade eine Anklage zu gegenwärtigen gehabt, weil sie das Autonomen-Zentralorgan „interim“ an unbescholtene Berliner verkauft haben sollen, Nummer für Nummer, wie bei mehreren Razzien festgestellt wurde. Dennoch stellte das Moabiter Gericht das schwerbewachte Polit-Verfahren gegen die „Schwarzen Risse“ und den Buchladen Oranienstraße 27 plötzlich ein, sogar die Staatsanwältin machte sich am Ende dafür stark.

Stattdessen sprang dann die Springelstiefelpresse ein – und schaffte neue Fakten heran:

„Die linksextremistische Szene geht immer gezielter auf Jugendliche zu – und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Jeder vierte Chaot ist noch Schüler.“

„Fest steht allerdings, dass autonome Häuser wie die Köpi wichtige Kristallisationspunkte der Szene darstellen. ‚Ich werde dieses Haus bis zum letzten verteidigen,“ schreibt eine Bewohnerin auf der Webseite des besetzten Hauses. So weit ist es aber noch nicht. Zum Auftritt einer Band sind am Abend 500 Leute gekommen. Ab dem zehnten Wodka gibt es eine Anstecknadel gratis, sagt der Barkeeper. Auch im herrschaftsfreien Raum muß man Reklame machen,“ schreibt die BZ-Einschleichjournalistin Caroline Rosales.

„Die linke Szene ist extrem gut vernetzt und weitaus besser organisiert (siehe die Wodkazehnten-Regel) als die vergleichbar rechte Szene, sagt der Chemnitzer Politologie-Professor Eckhard Jessen. Das ist historisch gewachsen.“

Unter einem Organogramm zum Umfeld des „Ermittlungsausschusses“, der seit 30 Jahren mehr oder weniger erfolgreich verhaftete Demonstranten  „raushaut“, was der BZ natürlich ganz besonders mißfällt, heißt es: „So funktionieren und agieren die Netzwerke, die mutmaßliche und verurteilte linksextreme Straftäter unterstützen und schützen.“

Und in die Geschichte eines ehemaligen „harten Schlägers“ aus dem Schwarzen Block, von ihm selbst erzählt, finden sich zwei „Varianten“ für einen der „Schlachtpläne“  seines „Blocks“. Der „Antifa-Aussteiger“ studiert heute Kunst.

Heute erschien die 5.Folge dieser BZ-Serie über „das geheime Netzwerk der linken Chaoten und ihrer Helfer – wie die Gewalt in Berlin organisiert ist.“

In Belgrad, Zagreb und Madrid blieb es dieser Tage ruhig, wahrscheinlich weil die jugendlichen Protestler ebenfalls alle über Ostern aufs Land gefahren sind. Anders in den islamischen Ländern, wo Freitag ganz normal gebetet – und anschließend wieder machtvoll demonstriert wurde:

Im kurdischen Teil des Iraks gehen die Kämpfe mit der Regierung weiter, die Protestdemonstration der zumeist jungen Leute gestern richtete sich gegen die ewig herrschenden Stammesführer Talabani, Staatspräsident, und Barsani, Regionalpräsident. Die Kurdenexpertin Inga Rogg, die zuletzt für die taz aus dem Jemen berichtete, schreibt heute in der Neuen Zürcher Zeitung:

„Unter dem Eindruck der Proteste kündigte der Regionalpräsident Masud Barzani (KDP) Reformen an. Das Versprechen sei nicht eingelöst worden, erklärten mehrere Menschenrechtsgruppen am Mittwoch in einer gemeinsamen Erklärung. Darin fordern die Bürgerrechtler ein Ende des Polizei- und Militäreinsatzes gegen Zivilisten. Zudem müsse die kurdische Regierung die Unterdrückung der freien Berichterstattung und die Verhaftung von Journalisten beenden, heisst es in dem Aufruf. Journalisten berichten von Einschüchterungen und gezielter Gewalt, mindestens ein Fernsehsender wurde von Sicherheitskräften angegriffen. Die beiden altgedienten Parteien bewegen sich auf gefährlichem Eis. Denn Suleimaniya ist eine Stadt mit einer langen Widerstandstradition gegen jegliche Obrigkeit. Viele junge Kurden fordern mittlerweile den Rücktritt der Regierung.“
Aus Syrien und dem Jemen meldet dpa:

