vonHelmut Höge 10.04.2014

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Photo:  Katrin Eissing (Kneipe in der griechischen Kolonie Marseille)

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Geld oder Gesang – Zwei Entstehungsgeschichten Europas ?“ so heißt die Arbeitsgruppe von Peter Berz und mir auf dem „tazlab“ am Samstag, den 12.April um 12Uhr im Zelt 2 auf dem Dach des Hauses der Kulturen der Welt. Mit „Geld“ ist die marxistische Geld-Theorie von Alfred Sohn-Rethel zur Erklärung der Entstehung des abstrakten Denkens bei den Griechen gemeint. Mit „Musik“ die heideggerianische Theorie von Friedrich Kittler, der die Entstehung des abstrakten Denkens auf die Musik- und Mathematik-Überlegungen von Pythagoras zurückführt.

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Hier einige Vorabnotizen:

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In Sophokles’ ‘Antigone’ heißt es: ‘Oh, nichts trug solch ein Unheil in die Welt/ als Geld! Die Städte stürzt es in den Staub/ Die Menschen treibt es weg von Haus und Herd/ Des Mannes Sinn betört’s mit arger Lehre/ Und bringt den Guten selbst zu böser Tat/ Zu Schurkerei treibt es den Menschen an/ Und lehrt ihn jede gottvergssne Tat…’

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Der Religionswissenschaftler Mircea Eliade erzählte einmal folgende Geschichte: Sein Bukarester Professor besuchte Berlin und ging in eine Vorlesung des schon lange emeritierten Theodor Mommsen. Dieser sprach im überfüllten Audimax der Humboldt-Universität über das Athen der ersten Philosophen: Wo sich wer mit wem getroffen und was sie dabei besprochen hatten. Eliades Professor saß in der hintersten Reihe. Als der Vortrag zu Ende und der Appplaus verklungen war, blieb er noch eine Weile ergriffen im Saal. Der Universitätsdiener kam und half Mommsen, seine Sachen zusammenzupacken, anschließend geleitete er ihn aus der Universität und bis vor seine Haustür. Eliades Professor folgte den  beiden. Mommsen, der sich im alten  Athen quasi wie in seiner Westentasche auskannte, war nicht mehr imstande, in Berlin-Mitte allein nach Hause zu finden, wie er erstaunt feststellte.

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Kürzlich besuchte ein FAZ-Redakteur, Nils Minkmar, die antiken Stätten: Am einstigen “Arbeitsplatz des Sokrates” – auf dem Marktplatz: der Agora – stehen heute “halbhohe Hightechsäulen” mit Touchscreens, an  denen man fünf Ansichten und philosophische Sprüche abrufen kann. Dieses EU-Projekt störte den Redakteur, der an Ort und Stelle einen gedanklichen Bogen von der antiken Polis bis zur griechischen Finanzkrise ziehen wollte. Sokrates, so erinnerte er sich, hatte dort auf dem Marktplatz den Wahrsager Euthyphron getroffen, laut Platon waren sie beide auf dem Weg zum Gericht gewesen. Sokrates, weil Meletos ihn wegen Mißachtung der Götter und Verwirrung der Jugend angezeigt hatte (weswegen man ihn dann auch zum Tode verurteilte), und Euthyphron, weil er seinen Vater wegen Mordes an einen Sklaven anzeigen wollte. Sokrates redete  ihm das jedoch mit zwingenden Argumenten aus.

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Photo: Philipp Goll

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Die in Griechenland erstmalig entfaltete Warengesellschaft, in der schließlich die menschliche Arbeitskraft selbst – „als merkantil gehandelte Sklaven“ – käuflich wurde, hat sich bis auf kleine – primitiv gelassene – Nischen über die ganze Welt ausgebreitet: als Kolonialismus mit Waffengewalt und als Neokolonialismus mit der Durchsetzung des Freihandels. Viele Gesellschaften wurden dadurch nachhaltig zerstört.

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So schreibt z.B. der spätere indische Premierminister Jawaharlal Nehru 1943 im englischen Gefängnis – über die Auswirkungen des englischen Kolonialismus in seinem Land: „Die unverkennbarste und weitestgehende Veränderung war die Zerschlagung des Agrarsysystems und die Einführung der Begriffe des Privateigentums und des Großgrundbesitzes. Die Geldwirtschaft hatte sich langsam durchgesetzt, das ‚Land wurde eine marktfähige Ware‘. Woran früher auf Grund bestehender Bräuche streng festgehalten worden war, das wurde jetzt durch das Geld aufgelöst.“

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Der Haß auf die Weißen, den Westen, Europa wuchs, je mehr sich diese Wirtschaftsweise globalisierte.

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Als endlich ein asiatisches Volk zurückschlug, und nach tausenden von Aufständen auch endlich siegte, war die Freude in der sogenannten „Dritten Welt“ groß:

1905 – als die Japaner die Russen in der Seeschlacht bei Tsushima schlugen, „füllten begeisterte Spekulationen über die Folgen des japanischen Sieges türkische, ägyptische, vietnamesische, persischen und chinesische Zeitungen,“ schreibt Pankaj Mishra in: „Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens – Aus den Ruinen des Empire“.

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Diese Revolte äußerte sich für den nordindischen Schriftsteller schon früh in westkritischen Reden und Organisationen asiatischer Intellektueller.

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So schreibt z.B. der aus Indien stammende erste asiatische Nobelpreisträger Rabindranath Tagore:

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Als ständiger Angeklagter vor dem Gerichtshof Europa nimmt Asien seine Verurteilung stets als das letzte Wort hin und erkennt an, dass einzig Gute sei es, drei Viertel unserer Gesellschaft zu entwurzeln und deren gesamte Grundlage zu zerstören, um sie nach Plänen englischer Ingenieure durch englische Ziegel zu ersetzen.“

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Tagore hoffte, „der Konflikt mit Europa lässt das ganze zivilisierte Asien erwachen. Asien ist heute daberi, sich selbst bewusst und deshalb auch kraftvoll zu erkennen. Es hat das ‚Erkenne dich selbst!‘ verstanden, denn das ist der Weg zur Freiheit. Nachahmung dagegen bedeutet Zerstörung.“

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In der Türkei wiesen die „Jungosmanen immer wieder darauf hin, dass die industriellen Erzeugnisse aus Europa, die den türkischen Markt überschwemmten und die einheimischen Gewerbe, Handelsvereinigungen und Handwerkerzünfte zerstören, eine wesentliche Säule des städtischen Lebens wegbrechen ließen.“

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In Ägypten nahm die Staatsverschuldung derart zu, dass das Land in die Abhängigkeit europäischer Finanziers und Banken geriet; der Regierungschef Ismail mußte sogar europäische Minister in sein Kabinett aufnehmen.

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Der in Persien geborene Antiimperialist Jamal al-Din al-Afghani versuchte die ägyptischen Bauern zum Widerstand zu agitieren – mit den Worten: „O ihr armen Fellachen. Ihr zerbrecht das Herz der Erde, um den Lebensunterhalt für euch und eure Familie zu sichern. Warum zerbrecht ihr nicht das Herz eures Unterdrückers? Warum zerbrecht ihr nicht das Herz derer, die die Früchte eurer Arbeit genießen?“

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Nach dem zunächst erfolgreichen Mahdi-Aufstand im Sudan erwärmte sich al-Afghani immer mehr für den „bewaffneten Kampf gegen den Westen“. Während Russland und England den persischen Außenhandel dominierten, schrieb er in einer von ihm herausgegebenen iranischen Zeitung: „Das Blut der Ungläubigen muß fließen, damit die Zahl der Muslime und ihr Einfluß in der Welt wachsen kann…“

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In einem Brief an einen schiitischen Geistlichen erklärte al-Afghani, was eine Bank ist: „Sie bedeutet die vollständige Übergabe der Zügel an die Feinde des Islam, die Versklavung des Volkes durch diesen Feind, die Abtretung jeglicher Herrschaft und Autorität an den ausländischen Gegner.“

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Der japanische Journalist Tokutomi Soho schrieb:

Die heutige Welt ist eine, in der die zivilisierten Völker tyrannisch wilde Völker vernichten…Die europäischen Völker stehen an der Spitze der Gewalt und stützten sich auf die Gewaltlehre. Indien ist zerstört worden. Als nächstes wird Burma an die Reihe kommen. Die restlichen Länder werden nur noch nominell unabhängig sein.“

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Der japanische Verfechter eines Panasianismus Nagai Ryutaro warnte vor der von ihm sogenannten „Weißen Gefahr“.

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Der intellektuelle Vater Pakistans, Muhammad Iqbal warnte: „Ihr Bewohner der Städte des Westens/Dieser Wohnsitz Gottes ist kein Laden,/Und was ihr für echte Münze haltet,/Wird sich schon bald als Fälschung erweisen./Eure Zivilisation wird Selbstmord begehen,/Mit ihrem eigenen Schwert.“ Für Iqbal war die westliche Demokratie ein Betäubunsmittel, das die Reichen den Armen aufzwingen.

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Der chinesische Mitbegründer einer „Asiatischen Solidaritätsgruppe“ Zhang Taiyan schrieb in einem Manifest: „Vor etwa 100 Jahren drangen die Europäer nach Osten vor und die Macht Asiens schwand von Tag zu Tag. Es fehlte ihnen nicht nur an politischer und militärischer Macht, die Menschen fühlten sich auch unterlegen. Ihre Gelehrsamkeit verfiel, und die Menschen verfolgten nur noch materielle Interessen.“

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Als die Amerikaner den antiimperialistischen Aufstand auf den Philippinen niederschlugen, schrieb der in Japan im Exil lebende Chinese Tang Tiaoding: „Ägypten, Polen, Kuba, Indien, Südafrika und all diese Regionen: Man lese nur einmal die Bücher über die Geschichte ihres Niedergangs…Ich hatte oft den Eindruck, die Situation wäre so beschaffen gewesen, dass die Länder gar nicht anders als untergehen konnten…Aber jetzt weiß ich, dass all diese Bücher von Weissen geschrieben wurden, die Wahres und Falsches miteinander vermengten…“

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Der chinesische Intellektuelle Liang Qichao schrieb: „Der westliche Handel schwächt China hundertmal mehr als westliche Soldaten.“

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Der Gründer der chinesischen Zeitschrift „Neue Jugend“ Chen Duxiu schrieb: „Betrachtet man die Verhältnisse in China, befindet sich unser Volk noch im Zeitalter der verstreuten Sandkörner.“

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Einige Jahre vor dem 1. Weltkrieg schrieb der indische Intellektuelle Aurobindo Ghose: „Die Zivilisation des prahlerischen, aggressiven, dominanten Europa ist zum Tode verurteilt und wartet auf seine Vernichtung…Die wissenschaftliche, rationalistische, industrielle, scheindemokratische Zivilisation des Westens befindet sich in Auflösung.“

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Der in Russland geborene muslimische Intellektuelle Abdurreshid Ibrahim stellte während des 1. Weltkriegs in Deutschland ein „asiatisches Bataillon“ aus russischen Kriegsgefangenen auf, das in Mesopotamien gegen die Briten kämpfte.

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Als die Bolschewiki 1917 an die Macht gekommen waren, enthüllte Lenin das geheime Abkommen zwischen Frankreich, Großbritannien und dem zaristischen Russland über ihre Aufteilung des Mittleren Ostens.

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Im selben Jahr sagte Tagore in einem Vortrag in den USA: Der Nationalstaat „ist eine Kommerzmaschine, und Politik heißt, die Menschheit in saubere Ballen zu pressen.“Im übrigen sei die moderne, auf dem Kult des Geldes und der Macht basierende Zivilisation des Westens ihrem Wesen nach destruktiv und bedürfe der Mäßigung durch die spirituelle Weisheit des Ostens.

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Mahatma Gandhi schrieb in einer Südafrikanischen Zeitung: „Die Nationen, die ihre materiellen Ansprüche nicht erhöhen, sind dem Untergang geweiht. Es ist die Befolgung dieses Prinzips, das westliche Nationen veranlasste, sich in Südafrika niederzulassen und die zahlenmäßig gewaltig überlegeneren Rassen Afrikas zu unterdrücken.“

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Der indische Intellektuelle Aurobindo Ghose fragte sarkastisch: „Ist dies nun das Ende des langen Marsches der menschlichen Zivilisation, ihr geistiger Selbstmord, diese stille Versteinerung der Seele zu Materie? War der erfolgreiche Geschäftsmann der Gipfel des Menschseins, dem die Evolution zustrebte? Wenn die Wissenschaft recht hat, wird man sagen müssen: Warum nicht?“

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Nach der Versailler Siegerkonferenz 1919 schrieb al-Afghanis Schützling Rashid Rida: „Nicht der Islam schließt die Europäer aus, vielmehr sind es die Europäer, die den Islam zwingen, ihnen breiten Raum zu gewähren.“

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Der chinesische Schriftsteller Liang Qichai machte u.a. den westlichen Sozialdarwinismus für den 1.Weltkrieg verantwortlich und beschrieb die „schlimmen Folgen“ seiner Anwendung auf „die Erforschung der menschlichen Gesellschaft“ – die Anbetung des Geldes und der Macht, den Aufstieg von Militarismus und Imperialismus.

