Neues aus der Arbeiter- und Bauern-Republik

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1. Die Kombinatsdirektoren melden sich als Gesellschaftskritiker zurück

Im Dezember 2013 fand im ND-Gebäude am Franz-Mehring-Platz eine Konferenz von Kombinatsdirektoren und anderen DDR-Wirtschaftsführern statt – „Das Rote Wirtschaftswunder“ betitelt. Es gab 125 Kombinate in der DDR, zwei wurden von Frauen geleitet. Eine war auf der Konferenz anwesend: Christa Bertag – vom VEB Kosmetik-Kombinat Berlin. Sie hatte ihren Enkel mitgebracht, der dann an einem der „runden Tische“ saß, an denen zwischendurch junge Genossen mit den „roten Wirtschaftslenkern“ über „Produktivität und Volkseigentum“ diskutierten.

Die alten Genossen stammten einst überwiegend aus „bildungsfernen Schichten“, wie die Moderatorin Daniela Dahn erklärte. Während ihrer Arbeiterkarriere – oft über die „Arbeiter- und Bauern-Fakultät“ – hatten sie fast alle ihren „Doktor“ und „Professor“ gemacht. Quasi freigeistig geworden dachten sie nun noch einmal „volkswirtschaftlich“ (die Versorgung gewährleisten): etwas, was es – wie die DDR als „Geschlossenen Handelstaat“ (Fichte) – kaum noch gibt. Mir fiel dazu der Begründer der Nationalökonomie, Adam Smith, ein, der meinte: Unternehmer müssen dumm sein, je dümmer desto erfolgreicher! (In betriebswirtschaftlicher Hinsicht, die Intelligenz kommt dann vom Markt – als „invisible hand“.) Ähnlich dachte auch der nationalsozialistische und zuletzt sowjetische Lenkwaffenforscher Helmut Gröttrup, als er Anfang der Siebzigerjahre vor Hamburger Geschäftsleuten ausführte, dass die unternehmerische Freiheit ein bloßer Irrtum sei, der auf Informationsmangel beruhe. (Er erfand später bei Siemens den „Geldautomaten“.)

Was ist dagegen aber die arbeiterliche Freiheit? Die kam auf der Konferenz der Kombinatsdirektoren natürlich, möchte man fast sagen, nur am Rande zur Sprache. Bis dahin, dass Worte wie „Gleichmacherei“, „Stechuhr“, „Entlassungsrecht“ und schlimmere fielen (zur Verbesserung der „Arbeitsintensität“).

Nicht wenige der ehemaligen Kombinatschefs hatten nach Auflösung des Sozialismus, die das Ende ihrer Karriere bedeutete, eine Weiterbeschäftigung als Konzernmanager oder Unternehmensberater gefunden. Aber auch vor 1989 dachte der eine oder andere schon durchaus kapitalistisch: So hatte damals z.B. der Direktor Günter Ubl vom VEB Fischkombinat Rostock seinem Minister „zwei Varianten“ vorgeschlagen, wie er erzählte, damit nicht länger ein Stück Fisch zum Preis von 1 Mark mit 1 Mark 70 subventioniert werden mußte: 1. Investititionen in Schiffe, Gebäude, Maschinen in Höhe von 3,6 Milliarden Mark – „unmöglich zu bewilligen“. 2. Ähnlich wie zuvor die BRD: die Fischereiflotte versenken und Fisch importieren – das hätte jedoch die DDR „politisch erpreßbar“ gemacht. Wie, das bewies nicht nur die COCOM-Liste für Embargogüter, die alle illegal eingekaufte West-Hochtechnik für die DDR enorm verteuerte – so kostete z.B. eine Osram-Produktionsstrecke für Energiesparlampen 6 Mio DM, heimlich via Schalck-Golodkowskis „KoKo“ beschafft mußte Narva dann jedoch 21 Mio DM dafür 1991 zahlen. (1) Einen nicht einmal illegalen Fisch-Import erwähnt der ehemalige Direktor des Rostocker Aquariums Karl-Heinz Tschiesche in seinen Erinnerungen: Für einen Korallenfisch, der im Westen achtzehn DM kostete, mußte er dem dortigen Händler über hundert DM zahlen, weswegen die DDR-Seeoffiziere und ihre Frauen ihn schließlich auf „großer Fahrt“ umsonst mit exotischen Lebendfischen versorgten, nachdem der Autor ihre Schiffe mit Aquarien ausgerüstet hatte. (2)

„Es ist nicht richtig, wenn Rendite und Profite sowohl die Zielstellung als auch den betrieblichen Alltag bestimmen,“ meinte der Generaldirektor des Schwermaschinenkombinats Sket Magedeburg Eckhard Netzmann. Andererseits wurde die kulturelle und soziale Rundumversorgung der Werktätigen in den Kombinaten – „von der Wiege bis zur Bahre“ – als durchaus produktivitätshemmend begriffen, u.a. von Prof. Dr. Karl Döring, Generaldirektor des VEB Bandstahlkombinats „Herrmann Matern“, der den dadurch verursachten Anteil am „Rückstand“ (gegenüber BRD-Konzernen) mit 25% veranschlagte.

Desungeachtet produzierte die DDR-Schuhindustrie subventioniert – ständig weiter in die Tiefe – und Breite, während die BRD-Schuhindustrie kurzerhand „in den Orient abhaute,“ wie Joachim Lezoch, der Generaldirektor des VEB Kombinat Schuhe Weißenfels es ausdrückte. Ein anderer Generaldirektor begriff dieses „Weitermachen“ (H.Marcuse auf seinem Grabstein) jedoch durchaus positiv als: „Mit eigenen Mitteln möglichst viel Potential erschließen“. In Weißenfels ist heute nebenbeibemerkt, bis auf das mit Kamelhaarpinseln renovierte Schloß und das Denkmal für den Erfinder der Gehörlosensprache, so ziemlich alles in den Okzident abgewandert.

In der ostdeutschen Betriebsräteinitiative diskutierten wir bis 1993 u.a. die Hypothese: „Die DDR ist nicht an zu viel Unfreiheit (Demokratiemangel) untergegangen, sondern an zu viel Freiheit – im Produktionsbereich nämlich.“ „Ja,“ meinte dazu beispielsweise der Betriebsratsvorsitzende von Opel Eisenach, der zuvor im VEB Automobilwerk Eisenach arbeitete: „In meiner Brigade waren wir zu zehnt, obwohl nur für drei Arbeit da war.“ Jetzt, bei Opel, sei eher das Gegenteil der Fall, dass die „Teams“ es bei bestimmten Produktionsanforderungen im vorgegebenen Zeitraum nicht mehr schaffen. (3) Ich selber machte in der LPG „Florian Geyer, Saarmund“ eine ähnliche Erfahrung: dass wir die Arbeit unserer 11köpfigen Brigade in der Vormast auch mit sechs Leuten geschafft hätten. Dafür war jedoch das Brigadeleben äußerst kommunikativ. Was man von einem Arbeiter- und Bauernstaat aber auch billigerweise erwarten durfte – zumal in seinem letzten Aufbegehren, der auch vom „Mitentscheiden der Produzenten“ (F. Engels) geprägt war. – Was der ehemalige Staatssekretär im Ministerium Erzbergbau, Metallurgie und Kali, Dr. Klaus Blessing, der auf der Konferenz der Kombinatsleiter mitdiskutierte, jedoch schlicht als einen „Unsinn“ abtat, die frischgewählten Betriebsräte in der Wende dagegen für „äußerst sinnvoll“ hielten, worin sie u.a. von den Schriftstellern Stefan Heym und Heiner Müller bestärkt wurden.