Die Machthaber versuchen es mit halbherzigen Reformen, doch die Wut der Straße bleibt: In Syrien haben auch nach Aufhebung des jahrzehntelangen Ausnahmezustands wieder zehntausende Menschen gegen das Regime protestiert. Bei den Demonstrationen gegen Präsident Baschar al-Assad töteten syrische Sicherheitskräfte und Heckenschützen am Freitag in mehreren Städten mindestens 35 Demonstranten. Auch im Jemen versammelten sich wieder Zehntausende im Protest gegen den Langzeit-Präsidenten Ali Abdullah Salih.
Nach Angaben syrischer Menschenrechtsaktivisten starben am Freitag allein in der südlichen Stadt Asraa 18 Demonstranten, als Heckenschützen auf Hausdächern das Feuer eröffneten. Sieben Menschen kamen bei Protesten in der Hauptstadt Damaskus ums Leben, wo die Sicherheitskräfte auch Tränengas gegen Kundgebungsteilnehmer einsetzten. Weitere Opfer wurden aus mehreren anderen Städten gemeldet. Zahlreiche Demonstranten wurden verletzt, etliche davon sollen in kritischem Zustand sein.

Assad hatte am Tag zuvor den seit 1963 geltenden Ausnahmezustand aufgehoben. Die Demonstranten verlangten am Freitag neben Demokratie und einem Regimewechsel auch die Freilassung tausender politischer Gefangener, die bislang nicht von den halbherzigen Reformen des Präsidenten profitieren konnten.

Wie schon in den vergangenen Wochen trotzten die Demonstranten den Drohungen und Einschüchterungsversuchen des Regimes. Zwar setzte Assad am Donnerstag auch ein neues Versammlungsgesetz in Kraft, welches Demonstrationen legal macht, wenn sie vom Innenministerium genehmigt sind. Doch hatte das Ministerium den Bürgern schon vor drei Tagen eingeschärft, sich von Demonstrationen fernzuhalten. Die Kundgebungen am Freitag konnten allein schon wegen der vorgeschriebenen Einreichungsfristen keine Genehmigungen erhalten.

Der Gewalt der Sicherheitskräfte fielen in Syrien seit Beginn der Proteste vor mehr als einem Monat rund 300 Menschen zum Opfer. Hunderte weitere wurden verletzt und verhaftet. Die Regime-Gewalt hat die Demonstranten radikalisiert. Verlangten die Proteste bislang nur echte Reformen und Freiheiten, so dominierten am Freitag bereits die Forderungen nach dem Rücktritt Assads und nach einem Regimewechsel.

Der Spiegel titelt dazu bereits – in seiner heutigen Ausgabe:

„Letzte Runde in Damaskus“

Aus Libyen meldet Reuters:

Nach sieben Wochen zermürbender Kämpfe haben die libyschen Rebellen ihre weit im Westen gelegene Hochburg Misrata nach eigener Aussage wieder unter ihre Kontrolle gebracht. „Misrata ist frei, die Rebellen haben gewonnen“, sagte ein Sprecher der Aufständischen der Nachrichtenagentur Reuters am Samstag am Telefon. Die Truppen von Machthaber Muammar Gaddafi seien auf der Flucht. Gefangen genommene Soldaten berichteten, ihnen sei am Freitag der Rückzug aus der drittgrößten libyschen Stadt befohlen worden. Der stellvertretende Außenminister Chaled Kaim hatte dies mit den andauernden westlichen Luftangriffen begründet, bei denen die USA am Wochenende auch erstmals eine Drohne einsetzten.

Sollte die Angaben über die Wiederinbesitznahme Misratas stimmen, wäre das ein großer Erfolg für die Rebellen. Die Stadt galt lange als Symbol für den aussichtslos scheinenden Kampf der Aufständischen im Westen des Landes. Rebellensprecher Gemal Salem warnte gleichwohl vor Sorglosigkeit. Zwar seien Gaddafis Truppen aus der Stadt vertrieben. Sie hätten jedoch in der Nähe Stellung bezogen und könnte Misrata jederzeit wieder mit ihrer Artillerie angreifen. Jetzt durchkämmten die Rebellen die Stadt. Auch dort drohe Gefahr, weil Gaddafis Truppen an Häusern, Autos und selbst an Leichen Sprengfallen versteckt hätten. Bislang seien bei der Explosion der Sprengsätze drei Menschen getötet und 15 verletzt worden. Später wolle man die versprengten Kämpfer im Westen unterstützen.