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Photo: Peter Loyd Grosse (mitteleuropäischer Nutzwald)

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Der europäische Imperialismus,“ schrieb der japanische Schriftsteller Kakuzo Okakura, „der sich nicht scheut, den lächerlichen Kriegsruf von der Gelben Gefahr zu erheben, bedenkt nicht, dass Asien auch einmal die schreckliche Bedeutung des Weißen Unglücks begreifen wird.“

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Der chinesische Revolutionsführer und Staatsmann Sun Yat-sen schrieb: „Seit der Entstehung der materialistischen europäischen Zivilisation und des Kults der Macht befindet sich die Moral der Welt im Niedergang. Selbst in Asien ist die Moral in manchen Ländern entartet.“

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Die chinesischen Intellektuellen Liang und Zhang fürchteten die Modernisierung ihres Landes: Sie werde die alte, auf Landwirtschaft und Handwerk, Tausch und Handel basierende Wirtschaft zerstören und junge Menschen in das Elend der neuen städtischen Zentren treiben, wo sich die Glaubens- und Gemeinschaftsbindungen, die ihrem Leben einen Sinn verliehen, auflösen oder zumindest lockern würden, so dass sie anfällig für eine extremistische Politik würden.

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Der bengalische Kritiker des Westens Bhudev Mukhopadhyay schrieb, dass in Europa die Fähigkeit zur Liebe auf so seltsame Objekte wie Geld und ein übermäßiges Interesse an Privatbesitz übertragen worden sei – was einen extremen Individualismus hervorbrachte, der die Menschen von ihren üblichen Pflichten gegenüber der Gesellschaft befreit und zusammen mit den Maschinen und dem Streben nach Märkten und Monopolen zu endlosen Kriegen und Eroberungen und Gewalttaten geführt habe.

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1930 führte Tagore in New York auf einem Empfang zu Präsident Roosevelt und Henry Morgenthau gewandt aus: „Das Zeitalter gehört dem Westen und die Welt muß Ihnen dankbar für ihre Wissenschaft sein. Aber Sie beuten jene aus, die wehrlos sind, und sie demütigen jene, die unglücklich über dieses Geschenk sind.“ Die Politik, Ökonomie, Wissenschaft und Kultur des Westens stellte sich ihm als „unmenschlich utilitaristisch“ dar.

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Der japanische Journalist Tokutomi Soho schrieb 1931: „Wir leben in einer Zeit der Herrschaft der weißen Rassen. Sie glauben, die Welt sei Privatbesitz der weissen Rassen. Sie kontrollieren das Land anderer Völker, nehmen deren Rohstoffe und wandeln sie in Fertigprodukte um, die sie dann zurückschicken und zu einem hohen Preis verkaufen. Die Tyrannei der weissen Rassen ist ungezügelt.“

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1949 war Mao tse Tung davon überzeugt, dass „die bourgeoise westliche Zivilisation, die bourgeoise Demokratie und der Plan für eine bourgeoise Republik in den Augen des chinesischen Volkes Bankrott gemacht haben.“

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Der islamistische Denke Sayyid Qutb schrieb: Es gibt jede Menge Kritik an und Warnungen vor der „Zivilisation der Weißen“, aber sie „sind nutzlos, weil sie nicht auf den Grund des Problems zielen, weil sie nicht die gewaltigen, ausgedehnten Wurzeln des Problems angreifen, die im europäischen Boden begraben liegen.“

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Wie al-Afghani während seiner Reisen durch die islamischen Länder bemerkte, „hatte des von den westlichen Mächten aufgezwungene Gebot der Modernisierung und des wirtschaftlichen Wachstums den alten Zusammenhalt der islamischen Gesellschaften radikal aufgelöst, indem neue Klassen entstanden waren, zwischen denen die Macht neu verteilt wurde.“

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Der iranische Intellektuelle Jalal-e Ahmad prägte das Wort „gharbzadegi“ – vom Westen vergiftet. Er war davon überzeugt, dass das Weltwirtschaftssystem darauf ausgerichtet sei, dem Westen zu nützen und den Rest der Welt auf ewig im Zustand der Unterentwicklung zu halten.

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Der Iraner Ali Shariati schrieb aus Paris: „ich lebe in einer Gesellschaft, in der ich einem System gegenüberstehe, das die halbe und vielleicht sogar die ganze Welt kontrolliert. Die Menschheit wird in einer Sklaverei gezwungen…Das System hat uns in leere Behälter verwandelt.“ Für Shariati war selbst der Marxismus noch ein Produkt ebenjenes Westens, den er zu negieren versuche.

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Der erste offen muslimische Ministerpräsident der Türkei, Necmettin Erbakan spottete über die Nachahmung des Westens durch den türkischen Staat 1970: „So fingen uns die Europäer, die dafür sorgten, dass wir sie blind und ohne jeden Verstand kopierten, in diesem Affenkäfig, und zwangen uns, unsere Persönlichkeit und unseren Adel aufzugeben.“

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Photo: Katrin Eissing (Marseille)

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Medea u.a.

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All diese Verhältnisse, Koloniengründungen, Handelskriege, Versklavungen ganzer Völker, Piraterie usw., finden wir schon bei den Griechen. Klaus Theweleit hat darüber in: Pocahontas II – dem zweiten Band seines vierteilige „Buches der Königstöchte“ geschrieben, d.h. wie die Griechen mit ihren eisernen Waffen nacheinander die umliegenden bronzezeitlichen Gesellschaften, 23 insgesamt, überfielen – wobei sich diese Eroberungen in den Mythen als Verführung ihrer Königstöchtern durch den Hauptgott Zeus wiederfinden, der dabei verschiedene Gestalten annahm. Die erste – in der abendländischen Geschichte und bei Theweleit – ist Medea, aus dem bronzezeitlichen kaukasischen Königreich Kolchis. Hier ist es aber noch nicht Zeus, sondern der Held Jason. Nachdem Medea ihren Vater, den König, und ihr Land aus Liebe zu Jason „verraten“ und an die Griechen verkauft hat, schließen die beiden unter Zeugen einen „Ehevertrag“. So findet sich diese erste Koloniegründung eines waffentechnisch überlegeneren Volkes in dem, was man „Griechische Mythologie“ nennt (noch in seinen späteren Bearbeitungen – u.a. durch Ovid, Apollonius) wieder. „Die Geschichte beginnt mit einem Frauenraub, die Kultur mit einem Frauentausch,“ so sagte es Claude Lévi-Strauss.

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Theweleit arbeitet sich durch alle diesbezüglichen klassischen Mythen. Die häufigste Illustration in seinem Buch ist das Leda-mit-dem-Schwan-Motiv: Die ätolische Königstochter Leda wurde von Zeus in Gestalt eines Schwans „verführt“. Dieser zoophile Mythos zeugt von einer der ersten kolonialen Eroberung der Griechen, er bleibt hierzulande über berühmte Bilder – u.a. von Michelangelo und Leonardo da Vinci, über Gedichte von Rainer Maria Rilke und William Butler Yeats, über Porzellankitsch und US-Comics und Softpornos vorstellbar.

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Fiktionen des Faktischen“ könnte man sie mit dem Hannoveraner Philosophen Theodor Lessing auch nennen, er schrieb: „Niemals aber tritt Klio [die Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung] wunschlosen Auges an die Phänomene heran, um ‚dahinter zu kommen‘. Sie verwirklicht Wunscheinblendungen. So formt sie ein Kunst- und Traumwerk: die sinnvolle Welt überwirklichen Ereignens.“

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Für Karl Marx, Max Weber u.a. „war das spätrömische Reich die Zeit, in der sich der Wandel von einer sklavenhaltenden zu einer Gesellschaft vollzog, in der Arbeitskräfte durch das ‚Kolonat‘, ein Charakteristikum des Feudalismus, an das Land gebunden waren. Bestimmendes Kennzeichen war die ausgeprägte Stratifizierung der Gesellschaft, in der ganz wenige superreiche Landbesitzer alle anderen dominierten, zunehmend ihrer früheren Rechte beraubten und sukzessive der Leibeigenschaft preisgaben. Das Ende der Sklaverei als solcher war Teil dieses Übergangs,“ schreibt die Historikerin Susanne Elm im „Merkur“ (Mai 2014) in einem Text über neuere Forschungen zur „Spätantike“.

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Hinzugefügt sei, dass die russischen Bauern bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts dem Landbesitzer gehörten. Nikolai Gogol hat dieses Besitzverhältnis in seinem Roman „Die Toten Seelen“ thematisiert. Am Ende der Butterwoche 1861 ließ  Zar Alexander II. sein Manifest über die Aufhebung der Leibeigenschaft für 25 Millionen Bauern verkünden. Mit der Kollektivierung der Landwirtschaft ab Ende der Zwanzigerjahre wurden die Bauern erneut Teil des – diesmal staatlichen – Landbesitzers. Die Kolchosbauern erhielten erst in den 60er Jahren unter Nikita Chruschtschow Pässe und damit die Möglichkeit, ihre Dörfer zu verlassen.

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Photo: Katrin Eissing (Prenzlauer Berg)

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Gemeineigentum

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England war das erste westliche Land, in dem das Gemeineigentum, die Allmende, gewaltsam abgeschafft wurde. Es folgten die Länder auf dem Kontinent – mit der großen Ausnahme Russland, wo sich mindestens seit dem Mittelalter die kollektiv versteuerte Dorfgemeinschaft mit Gemeindeland, „Obschtschina“ genannt, zum Teil bis heute erhalten hat, obwohl sie immer wieder der Privatisierung weichen sollte. Dagegen kämpften bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die russischen Sozialrevolutionäre, die sich dabei allerdings spalteten:

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Die Militanten von Woronesh hatte ihren Zusammenschluß „Narodnaja Volja (Volkswille) genannt, die Gemäßigten für sich den Namen „Cernyi Peredel gewählt – schwarze Umverteilung, womit eine gerechte Verteilung des schwarzen, d.h. bewirtschaftbaren Bodens an die Bauern gemeint war. Dabei wollten sie an der altherbebrachten Form der bäuerlichen Selbstbestimmung, der Dorfgemeinschaft oder Dorfgenossenschaft bzw. Landkommune (Obschtschina), anknüpfen, die den Gemeinschaftsbesitz an Boden verwaltete. Zunächst studierte diese Gruppe um Plechanow in ihrem Exil jedoch vor allem die Schriften von Marx und Engels, die sie teilweise ins Russische übersetzten.

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1881 schrieb Vera Sassulitsch einen Brief an Karl Marx: „Verehrter Bürger

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Sie wissen, daß sich Ihr Werk ‚Das Kapital‘ in Rußland großer Beliebtheit erfreut. Trotz der Konfiszierung der Ausgabe werden die wenigen verbliebenen Exemplare von einer Masse mehr oder weniger gebildeter Leute in unserem Land wieder und wieder gelesen; bedeutende Menschen befassen sich damit. Aber was sie vielleicht nicht wissen, ist, welche Rolle ‚Das Kapital‘ in unseren Diskussionen über die Agrarreform in Rußland und über die ländliche Kommune spielt. Sie wissen besser als jeder andere, wie dringlich diese Frage in Rußland ist. Sie wissen, was Tscherynschewski darüber dachte. Unsere fortschrittliche Literatur wie die [einst von Nekrassow redigierte Zeitschrift] ‚Vaterländische Notizen‘ zum Beispiel, entwickelt seine Ideen weiter fort. Aber diese Frage ist meiner Ansicht nach eine Frage von Leben und Tod…Eines von beidem: Entweder ist diese Landbevölkerung, einmal von den unmäßigen Forderungen des Fiskus, den Zahlungen an die Großgrundbesitzer und von der willkürlichen Verwaltung befreit, fähig, sich in sozialistischer Richtung weiterzuentwickeln, d.h. ihre Produktion und die Verteilung der Güter auf kollektivistischer Basis zu organisieren. In diesem Fall muß der sozialistische Revolutionär all seine Kräfte der Befreiung der Landbevölkerung und ihrer Entwicklung zur Verfügung stellen. Wenn hingegen die ländliche Kommune zum Untergang bestimmt ist, bleibt den Sozialisten nur noch übrig, sich mehr oder weniger gut begründeten Rechnungen hinzugeben, um herauszufinden, in wie vielen Jahrzehnten das Land des russischen Bauern aus seinen Händen in die der Bourgeoisie übergeht…Sie werden dann einzig unter den Arbeitern in den Städten Propaganda machen müssen, die ständig von der Menge der Bauern überschwemmt sein werden…

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Marx gab sich große Mühe bei der Beantwortung des Briefes von Vera Sassulitsch – er lernte sogar Russisch, um dabei einige Originalquellen heranziehen zu können. Schließlich schrieb er ihr – auf Französisch:

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In Westeuropa sei die „Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln, die „Expropriation der Ackerbauern ausgehend von England mit „historischer Unvermeidlichkeit vollzogen worden, aber in Russland könnte „die Dorfgemeinde der Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Russlands sein. Nur „müsste man zuerst die zerstörenden Einflüsse, die von allen Seiten auf sie einstürmen, beseitigen.