In Summa: Bei manchen Rückblicken der DDR-Generaldirektoren tat sich eine Klassenspaltung auf. Abgesehen davon gilt inzwischen aber bloß noch: „Während Lebensgeschichten von West-Unternehmern eine große Leserschaft finden, sind die ostdeutschen Wirtschaftslenker vergessen.“ Das will Katrin Rohnstock, Inhaberin des Berliner Biografie-Unternehmens „Rohnstock-Biografien“, ändern. Sie sammelt auch nach ihrer Konferenz Erinnerungen und Gedanken von Kombinatsleitern für ein weiteres Buch.

Ein erster Band wurde bereits veröffentlicht und auf der Konferenz vorgestellt: „Jetzt reden wir“ betitelt. (4) Er entstand aus einem allmonatlichen Gesprächskreis heraus. Die letzte Wirtschaftsminsterin der DDR Christa Luft steuerte ein Vorwort bei. Der ehemalige Staatssekretär im Ministerium für Erzbergbau, Metallurgie und Kali, Klaus Blessing einen Epilog. Darüberhinaus finden sich in dem Buch der Kombinatsleiter auch noch zwei flankierende Beiträge – vom Kulturwissenschaftler Dietrich Mühlberg, und dem Wirtschaftshistoriker Jörg Roesler.

Klaus Blessing, der 52 Industriekombinate „politisch zu betreuen“ hatte, bedankte sich in seinem Epilog erst einmal bei der Herausgeberin des Buches, Katrin Rohnstock und ihrem Team, dafür dass sie es unternahmen, „in der Auseinandersetzung über die Wirtschaftssysteme des Kapitalismus und Sozialismus endlich den Personen eine Stimme zu geben, die die Wirtschaft der DDR selbst nicht nur erlebt, sondern praktisch gestaltet haben.“ So etwas sagt man im Westen auch über die Konzernchefs, dass sie „Gestalter“ sind. Klaus Blessing spricht in diesem Zusammenhang von einem „Wettlauf zwischen ‚Hase und Igel'“.

„Eines meiner Hauptziele war, unser Kombinat auf Weltniveau zu bringen,“ so sagte es der Generaldirektor des VEB GISAG, Kombinat für Gießereiausrüstungen und Gusserzeugnisse Leipzig, Lothar Poppe, wobei er „wußte, dass Leitung und Leistung in einem Unternehmen untrennbar verbunden sind“. Der Politökonom am Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, Harry Nick, betonte jedoch: „Die Leiter volkseigener Betriebe waren keine Unternehmer“. Wären sie gerne welche gewesen? Der Stellvertreter des Leiters der Staatlichen Plankommission, Peter Grabley, möchte wenigstens in Zukunft „Plan- und Marktwirtschaft in eine Synthese bringen“, wie er schreibt. Anders sieht Dietrich Mühlberg die zukünftige wirtschaftliche Perspektive: „Die Selbstregulierung der Produzenten wird die Profitwirtschaft durch Gemeinwirtschaft ersetzen.“

Bei aller Schmäh, die die Wirtschaftslenker im Osten nach Auflösung der DDR als „Verlierer“ einstecken mußten, wobei sie wegen ihrer Nähe zum Staat sogar noch für das „Verbrecherregime“ mitverantwortlich gemacht wurden, blieb es nicht aus, dass sie demgegenüber erst einmal ihre positiven Leistungen herausstrichen, wobei sie natürlich die ihrer Kombinatsmitarbeiter, einige hatten über 40.000 unter sich, nicht vergaßen, vor allem nicht „die Elite ihrer technischen Intelligenz“.

Hier soll es um das in dem Buch auftauchende Problem gehen, dass einerseits „die Betreuung der Arbeiter von entscheidender Bedeutung“ war, wie der Generaldirektor des Gaskombinat, Herbert Richter, schreibt. – Mit dem Ziel, eine „lebenswerte Gemeinschaft“ mit „hohem sozialen Standard“ für alle zu schaffen, wie der Generaldirektor des Eisenhüttenkombinats Ost, Karl Döring, betont. Die Werktätigen der DDR waren jedoch mit der Zeit immer schwerer zu motivieren und setzten der Privatisierung ihrer Betriebe zuletzt wenig Widerstand entgegen. „Mir doch egal, ob ich für die Kommunisten oder für den Gutsherrn arbeite,“ so sagte es z.B. eine ältere Kälberpflegerin in der LPG „Florian Geyer“, als 1990 ein angeblicher Alteigentümer auftauchte.

Jörg Roesler fragte dann auch „nach dem Verhältnis der Belegschaften zum Betrieb“ und „ob das Volkseigentum von den Produzenten auch als das ihre betrachtet wurde oder aber die ursprünglich von Karl Marx bei der Analyse der Lohnformen für den Kapitalismus konstatierte Entfremdung des Produzenten von seinen Produktionsmitteln auch nach der Überführung der ostdeutschen Produktionsstätten in Staatseigentum erhalten blieb…“

Harry Nick sprach in seinem Beitrag ebenfalls von „Entfremdung“, damit meinte der jedoch ein „fortschreitende“ zwischen den „Eigentümern und Managern“ im Westen und „den in ihren Betrieben hergestellten Erzeugnissen“. D.h. den meisten Westmanagern ist es mittlerweile völlig egal, was für einen Betrieb sie mit ihrem Gestaltungswillen beglücken. Im übrigen erinnerte Harry Nick daran, dass „im Zuge der Wende“ alle Betriebsleiter im Osten „abgesetzt, gar vertrieben“ wurden. Dass sich die Belegschaften dagegen nicht wehrten, ist für ihn „ein Teil der Frage, warum sie die Enteignung, die Privatisierung der volkseigenen Betriebe hingenommen haben.“