Aus Ägypten kommt folgende dpa-Meldung:

Die Arabische Liga unterstützt nach den Worten ihres Generalsekretärs Amre Mussa den „Ruf der arabischen Völker nach Wandel“. Alle arabischen Gesellschaften wollten „das Ende des Autoritarismus, der Vetternwirtschaft, der Korruption“ sagte Mussa der Pariser Zeitung „Le Figaro“ (Samstag). „Die Arabische Liga will kein für alle seine Mitglieder gültiges Modell des Wandels vorlegen, doch sie bekräftigt, dass es einen Wandel geben muss. Dieser Drang der arabischen Völker zur Freiheit ist unumkehrbar.“

„Wir waren uns voll bewusst, dass die bestehenden politischen Regime nicht so weiterbestehen konnten“, sagte Mussa. „Die arabischen Völker haben gesehen, wie alle anderen Völker sich weiterentwickelt haben, um ins 21. Jahrhundert einzutreten, während sich bei ihnen nichts geändert hat. Ihre Enttäuschung war riesig.“ Der Arabischen Liga gehören 21 arabische Staaten aus Nordafrika und Vorderasien sowie die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO an.

Der Ägypter Mussa möchte bei der Präsidentenwahl im November in seiner Heimat antreten. Er wirbt für den Rückzug der Militärs aus der Politik und zumindest für die kommenden zehn Jahre für ein Präsidialsystem, das den Parteien Raum zur Entwicklung einräumt.

AP meldet unter dem Stichwort Bahrain:

Mit einer Kundgebung in Bagdad haben mehrere hundert Anhänger einer irakischen Schiiten-Partei am Samstag ihre Solidarität mit der Oppositionsbewegung in Bahrain gezeigt. Die Demonstranten forderten ein Ende des gewaltsamen Vorgehens gegen die Protestbewegung in dem Golfstaat sowie einen Abzug der dabei eingesetzten internationalen Truppen.

Die vorrangig schiitische Opposition in Bahrain fordert größere politische Freiheiten von den sunnitischen Herrschern des Staats. Irakische Politiker fürchten, dass der Konflikt zwischen dem sunnitischen Königshaus und der schiitischen Mehrheit in Bahrain auch konfessionelle Konflikte im Irak aufflammen lassen könnte.

„Le Monde“ schreibt über Tunesien laut dpa:

„Frankreich sucht neue Dynamik in Nordafrika“

(Muß es nicht „findet neue Dynamik in Nordafrika“ heißen?)

Aus Nigeria berichtet epd:

Wegen der Unruhen nach der Präsidentenwahl in Nigeria sind nach Angaben des Roten Kreuzes fast 50.000 Menschen auf der Flucht. Bürgerrechtler erklärten am Mittwoch, mehr als 200 Menschen seien ums Leben gekommen. Der unterlegene Kandidat Muhammadu Buhari distanzierte sich von der Gewalt, kündigte aber an, das Wahlergebnis juristisch anzufechten.

Die Krawalle im muslimischen Norden Nigerias hatten begonnen, als sich am Montag der Wahlsieg des amtierenden Präsidenten Goodluck Jonathan abzeichnete. Jonathan ist Christ und stammt aus dem Süden. Wie der britische Sender BBC berichtete, haben die Unruhen inzwischen sechs nigerianische Bundesstaaten erfasst. Über mehrere Städte wurde eine Ausgangssperre verhängt. Es gab viele Festnahmen.

Anhänger Buharis gingen auf die Straßen, zündeten Häuser und Autos an. Sie werfen den Behörden Wahlbetrug vor. Offenbar wurden gezielt Christen und andere Unterstützer Jonathans angegriffen. Das Rote Kreuz behandelte mehrere hundert Verletzte. In der Nacht zum Mittwoch suchten Menschen in mehreren Städten Nordnigerias Zuflucht in Polizeistationen. In Kano und anderen Städten patrouillieren verstärkt Sicherheitskräfte. An vielen Stellen errichteten Polizei und Militär Straßensperren.