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Der Ackerbaugemeinde wohnt laut Marx ein Dualismus inne, der „sie mit großer Lebenskraft erfüllen kann, denn einerseits festigen das Gemeineigentum und alle sich daraus ergebenden sozialen Beziehungen ihre Grundlage, während gleichzeitig das private Haus, die parzellenweise Bewirtschaftung des Ackerlandes und die private Aneignung der Früchte eine Entwicklung der Persönlichkeit gestatten, die mit den Bedingungen der Urgemeinschaft unvereinbar ist.

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Aber es ist nicht weniger offensichtlich, dass der gleiche Dualismus mit der Zeit zu einer Quelle der Zersetzung werden kann. Neben dem Privateigentum „in Gestalt eines Hauses mit seinem Hof könnte sich insbesondere „die parzellierte Arbeit als Quelle der privaten Aneignung zersetzend auswirken: „Sie läßt der Akkumulation beweglicher Güter Raum und „dieses bewegliche, von der Gemeinde unkontrollierbare Eigentum, Gegenstand individuellen Tausches, wobei List und Zufall leichtes Spiel haben, wird auf die ganze ländliche Ökonomie einen immer größeren Druck ausüben. Das ist das zersetzende Element der ursprünglichen ökonomischen und sozialen Gleichheit. Es führt heterogene Elemente ein, die im Schoße der Gemeinde Interessenkonflikte und Leidenschaften schüren, die geeignet sind, zunächst das Gemeineigentum an Ackerland, dann das an Wäldern, Weiden, Brachland etc. anzugreifen, die, einmal in Gemeindeanhängsel des Privateigentums umgewandelt, ihm schließlich zufallen werden.“

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Photo: Peter Loyd Grosse (Nordseeküste)

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In einem taz-Interview sagte Alfred Sohn-Rethel:

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„Ich leite die Abstraktion aus der Vergesellschaftung ab, und zwar aus dem Austausch, und die Weise, wie dieses Denken entsteht, hat mit dem ‘Geist’ nichts zu tun. Die Trennung des Tausches vom Gebrauch, die die Ursache ist für die Abstraktion, geschieht nur der Tatsache nach – in den Handlungen. Das Bewußtsein nimmt daran nicht teil. Das kann sich ruhig mit dem Gebrauchswert beschäftigen, während getauscht wird. Nun ist aber die Frage, wenn das die Ursache des abstrakten Denkens sein soll, wie ich sage, dann muß man aufweisen können, wie sich diese Realabstraktion, die nichts mit dem Denken zu tun hat, umsetzt in die Denkabstraktion. Nun ist das natürlich sehr knifflig, aber ich habe mittlerweile eine Methode gefunden – und die zielt auf Parmenides ab. In einem früheren Aufsatz ‘Das Geld – die bare Münze des Apriori’, in einer früheren Version – als eine “Kritik der Kantschen Erkenntnistheorie” in der Zeitschrift ‘Neues Lotes Folum’ abgedruckt, hakte ich schon an der Tatsache ein, daß das Geld emittiert wird mit dem Versprechen, seinen Verschleiß zu ersetzen – für verschlissenes Geld bekommt man Neues auf der Bank.

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Das Geld darf sich nicht verschleißen, folglich braucht man dafür Materialien, die nicht verschleißbar sind. Solche Materialien gibt es in der Natur aber nicht. Das Geld hat also eine virtuelle Materie, mit der es natürlich nicht umlaufen kann, weil sie nicht sichtbar ist, und auch keinen Geldwert hat. Das Geld steht immer ineins mit einem gebrauchswerten Material, Edelmetall ist ja Gebrauchsgut; also an die reine Tauschabstraktion kommt man nur auf dem Wege, daß man auf der Verschleißersetzung insistiert. Und da hat man nun eine merkwürdige Substanz, die keine natürliche und nicht anschaulich ist, die sich dem Parmenides aufgedrängt hat. Denn der einzig wirkliche Begriff, der dem entsprach, zu seiner Zeit, ist das “tò ón” des Parmenides, sein Seins-Begriff. Dieser Begriff, den er da entwickelt hat, ist verträglich mit dem virtuellen Geldbegriff, und dieser virtuelle Begriff der Materie, die nicht verschleißbar sein darf, ist ein echter Bestandteil der Realabstraktion. Da kommt er her und wird bei Parmenides zum Begriff. Hegel bemerkt in seiner “Geschichte der Philosophie” dazu: ‘Mit Parmenides hat das eigentliche Philosophieren angefangen, die Erhebung in das Reich des Ideellen ist hierin zu sehen’.

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Nur wenig anders sieht das der Germanist Johannes Lohmann in seinem Essay „Die Erfindung des Geldes“:

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Die Sumerer, und in ihrem Gefolge dann die semitischen Akkader, hatten bereits ein blühendes Wirtschaftsleben, verbunden mit einem entwickelten Rechts- und Geldwesen – Quasigeldwesen müsen wir allerdings sagen, denn es fehlte ihnen gerade die griechische Form des Geldes als eines staatlich garantierten und zugleich dem Bereich der Ware gegenüber autonom gedachten Wertsymbols.“ Für Lohmann hatten die Griechen das „erste echte Geld“. Damit schufen sie „die erste autonome Wirtschaft in der menschlichen Geschichte.“

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Den Hintergrund für diese griechische Erfindung erklärt sich Sohn-Rethel so:

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Das auf das Steinzeitalter folgende Bronzezeitalter bringt in den wesentlichen Punkten noch keine Umwälzung hervor, da Bronze zu kostbar ist und nur den Herrschenden für Waffen und Luxusgegenstände zur Verfügung steht, die Primärproduzenten hingegen in der Hauptsache bei ihren Steinwerkzeugen beläßt. Allerdings verschafft die Anlage von Bewässerungssystemen in den großen aluvialen Flußtälern vom Nil bis zum Hoang-Ho in China den Herrschern in der Bronzezeit eine erheblich gesteigerte Agrarausbeute. Der entscheidende Bruch in der Tradition der archaischen Gesellschaften tritt ein durch die Eisengewinnung und die sich entwickelnde Eisenbearbeitung. Das Eisenerz ist nahezu überall verfügbar, jedenfalls war dies in Griechenland der Fall, und Metallgeräte sowie Werkzeuge aus Eisen ungleich billiger und überdies härter als diejenigen aus Kupfer und seinen Legierungen. Die Verwendung von Eisengerät in der Bodenbearbeitung bringt eine wirtschaftliche Umwälzung in der Agrarproduktion hervor. Sie kann jetzt erfolgreicher als Einzelwirtschaft betrieben werden als in der umständlichen und aufwendigen Art der vorhergehenden kollektiven Aluvialwirtschaft. Mit dem Übergang zur Eisentechnik entsteht die Ökonomie der kleinen Bauernwirtschaften und der unabhängigen Handwerksbetriebe, die beide – nach Marx’ berühmter Fußnote – ‘die ökonomische Grundlage der klassischen Gemeinwesen in ihrer besten Zeit bilden, nachdem sich das ursprünglich orientalische Gemeinwesen aufgelöst und bevor sich die Sklaverei der Produktion ernsthaft bemächtigt hat’.

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Im Eisenzeitalter tragen die Einzelwirtschaften die Verantwortung für ihre Selbsterhaltung. Vor diesem Hintergrund ist nun freilich auf die Bereitschaft zur Erwiderung beim Gabentausch kein Verlaß mehr, und der Austausch muß eine tiefgreifende Umformung erfahren, eben die Umformung zum Warentausch, d.h. die zuvor im zeitlichen Abstand zur Gabe lose erfolgende Erwiderung verkoppelt sich jetzt strikt mit ihr zur prompten Bezahlung der Gabe an Ort und Stelle, so daß die beiden Akte des Austauschs wechselseitige Bedingung füreinander werden und zur Einheit und Gleichzeitigkeit eines Tauschgeschäfts zusammengekettet sind. Die Partner dieses Verhältnisses stehen nun als Käufer und Verkäufer erst eigentlich in vollem Sinne der Tauschhandlung und Tauschverhandlung sich gegenüber.

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Keiner der beiderseitigen Akte des Gebens und Nehmens ist für sich der Tauschakt. Der Tauschakt ist das komplexe Verhältnis, in dem die beiderseitigen Handlungen sich zur Einheit des Austausches aufwiegen. Das ist keine physische Einheit, sondern ein Rechtsverhältnis. Das Mengenverhältnis ihrer Warenposten, auf das die Tauschpartner sich einigen, hat Vertragscharakter, schriftlichen odermündlichen.

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Im Warentausch ist der Akt gesellschaftlich, aber die beiden Mentalitäten sind privat; das sagt sich bündiger und klarer auf englisch: In commodity exchange the act is social, the minds are private. Das Gesellschaftliche am Warentausch ist also der bloße Akt der Besitzübertragung in absoluter Abstraktion von allem, was die Privatbesitzer im Kopf haben. Der gesellschaftliche Akt allein ist tauschwertig, quantitätsbestimmt, absolut abstrakt und generell, die privaten Mentalitäten sind gebrauchswertig, qualitätsbestimmt, konkret und individuell. Am reinen Abstraktionscharakter des Tauschaktes hängt die Funktion der Vergesellschaftung, die bei privater Warenproduktion an der Warenzirkulation hängt. Durch die Abstraktheit des Tauschaktes werden die Waren, die seinen Gegenstand bilden, in einen identisch übereinstimmenden Formkanon gesetzt, in dem sie alle als bloße Quantitäten vergleichbar miteinander sind und Objekte eines interdependenten Marktverkehrs werden können. Einzigm dadurch ist die Marktgesellschaft der Warenproduktion – das mirakulöse Phänomen einer Gesellschaft nach Prinzipien des Privateigentums – und somit auch die Warenproduktion selbst überhauptmöglich. Dieser hintergründige Funktionalismus ist den Individuen vollkommen verschlossen, er spielt sich ab im Blindpunkt des individuellen Bewußtseins. Kant hätte ihn als transzendental qualifiziert, Marx und Engels bezeichneten sein Ergebnis als Verdinglichung. Den Individuen der bürgerlichen Gesellschaft kann er sich schwerlich anders denn in der idealistischen Fetischgestalt des ‘Geistes’ verbrämen, weil die Abstraktionsformen, die sie ihm verdanken, gänzlich unsinnlich und körperlos und doch persönlich zu eigen sind. Materialistisch verstehen sich diese Formen nicht als Geistesprodukte, sondern als die Vergesellschaftungsformen des Denkens.“

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Noch einmal: Nicht durch das zusammen leben und arbeiten, sondern „durch den Akt des Tausches stellen die Individuen Gesellschaft her, sie wissen es nicht, aber sie tun es, und zwar in einer Weise, an der die Natur keinen Anteil hat. Zuvor basierte der gesellschaftliche Nexus auf der gemeinsamen Produktion und Konsumption, also auf dem elementaren Naturverhältnis des Gemeinwesens, dem man sich mit den Mitteln der Magie zu vergewissern suchte. Innerhalb eines Warentauschs sind alle Handlungen für die beiden Akteure gemeinschaftliche, ihre Handlungen können nicht mehr aufgelöst werden in beiderseitige Einzelbeteiligungen; nur wenn sie den Vertrag unterschreiben, dann muß jeder seine eigene Unterschrift leisten. Es ist alles gemeinschaftliche Handlung, und das, obwohl sie in einem Verhältnis der wechselseitigen Fremdheit zueinander stehen, in einem praktischen Solipsismus, wie ich das nenne. Die Gemeinschaftlichkeit des Handelns tritt also hier ein – im Bereich der Zirkulation, in dem Maß der Auflösung der früheren gemeinschaftlichen Produktion und Konsumption. Also der gesellschaftlichen Gemeinschaft der Natur gegenüber. An die Stelle tritt jetzt Privatproduktion und da wird im Verhältnis zur Natur ganz was anderes gebraucht: der Einzelne muß der Natur gegenübertreten, gedanklich. Dabei kommt ein ganz anderes Verhältnis zur Natur auf. Ein überlegtes Verhältnis, ein beobachtendes Verhältnis, und das tritt in der Tat auf zu Beginn der griechischen Zivilisation, mit den ionischen Naturforschern. Die Naturforschung ist der eigentlich Inhalt der griechischen Philosophie, mit Ausnahme von Sokrates und der Sophistik. Die ganzen Vorsokratiker, das geht noch bis zu den Römern, bis zu Lukrez, das ist alles beschäftigt mit der Theorie der Natur, als Folge der Auflösung der gemeinwirtschaftlichen Produktion und Konsumption, und das dreht sich um auf die gemeinschaftliche Besorgung des Zirkulationsprozesses und eine ganz neuartige Gesellschaft. Da sieht man richtig, wie sich die Gesellschaften umwälzen. Ich sehe das jedenfall so. Und dadurch ergibt sich ein sehr klares Bild dessen, was da wirklich passiert ist. Denn diese ersten Praktiken des Warentauschs haben da das Privateigentum verbreitet und den Rechtscharakter des Tausches. Und diese beiden Dinge gehören zur Grundlage der Polis.“

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– Die Spartaner scheinen die gemeinschaftszerstörende Kraft dieser Dinge erkannt und gefürchtet zu haben, dort wurde immer wieder der Privatbesitz aufgehoben und das Land – zu gleichen Teilen – wieder verlost, um erneut gleiche Ausgangsbedingungen für alle Freien zu schaffen…

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„Die Spartaner durften ja nicht tauschen, weil sie kein Geld haben durften. Und das Geld war dazu nötig. Bei mir entsteht ja kraft der Tauschabstraktion das was Marx auch die Warenform nennt, quantitativ und abstrakt und vollkommen identisch gleich, in jedem einzelnen Fall. Und der einzelne Fall ist jeweils dieses Tauschverhältnis, da entsteht die Warenform, hier und da und dort, überall. Und um die nun zur Gesellschaft zusammenzuschweißen, braucht man Geld, das Geld ist die universalisierte Warenform als separates Ding – Münze.