Mehrere Kombinatsdirektoren thematisierten die zu wenig ausgeprägte „volkswirtschaftliche Arbeitsteilung“ (in horizontaler und vertikaler Hinsicht). Die Arbeitsteilung in den Betrieben selbst – zwischen geistiger und körperlicher Arbeit , d.h. zwischen Hand- und Kopfarbeitern – war ihnen dagegen kein ausdrückliches Problem. Im Gegenteil: „Es gelang uns,…ein konstruktives und respektvolles Miteinander zu organisieren,“ meinte z.B. der stellvertretende Generaldirektor des Kombinat Kraftwerksanlagenbau, Eckhard Netzmann. Auch Herbert Richter sprach von einem „guten Betriebsklima“ im VEB „Schwarze Pumpe“. Und Lothar Poppe davon, dass ihm „die materielle und moralische Stimulierung“ seiner Belegschaft gelang. Der Meinung scheint auch Christa Luft zu sein, wenn sie in ihrem Vorwort davon ausgeht, dass die Kombinatsdirektoren „Akteure in einer Gesellschaft [waren], in der der Mensch nicht auf eine Humanressource reduziert war, die sich rechnen muß. Sie wirkten in einem System, in dem die Wirtschaft zuvorderst eine soziale Funktion und nicht die Aufgabe privater Profitmaximierung hatte.“

Der Direktor des Weiterbildungsinstituts für Außenwirtschaft, Franz Rudolph, gab jedoch zu bedenken, dass die Kombinatsbildung nur „bei einer begrenzten Zahl“ produktiv war, ansonsten wurde „die Entwicklung der Produktivkräfte meines Erachtens durch den an militärische Organisationsformen erinnernden Schematismus behindert.“ Eckhard Netzmann sah die Behinderung woanders: „Der aus der Kombinatsbildung erwachsene Monopolismus behinderte die Produktivität. Denn: Wo der Wettbewerb fehlt, wachsen dicke Ärsche. Wir waren zum Teil hilflos im Kampf um eine ausreichende Arbeitsproduktivität.“ Franz Rudolph zitierte den stellvertretenden Abteilungsleiter im ZK der SED, Claus Krömke: Anlaß der Kombinatsbildung in der DDR seien „die Entwicklungen der kapitalistischen Industrie“ gewesen. „Deren Organisation war geprägt von großen Konzernen und von sich in immer größer werdenden Dimensionen permanent vollziehenden Konzentrationsprozessen.“ Friedrich Engels hatte diese Prozesse ebenfalls schon – im Hinblick auf den Sozialismus – wahrgenommen. 1883 schrieb er in einem Brief an Eduard Bernstein: „Daß aber damit auch die Produktivkräfte eine Ausdehnung bekommen, bei der sie der Leitung der Bourgeoisie mit gesteigerter Geschwindigkeit entwachsen, liegt auf der Hand.“ (5) Ähnlich äußerte sich 1931 der bürgerliche Kölner Ökonomen Ernst Schmalenbach in einer Denkschrift zur Konzentration und Rationalisierung in der Stahlindustrie: Das geplante Riesenwerk „Stahlverein“ könne sich nur in einer Planwirtschaft zum Segen der Gesellschaft auswirken, meinte er, weil der reibungslose Absatz mit einer kontinuierlichen Produktion in der Marktwirtschaft nicht zu harmonisieren sei. (6)

Der Professor für Elektrotechnik an der Akademie der Wissenschaften, Norbert Langhoff, begriff die mangelnde „Konkurrenzfähigkeit [der Kombinate] auf den westlichen Märkten“ als durch das „konsequent durchgesetzte Außenhandelsmonopol“ verursacht: „Die politisch zugelassenen Ausnahmen (wie z.B. Schalck.-Golodkowski) haben gezeigt, wie es hätte besser laufen können.“

In seiner gründlichen Studie über den „Bereich Kommerzielle Koordinierung – Das DDR-Wirtschaftsimperium des Alexander Schalck-Golodkowski“ kommt der Wirtschaftshistoriker Matthias Judt demgegenüber zu dem (wirtschaftlichen) Ergebnis, dass die Ausnahme „KoKo“ (eine Art „virtuelle Freihandelszone“) der DDR „letzten Endes eher Schaden zugefügt hat“. (7)

In dem Buch „Jetzt sprechen wir“ gibt der Generaldirektor des Außenhandelsbetrieb Industrieanlagen-Import, Herbert Roloff zu bedenken, dass das Außenhandelsmonopol praktisch aber doch nicht so „festgefügt“ gewesen war, wie es schien, denn er war u.a. an einem größeren Kooperationsprojekt mit dem VW-Konzern beteiligt, bei dem es um die Herstellung von VW-Motoren in der DDR ging, wobei es am Ende zwar zu einer „Investitionsüberschreitung“ in Höhe von 2,1 Milliarden Mark gekommen sei, das dafür jedoch einen „außerordentlichen Schub an Technologie in der Volkswirtschaft der DDR“ bewirkte.

Ob das bei anderen „Gestattungsproduktionen“ auch der Fall war, darf allerdings bezweifelt werden. So, wenn z.B. das Kombinat Schuhe Weißenfels und das Petrolchemische Kombinat Schwedt Produktionsanlagen von Salamander kauften, um für den Kornwestheimer Konzern Schuhe nach Art eines Billiglohnlandes herzustellen. Daneben wurden diese Produkte jedoch auch über die inländischen Delikat- und Exquisitläden abgesetzt, was „dem Abschöpfen von Guthaben der Bevölkerung diente,“ wie Matthias Judt ergänzt. (8) Nach einem Besuch Erich Honeckers in der BRD wurden solche Gestattungsproduktionen ab 1987 noch erheblich ausgedehnt, so dass schließlich die DDR als „verlängerte Werkbank“ für über 100 Produkte von Westfirmen fungierte – unter anderem von BAT, Beiersdorf, Bosch, Ikea, Nestlé, Osram, Schiesser, Triumph, Trumpf, Underberg, Varta und Quelle. Neuerdings hebt man in antikommunistischen Westkreisen vor allem die „Zwangsarbeit“ für BRD-Konzerne, die in DDR-Knästen stattfand, hervor.