Im südlichen Bundesstaat Anambra suchten Tausende Muslime Zuflucht in einer Kaserne, weil sie Racheakte von Christen fürchten. Jonathan wurde nach Angaben der Wahlkommission mit 59 Prozent der Stimmen gewählt. General Buhari erhielt bei der Wahl am Samstag 32 Prozent.

Buhari sagte der BBC: „Die Gewalt ist traurig, nicht gerechtfertigt und kriminell.“ Er und seine Partei „Kongress für Progressiven Wandel“ (CPC) distanzierten sich von der Gewalt. „Ich betone, dass das, was geschieht, weder ethnische noch religiöse noch regionale Ursachen hat“, sagte er.

Es ist das erste Mal, dass die Wähler so eindeutig nach religiösen Grenzen abstimmten. Jonathans Vorgänger, der 2010 verstorbene Muslim Umaru Yar’Adua, hatte auch im Süden eine deutliche Mehrheit. Yar’Aduas christlicher Vorgänger wiederum, Olusegun Obasanjo, siegte auch im Norden.

Viele Nigerianer erklären den Ausbruch der Gewalt damit, dass durch Jonathans Kandidatur und Wahlsieg das ungeschriebene Gesetz gebrochen wurde, dass sich Muslime und Christen an der Staatsspitze abwechseln. Demnach hätte die PDP wieder einen muslimischen Kandidaten aufstellen müssen. Sie entschied sich aber für den Christen Jonathan, der das Amt im Mai 2010 nach dem Tod Yar’Aduas übernommen hatte. Der Vizepräsident muss nach der Vereinbarung jeweils der anderen Religion angehören.

Aus Marokko berichtete Rainer Wandler zuletzt, dass der dortige König, Mohammed, Reformen angekündigt hat, um den auch auf Marokko übergegriffenen Aufständen im arabischen Raum entgegen zu wirken – und sein Regime an der Macht zu halten.

„Der 47-Jährige ernannte ein Komitee aus politischen Parteien, Gewerkschaften und Vertretern der Zivilgesellschaft zur Ausarbeitung der Pläne,“ schreibt die Badische Zeitung.

dpa meldete zuletzt aus Marokko:

Der marokkanische König Mohammed VI. hat 190 Häftlinge begnadigt, darunter auch zahlreiche politische Gefangene. Wie die staatliche Nachrichtenagentur MAP am Donnerstag berichtete, folgte der Monarch damit einer Initiative des Nationalen Rats für Menschenrechte (CNDH). Der Rat war von der Regierung eingerichtet worden, nachdem Tausende Marokkaner auf Kundgebungen demokratische Reformen verlangt hatten.

Unter den begnadigten politischen Gefangenen waren Mitglieder islamistischer Gruppen und Menschenrechtler. 95 Häftlinge wurden aufgrund des Gnadenerlasses aus dem Gefängnis entlassen, bei den anderen wurde das Strafmaß reduziert.

Aus Algerien meldete dpa Anfang dieser Woche Ähnliches:

Aus Angst vor einer Revolte wie in den Nachbarländern hat der algerische Präsident Bouteflika Reformen für mehr Demokratie angekündigt. Die Opposition glaubt seinen Worten allerdings nicht. Islamische Extremisten verübten unterdessen mehrere Attentate.

„Der Präsident spricht von Demokratie, nachdem er ihr jeden Sinn genommen hat“, sagte der Vorsitzende der algerischen Menschenrechtsliga (LADDH), Mustapha Bouchachi. Die Sozialistische Arbeiterpartei kommentierte, der seit 1999 regierende Bouteflika wolle mit minimalen Zugeständnissen nur eine Revolte wie in Tunesien und Ägypten verhindern.

„Alle, insbesondere die Jungen, wollen sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt und noch mehr Gerechtigkeit und Freiheit“, sagte der Staatschef in der TV-Ansprache. Kommissionen sollten sich um die Umsetzung der Reformpläne kümmern. An dem Prozess dürften sich alle politischen Kräfte des Landes beteiligen.

AP ergänzte:

In Algerien sind nach Behördenangaben sechs Sicherheitskräfte bei zwei fast gleichzeitigen Angriffen von mutmaßlichen Extremisten getötet worden. Die beiden Angriffe vom Sonntag ereigneten sich demnach in den beiden östlich von Algier gelegenen Regionen Boumerdes und Bouira. Fünf Soldaten wurden während einer Patrouille in der Region Boumerdes in einem Hinterhalt getötet, während bei einem etwa zwölf Kilometer entfernten zweiten Anschlag ein Polizist sein Leben verlor und zwei weitere verwundet wurden.