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– Und wer garantierte den gleichbleibenden Wert des Geldes, die Stadt?

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„Das ist nun die Frage. Es gibt etliche Anzeichen dafür, dass es die sogenannten Tyrannen gewesen sind, wenigstens die frühen aus dem 7. und 6. Jahrhundert vor der Zeitrechnung. Sie scheinen für die ausgegebenen Münzen die nötige Garantie getragen und die entgegenstehenden traditionellen Ordnungen und Fürsten beseitigt zu haben, um dadurch den Bestand der betreffenden Polis vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Wir wissen nicht, wann es zur Münzprägung gekommen ist, ob z.B. vor oder nach der schweren Agrarkrise in Attika, aus deren bestandsbedrohenden Ausmaßen Solon durch seine Reformen in den ersten Jahren des 6. Jahrhunderts den athenischen Staat rettete. Er hat selbst gesagt, daß er sich zum Tyrannen hätte aufschwingen können, wie Pisistratos zwanzig Jahre später das getan hat. Vergleichbare Krisenzustände scheinen in Korinth geherrscht zu haben und dort Grund zur Geldprägung gewesen zu sein. Die Krise erwuchs aus der abnehmenden Getreideerzeugung der heimischen Bauern bei wachsender Bevölkerung und geographischer Engigkeit des Staatsgebietes. Nach der solonischen Reform ging Athen zur Beschaffung des fehlenden Getreides von auswärts über, etwa von Naukratis oder vom Pontus, im Austausch gegen Olivenöl und Wein, von denen der nötige Überschuß auf den Gütern der Adligen sich gewinnbringend anbauen ließ. Aristoteles bezeichnet in der ‘Politik’ für einen solchen Handel die Verwendung von Geld als eine Notwendigkeit. Aber das darf nicht zu der verkehrten Vorstellung führen, als ob nun der gesamte äußere und innere Güterverkehr Athens stoßartig zum Warentausch mit Geldwirtschaft übergegangen sei. Im Gegenteil, der Warentausch kann zu Anfang nur eine seltene, episodische Rolle gespielt haben, und es hat einer mehrhundertjährigen Zeit bedurft, um den Warentausch im Alten Griechenland zur vollen Entwicklung kommen zu lassen. Erst Ende des 4. Jahrhunderts und im anschließenden Hellenismus ist dieser kulturell beklagenswerte Umschwung erreicht; er bezeichnet auch das Ende der Polis.“

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Photo: Katrin Eissing (Poller vor der Staatsbibliothek West)

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Logisches, wissenschaftliches Denken

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Schon „die klassische Logik versteht sich selbst als Wissenschaft von den Gesetzen des menschlichen Denkens, die vom Logiker nicht konstruiert, sondern im menschlichen Denkvermögen angelegt sind,“ schreibt der Erkenntnistheoretiker Rudolf Müller (in: „Geld und Geist“ 1977). Im Marxismus geht man davon aus, dass die Sprachbildung mit der gesellschaftlichen Entwicklung der Arbeit einhergeht. In Friedrich Engels Schrift „Dialektik der Natur“ heißt dazu das entsprechende Kapitel: „Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“. Die konkrete Arbeit schafft Gebrauchswerte, die abstrakte produziert Tauschwerte. Diese Unterscheidung ist für Marx „der Springpunkt, um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht.“ In ihr entsteht mit der Durchsetzung des Geldverkehrs das Denken in Abstraktionen.

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Die Logik ist, mindestens seit Aristoteles, das Prinzip der Identität (A gleich A). Sie war zunächst wesentlich „Ontologik“, insofern das Sein durch sie begriffen wurde. Mit diesem Begriff des „Seins“ – von Parmenides, der ihn noch als Geschenk der Göttin Dyke empfing, beginnt laut Hegel die Philosophie. Für den Gräzisten Bruno Snell hat sie die Durchsetzung bestimmter Artikel bei der Substantivierung von Verben und Adjektiven (wie Das Sein z.B.) zur Voraussetzung: Ein Abstraktionsvorgang, dessen Übersetzung ins Lateinische z.B. nur um den Preis seiner Rekonkretisierung (einer umständlichen Umschreibung) gelang. In „Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen“ (1947) schreibt Snell, dass „das Griechische in der Naturwissenschaft den Logos aus der Sprache entbunden hat…Nur hier sind die Begriffe organisch der Sprache entwachsen. Nur in Griechenland ist das theoretische Bewusstsein selbstständig entstanden, alle anderen Sprachen zehren hiervon, haben entlehnt, übersetzt, das Empfangene weitergebildet.“

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Alfred Sohn-Rethel arbeitete zeitlebens an einer historisch-materialistischen Erklärung dieser angeblich ontologischen Kategorien, d.h. es ging ihm um den Ursprung des abstrakten Denkens in Begriffen, die Immanuel Kant als Apriori unserer Wahrnehmung bezeichnete. Die dazu notwendige „Realabstraktion“ fand für ihn in der Tauschsphäre, der Warenzirkulation, statt – während einige andere Marxisten sie bereits aus der „abstrakten Arbeit“ ableiteten. Die meisten begnügten sich insdes damit, das mathematisch-naturwissenschaftliche Denken als adäquate Widerspiegelung der Naturerscheinungen zu begreifen. Die Natur liefert aber „keine identischen Gegenstände wie das Geld als Geld, sie liefert also kein Moment im Erfahrungszusammenhang, das die Möglichkeit der Abstraktion hervorbringen würde,“ heißt es bei Rudolf Müller. Die Naturwissenschaftler glauben, die Ausschaltung des Anthropomorphismus und den Zugang zur objektiven Naturerkenntnis geschafft zu haben, sie haben aber laut Alfred Sohn-Rethel „nur einen früheren durch ihren eigenen ersetzt.“

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Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz hat – als Inhaber der Königsberger Kant-Lehrstuhl ab 1941 – versucht, die Apriori-Begriffe des Philosophen der Französischen Revolution darwinistisch-biologisch aus der Entwicklung und Struktur unseres Erkenntnisapparates, d.h. aus der natur- bzw. stammesgeschichtlichen Entwicklung des Menschen, abzuleiten – um den Kantschen Dualismus von Natur und Vernunft zu überwinden. Die Logik als Ergebnis von Mutationen?

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In Lorenz‘ Hauptwerk „Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte des menschlichen Erkennens“ (1973) heißt es: „So wie die Flosse a priori gegeben ist, vor jeder individuellen Auseinandersetzung des Jungfischs mit dem Wasser, und so, wie sie diese Auseinandersetzung erst möglich macht, so ist dies auch bei unseren Anschauungsformen und Kategorien in ihrem Verhältnis zu unserer Auseinandersetzung mit der realen Außenwelt durch unserer Erfahrung der Fall.“

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So spricht Konrad Lorenz auf dem Kant-Lehrstuhl (er weiß sich dabei mit dem Philosophen Karl Popper einig), als Verhaltensforscher hat er jedoch gelernt, genau zu beobachten, wie der Philosoph Wolfgang Thorwald in seinem Aufsatz über Lorenz nahelegt: „Die Gesetze der reinen Mathematik sind für Kant wie die der Geometrie von jeder Erfahrung unabhängig, apriorisch, denknotwendig und besitzen daher für ihn eine absolute Geltung. Dies kritisiert Lorenz als Verabsolutierung einer Abstraktion (Abstraktionen können prinzipiell niemals absolut gelten, weil sie im Wortsinne bestimmte Merkmale eines Gegenstandes von ihm ‚abziehen’ und isoliert herausstellen. D.h. Abstraktionen sind immer inhaltsärmer als der ihnen zugrundeliegende Gegenstand). Auch die Mathematik ist nach Lorenz ein Produkt des menschlichen Erkenntnisorgans, das stammesgeschichtlich entstanden ist. Daher kann auch die Mathematik für ihn keine absolute, im eigentlichen Wortsinn apriorische Geltung besitzen. Für Lorenz ist die Mathematik ursprünglich eine Anpassungsleistung des menschlichen Denkorgans an die Außenwelt: Die Mathematik sei nämlich durch das Abzählen realer Einheiten entstanden. Dabei arbeite sie mit Abstraktionen, die den realen Inhalten und Gegebenheiten aber „grundsätzlich nur annäherungsweise“ angemessen seien. Zwei Einheiten seien sich nur deshalb absolut gleich, weil es „genaugenommen“ beide Male dieselbe Einheit „nämlich die Eins“ ist, die mit sich gleichgesetzt werde. So sei die ‚reine mathematische Gleichung letztlich eine Tautologie‘, und die reine Mathematik wie die Kantischen apriorischen Denkformen inhaltsleere Verabsolutierungen: ‚Leer sind sie tatsächlich ‚absolut’, aber absolut leer.‘ In der Mathematik besitze ‚Gültigkeit immer nur der leere Satz‘. ‚Die Eins, auf einen realen Gegenstand angewandt, findet im ganzen Universum nicht mehr ihresgleichen‘. Wohl seien 2 und 2 vier, ’niemals aber sind zwei Äpfel, Hammel oder Atome plus zwei weiteren gleich vier anderen, weil es keine gleichen Äpfel, Hammel oder Atome gibt‘.“

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Das haben Adorno und Horkheimer in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ (1941–1944) ähnlich gesehen, jedoch radikal andere Schlüsse daraus gezogen: Die Abstraktion ist für sie das Werkzeug, mit dem die Logik von der Masse der Dinge geschieden wird. Das Mannigfaltige wird quantitativ unter eine abstrakte Größe gestellt und vereinheitlicht, um es handhabbar zu machen. Das symbolisch Benannte wird formalisiert; in der Formel wird es berechenbar und damit einem Nützlichkeitsaspekt unterzogen, verfügbar und manipulierbar gemacht. Das Schema der Berechenbarkeit wird zum System der Welterklärung. Alles, was sich dem instrumentellen Denken entzieht, wird des Primitivismus verdächtigt. Der moderne Positivismus verbannt es in die Sphäre des Unobjektiven, des Scheins. Aber diese Logik ist eine Logik des Subjekts, die unter dem Zeichen der Herrschaft, der Naturbeherrschung, auf die Dinge wirkt. Diese Herrschaft tritt dem Einzelnen nunmehr als Vernunft gegenüber, die die objektive Weltsicht organisiert.