Wo nicht an importierten Westmaschinen Produkte im Auftrag und namens dieser Westkonzerne hergestellt wurden, hatten die DDR-Industriewaren das kapitalistische Manko, dass sie keinen „geplanten Verschleiß“ beinhalteten. Dazu erwähnte Lothar Poppe ein Gespräch mit Vertretern der Friedrich Krupp AG aus Essen, die ihm sagten: „Ihre Ausrüstungen sind alle sehr gut. Sie haben nur einen Nachteil: Sie halten zu lange!“ In der Marktwirtschaft gilt laut Poppe: „Was lange hält, bringt kein Geld…Die Waren sollen eine kurze Lebensdauer haben.“ Dies bestätigten auch einige Osram-Ingenieure ihren Kollegen von Narva auf der Hannover Messe, als diese dort eine neue „Langlebensdauerglühlampe“ präsentierten, die 2500 Stunden statt 1000 hielt: „Ihr wollt euch wohl alle arbeitslos machen…“ meinten sie abfällig. „Im Gegenteil!“ erwiderten die Narvaleute, wobei sie die „Ressourcenknappheit“ und „-schonung“, also die heute weltweit strapazierte „Nachhaltigkeit“, anführten. (9)

Die Ingenieure bei Narva und in anderen Kombinaten erwähnten jedoch auch, dass andererseits die „Ressourcenknappheit“ in den Werken selbst immer wieder durch Diebstahl, Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit seitens der Beschäftigten forciert werde. Früher sprach man von „Sabotage“. Der russische Sozialforscher Alexander Nikulin, der diese „Phänomene“ in den Kolchosen erforschte, vermeidet dabei inzwischen sogar das Wort „Diebstahl“ und spricht stattdessen wertneutral von „nichtformellen Einkünften“. (10)

Diese Form von „Entfremdung“ (zwischen „oben“ und „unten“ – Individuum und Gesellschaft) thematisierte auch der Generaldirektor des VEB Qualitäts- und Edelstahl-Kombinat Brandenburg Hans-Joachim Lauck, dem es besonders daran gelegen war, „den Rahmen für die Arbeits- und Lebensbedingungen im Werk… neu auszugestalten.“ Konkret ließ er z.B. Duschen für „seine“ Stahlwerker in den Umkleideräumen einbauen. Bereits am nächsten Tag fehlte die Hälfte der Duschköpfe. Lauck fand dafür auf einer Belegschaftsversammlung „harte, eindeutige Worte“. Sodann wurde „Mithilfe einer Vielzahl von Maßnahmen“ – Kontrollen, Öffnungszeiten für die Umkleideräume und „Einbeziehung aller gesellschaftlichen Kräfte (Parteileitungen, Gewerkschaft FDJ zur Vorbildwirkung)“ sowie „der Frauen zur Besichtigung der Umkleideräume ihrer Männer“ Abhilfe geschaffen.

Daran läßt sich vielleicht schon phänomenologisch „die Wahrheit ablesen, dass man das kapitalistische Eigentum abschaffen kann und doch den Klassengegensatz noch nicht los ist,“ wie der Marxist Alfred Sohn-Rethel sagt, der dazu in seinem Buch „Geistige und körperliche Arbeit“ eine Auseinandersetzung der Bolschewistin Alexandra Kollontai und der Gruppe Arbeiteropposition (AO) mit der Mehrheit ihrer Partei erwähnt: „Wer sollte der Träger des kommunistischen Aufbaus und der Industrialisierung sein, fragte Alexandra Kollontai, die Arbeiter oder die Fabrikdirektionen? Durch die Fabrikverfügungen von 1918, in denen von Lenin und der Parteileitung den Direktoren Alleinautorität und unbedingte Disziplinargewalt verliehen worden war, seien die Fabrikdirektionen gegen die Arbeiter gestellt worden. Auf dieser Basis werde man keine Grundlage für den Sozialismus schaffen, sondern eine staatliche, bürokratische Klassengesellschaft errichten. Die Macht über die Produktion gehöre den Arbeitern, das sei die substantielle kommunistische Klassenbasis der Revolution, die einzige Organisationsweise der Produktion in Übereinstimmung mit den vor der Revolution und in ihrer ersten Zeit anerkannten Grundsätzen der Partei. Die späteren Beschlüsse seien eine verhängnisvolle Abweichung…“ Damals wurden diese Einwände von der Partei abgeschmettert – und standen fortan nicht mehr zur Diskussion. (11)

Alfred Sohn-Rethels Kritik an der Parteipolitik in bezug auf die Organisation der Produktion geht heute noch weiter: Mit der Münzprägung in Griechenland, etwa 600 v.Chr., d.h. mit der Durchsetzung des entwickelten Warenverkehrs kam es zu einer Trennung zwischen körperlicher und geistiger Arbeit. Die Produktion wird zunächst von Sklaven geleistet, dann von Leibeigenen und schließlich von Proletariern. Entwickelt, eingerichtet und „gestaltet“ wird sie von Kopfarbeitern. Die Vergesellschaftung findet seitdem nicht mehr über die gemeinsame Arbeit, sondern über den Warentausch statt: „Solange die Arbeit kollektiv geleistet wird und die Produktionsweise also eine gemeinschaftliche ist, ist die Arbeit in ihrer konkreten nützlichen Beschaffenheit unmittelbar die gesellschaftsbildende Tätigkeit. Sobald sie aber zur unabhängigen Privatarbeit wird, geleistet von vereinzelten Einzelnen, ist die Arbeit nicht mehr die gesellschaftsbildende Tätigkeit, weder in ihrer konkreten noch in einer gegenteiligen abstrakt-allgemeinen Form. Sondern gesellschaftsbildend oder gesellschaftlich-synthetisch ist jetzt eine andere, von der Arbeit verschiedene und von ihr nur in raumzeitlicher Abtrennung mögliche Tätigkeit, nämlich die Tätigkeit des Warentauschs.“ (12)

Übertragen auf die sozialistischen Staaten, die ja im Prinzip keine alternativen Produktionsweisen und -techniken entwickelten, sondern die kapitalistische Produktionsorganisation übernahmen, hieße das vielleicht, dass hier die Planungsbehörden die gesellschaftsbildenden Funktionen wahrzunehmen versuchten.

Der lange zurückliegende Beginn dieses Prozesses der Aufspaltung von geistiger und körperlicher Arbeit entfremdete den Arbeiter vom Produktionsprozeß – mit Sohn-Rethel gesagt: „Die Entfremdungen auf dem Boden der Warenproduktion haben ihre Grundursache darin, dass die Arbeit, entgegen ihrer ursprünglich gesellschaftsbildenden Natur, zur Einzelarbeit geworden ist und dadurch die gesellschaftsbildende Funktion an den Austausch ihrer Produkte als Waren verliert.“ (13)

Nach der sowjetischen „Arbeiteropposition“ wurde während der chinesischen Kulturrevolution und in Jugoslawien versucht, ein anderes Verhältnis von Basis und Überbau im Produktionsbereich zu etablieren. Dazu hat man das Privateigentum nicht verstaatlicht, sondern in „gesellschaftliches Eigentum“ umgewandelt – und dieses im Produktionsbereich verbunden mit einer „Arbeiterselbstverwaltung“ , was 1958 offiziell „Selbstverwaltung der Wirtschaft durch die Produzenten“ genannt wurde. „Der Staat gab keine konkreten Planvorgaben, und die einzelnen Unternehmen konnten unabhängig und nach Wettbewerbsregeln wirtschaften und Entscheidungen umsetzen, die vom Betriebskollektiv in einem basisdemokratischen Prozess getroffen wurden – theoretisch,“ heißt es dazu in der Schweizer Wochenzeitung (WOZ) 2012.