Erst in der Nacht auf Samstag hatten militante Islamisten nach Angaben von Sicherheitskräften mindestens 13 algerische Soldaten getötet, als diese sich eine im Fernsehen übertragene Rede von Präsident Abdelaziz Bouteflika ansahen.

„Extremisten“ auch in Gaza – wie Reuters erfuhr:

Nach dem Bruch einer informellen Waffenruhe durch radikale Palästinenser hat Israel am Freitag zwei Luftangriffe gegen Ziele der radikalislamischen Hamas im Gaza-Streifen geflogen. Zuvor hatten Extremisten zwei Raketen in Richtung auf die Städte Aschkelon und Aschdod abgefeuert. Schäden habe es nicht gegeben, sagte ein Polizeisprecher. Auch bei den Luftangriffen habe es keine Opfer gegeben.

Die Jugend liebt es heuer anscheinend extremistisch – ob islamistisch, autonomistisch-situationistisch oder drogenbefeuert durchtanzend sowie beim networken im Gehen, Stehen und Liegen. Der Spiegel verkauft ihnen und uns in der heutigen Osterausgabe bereits den Softie Jesus als „Rebell Gottes“ (auf DVD) – zusammen mit der fortlaufenden FAZ-Serie zur „Arabellion“ wird er in dieser x-ten Titelgeschichte über ihn zu einem frühen Mitstreiter der arabischen „Facebook-Generation“, wobei der jetzige Spiegel in seinem Tatsachenbericht „Die rohe Botschaft“ auch gleich noch die Frage beantwortet, die allen jugendlichen Kirchentagsbesuchern schwer auf der Seele liegt:

„War Jesus gewaltbereit?“

Es versteht sich von selbst, dass die Figur „Jesus“, die Claude Lévi-Strauss übrigens als Gründungsmythos einer weiblichen Religion begreift, die erst im Zusammenprall mit dem imperialistischen Islam durch die Kreuzritter-Heere männlich-homosexualisiert geworden sei, dass diese Figur Jesus im Spiegel, wie von Augstein zigmal vorexerziert, als eine Realerscheinung, in personam sozusagen, vorgestellt wird.

Ungleich klüger ist dagegen die Jesus-Figur-Interpreation von Cam Carotta, die ich hier aus österlichen Gründen anfüge:

“War Jesus Caesar?”

Am Anfang stand ein Verdacht: Handelt es sich beim Christentum um einen umgemünzten Cäsarenkult? Ist das Evangelium Jesu nur eine neu verfasste Vita Cäsars – des einst als Gott verherrlichten Divus Julius?

Cam hat sich lange mit den lateinischen, griechischen und aramäischen Texten befasst und legt eine Fülle von Beweisen dafür vor, wie aus den cäsarischen “Siegesmeldungen” im römischen Bürgerkrieg die “guten Botschaften” Jesu wurden. Dieses hübsche Überraschungsei dreht die Christusforschung, die sich nur noch um Jesu-Realia bekümmert, wieder um: Hier geht es um Texte.

Bei der Diskussion des Buches – unter anderem über die Internetadresse www.carotta.de – halten sich denn auch die Theologen eher bedeckt.  Die Archäologin Erika Simon schreibt im Nachwort: “Die enge Verflechtung dieser Religion mit dem Römischen Weltreich wurde von Seiten der historischen Forschung schon immer unterstrichen. Das Buch knüpft an diese Tatsache an, geht aber weiter und deckt neue … Zusammenhänge auf… Im Gegensatz zu Jesus war Cäsar ein Heerführer, doch unter römischen Soldaten erfolgte … die frühe Verbreitung der christlichen Religion.”

Auch die heilige Geschichte Cäsars ist uns nur über die Werke späterer Autoren bekannt. Carotta liest die Texte als “Vitae Parallelae”, als parallele Lebensbeschreibungen also.