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Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss hat versucht, das primitive Denken gegenüber dem abstrakten zu rehabilitieren: „Das eine ist grob gesagt der Sphäre der Wahrnehmung und der Einbildungskraft angepaßt, das andere von ihr losgelöst; wie wenn die notwendigen Beziehungen, die den Gegenstand jeder Wissenschaft bilden, – sei sie nun neolithisch oder modern -, auf zwei verschiedenen Wegen erreicht werden könnten, einem, der der sinnlichen Intuition nahekommt, und einem, der ihr ferner liegt.“ In seinem Buch „Das Wilde Denken“ (1968) schreibt er: „Die Eingeborenen selbst haben zuweilen das deutliche Gefühl, dass ihr Wissen ‚konkreten‘ Charakter hat,“ während das der Weißen oberflächlich und schnell erworben ist und nur als schriftlich Fixiertes gültig ist. Das Denken der Naturvölker „auf spekulativem Gebiet“ habe Analogien zu „Basteleien auf praktischem Gebiet“, zwischen diesen beiden „Formen der Tätigkeit“ befände sich „die Kunst“. In einer Diskussion der Akademie der Wissenschaften in Potsdam über Gemeinsamkeiten zwischen Wissenschaft und Kunst im Sommer 2012 intervenierte eine Physikerin mit dem „Satz der Identität in der Logik – A gleich A: „Da raus zu kommen“, das sei doch „die Aufgabe der Kunst.“

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Sie wollte damit sagen, dass Kunst und Wissenschaft ihre Erkenntnisse auf verschiedenen Wegen erreichen – einem der der sinnlichen Intuition nahekommt, und einem, der ihr ferner liegt. Diese Unterscheidung traf bereits Claude Lévi-Strauss in seinem Buch „Das wilde Denken“ – in bezug auf eine indianische „Wissenschaft des Konkreten“ und „unserer Wissenschaft des Abstrakten“. Für letztere gilt, dass ihre Entstehung und Entwicklung historisch der Entstehung und Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise zuzuordnen ist. Die moderne Naturwissenschaft bildet die intellektuelle Vorbedingung zur Schaffung der modernen Technik, vornehmlich der Produktionsapparatur. Für den Erkenntnistheoretiker Alfred Sohn-Rethel finden sich die „Vorstadien“ des Frühkapitalismus (im 16. und 17.) schon in der Renaissance: „Gestalten wie Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer scheinen geradezu auf der Schwelle beider Zeitalter zu stehen. Auf der einen Seite sind sie noch Handwerker und Künstler, die die Natur sinnlich studieren und sinnlich darstellen durch das Geschick ihrer Hände in der Handhabung ihrer Werkzeuge und Materialien; auf der anderen Seite sind die selben Männer konstruktive Ingenieure, die für ihre Aufgaben Lösungen in abstrakten Begriffen und im unsinnlichen Medium der Mathematik suchen. Die Verbindung von Mathematik und Experiment ist hier jedoch noch tastend und wenig wirksam…“

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Lévi-Strauss sieht den Gegensatz zwischen einer neolithischen (konkreten) und einer modernen (abstrakten) „Wissenschaft“ personifiziert im Bastler (Bricolleur) und im Ingenieur. Albrecht Dürer verkörperte noch beides, wollte jedoch die absolute Trennung von Hand- und Kopfarbeitern nicht mitmachen, deswegen verfaßte er für seine Handwerks-Lehrlinge zwei Lehrbücher, in denen er das praktische Wissen und die Mathematik zusammenführte. Sie machen sein eigentliches Genie aus. Aber Dürer scheiterte damit nach zwei Seiten hin: 1. waren seinen Lehrlingen und Gesellen die Berechnungen zu kompliziert, und 2. lobten zwar die italienischen Kollegen von Dürer, Festungsbauer vielfach, seine zwei „Vermessungslehren“ über alle Maßen, mitnichten verrieten sie aber deren Inhalt an die Arbeiter und Handwerker, denn sie wurden fortan für dieses Wissen bezahlt.

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In der Renaissance-Kunst selbst bahnte sich damals die Verbindung bzw. der Übergang zur Mathematik an – mit der Zentralperspektive. Dürer hat sie in seinem Holzstich „Der Zeichner der Perspektive/Der Zeichner des liegenden Weibes“ mitsamt den dazugehörigen Arbeitsgeräten zur perspektivischen Aufrasterung (Verpixelung) des Frauenkörpers thematisiert – und in seinem Buch „Underweysung der Messung mit dem Zirckel und Richtscheyt“ (1525) als Illustration veröffentlicht.

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300 Jahre später wird die künstlerische Zentralperspektive zur Herrschaftsabsicherung in die Stadtplanung überführt – in Form von „Sichtachsen“, die man durch die Pariser Innenstadt schlägt, was dann nach ihrem Planer „Haussmannisierung“ genannt wird, man nennt diese Erleichterung für reguläre Truppen beim Niederschlagen von städtischen Aufständen auch die „Artillerieperspektive“ – ein Begriff aus den Vierzigerjahren, der von Straßenplanungsbehörden noch heute verwendet wird, wenn auch immer öfter kritisch. Schon bei der Entdeckung der Zentralperspektive durch die Renaissancemaler ging es um die Artillerie: um Ballistik und Festungsbauten, die wegen der sich verbessernden Durchschlagskraft der Waffen ständig ausgebaut und verstärkt werden (mußten), was den italienischen Künstlern/Architekten/Ingenieuren/Mathematikern Ruhm und Reichtum einbrachte. Der venezianische Mathematiker Nicolo Tartaglia (1499 -1557) wird als „Vater“ der Ballistik bezeichnet.

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In den Zwanzigerjahren dieses Jahrhunderts kritisierte der russisch-orthodoxe Priester Pawel Florenski die Zentralperspektive, die er zugunsten der Ikonenmalerei verwarf, weil jene „eine Maschine zur Vernichtung der Wirklichkeit“ sei. Das könnte auch auf die Politik des Zentralkommittes (der Bolschewiki) gemünzt sein. Dafür spricht, dass Florenski, der als Häftling auf den Solowski-Inseln Algenforschung betrieb – bis er 1937 erschossen wurde, gegen deren (post)monarchistische Zentralperspektive ein „synarchisches Feld“ setzte. Grund für seine „Liquidierung“ war sein 1922 veröffentlichtes Hauptwerk „Imaginäre Größen in der Geometrie“, in dem insbesondere das Schlußkapitel beanstandet wurde, weil er darin Dantes „Göttliche Komödie“ mit Hilfe der Relativitätstheorie interpretiert hatte.

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Der Ästhetikprofessor Bazon Brock führte 2012 auf einer seiner Veranstaltungen in der Kreuzberger „Denkerei“ Evolution und Mathematik bis hin zur modernen Physik in einem Satz quasi zusammen: „Der Urknall war physikalisch-chemisch – naturgesetzlich. Erst die Bakterien gehen raus aus Physik und Mathematik – sie emanzipieren sich quasi von den Naturgesetzen. Der Mensch geht dann aber wieder rein – und weitet sie aus: auf eine künstliche Natur. Das beginnt mit Pythagoras…Und endet mit 1 Punkt 1 Pixel. Aber mit der Quantenphysik ändert sich wieder alles.“

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Photo: Peter Loyd Grosse (verpollerte Kurve in Flandern?)

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Antiantikismus

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 „Das Prinzip des Privateigentums, des Warentauschs, ist die Negation von Gesellschaft.“ (Alfred Sohn-Rethel)

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Der von Herodot sogenannte „Demokratie-Begründer“ Kleisthenes mußte – im 6.Jhd. v.Chr. in Athen – von den unteren Klassen gezwungen werden, zuzulassen, dass auch vermögenslose Bürger in Staatsämter gewählt werden durften. Für den Altphilologen George Thomson zeigte dies bereits „den Mittelstandscharakter der Revolution“, zudem war die neue Verfassung dem früheren „Stammesmodell“ nachgebildet – und verbarg so die Tatsache, dass mit ihr die „letzten Überreste der urtümlichen gesellschaftlichen Verhältnisse hinweggefegt worden waren,“ d.h. die Warenbesitzer traten sich nunmehr in der „‚Freiheit‘ des offenen Marktes als Gleiche gegenüber.“

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Diese allgemeine „Gleichheit vor dem Gesetz“ (isonomia) bezeichnete bereits Diodoros aus Agyrion im 1. Jhd.v.Chr. als nichtig, da sie ohne „Gleichheit des Eigentums“ (isomoiria) durchgesetzt wurde. Infolgedessen hatte sich laut Thomson „der Klassenkampf, weit davon entfernt, beendet zu sein, noch verschärft.“ Es standen sich nicht mehr Adlige und Bürger, Mitglieder einer menschlichen Gesellschaft, gegenüber, sondern Sklavenhalter und Sklaven, wobei letztere „aus der Gesellschaft Ausgestoßene“ und zugleich „Schöpfer ihres Wohlstands“ waren. Dadurch entstand eine Spaltung zwischen Konsumtion und Produktion, zwischen Theorie und Praxis. Die „Ersten Philosophen“, von denen nicht wenige Kaufleute waren, mithin Sklavenhändler, verdanken dieser Trennung von Hand- und Kopfarbeit ihre Existenz.

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Das beginnt mit Parmenides: „Er ist der Mann, der unveränderliche und rein begrifflich formulierte Gesetze anstelle anschaulicher Ereignisfolgen setzt und der so Wirklichkeit und Welterfahrung, Denken und Anschauung, Wissen und Handeln entschieden von einander trennt,“ wie Paul Feyerabend in seiner „Naturphilosophie“ schreibt. Parmenides begründete damit unsere westliche Wissenschaft – mit ihm beginnt die Philosophie, wie Hegel meinte.

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Als nächster „Staatsmann“ trat in Athen des 6.Jhd.v.Chr. der Kaufmann Solon auf den Plan. Seine Leistung bestand laut Thomson darin, „die Gesellschaft von der Natur geschieden und als ein sittliches Ordnungsgefüge erklärt zu haben“. Die „isonomia“ ohne „isomairia“ tastete er nicht an, wiewohl er erkannte, dass der Reichtum „kein Maß“ hat und die „Geldgier der Bürger die Stadt zerstören“ könnte. Gleichzeitig sprach er jedoch davon, dass einer, der sich alles leisten kann, nicht reicher ist als ein anderer, der nur genug zu essen hat. Deswegen wollte er Reichtum und Gerechtigkeit nicht gegeneinander ausspielen, „da diese niemals zu erschüttern ist, während das Geld beständig von einem Menschen zum anderen hinüber wechselt.“

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Mir drängte sich dieser ganze Demokratie-Widersinn erstmalig als nahezu einkommensloser 18jähriger auf, als ich wegen abgefahrener Reifen an meinem alten VW 160 DM Strafe zahlen mußte, die ich nicht hatte. Während z.B. mein beim Staat angestellter Vater eine solche Summe aus seiner Brieftasche hätte bezahlen können – abgesehen davon, das die Reifen an seinem Auto nie abgefahren waren, weil er immer genug Geld hatte, um sie rechtzeitig zu wechseln. Anders gesagt: Die gerechte – für alle gleiche Strafgebühr – war (und ist) eine schreiende Ungerechtigkeit. Es kam aber noch dicker:

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Jahrzehnte später schlenderte ich einmal die Einkaufsstraße der mongolischen Hauptstadt entlang. Als ich an einem Terrassencafé vorbeikam, sah ich in nächster Nähe von mir ein Pärchen vor zwei Cocktails sitzen: eine junge Mongolin und ein etwa 22jähriger amerikanischer Volontär des Konzerns „Ivanhoe Mines“, wie ich etwas später erfuhr. Ivanhoe ist der Titel eines Kreuzritter-Romans von Sir Walter Scott. Der Bergbaukonzern gleichen Namens hatte eine Goldmine in der Mongolei ausgebeutet. Weil er glaubhaft machte, dass er dazu 15 Jahre benötigte, gewährte die Regierung ihm 5 Jahre Steuerfreiheit. Er benötigte jedoch nur viereinhalb Jahre, um alles Gold aus der Mine zu lösen. Dieser „Betrug“ erboste die Mongolen derart, dass es zu gewalttätigen Auschreitungen in der Hauptstadt kam, die Demonstranten verbrannten dabei eine Puppe, die den Ivanhoe-Chef darstellte. Inzwischen gehört der Konzern dem noch größeren Bergbaukonzern und Global Player „Rio Tinto“, der in der Wüste Gobi eine riesige Gold- und Kupfermine ausbeutet.

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Zurück zu dem mongolisch-amerikanischen Pärchen auf der Caféterrasse: Während sie etwas gelangweilt die Passanten betrachtete, hatte er sich in ein Buch vertieft. Ich spinne nicht: Es war „The White Man’s Burden“, auf Deutsch: „Die Bürde des Weißen Mannes“ – ein Poem von Rudyard Kipling, in dem er die Amerikaner zur Kolonialisierung Kubas und der Philipinen aufrief, was er als einen humanitären Akt darstellte. Ausgerechnet diesen „Klassiker“ las nun dieser Amischnulli in der Mongolei an jenem schönen Sommertag. Während gleichzeitig einen Steinwurf entfernt drogenkranke Straßenkinder in der Kanalisation hausten, Frauen an der Landstraße ihre Muttermilch verkauften und die US-Botschafterin in Ulaanbaatar der mongolischen Regierung sagte, was diese als nächstes zu tun hatte.