Seit Mitte der Achtzigerjahre wurde jedoch über diese betriebliche Form von „Selbstverwaltung“ nicht mehr diskutiert: „Man wollte den Kapitalismus,“ wie die Herausgeber des Buches „Mythos Partizan“ über die „(Dis)Kontinuitäten der jugoslawischen Linken“ es schlicht formulieren. (14)

Es gab und gibt jedoch einige Ausnahmen – z.B. die Medikamentenfabrik Jugoremedija im vojvodinischen Zrenjanin. Sie wurde 2001 privatisiert. Zwar hielten die Arbeiterinnen 58% der Anteile, aber die Konflikte mit dem Staat, der seine Anteile an einen von Interpol gesuchten Zigarettenschmuggler verkaufte, sind bis heute nicht beigelegt. 2003 streikten die Arbeiterinnen zum ersten Mal, 2005 besetzten sie die Fabrik und 2007 streikten sie erneut. Mit ihnen kämpfte die ganze Zeit und bis heute ihr Generaldirektor. Inzwischen gehören dem Staat wieder 42% der Anteile, er versucht ungeachtet dessen mit allen Mitteln, die Produktion dieses sich selbst verwaltenden Betriebs zu behindern, da es seiner neoliberalen Politik widerläuft und spricht. Die Belegschaft ließ und läßt sich jedoch nicht beirren und spalten. (15) „2010 begann ein Teil der Arbeiterinnen und Kleinaktionäre von Jugoremedija mit dem Bau eines weiteren Arzneimittelwerks, in dem Penizillin hergestellt werden soll; sie haben dafür privates Kapital und Tausende Arbeitsstunden investiert. Über Monate hinweg arbeiteten sie auch in ihrer Freizeit auf der Baustelle, sie betonierten das Fundament, errichteten das Mauerwerk und verlegten Leitungen,“ berichtete die WOZ.

Dass die gesellschaftsbildende Funktion an den Warentausch übergegangen ist, ändert daran allerdings nur wenig. Was aber hielt die DDR-Gesellschaft zusammen – war es überhaupt eine – nicht abstrakt zusammengehaltene? Dazu kursierte der Werktätigenspruch: „Die da oben tun so, als ob sie uns bezahlen, und wir tun so, als ob wir arbeitenDen einstigen DDR-Kombinatsdirektoren ging es laut ihren eigenen Aussagen nicht zuletzt um eine Gemeinschaftsbildung auf Betriebsebene. Solche Bestrebungen gab es auch von unten. In einigen Büchern, von Betriebsangehörigen geschrieben, habe ich das auch gefunden – z.B. in der o.e. Biographie des Rostocker Aquariumsdirektors, kürzlich las ich eine weitere von einem Tierpfleger – über seine einstige Arbeit im Tierpark Cottbus, wo er mal Bestarbeiter war (16). An einer Stelle heißt es darin: „Früher war man sich näher.“ Das galt selbst für den durch Mangel gekennzeichneten Bereich des Warentauschs.

P.S.: Im Tierpark Friedrichsfelde, wo sich 1989 der erste Betriebsrat in der DDR gegründet hatte, wurden nach der „Wiedervereinigung“ als erstes (schwäbische) Stechuhren installiert. Nebenbeibemerkt wurde in der DDR das erste Mal die Ausbildung von Tierpflegern, die bis dahin nur bessere Ausmister gewesen waren, wissenschaftlich organisiert. Die Ostberliner Tierpflegerschule wurde nach der Wende „übernommen“, jedoch in den Westen verlagert.

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Anmerkungen:

(1) Laut Auskunft des von der Treuhand eingesetzten Narva-Gschäftsführers Dr. Abshagen. Siehe dazu Helmut Höge: „Berliner Ökonomie“, Berlin 1997

(2) Karl-Heinz Tschiesche: „Seepferdchen, Kugelfisch und Krake“, Rostock 2005

(3) Der Betriebsratsvorsitzende von Opel Eisenach, Harald Lieske, wurde von mir 1996 für die Thüringer Allgemeine interviewt, dieser Text findet sich jetzt im Internet auf: http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2008/04/02/infantilisierung-der-arbeitenden-massen/

(4) Die Kombinatsdirektoren: „Jetzt reden wir. Was heute aus der DDR-Wirtschaft zu lernen ist“, Berlin 2013

(5) „Die Briefe von Friedrich Engels an Eduard Bernstein“, hrsg. von Eduard Bernstein, Berlin 1925

(6) Zitiert in Alfred Sohn-Rethel: „Geistige und körperliche Arbeit“, Frankfurt 1970. In der DDR wurden dann, um dem Bedarf nachzukommen, nicht selten die dafür zu wenigen Maschinen überbelastet. Die Diskontinuität verlagerte sich damit vom Absatzmarkt auf den Produktionsbereich.

(7) Matthias Judt: „Der Bereich Kommerzielle Koordinierung: Das DDR-Wirtschaftsimperium des Alexander Schalck-Golodkowski – Mythos und Realität“, Berlin 2013

(8) a.a.O.

(9) Zitiert in Peter Berz, Helmut Höge, Markus Krajewski: „Das Glühbirnenbuch“, Wien 2001, und zuletzt: „Kaufen für die Müllhalde – Das Prinzip der Geplanten Obsoleszenz“ von Jürgen Reuß und Cosima Dannoritzer, Freiburg 2013.

(10) Eine Zusammenfassung von Nikolai Nikulins Forschung findet sich im Internet auf: http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2009/11/09/russland_zeigen/

(11) Zitiert in Alfred Sohn-Rethel: „Geistige und körperliche Arbeit“, Frankfurt 1970

(12) Ebd.

(13) Alfred Sohn-Rethel: „Materialistische Erkenntniskritik und Vergesellschaftung der Arbeit“, Berlin 1971

(14) Dorde Tomic, Roland Zschächner, Mara Puskarevic und Allegra Schneider: „Mythos Partizan: (Dis-) Kontinuitatäen der jugoslawischen Linken: Geschichte, Erinnerungen und Perspektiven“, Münster 2013.

Drei der Herausgeber beantworten mir später einige Fragen, die sich mir nach der Lektüre stellten:

H.H.: Könnt ihr zunächst ein paar Worte über euch sagen?

Mara Puskarevic: Ich studiere ‚Global History‘ an der Berliner FU und der Humboldt-Universität und war in unserem Projekt u.a. für die Organisation – Seminarvorbereitung, Termine etc.. – zuständig. In unserem Buch habe ich versucht, zusammen mit dem Historiker Petar Atanackovic, die gegenwärtige ‚Bewegungslinke in Serbien‘ darzustellen und einzuschätzen.

Roland Zschächner: Ich bin in linken und antifaschistischen Initiativen aktiv und habe u.a. Ethnologie an der FU und in Belgrad studiert. Für das Buch habe ich mich mit dem ‚Zweiten Weltkrieg in Jugoslawien‘ befaßt.