Während es bei Plutarch zum Beispiel heißt: “Pompeius war in Rom und rüstete auf. Währenddessen forderte Metellus Scorpio Caesar auf, seine Soldaten zu entlassen”, steht bei Markus (1,4): “Johannes der Täufer war in der Wüste und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden.” Carotta schreibt dazu: “Wir haben gesehen, dass die Taufe für lustratio steht bzw. für ein als dilutum missverstandenes dilectus, also für Rüstungen und Aushebungen, dass hinter ,predigte’, kéryssón, Caesar steckt, hinter der ,Buße’, metanoias, Metellus, hinter den ,Sünden’, (h)amartión, armorum, Waffen, Armee. Nach demselben Muster ist hier Rom zur Wüste geworden: Romae – erémó, ,in Rom’, ,in der Wüste’.”

Um gleich die Frage im Titel des Buches zu beantworten: War Jesus Cäsar? “Nein, Jesus war nicht Cäsar: Jesus ist Divus Iulius.” Im Übrigen ist das Oberhaupt der Römischen Kirche noch heute Pontifex maximus. Mit der feierlichen Beendigung der Bürgerkriege war bereits aus dem “imperium populi romani” das “imperium Divi Iulii” – das “Reich Gottes” – geworden. Mit einem Cäsarenkult, der bis Indien reichte, mit eigenen Priestern und Liturgien. Es war ein monotheistischer Gott, den Brutus da erstochen hatte. Und seine Umwandlung vollzog sich in einer Art Transkription.

Erwähnt sei dazu die Polemik um Catos Selbstmord – zwischen Cicero und Cäsar. Man kennt ihre Schriften nur aus der Sekundärliteratur. Cäsar warf danach Cato vor, “er habe seine schwangere Frau Marcia dem reichen und betagten Horrensius abgetreten, um sie bald danach als reiche Witwe wieder zu heiraten, dadurch aus schnöder Habgier die Ehe zu einem Geldgeschäft erniedrigt … Nur zur Tarnung habe er Trauerkleider getragen.”

Carotta schreibt: Tatsächlich war dann “die von der reichen Witwe angeschaffte Erbschaft zu Catos persönlicher Kriegskasse geworden. Der Evangelist Markus wird Cäsars Polemik gegen Cato im Anschluss an den Afrikafeldzug vorgefunden haben. Nicht zufällig finden wir den Kern jener berühmten Polemik, in typischer Abwandlung, nach den bösen Weingärtnern, i. e. nach der Meuterei der Veteranen, wieder”.

Dort (12,38-40) heißt es: “Und er lehrte sie und sprach zu ihnen: Seht euch vor vor den Schriftgelehrten, die gern in langen Gewändern gehen und lassen sich auf dem Markt grüßen und sitzen gern obenan in den Synagogen und am Tisch beim Mahl; sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete …”

Wieder und wieder wurde der Diskurs um das Mittelmeer getrieben, wenn man so sagen darf – auf Eseln. Mir hat an diesem Parforceritt am besten gefallen, wie dabei aus großen Bürgerkriegsepisoden kleine Heilungen wurden (er kam, sah und heilte) – und vice versa. Wobei dem ursprünglichen Text – der Wahrheit – nicht immer Gewalt angetan werden musste. So urteilte Markus über den Anteil der Gnade an der Heilung: “Wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.” Dies ist laut Carotta “eine gute markinische Übersetzung” des Angebots von Cäsar an Cato: “in fidem et potestatem se permittere”.

Des Euhemeros’ Gedanke – “Die Götter von heute sind die guten Herrscher von gestern” – hat sich damit nach Meinung des Autors am Beispiel von Cäsar und Jesus bestätigt. “Mit der Konsequenz: dass uns runde 100 Jahre abhanden gekommen sind. Seit der Geburt des tatsächlichen Jesus – vom leidigen Problem des Jahres 0 (null) abgesehen – sind wir im Jahr 2099.” Cam veröffentlichte sein Buch kurz vor dem Milleniumswechsel – es bestätigte so nebenbei noch einmal Jean Baudrillards Prophezeiuung von 1989: “Das Jahr 2000 findet nicht statt!”