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Sprung – April 2014: Um Russland wie weiland 1918 von White Man’s Nations zu umzingeln, besuchte der US-Verteidigungsminister die Mongolei und bat die Regierung, eine Militärbasis im Land errichten zu dürfen. Der mongolische Verteidigungsminister bedauerte, dass er das nicht genehmigen könne, die Verfassung gäbe das noch nicht her. Aber westliche Experten sind sich sicher: „Wir werden die Mongolei bald nicht mehr wiedererkennen.“

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Werden so z.B. die letzten mongolischen Nomaden ihre Viehzucht amerikanisch effektivieren? Dieses Photo einer US-Tierschutzgruppe zeigt eine moderne amerikanische Kälbermastfarm: In diesen Boxen bleiben die Kälber für die gesamte Dauer ihres 18- bis 35-Wochen langen Lebens eingesperrt. Der holsteinische Biobauer Matthias Stührwoldt schrieb mir: „In Holland ist das nicht anders, nur unter Dach.“

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Die letzten „Primitivos“

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Inzwischen ist fast die ganze Menschheit der Geld- und (Zeit-)Logik unterworfen. Aber ein kleines Volk in Amazonien, mit kaum 400 Menschen, ist anscheinend standhaft geblieben: Es nennt sich „Hiaiti’ihi“ (die Aufrechten), Piraha heißen sie bei den Weißen. Sie führen ein „Leben ohne Zahl und Zeit“, schreibt der Spiegel. Außerdem kennen sie keinen Gott und keine Götter, haben keine Rituale und keinen Besitz. „Hüter der Glücksformel“ werden sie auch genannt, weil der erste Erforscher ihrer Lebensweise und ihrer komplizierten Sprache, der Linguist Dan Everett, sie als „Das glücklichste Volk“ (2012) beschrieb.

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Es hütet jedoch kein Geheimnis, sondern eine einfach strukturierte Sprache – mit dem sich die Piraha viel erzählen. Sie siedeln an einem Seitenarm des Amazonas, jagen und angeln und sind mit ihrem Leben überaus zufrieden. so dass sie sich kaum von irgendetwas beeinflussen lassen. „Die Piraha reden sehr gern. Kaum etwas anderes fällt Besuchern, die ich zu den Piraha bringe, so stark auf wie ihre Neigung, ständig zu reden und gemeinsam zu lachen,“ schreibt der einstige US-Missionar Everett, der während seiner siebenjährigen Arbeit umgekehrt von ihnen zum Unglauben bekehrt wurde und nun quasi ihr Stammes-Ethnologe ist. Aber ihre „kulturellen Werte“ schränken die „Themen“ ihrer endlosen Unterhaltungen stark ein, meint er. Mit den „Werten“ ist ihr unbedingter Wille zum Sein in „unbegrenzter Gegenwart“ gemeint. Die Piraha kennen weder Vergangenheit noch Zukunft – und akzptieren sie auch nicht. Everett spricht von ihrem „Prinzip des unmittelbaren Erlebens“, dem er viel abgewinnen konnte, nachdem er ihre Sprache gelernt hatte: „Die Piraha sind ganz und gar dem pragmatischen Konzept der praktischen Relevanz verhaftet. Sie glauben nicht an einen Himmel über uns, an eine Hölle unter uns oder irgendeine abstrakte Sache, für die zu sterben sich lohnt. Damit verschaffen sie uns die Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie ein Leben ohne absolute Werte, ohne Rechtschaffenheit, Heiligkeit und Sünde aussehen könnte. Das ist eine reizvolle Vision.“

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Und weil es bei den Piraha im Prinzip keine höhere Autorität als den Bericht eines Augenzeugen gibt, stoppten einige ältere Männer, die sich mit dem Autor angefreundet hatten, eines Tages auch dessen Missionstätigkeit: „Die Piraha wollen nicht wie Amerikaner leben,“ sagten sie ihm. „Wir trinken gern. Wir lieben nicht nur eine Frau. Wir wollen Jesus nicht – und auch nichts von ihm hören.“ Nach einer Glaubenskrise reifte in dem sich dann bei Noam Chomsky zum Linguisten umschulenden Autor die Erkenntnis: „Ist es möglich, ein Leben ohne die Krücken von Religion und Wahrheit zu führen? Die Piraha machen es uns vor. Sie stellen das Unmittelbare in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit und damit beseitigen sie mit einem Schlag gewaltige Ursachen von Besorgnis, Angst und Verzweiflung, die so viele Menschen in den westlichen Gesellschaften heimsuchen.“

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Die stets gegenwärtig bleibenden Piraha sorgen sich nicht. Dabei gäbe es Gründe genug: Sie sterben früh, u.a. an Tropenparasiten und den Krankheiten der Weißen, haben Jagdunfälle und Streitereien mit Nachbarstämmen. Weil die mit Schiffen gelegentlich bei ihnen anlegenden Händler sie bei Tauschgeschäften oft übervorteilen, wollten sie Zählen und Rechnen lernen, aber ihr transzendentaler Präsens und ihre genaue Wahrnehmung verhinderte auch das Denken mit der Abstraktion Zahl. Die Begriffe für „links“ und „rechts“ kennen sie ebenfalls nicht, auch keine Farbwörter. Und keine Häuptlinge, Rituale, Initiationen, weder Schwüre noch Schmuck, und keine Diskriminierung von Frauen oder Kindern – wenn man Everett glauben darf. Ihre Konzentration auf das Wesentliche könnte man mit Friedrich Engels als urkommunistisch bezeichnen, Everett hält die Piraha-Kultur jedoch mitnichten für primitiv: „Vielleicht machen gerade Ängste und Sorgen eine Kultur primitiv und wenn sie fehlen, ist eine Kultur höher entwickelt. Wenn das stimmt, haben die Piraha eine sehr hoch entwickelte Kultur.“ Außerdem kennen sie nicht weniger Begriffe als wir.

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Für Immanuel Kant war die „transzendentale Gegenwart“ allein Gott vorbehalten, dafür war für ihn die „Zeit“ transzendental – d.h. uns allen wie die Logik innerlich mitgegeben. Inzwischen meinen wir schon, dass es sich dabei um eine „substantielle Größe“ handelt, mit der wir immer ökonomischer umgehen können. Gleichzeitig bestritt die westliche Moderne ihren globalen Siegeszug mit den Zahlen – über Handel, Technik und Ingenieurwissen bis hin zur Kybernetik. Aber bereits jetzt zeichnet sich ab, dass sich uns dabei die Gegenwart immer mehr entleert. Der Ethnologe Fritz Kramer erwähnt im Unterschied dazu die „nicht-mathematischen Gesellschaften Afrikas“, in denen „man die Zeit ebenso selten und rudimentär zählt wie die Gegenstände.“

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In der „Wissensgesellschaft“ sind dagegen bald alle Gegenstände um uns herum „Rechner“. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno konnten 1944, als die Kybernetik sich gerade aus der Lenkwaffenforschung „befreite“, noch gnädig sein – in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ schrieben sie: Die ganze „Wissenschaft rechnet, rechnen ist nicht Denken. Denken entzündet sich am Widerstand. Systembauen ist die Ausräumung des Widerstands im Denken. Bei Mathematikern, Programmierern und Technikern geht das in Ordnung, bei allen anderen ist es eine höhere Form des Schwachsinns.“ Der zur Frankfurter Schule zählende Alfred Sohn-Rethel war in den Siebzigerjahren radikaler: „Wenn es dem Marxismus nicht gelingt, der zeitlosen Wahrheitstheorie der herrschenden naturwissenschaftlichen Erkenntnislehren den Boden zu entziehen, dann ist die Abdankung des Marxismus als Denkstandpunkt eine bloße Frage der Zeit.“

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Die Piraha am Maici-Fluß sind trotz gelegentlichem Handel gegen „Realabstraktionen“ anscheinend resistent. Inzwischen leben sie in einem Reservat und auf jeden Piranha kommen vier Diplomanden, zwei Doktoranden und ein Professor. Auch der Staat Brasilien schickt immer mal wieder Komissionen vorbei. Man hat jeden von ihnen schon x-mal photographiert. Zweidimensionalen Bildern können die Piraha übrigens auch nichts abgewinnen. Schon das Selbe wieder zu erkennen fällt ihnen, die alle paar Jahre ihren Namen ändern, schwer. Sie sind die ersten und vielleicht letzten großen Verweigerer aller „Realabstraktionen“. Bald werden die Touristen kommen, spätestens dann gilt auch für die Piraha das kapitalistische Wertgesetz. „Die bürgerliche Gesellschaft ist beherrscht vom Äquivalent, indem sie es auf abstrakte Größen reduziert,“ schreiben Adorno/Horkheimer. „Der Aufklärung wird zum Schein, was in Zahlen, zuletzt in der Eins, nicht aufgeht; der moderne Positivismus verweist es in die Dichtung. Einheit bleibt die Losung von Parmenides bis auf Russell. Beharrt wird auf der Zerstörung von Göttern und Qualitäten.“

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Die Piraha, die überall nur Qualitäten wahrnehmen und statt Götter höchstens dort gelegentlich Erscheinungen sehen – wo wir noch so genau hinkucken können, sind wahrscheinlich als Ewiggegenwärtige dazu verdammt, in Zukunft nur noch eine romantische Idee aus der Vergangenheit zu sein: eine Ironie des Realen. In seinem Amazonas-Bericht „Traurige Tropen“ hat der Ethnologe Claude Lévy-Strauss das bereits 1955 befürchtet. Als stets Gegenwärtige wird dies den Piraha in gewisser Weise aber wohl egal sein. Ihre Population hat sich in letzter Zeit sogar vergrößert. Es kann mithin auch anders kommen, dass sie z.B. an einem Institut für Antiamerikanistik zum Nukleus einer widerständigen Linguistik-Gemeinde werden. Bereits jetzt haben sie die „Universalgrammatik“ von Noam Chomsky, die für uns alle gelten soll, allein durch ihre extravagante Sprache, die laut Everett „in zahlreichen Punkten extrem ungewöhnlich ist und strukturell massiv von anderen, auch ‚exotischen‘, Sprachen abweicht“, quasi listig – grammatikalisch – widerlegt, indem sie die kurzen Sätze ihrer Erlebniserzählungen wie Perlen auf eine Kette reihen.

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Photo: Harry Berndt (Bushäuschen im Allgäu)

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Lachende Wiesen

(Vortrag auf der Jungviehweide bei Bischoffsheim)

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Wir können uns keine „lachende Wiese“ – pratum ridlet – mehr vorstellen. Behauptete ich. Sie ist über Homer und dann das latinisierte Griechisch, schließlich das christianisierte Latein zu uns gelangt – als Paradebeispiel für eine Metapher. Den Poetiken und Rhetoriken des Mittelalters galt ihr Lachen als „uneigentliche Rede“, dahinter verbarg sich die „eigentliche“: eine blühende Wiese – pratum floret. Der Philosoph Friedrich Kittler, dem es darum ging, „Das Nahen der Götter vor[zu]bereiten“, wie der Titel seines letzten Buches heißt, erklärte dazu in einer seiner Vorlesungen über Griechenland:

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Daß Odysseus und seine Gefährten auf dem Schiff guten Grund hatten, jedem Schluck Süßwasser als einer göttlichen Nymphe oder Muse zu danken, fiel faulen dicken Mönchen, diesen Gefangenen in Kloster- und Universitätszellen, nicht mehr ein. Hinter der Harmlosigkeit lachender Wiesen verbargen sich also die schönen, für Christen jedoch bedrohlichen zwei Möglichkeiten, daß entweder die Götter auf Wiesen anwesen oder aber die heidnischen Dichter Wiesen zu Göttinnen verzaubern können.“

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Und so wurden aus den Nymphen, den jungen Mädchen – als Personifikationen von Naturkräften, bloße Metaphern.

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Ähnliches geschah mit der griechisch-heidnischen „Mimesis“ – Nachahmung, das die Scholastiker mit „imitatio“ bzw. „repraesentatio“ übersetzten – was bei Thomas von Aquin z.B. heißt, daß jemand (ein Dichter) etwas (z.B. eine Metapher) für jemand (einen Hörer oder Leser) darstellt. Was bedeutete nun aber „Mimesis“ ursprünglich? Dazu wieder Kittler:

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Denken Sie von den Göttern nicht zu abstrakt…Ohne Götter, die miteinander schlafen, gäb es keine Sterblichen, ohne Eltern, die miteinander Liebe machten, keines von uns Kindern. So bleiben einzig Dank und Wiederholung. Nichts anderes heisst Griechen, solang sie dichten, Mimesis, Tanz als Nachvollzug der Götter“ bzw. „göttlicher Liebestaten“.