Dorde Tomic: Ich bin wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Südosteuropäische Geschichte an der Humboldt-Universität und schreibe gerade eine Doktorarbeit zur Geschichte des postjugoslawischen Raumes. Zum Projekt gehöre ich nicht, wohl aber zu den Herausgebern des Buches. Dazu zählt auch noch als vierte die Designerin Allegra Schneider aus Bremen, von der die Fotos und das Layout für das Buch stammen. Von mir gibt es u.a. einen Beitrag über die ‚Geschichte der jugoslawischen Linken‘.

H.H.: Wie sind eure Recherchen und das schöne Buch darüber zustande gekommen?

M.P.: Wir waren acht Stipendiaten der Hans-Böckler-Stiftung des DGB, die sich dieses Projekt überlegt haben, wobei der Zugang zu dem Thema in unserer Gruppe total unterschiedlich war. Zur Vorbereitung haben wir mehrere Seminare organisiert, Referenten eingeladen usw. Und dann sind wir losgefahren. Wir besuchten verschiedene symbolisch und historisch bedeutende Orte und sprachen mit Menschen, die der Idee einer anderen Gesellschaft historisch verbunden waren und noch immer sind, die für diese kämpften und auch noch heute kämpfen.

D.T.: Herausgekommen ist dabei ein heterogenes Politisches Reisebuch als Kompendium, das mit dem wissenschaftlichen Teil auch an der Uni einsetzbar ist. Es schreibt sich im übrigen ein in die Diskussionen, die die Linke hier lange Zeit geführt hat.

R.Z.: Uns interessierte die Geschichte des jugoslawischen Widerstands und wie damit heute umgegangen wird. Im Projekt wollten wir das dokumentieren. Das Material geht aber über das Dokumentarische hinaus. Die Linke im 19.Jahrhundert – damit fängt es an. Der zweite Teil thematisiert den Zweiten Weltkrieg. Der dritte ‚Erinnerungskämpfe‘, d.h., wie man mit dem ‚Mythos Partizan‘ nach dem Krieg und bis heute umgeht – in Schulbüchern z.B. und beim Fußball, in dem sich viele politische und gesellschaftliche Konflikte spiegeln. Der vierte Teil handelt von der jugoslawischen Studentenbewegung 1968 und der Arbeiterselbstverwaltung – bis hin zu heutigen Fabrikbesetzungen, den Bewegungslinken in Serbien, Kroatien und Slowenien, der Queer-Bewegung und dem Alltag von Romnija und Roma. Seit 1991 wurde nicht mehr über die jugoslawische Linke diskutiert, seit Ende der Siebzigerjahre nicht mehr über die jugoslawische Selbstverwaltung geredet.

H.H.: Auf diese beiden Besonderheiten des Landes wolltet ihr also wieder aufmerksam machen…

D.T.: Das Buch beginnt mit einer allgemeinen Geschichte Jugoslawiens, die Holm Sundhaussen, Professor für Südosteuropäische Geschichte an der FU, schrieb. Insgesamt gibt es in unserer Darstellung eine Lücke: Es fehlt die Zeit von Mitte der Achtziger- bis Mitte der Neunzigerjahre. In den Achtzigerjahren hat sich keiner für die Selbstverwaltung eingesetzt – man wollte den Kapitalismus. Zwar ist es ein Buch über die jugoslawische Linke – im Zerfall des Staates gab es die aber nicht. Die alte Linke wurde nationalistisch. Die neue junge, die es heute gibt, in Ljubljana, Zagreb und Belgrad z.B., mußte sich erst zusammenfinden. Viele sind auch ins westliche Ausland gegangen – und haben dort z.T. als Intellektuelle Karriere gemacht.

M.P.: Bis zu den Kriegen gab es in Jugoslawien vom Westen aus einen Polittourismus, der dann abbrach. Und bis vor kurzem drehten sich alle Diskussionen um den dortigen Nationalismus. Den begreift man nun als Folge, nicht als Ursache – des Zerfalls. Bis heute fehlt aber so etwas wie eine politische Ökonomie dieses Zerfalls. Die sozialen Mißstände danach führten zu einer Abkehr vom Nationalismus. ‚Im Gegensatz zu den heutigen neoliberalen Regierungen haben die Kommunisten wenigstens ihre Versprechen gehalten,‘ sagt man. Auch die Anarchisten in Slowenien, Kroatien und Serbien ziehen alle das Frühere vor. Im Gegensatz zu den Ostblockstaaten gibt es einen positiven Bezug zum sozialistischen Jugoslawien, d.h. die Gruppen sind durchweg nicht antikommunistisch.

R.Z.: Sie sagen, ‚wir sind anti-militaristisch, anti-nationalistisch und antifaschistisch, aber nicht aus einer NGO-Position‘ heraus‘. Ihre Kritik kommt jedoch erst jetzt – nach zwanzig Jahren. Sie finden auch die alten Partisanen-Geschichten wieder interessant. ‚Was in den heutigen Schulbüchern steht – das kanns doch nicht gewesen sein,‘ sagen sie. All diese jungen Linken, von denen die Rede ist – das sind aber nur kleine Gruppen.

H.H.: Was zeichnete den sozialistischen Staat, außer dass er zu den blockfreien gehörte, sonst noch aus?

D.T.: Neben der Arbeiterselbstverwaltung, die nicht auf verstaatlichtem Privateigentum, sondern auf ‚vergesellschaftetem Eigentum‘ basierte, gab es die berühmte ‚Praxis-Gruppe‘ – mit ihrer alljährlichen Sommerschule auf der Insel Korcula, zu der u.a. Ernst Bloch, Herbert Marcuse und Georg Lukacs anreisten. Diese linken Philosophen, die einen ‚humanistischen Marxismus‘ vertraten und das intellektuelle Denken als Praxis begriffen, gerieten zwar mit der Partei in Konflikt, aber man darf nicht vergessen, dass der Staat diese ‚dionysische Stimmung an der Adria‘ in Korcula gleichzeitig auch finanzierte, daneben viele kritische Übersetzungen und z.B. die Trotzki-Biographie. Der Praxis-Philosoph Mihailo Markovic kam aus der Partisanenbewegung, er hat sich später leider zum Nationalisten gewandelt.