Folgt man Claude Lévi-Strauss, dann sind wir seit den Kreuzzügen alle islamisiert. In diesem Zusammenhang lohnt es sich vielleicht, noch einmal auf das radikalislamische Verbot von Wein (Alkohol) und Frauen (in der Öffentlichkeit) zurück zu kommen:

Im Jahr 1805/06 veröffentlichte der Populärphilosoph und braunschweigische Hofrath Carl Friedrich Pockels “eines der wichtigsten Werke zum Männlichkeitsdiskurs um 1800″: das zweibändige “Der Mann. Ein anthropologisches Charaktergemälde seines Geschlechts”. Wie fast alle Aufklärer vor und nach ihm kommt er darin zu der Auffassung, dass der Mann seiner Natur nach asozial/egoistisch, aggressiv und unzivilisiert ist, erst durch den Einfluß einer Ehefrau wird aus ihm ein das Soziale nicht mehr gefährdendes Individuum.

2008 hat der Soziologe Christoph Kucklick die Männer-Studien von Pockels, Kant, Hegel, Fichte usw. als eine “Negative  Andrologie” zu Beginn der Moderne bezeichnet – in seiner Doktorarbeit: “Das unmoralische Geschlecht”. Pockels machte sich darüberhinaus jedoch auch laut Kulick Gedanken, “wie Sozialität unter Männern denkbar ist” – unter Männern, die keine Ehe eingehen (können oder dürfen). Für sie gibt es statt einer Frau den Wein! Pockels Abhandlung über “das Verhältnis des Mannes zum Wein” ist fast 100 Seiten lang. Sie las sich damals weniger kurios als heute, meint Kulick, denn auch Kant u.a. Aufklärer erörteren um 1800 den Wein als Vehikel der “Offenherzigkeit”. Während Frauen laut Pockels durch den Alkohol “lüstern” wie Männer werden, bewirkt der Wein bei Männern umgekehrt, dass “mäßiger Rausch” sie zu Frauen macht. Sie werden toleranter und liebenswürdiger. Sie sind “keiner Verstellung und Hinterlist” mehr fähig, kurzum: sie machen “zur Freude der ganzen Welt” eine Wandlung zum Guten durch. Aber vor allem öffnet der Trunk ihr Herz – “und ergänzt so die weibliche Kardialbelebung durch eine alkholische” (Ch. Kulick).

Der Alkohol wirkt “als Antidot zu den Differenzen der Gesellschaft und den Egoismen der Männer”, ihre mit Wein verbundene Geselligkeit “ist eine Art konkrete Utopie, die Versöhnung nach Feierabend” – indem  sie sich beim gemeinsamen Zechen laut Pockels “untereinander zu einem Geiste der Offenheit bekennen”. Für Kulick  “könnte das auch die Beschreibung einer Ehe sein. Und in der Tat entspricht das Trinken bei Pockels genau einem Eheschluß – ohne Frauen. In der Kneipe heiraten Männer. Der Alkohol sorgt dafür, dass Männer miteinander einen ähnlichen Grad an sozialer Kohäsion erreichen wie sonst nur mit ihren Frauen in der Ehe.”

Das ist utopisch gedacht, Pockels hat dabei nicht die schlechte Realität (in den Wirthäusern) übersehen: Der “Schwermüthige” wird im Rausch zum “wirklich gefährlichen Menschen”, der Geschäftsmann wird zum Angeber, der Soldat spricht “mit nicht geringerm Egoismus von seinem Metier”, der Gelehrte “träumt sich eine Celebrität”, andere Männer werden “zanksüchtig, empfindlich und ungestüm.”

Der Geheimrat Goethe sah in  diesem Phänomen anscheinend auch etwas Gutes: “Der Wein, er erhöht uns, er macht uns zum Herrn und löset die sklavischen Zungen”. An dieser Ambivalenz – einerseits verblödet das Trinken auf Dauer, andererseits steigert es aber auch die Kreativität und den Gedankenmut, wie zuletzt der Philosoph Gilles Deleuze in seinem Film-Interview “Abécédaires” ausführte –  hat sich bis heute wenig geändert. Wobei man wenigstens hierzulande aber auch noch zwischen einer Wein- und einer Bierkultur unterscheiden muß, ein Thema, dem sich bereits Nietzsche angenommen hat, der selbst jedoch statt Alkohol lieber Cannabis zu sich nahm: “Ich war verurteilt zu Deutschen. Wenn man von einem unerträglichen Druck loskommen will, so hat man Haschisch nötig.”