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Denn auch beim Geschlechtsverkehr ahmen wir laut Kittler die Götter nach. Er erwähnt dazu gerne einen Song von Jimmy Hendrix: „And the Gods made love“. Die Popstars haben uns seiner Meinung nach die Götter wieder nahegebracht. Bei einem Popkonzert in Kopenhagen z.B. brachte ein Junge seine Freundin anschließend Backstage zum Sänger: „Der hat die Nacht mit ihr verbracht und am nächsten Tag ging die Liebe zwischen dem Mädchen und ihrem Freund weiter.“ Ähnliches passierte 1986 laut dem Musikkritiker Mießner auch der Punkband „Freygang“ nach einem Konzert in Bitterfeld. Für Kittler sind das Beispiele „einer uneifersüchtigen Variante des Amphytrion-Stoffes, so wie auch Amphytrion nicht ernsthaft zu Alkmene sagen kann: ‘Ich verbiete dir, mit Zeus zu schlafen!’“

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Als die Wiesen noch lachten – zu Beginn unserer Zivilisation – war noch alles voller Götter und Göttinnen, Musen, Nymphen, Halbgötter und Heroen. Letztere stiegen gelegentlich in den Olymp auf. Umgekehrt konnten alle Götter sich in Tiere, Menschen, Pflanzen, Wolken, Stürme und Nebel verwandeln – wenn es z.B. galt, ein Jungfrau zu verführen: aus Lust und um neue Helden zu zeugen. Bei dem „musenverlassensten Volk Europas“, den Römern, wurden die Götter erst entsexualisiert und schließlich im Christentum auf Einen reduziert. Dazu noch einmal Kittler:

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Menschen können nur machen, daß Laute andere Dinge bedeuten, als der Wortlaut besagt. Dichter tun das, wenn sie das Blühen einer Wiese ihr Lachen nennen, aber nur Gott ist jener einzigartige Dichter, der mit Dingen wie mit Metaphern um sich werfen kann. Und zwar einfach deshalb, weil er sie alle geschaffen hat.“

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Bei den Griechen waren Mensch und Tier noch ungetrennt: „zoon“. Der Begründer der modernen Zoologie – Jean-Baptiste de Lamarck – postulierte 1809 in seiner „Philosophie zoologique“: An der Komplexität heutiger Lebewesen könne man abschätzen, wann sich deren Urzeugung vollzogen hat. Was bedeutet, dass der Mensch als das Lebewesen mit der höchsten Komplexität, das älteste Lebewesen auf der Erde wäre.

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In der Bibel ist dagegen das Wiesengras sehr viel älter als der Mensch, denn dieser wurde erst an Gottes letztem Werktag geschaffen – indem er ihn sich, wie überhaupt die ganze Welt, einfach vorstellte und wollte, was er uns später sogar schriftlich gab – nämlich: „Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.“

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Aber dann, mit der Aufklärung, kam Charles Darwin, er änderte zwar nichts an der gottgegebenen und für uns so vorteilhaften Hierarchie der Arten, aber der Naturforscher in ihm bestand doch darauf, dass sie nicht in sechs Tagen, sondern – evolutionär, durch mühsame – selektiv wirkende – Konkurrenzkämpfe entstanden sei. Zuletzt zweigte sich auf diese Weise von einem „Uraffen“ die Entwicklung der heutigen Affen und die des Menschen ab, der dann mit Feuer und Schwert und Schrift – schlußendlich – aus der Natur heraustrat, was zu den Trennungen von Subjekt und Objekt, Natur und Kultur sowie Fakt und Fetisch führte.

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Als erste Organismen – am Anfang: bei der Lamarckschen „Urzeugung“ – entstanden die „Archaebakterien“, die im derzeit gültigen Evolutionsschema eine eigene Art bilden – mit der vor ungefähr 3,5 Milliarden Jahren alles Leben begann.

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Die darauf folgenden Bakterien erfanden bereits die Fermentierung, die Photosynthese, die Stickstoffbindung und das Rad – in Form eines „Drehmotors“ an ihren Flagellen, Bei den staatenbildenden Insekten, Bienen und Termiten, seien in diesem Zusammenhang noch ihre Architekturen, Agrikulturen und Lüftungssysteme erwähnt, bei den Webervögeln und anderen die Flechtkunst, mit der sie ihre Nester bauen, und bei den Laubenvögeln in Neuguinea und Australien ihre Fähigkeit, plastische Gemälde zu entwerfen. Das alles ist heute in etwa State of the Art.

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Nun gibt es schon lange keine Griechen mehr, wohl aber noch Reste von anderen heidnischen Völkern, die manchmal nur noch ein Dutzend Menschen umfassen. Was sie, die sogenannten „Naturvölker“, jedoch eint, ist ein anderes Weltbild – und damit gegebenenfalls auch ein anderes Verständnis von lachenden Wiesen.

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Der brasilianische Ethnologe Eduardo Viveiros de Castro erklärt uns das so: Im Westen ist ein „Subjekt“ – der herrschenden „naturalistischen Auffassung“ gemäß – „ein ungenügend analysiertes Objekt.“

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Zu denken wäre dabei z.B. an unseren hochgeschätzten „Freien Willen“, der sich mit Hilfe der Technik der Gehirnforschung in physikalische und chemische Vorgänge auflöst.

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In der animistischen Kosmologie der amerikanischen Ureinwohner ist laut de Castro das Gegenteil der Fall: „Ein Objekt ist ein unvollständig interpretiertes Subjekt.“

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Also selbst ein Stein wäre demnach beseelt. Der Schriftsteller Martin Mosebach erwähnt einen Schamanen, der behauptete, dass ein Stein, der aus dem Boden gegraben wurde, sich darüber jahrelang nicht beruhigen könne. “Mehr Empathie in der Weltwahrnehmung ist kaum möglich. Extremer Animismus,” nennt dies der Chefredakteur von „Sinn und Form“ Sebastian Kleinschmidt, für den auch Goethe noch zu ähnlicher Empathie fähig war, indem er z.B. “Experimente, bei denen man das Licht durch ein Prisma bricht, als obszön” empfand. Für Goethe war es „unanständig, das Licht so zu behandeln.” Die Dichter der „Weimarer Klassik“ wähnten sich dem Olymp nahe – und so schrieb Goethe nicht mehr für die geschätzten Kollegen – sondern „für Mädchen“, wie er sagte. Bereits in seiner frühen „Genielyrik“ versuchte er dabei hinter die Metaphern zurück zu gelangen: „Wie herrlich leuchtet/Mir die Natur!/Wie glänzt die Sonne!/Wie lacht die Flur!“ heißt es in seinem Gedicht an ein geliebtes Mädchen: „Maifest“.

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Zu der Umdrehung von Subjekt und Objekt im „wilden Denken“ gehört laut de Castro auch noch die „so gut wie universelle indianische Vorstellung“, dass Mensch und Tier ursprünglich ungeschieden waren, ihr gemeinsamer „Urgrund“ war jedoch keine Tierheit, sondern die Menschheit. Das scheint mir ziemlich lamarckistisch gedacht.

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Wenn sich aber nun die Natur irgendwann in der Frühzeit von der Kultur trennte – dann doch wohl aus gutem Grund. So behaupten z.B. die Eingeborenen, die in nächster Nähe zu den afrikanischen Schimpansen und zu den Orang-Utan auf Borneo und Sumatra leben, dass diese „Scheinmenschen“ bzw. „Waldmenschen“, wie sie sie nennen, sprechen können. Sie würden jedoch lieber nichts sagen, um nicht arbeiten zu müssen. Angeblich soll der französische Kardinal Melchior de Polignac zu dem im Jardin du Roi erstmalig ausgestellten Orang-Utan gesagt haben: „Sprich – und ich taufe Dich!“ Der Affe blieb jedoch stumm – und mithin ungetauft!

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Lamarck fand in seiner „Zoologischen Philosophie“ nur traurige Gründe für die Sprachlosigkeit dieser „Bimanen“ (Zweihänder) – wobei er sich auf den Bericht eines französischen Marineoffziers über Schimpansen in Angola stützte: Lamarck zufolge unterschied sich der Mensch dadurch vom Affen, dass ersterer ein Affe mit einem besonderen, ausgefallenen Bedürfnis ist: dem „Bedürfnis zu herrschen und zugleich

weit und breit um sich zu sehen, sich anstrengend, aufrecht zu stehen“. Und dieses

Tier mit dem Bedürfnis zu Herrschen, entwickelte sich deswegen so rasant bis

zur Sprache, weil die armen Affen „von allen Seiten verfolgt, zurückgedrängt

an wilde, öde, selten ausgedehnte oder an elende und unruhige Orte, werden sie

beständig gezwungen zu fliehen und sich zu verbergen. Unter diesen Verhältnissen

verschaffen sich diese Tiere keine neuen Bedürfnisse mehr, erhalten keine

neuen Gedanken, haben deren nur sehr wenige und beschäftigen sich immer mit

denselben. Unter diesen Gedanken gibt es sehr wenige, die sie den anderen Individuen ihrer Art mitzuteilen brauchten. Sie brauchen also nur eine kleine Zahl

verschiedener Zeichen, um sich ihresgleichen verständlich zu machen.“

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In Gefangenschaft hat man ihnen jedoch einige hundert neue Zeichen beibringen können – in der amerikanischen Taubstummensprache ASL. In den Gesprächen damit kam u.a. heraus, dass Menschenaffen lügen, indem sie z.B. auf den Teppich kacken und anschließend gegenüber ihrem Sprachlehrer den Pfleger beschuldigen. Ein Schimpansenweibchen namens Washoe argumentierte gelegentlich olfaktorisch statt optisch, indem sie z.B das Wort „Blume“, als sie es gelernt hatte, auch für Pfeifentabak und Küchengerüche benutzte. Eine Zwergschimpansin namens Lana, der man beigebracht hatte, mit Hilfe von Symbolen auf einer elektronischen Tastatur zu kommunizieren, tippte den traurigen Satz „Bitte, Maschine, kitzle Lana!“

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Auch die Mimesis, wie die moderne Biologie sie erforscht, entbirgt Überraschendes. Peter Berz erwähnt in einem seiner antidarwinistischen Texte den Entomologen Paul Vignon. Er studierte Laubheuschrecken und hat nachgezeichnet, wo sich die Heuschrecken von ihrem Vorbild lösen und selbständige Formen entwerfen – bis er ihnen schließlich „une mission d’art ou de science“ zuschrieb. Diese Mission, die sich auch anderswo findet (bei allokryptischen Krebsen, Gottesanbeterinnen, Buckelzikaden und Laternenkäfern z.B.), hat laut Vignon in den Laubheuschrecken ihre vornehmsten Botschafter. Er nennt sie „Heuschrecken der Kunst“.

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Der Biologe argumentiert hierbei ähnlich wie der Soziologe Roger Caillois – in seinem Buch „Méduse & Cie“, in dem er die Mimesis von ihrer darwinistischen Verklammerung mit der „Nützlichkeit“ löste – und sie als ästhetische Praxis begriff: So versteht er z.B. die falschen Augen auf den Flügeln von Schmetterlingen und Käfern als „magische Praktiken“, die abschrecken und Furcht erregen sollen – genauso wie die „Masken“ der so genannten Primitiven. Und die Mimese überhaupt als tierisches Pendant zur menschlichen Mode, die man ebenfalls als eine „Maske“ bezeichnen könnte – die jedoch eher anziehend als abschreckend wirken soll. Wobei das Übernehmen einer Mode „auf eine undurchsichtige Ansteckung gründet“ und sowohl das Verschwinden-Wollen (in der Masse) als auch den Wunsch, darin aufzufallen, beinhaltet. So oder so stellt die Mimese jedenfalls einen Überschuß der Natur dar.

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Ähnliches geschieht bei der sexuellen Selektion – „Survival of the Prettiest“ auch genannt, das für Darwin neben der Natürlichen Selektion bei der Entwicklung der Arten wesentlich ist. Der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus entwarf daraus in seinem Buch „Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin“ eine neue Soziobiologie – indem er einen Bogen vom Rad schlagenden Pfau zu dem seinen Körper bunt bemalenden Neandertaler und darüberhinaus bis zu uns heute schlug. In einer Rezension hieß es dazu: „Menninghaus erwähnt den Trojanischen Krieg, wenn es darum geht, dass Tiere in blutigen Kämpfen um Weibchen konkurrieren, die dann ihre Wahl treffen.“

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Laut dem Biologen Adolf Portmann brachte jedoch „vor allem die Beobachtung keinerlei einwandfreie Beweise für eine Wahl seitens der Weibchen.“ Darwin hatte, wie auch viele andere Biologen, anscheinend zu „rasch verallgemeinert“, wobei er „begreiflicherweise besonders beeindruckt war von Vögeln mit starkem Sexualdimorphismus“ (d.h. bei denen man deutliche Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen erkennen kann). „Doch gerade mit den imposantesten Beispielen dieser Art, dem Pfau und dem Argusfasan, hatte er Pech: hier gibt es keinerlei Wahl durch die Weibchen,“ schreibt der Tierpsychologe Heini Hediger. Ähnlich sieht es bei den Paradiesvögeln, Webervögeln und Seidenstaren aus, die mitunter „ganz für sich allein balzen“. Die Kampfläufer dagegen, die Hediger ebenfalls erwähnt, balzen zwar in Gruppen, aber zum Einen sind die „spektakulären Kämpfe“ der Männchen „harmlose Spiegelfechtereien“ und zum Anderen nehmen die Weibchen keinerlei Notiz davon: „Nicht einmal hinschauen tun sie.“ Ihr Erforscher, G. Dennler de la Tour, beobachtete zudem, dass es ganz antidarwinistisch der im Duell unterlegene Kampfläufer ist, der, sobald er sich erholt hat, zu den Weibchen geht und sie nacheinander begattet, während die Sieger davonfliegen.