M.P.: Berühmt war auch das Belgrader ‚Museum 25.Mai‘, was sich auf den Geburtstag von Tito bezog. Er ist dort auf dem Gelände auch begraben. Nach dem Zerfall Jugoslawiens war das Museum fast zehn Jahre geschlossen. Dann wurde es von Studenten und Linksliberalen quasi wieder in Betrieb genommen. Es ist ganz anders als z.B. das ‚Haus des Terrors‘ in Budapest oder andere Museen des Kommunismus. Die Kuratoren und Historiker, die in dem Belgrader Museum arbeiten, widersetzen sich bewusst einer antikommunistischen Darstellungsweise. Und dann sei noch die Medikamentenfabrik Jugoremedija im vojvodinischen Zrenjanin erwähnt, die auch sehr bekannt war und ist. Sie wurde 2001 privatisiert. Zwar hielten die Arbeiterinnen 58% der Anteile, aber die Konflikte mit dem Staat, der seine Anteile an einen von Interpol gesuchten Zigarettenschmuggler verkaufte, sind bis heute nicht beigelegt. 2003 streikten die Arbeiterinnen zum ersten Mal, 2005 besetzten sie die Fabrik und 2007 streikten sie erneut. Inzwischen gehören dem Staat wieder 42% der Anteile, er versucht ungeachtet dessen mit allen Mitteln, die Produktion dieses sich selbst verwaltenden Betriebs zu behindern. Die Arbeiterinnen von Jugoremedija werden von der Belgrader Gruppe ‚Pokret za slobodu‘ (Freedom-Fight) unterstützt. Unsere Projektgruppe hat in dem Betrieb Interviews mit ihnen geführt. Er befindet sich in einer Industrieregion, dennoch liegt dort die Arbeitslosenquote heute bei rund 45%.

R.Z.: Seit dem Zerfall geht es für die Mehrheit der Bevölkerung um das nackte Überleben, während einige wenige in Saus und Braus leben. Sie streben ‚das neue Europa‘ an – ohne Gewerkschaften, aber mit viel Konsum. Den Linken geht es schon seit den Achtzigerjahren darum, ihr Denken mit der Praxis zu verbinden – mit sozialem Engagement. Das bezieht sich inhaltlich auf die Antikriegs- und die Menschenrechtsbewegung, auf Feminismus, Ökologie, Homosexualität usw.. Viele der jungen Aktivisten fanden dabei, schon in den Neunzigerjahren, zurück zur marxistischen Kritik. Das finden wir bemerkenswert.

(15) ebd.

(16) Mathias Scholz: „Sundali – Episoden und Geschichten aus dem Tierpark“, epubli.de 2014. Zu den Bestarbeitern sei noch gesagt: Das diesjährige Literaturfestival der „Dichter vom Kollwitzplatz: ‚Rummelsburg 2′“ ging Ende Mai mit einer „Aus-“ und „Nachlese“ zu Ende, die von den Veranstaltern mit dem Satz „Die Straße der Besten ist mit den Köpfen der Sieger gepflastert“ betitelt wurde. Gemeint waren mit dieser Straße einst die Schaukästen oder Wandtafeln in den volkseigenen Betrieben, in und auf denen die Porträts besonders verdienter Arbeiter hingen.

Gleichzeitig wurde im „Industriesalon Schöneweide“ eine Ausstellung über „Unsere Besten“ eröffnet. Sie wurde von Susanne Schleyer und Michael Stephan zusammengestellt. Dazu werteten die beiden Künstler die Betriebszeitung „Der Sender“ des Werks für Fernsehelektronik (WF) in Oberschöneweide aus – ein „Frauenbetrieb“, in dem die „Bestarbeiter“ und „Aktivisten der sozialistischen Arbeit“, später auch die „Kollektive der sozialistischen Arbeit“ gewürdigt wurden. Anhand dessen versuchten die Künstler die Frauen zu kontaktieren – und zu porträtieren. Nun hängen in der Ausstellung kleine Photos von 28 Frauen aus den Jahren 1966 bis 1989 und lebensgroße von ihnen heute. Darunter steht z.B.: „Ursula E. (77) Banner der Arbeit 1979“ oder „Angelika S. (67) Beste des Monats 1989“ oder „Sonja Z. (73) Beste im Werkteil 1986“.

Eine „Heldin der Arbeit“ ist nicht dabei – zu dieser Auszeichnung bekam man eine Prämie von 10.000 Mark, als „Aktivistin“ nur einige hundert. Die Literaturredakteurin Sabine Vogel und ich haben auch einmal eine Prämie bekommen – im Januar 1990 als Mitarbeiter der „Besten Brigade“ der LPG Tierproduktion „Florian Geyer“ in Saarmund. Aber damals gab es nur einen Geschenkkorb und Geld für einige Flaschen Alkoholika – immerhin. Einige neidische Brigaden behaupteten hinterher, diese Auszeichnung der Rindervormast-Brigade sei nur wegen uns – „den Wessis“ – erfolgt – und gelte deswegen quasi nicht.

Wahr ist, dass mit Einführung der „Brigadebewegung“ ab 1960 ein regelrechter „Titelkampf“ losging, weil die alljährlich neu im „sozialistischen Wettbewerb“ ausgezeichneten Brigaden von der Betriebsleitung gefördert wurden. Wir bekamen dann auch neue Forken, Gummistiefel und Arbeitsanzüge.

Das damalige Motto lautete: „Sozialistisch Arbeiten, Lernen und Leben“ – und die Auszeichnungen bezogen sich auch auf kulturelle und soziale Aktivitäten des Kollektivs. Unsere Brigade ging z.B. einmal im Monat ins Potsdamer Theater, d.h. der Linienbus fuhr uns nach Feierabend hin und brachte uns anschließend auch wieder zurück, dafür bekam der Fahrer eine Flasche Kiwi (Kirschwhisky). Solche Aktivitäten fanden ihren Niederschlag im „Brigadetagebuch“ – zusammen mit Photos, Eintrittskarten usw., das im Schrank des „Frauenruheraums“ lag.