Diese  illegale “Droge”, d.h. der herumgereichte “Joint”, trat spätestens mit der Studentenbewegung langsam an die Stelle des Alkohols als “verbindendes Mittel” einer Geselligkeit, die – wie auch schon um 1800 – gleichbedeutend mit Gesellschaft war, was sich nun jedoch vollends als utopischen Gegenentwurf verstand. Nur wenig später schon meldeten die Frauen daran erhebliche Korrekturen an. Die Autorinnen in dieser neuen “Frauenbewegung” waren es dann, die noch einmal die Schriften der Aufklärer lasen – jetzt im Hinblick auf die Rolle der Frauen in deren (patriachalischen) Gesellschaftsentwürfen.

Demgegenüber behauptet Christoph Kulick: Nach den großen  Hexenverfolgungen und der Verhäuslichung und Moralisierung der überlebenden Frauen auf der Schwelle zur Moderne, “fixiert” diese dann “in Männern ihre Ressentiments gegen sich selbst. Das Misstrauen an Maskulinität ist also weder neu noch systemgefährdend, sondern gepflegter Bestand der Moderne. Sie hadert von Anfang an mit ‘den Männern’. Über dieses Erbe haben sich die Genderwissenschaften bislang nicht hinreichend selbst aufgeklärt.”

Wenn es stimmt, dass mit der Verfolgung der “weisen Frauen” und “Hebammen” auch das empfängnisverhütende Wissen der Frauen vernichtet wurde, dann resultierte die größere Soziabilität des “moralischen Geschlechts” in der Moderne nicht zuletzt aus ihrer übergroß gewordenen Furcht vor (unerwünschter) Schwangerschaft, die eigentlich erst mit der “Pille” wirklich gebannt werden konnte – von den Frauen  selbst und individuell.

Aber das ist nicht das Thema von Kulicks umfangreicher Studie über “Das unmoralische Geschlecht” die Männer – wie es “um 1800″ begriffen wurde und woraus sich dann für ihn sowohl “der moderne Feminismus wie der moderne Wohlfahrtsstaat” formierten, was sich zudem mit einer “Idealisierung von Mütterlichkeit” verband:  “Kurz gesagt, Mütter plus Wohlfahrtsstaat bildeten eine neue Machtachse, die der Konstruktion von Frauen als universale Opfer männlicher Herrschaft, wie sie in feministischen Diskursen vorherrschte, widersprach.”

Das klingt zuletzt verdächtig an die  männiglichen Scheidungsopfer-Klagen  von Frank Schirrmacher, Matthias Matussek, Norbert Boltz u.a.. Wahr ist auf jeden Fall, dass der Alkoholismus bei Frauen in den Industrieländern rapide zunimmt, in Deutschland stellen sie bereits ein Drittel aller “Alkoholabhängigen”. Der Handel und die Winzer haben sich bereits darauf eingestellt – sie bieten immer mehr Weinverköstigungen “nur für Frauen” an. Der “Spiegel” warnt: “Alkoholismus kann sich bei Frauen noch dramatischer auswirken als bei Männern. Einer aktuellen Studie zufolge erleiden Frauen nicht nur früher als Männer Herz- und Leberschäden, auch ihr Gehirn schrumpft im Laufe der Abhängigkeit stärker.”

In Summa: im Maße sich das Christentum wieder vermüttert, bzw. verkäßmannisiert, nimmt auch das Wein- bzw. Biertrinken der Frauen zu, als Männerersatz in Frauenrunden. Die hiesige Jugend beiderlei Geschlechts bleibt jedoch einstweilen noch bei Amphetaminkreationen und Kokainverschnitt – in Verbindung mit alkoholischen Mixgetränken.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2011/04/23/der_kairo-virus_chronik_seiner_ausbreitungeindaemmung_58/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Die taz beschloß kürzlich, eine Korrespondentin in den Jemen zu schicken, AP meldete vor dort soeben noch „Generalstreik“:

    Schulen, Behörden und Geschäfte sind im Jemen nach einem Streikaufruf der Opposition am Samstag geschlossen geblieben. Mit dem Generalstreik wollen die Regierungsgegner den langjährigen Präsidenten Ali Abdullah Saleh weiter unter Druck setzen und ihn zum Rücktritt zwingen.

    Tausende Demonstranten hielten am Samstag auf zentralen Plätzen in mindestens fünf Provinzen Sitzstreiks ab. Unterdessen warf Saleh der Opposition vor, sie treibe das Land in einen Bürgerkrieg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.