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Nun ist der Darwinismus – folgt man Karl Marx – bloß eine Projektion der schlechten Angewohnheiten der englischen Bourgeoisie auf die Natur, so dass man sich fragen darf, wie es denn unter diesen Menschen mit dem „Survival of the Prettiest“ aussieht. Bei ihnen geht es laut der Kulturwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld, die das „Balzverhalten“ von Frauen in Discotheken und Clubs erforscht hat, eher zu wie bei den wachtelähnlichen Laufhühnchen, auch Kampfwachteln genannt: „Hier trägt das deutlich größere Weibchen ein Prachtkleid, balzt vor dem Männchen und treibt sogar Vielmännerei,“ wie der Tierbuchautor Herbert Wendt schreibt. „Das unscheinbar gefärbte Männchen hockt auf dem Boden und stößt leise, kläglich klingende Töne aus. Die Laufhenne aber rennt im Kreis um den Hahn herum, gurrt und brummt, pfeift und trommelt, trampelt und scharrt mit den Füßen, bis der Hahn ihren Werbungen nachgibt.“

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Diese antidarwinistische Umdrehung der sexuellen Selektion scheint mir bei den Menschen jedoch noch Zukunftsmusik zu sein. Damit gebe ich das Lesepult hier auf der blühenden Wiese frei. Vielleicht bringt der nächste Dichter sie zum Lachen.

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Und noch etwas:

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Kittlers durchgehende Westorientierung hat es verhindert, dass er den Pythagoräismus auf seinem Weg von „Großgriechenland“ bis in die Sowjetunion erforschte. Dass die Mathematiker es in der UDSSR zu einer eigenen pythagoreeischen „Sekte“ brachten und noch bringen, bis hin zur „Knabenliebe“, kam aber auch erst so richtig ans Licht, als der in Leningrad 1966 von einer Mathematikerin geborene Mathematiker Grigori Jakowlewitsch Perelman 2002 einen Beweis für die „Poincaré-Vermutung“ – eines der sogenannten mathematischen „Millenium-Probleme“ – veröffentlichte – und dafür zwei hochdotierte Preise bekam, die er jedoch ablehnte. Woraufhin die darob mehr als erstaunte Journaille aus Ost und West anfing, herumzurecherchieren – in seinen Mathematiker-Kreisen, die nur wenig verdienen und sich als eine Art „Boheme“ verstehen („Es geht nicht darum, immer mehr zu verdienen, sondern immer weniger zum Leben zu brauchen,“ so der Mathematiker Solschenizyn).

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In die Rüstungs-, Finanz- und Computer-Branchen gehen sie nicht, weil die Anwendung sie von „reiner Mathematik“ abbringt. Dafür gab es spezielle geschützte Bereiche in der Sowjetunion schon für ganz junge Mathematikgenies. Sie wurden betreut, gefördert – und konnten spätestens ab 30 sich höchstens noch mit einigen Dutzend Menschen auf der Welt über ihre Arbeit austauschen. Wie diese sowjetischen und nunmehr russischen Pythagoräer ticken, hat die in jungen Jahren zu dieser Scene gehörende Journalistin Mascha Gessen in ihrer jüngst auf Deutsch erschienenen Perelman-Biographie „Der Beweis des Jahrhunderts“ herausgearbeitet.

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Bei der Poincaré-Vermutung handelte es sich laut der Universität Stuttgart um Folgendes:
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Poincaré äußerte 1904 die Vermutung, dass unter allen dreidimensionalen Räumen nur die Sphäre einfach-zusammenhängend ist. Das ist die berühmte Poincaré-Vermutung.

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Mit den obigen Vorbereitungen können wir nun die Poincaré-Vermutung in wenigen Worten zusammenfassen — allerdings stecken in jedem dieser Wörter weit über 100 Jahre mathematischer Erfahrung, ohne präzise Begriffe geht es nunmal nicht:

Wenn ein dreidimensionaler geschlossener Raum einfach-zusammenhängend ist,
dann ist dieser Raum topologisch identisch mit der dreidimensionalen Sphäre.

Zur Erinnerung: dreidimensional bedeutet, dass sich der betrachtete Raum in jeder kleinen Umgebung durch drei Koordinaten beschreiben lässt. Geschlossen heißt endlich und randlos. Einfach-zusammenhängend bedeutet, dass sich jede geschlossene Kurve kontinuierlich zu einem Punkt zusammenziehen lässt. Die dreidimensionale Sphäre erfüllt offenbar alle diese Bedingungen, und Poincaré vermutete, dass sie allein durch diese Eigenschaften charakterisiert wird.

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Anders als für Flächen in Dimension 2 hat sich diese Vermutung in Dimension 3 als überaus schwierig erwiesen. Dreidimensionale Räume sind eine große Herausforderung an die Vorstellungskraft, und auch an den Erfindungsreichtum der Mathematiker. Zahlreiche Lösungsversuche sind im Laufe des 20. Jahrhunderts veröffentlicht worden, darunter viele von hervorragenden Mathematikern. Kein Beweisversuch hielt der genauen Prüfung stand. Erst hundert Jahre nach Poincaré konnte Perelman einen hieb- und stichfesten Beweis vorlegen, dass Poincaré mit seiner Vermutung richtig lag. Damit ist die Poincaré-Vermutung zu einem mathematischen Satz geworden.

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Photo: Peter Loyd Grosse (curva)

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Und noch etwas findet am 12.April statt:

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Russland feiert da den „Tag der Kosmonautik“. An diesem Tag vor 53 Jahren – 1961, flog der sowjetische Kosmonaut Juri Alexejewitsch Gagarin mit dem Raumschiff Wostok 1 seinen spektakulären Raumflug und umrundete dabei in 106 Minuten einmal die Erde. Gagarin wurde am 1934 als Sohn einer Bauernfamilie im Dorf Kluschino geboren. Nach seinem Raumflug war er ein Star. Der jüdische Philosoph Emmanuel Lévinas jubelte: „Mit Gagarin wurde endgültig das Privileg der Verwurzelung und des Exils beseitigt“..Nunmehr gäbe es auch keine „Heimat“ mehr.

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Es kam anders…Nach Auflösung der Sowjetunion gab einer der letzten MIR-Kosmonautes zu bedenken: „Wir haben unser Hauptproblem nicht gelöst. Wir können in den Weltraum fliegen, dort arbeiten und wieder zurückkehren, aber wir haben keine natürliche menschliche Betätigung im Weltrau- – im Zustand der Schwerelosigkeit – gefunden. Bis jetzt haben wir keine produktive Tätigkeit dort oben entwickeln können. Ich empfinde das als persönliches Versagen.“

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Auch wenn das nunmehr russische Raumfahrtprogramm – ebenso wie das amerikanische – immer mehr reduziert wird, an den Feiern am Tag der Kosmonautik wird festgehalten. Zuletzt hielt die Moskauer Soziologin Natalia Hantke im Planetarium Prenzlauer Berg an diesem Tag eine Rede, in der sie noch einmal an Gagarin erinnerte: „Er ist der sowjetische Superstar. Ein Sexidol unseres Landes. Er lebt tief in den sinnlichen Erinnerungen unserer Mütter, Omas und einiger empfindsamer Väter. Er ist unser Held. Dazu muss man wissen, dass er ein echter Senkrechtstarter war. Innerhalb einer Stunde und 46 Minuten wurde Gagarin weltberühmt. Dieser Tag brachte der Sowjetunion den Neid aller Völker, insbesondere der Amerikaner. Sie haben dann in Hollywood eine Mondlandung mit eigenen Kosmonauten, die sie als Astronauten bezeichneten, um eine Verwechslung mit den Russen zu verhindern, nachgestellt. Sie wollten damit die ganze Welt von ihrer Überlegenheit überzeugen. Es entstanden viele Legenden um Gagarin. Vor allem, nachdem er 1968 bei einem Übungsflug mit einer MiG verunglückte und starb. Man sagt seitdem dieses, man sagt jenes… Man sagte auch, dass Gagarin nicht als erster Kosmonaut fliegen durfte. Ein anderer sollte den Ruhm ernten, nämlich Herman Titow, weil er noch schöner und vor allem leichter als Gagarin war. Die Wissenschaftler befürchteten, wegen Gagarins Übergewicht einige wichtige Kontrollgeräte aus dem Raumschiff entfernen zu müssen. Daran sieht man, wie wenig die damaligen Ingenieure von Werbung und Imagemaking verstanden. Nur der Hauptkonstrukteur Korolow wußte, dass nicht das Gewicht aus einem Mann einen Helden macht, sondern das Lächeln. Und genau dieses charmante, bezaubernde Lächeln hatte der einfache Dorfjunge Jurij Gagarin. Korolow ging in das Raumschiff und riß kurzerhand die ersten besten Geräte heaus, weil er wußte, dass man nur mit so einem hinreißenden Lächeln die Weltraumforschung voran bringen konnte. Nun sieh, dass er Recht hatte. Die Fotos des lächelnden Jurij Gagarin (der damals erst 27 Jahre alt war) überschwemmten den ganzen Planeten und erzielten einen unglaublichen ideologischen Effekt. Gagarin wurde als Abgeordneter gewählt, ihm wurden Denkmäler errichtet, überall wurden Straßen nach ihm benannt – dort wo es keine Leninstraßen gab, gab es unbedingt eine Gagarinstrasse sowie auf jeden Fall eine Gagarinbüste. Und sein berühmter Ausspruch beim Start der Rakete ist seitdem der beliebteste Trinkspruch aller russischen Männer: ,Ab gehts!'“

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Gagarin hinterließ eine Autobiographie: „Der Weg in den Kosmos,“ die 2007 wiederaufgelegt wurde – vom Elbe-Dnjepr-Verlag in Klitzschen. Der erste Satz darin lautet: „Die Familie, in der ich zur Welt gekommen bin, unterscheidet sich in keiner Weise von Millionen anderer werktätiger Familien unseres sozialistischen Heimatlandes. Meine Eltern sind schlichte russische Menschen, denen die Große Sozialistische Oktoberrevolution ebenso wie unserem ganzen Volk einen breiten und geraden Lebensweg erschlossen hat.“ Der Gedanke eines geradewegs in das Universum führenden „Lebensweges“ scheint genuin russisch zu sein. So unterscheidet sich der sowjetische „Kosmos“-Begriff vom amerikanischen „outer space“ schon dadurch, dass ersterer mit der irdischen Lebenswelt „harmonisch“ verbunden ist, während der US-Weltraum so etwas wie eine „new frontier“ darstellt, wie die in den USA lebende sowjetische Kulturwissenschaftlerin Swetlana Boym in einem Essay zum beeindruckenden Bildband „Kosmos“ von Adam Bartos schreibt, in dem noch einmal das sowjetische Weltraum-Programm nostalgisch und en détail gefeiert wird.

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Inzwischen ist auch die fünfbändige Autobiographie des stellvertretenden Leiters des sowjetischen Raumfahrt-Programms B.E.Tschertok erschienen: „Raketen und Menschen!“ (ebenfalls im Elbe-Dnjepr-Verlag). Diese nun fast abgeschlossene Geschichte beginnt mit dem Einsammeln der ersten versprengten deutschen Raketeningenieure 1945 durch die Rote Armee, nachdem die Amerikaner sich bereits die Führungsgruppe der „Peenemünder“ – um Wernher von Braun – geschnappt hatten. Den Sowjets half dabei von Brauns Chefingenieur für Funksteuerung Helmut Gröttrup, dem sie zunächst alle Vollmachten dafür einräumten. Seine Frau Irmgard führte später ein Tagebuch, das sie einige Jahre nach dem Aufenthalt der deutschen Raketenforscher auf der Insel Gorodomlia im Seligersee und der Repatriierung ihrer Familie in Westdeutschland veröffentlichte – unter dem schönen Tite:l „Die Besessenen im Schatten der roten Rakete.“ Im Spiegel berichtete sie: „Mein Mann wollte gleich munter zum Mond“. Der leitete später eine Elektronikabteilung bei Siemens und entwickelte zuletzt „unsere“ Geldautomaten.

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Юрий Гагарин занимается утренней зарядкой

Gagarin zu Hause

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2014/04/10/ursprunge-des-europaischen-denkens/

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