Im Werk für Fernsehelektronik hing im Foyer ein großes Wandbild „Die Frau in der sozialistischen Produktion“ von Bruno Bernitz aus dem Jahr 1964. Es verschwand nach der Wende – wie so manches andere, nachdem Samsung das WF 1993 für 1 DM gekauft hatte, das es – unter Beibehaltung des „sozialistischen Wettbewerbs“ (der statt „sozialistisch“ nun „koreanisch“ hieß) – 2006 stillegte. In der Ausstellung „Unsere Besten“ hängt nur noch ein Photo vom Wandbild sowie sieben großformatige Skizzen von Aktivistinnen. 1950 und dann noch einmal 1960 hatte man versucht, Produktivität und Produkt-Qualität über die „Brigadebewegung“ und den sogenannten „Engagierten“ zu steigern. Nach einer Kontrollkommissionsvisite wurden an den Arbeitsplätzen Tafeln mit der Anzeige „Ich bin Selbstkontrolleur“ angebracht. Umgekehrt schlossen etliche „Engagierten-Brigaden“ bzw. die von ihnen gewählten Brigadiere eigene Verträge mit der Werksleitung ab, in denen die Norm-Vorgaben von oben für einen bestimmten Zeitraum festgeschrieben wurden, und nur „auf der Grundlage der freiwilligen Erhöhung durch die Brigade“, also von unten, verändert werden durften – und zwar durch die „Entwicklung neuer Arbeitsmethoden“, die den Zeitaufwand verringerten. Die „daraus sich ergebenden überflüssigen Arbeitskräfte“ sollten der Werksleitung „zum anderweitigen Einsatz“ überstellt werden. Mit diesen Selbstverpflichtungs-Verträgen wurden die Rechte der Meister und Abteilungsleiter empfindlich beschnitten. Auf der anderen Seite wurde die Werksleitung damit verpflichtet, „für das erforderliche Material“ zu sorgen. Dieses Mitbestimmungsmodell weitete sich ab 1951 derart aus, daß man daran dachte, die einzelnen Brigadiere zu sogenannten „Komplexbrigaden“ zusammenzufassen, die wiederum einen Brigadier wählten. Im Endeffekt lief dies alles auf eine Doppelherrschaft in den Betrieben hinaus, wobei gewerkschaftlicherseits auch immer mit einer Erhöhung der Arbeitsproduktivität infolge größerer Rechte der Arbeiter argumentiert wurde: Die Brigademitglieder „gingen mit einem ganz neuen Elan an die Aufgaben“ heran, was die Leistung der gesamten Brigade verbesserte, wobei die „besten Arbeiter“ auch noch die anderen zur „Qualitätsarbeit“ anspornten. Im Elektromotorenwerk Wernigerode wurden gar Brigade-Leistungsübersichten ausgehängt und Minuspunkte für Arbeitsfehler verteilt, die sich jedoch von „Monat zu Monat“ verringerten. Noch bis zum Ende der DDR wehrten sich einzelne Brigaden gegen Lohnabzüge bei verminderten Leistungen aufgrund von Versorgungsmängeln, für die sie nichts konnten: sei es, weil die stetige Materialzufuhr nicht klappte, das gelieferte Rohmaterial schlecht oder ihre Maschinen und Werkzeuge verschlissen waren.

Im WF standen Maschinen – ebenso wie bei Narva – von Toshiba, die in Japan einschichtig liefen, hier jedoch dreischichtig, was oft zu Störungen führte. Laut dem Brigadeforscher Jörg Roesler wurden die erkämpften „Selbstgestaltungsfreiräume“ nach und nach derart reduziert, „daß im Prinzip das alte Verhältnis Meister-Kolonnenführer wiederhergestellt wurde“, wenn auch die Brigade dem Namen nach erhalten blieb. Die zweite „Brigadebewegung“ dann sollte zwar wie „von unten“ aussehen, wurde jedoch 1960 zunächst von oben, durch den FDGB, initiiert – und bekämpfte zum Beispiel über die Selbstorganisation „Arbeitsbummelei“ und „Trinkerei“, beförderte aber auch – über „Brigadenachmittage“ etwa – das soziale Miteinander. „Den Brigaden größere Rechte“ hieß dann ein wichtiger Artikel in der „Tribüne“. Das war erneut zu viel: Walter Ulbricht bremste die Bewegung aus: Das sei „Syndikalismus“ und rieche nach „jugoslawischer Selbstverwaltung“, die DDR brauche jedoch „keine neuen Strukturveränderungen“.

Die Brigadebewegung verkam danach zu medial inszenierten Wettbewerbs-Hebeln à la „Jeder liefert jedem Qualität“ – eine Parole, für die man die Arbeiterin im Frauenbetrieb „Narva“ Erika Steinführer symbolisch als „Heldin der Arbeit“ ehrte – und anschließend „durch die Medienmühle drehte,“ wie sie 1992 meinte. Zuletzt leitete der Maler Walter Womaka mit ihrem Porträt noch den „Sozpop“ in der DDR ein.

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Dieses Bild hat den Titel „Der letzte Arbeitstag“, gemeint war damit in der DDR, dass die- oder derjenige danach in Rente geht. Heute hat der Titel eine etwas andere Bedeutung: Ständig hör ich von Freunden und Bekannten: Gestern, Morgen oder Nächsten Freitag „ist mein letzter Arbeitstag“ – weil der Betrieb pleite ging, Teile seiner Produktion ins Ausland verlegte, von einem größeren Betrieb übernommen wird und rationalisiert (wie bei „Brigitte“ und „Geo“ derzeit), weil die- oder derjenige nur einen befristeten Arbeitsvertrag hatte, in Urlaub fährt, Elternurlaub nimmt, ein Kind kriegt, einen neuen Job annimmt usw…

In der „edition berolina“ hat Katrin Rohnstock gerade ein weiteres Buch mit „ostdeutschen Lebensläufen“ veröffentlicht. Es heißt „Mein letzter Arbeitstag. Abgewickelt nach 1989/90“ – und wurde kürzlich in der Volksbühne vorgestellt.

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DDR-Landwirtschaft heute

Ich muß vorab gestehen, das ich quasi ihr Verräter bin. Noch lange Jahre nach der Wende habe ich die Fahne der LPG hoch gehalten, die sich den westdeutschen Gesetzen anpassen – „umwandeln“ – mußten, wobei ihnen alle möglichen Schwierigkeiten gemacht wurden. Viele gaben auf, etliche gerieten in den Besitz von westdeutschen Investoren. Die, die überlebten, haben sich jedoch inzwischen konsolidiert, wobei in der Regel zunächst nur ein Zehntel ihrer Mitarbeiter übrig blieb.

Vor ein paar Jahren traten jedoch auch noch ganz andere Kritiker industrieller Großlandwirtschaften im Osten auf. Sie setzten sich für „kleinbäuerliche Familienbetriebe“ ein, demonstrierten vor geplanten Schweinemastanlagen mit bis zu 100.000 Tieren, protestierten gegen die riesigen Monokulturen (z.B. von Mais), und zerstörten Felder, auf denen genveränderte Pflanzen angebaut wurden. Diese Umwelt-, Tier- und Naturschützer schlossen sich dann im Bündnis „Wir haben es satt“ zusammen, das alljährlich während der Grünen Woche in Berlin zu einer Kundgebung aufrief, an der sich Einzelbauern aus ganz Deutschand mit ihren Traktoren beteiligten.

Ich beteiligte mich an diesen Aktivitäten – und geriet damit in Gegensatz zu den Protagonisten der industriellen Großlandwirtschaft. In den Siebziger- und Achtzigerjahren hatte ich eine zeitlang in bäuerlichen Familienbetrieben als „landwirtschaftlicher Betriebshelfer“ (früher sagte man „Knecht“) gearbeitet, davor und danach auch noch in kleinen Landkommunen. Die Einzelbauern waren aufgrund der EU-Agrarpolitik („Wachsen oder weichen“) gezwungen, sich ständig zu vergrößern, zu modernisieren, so dass sie irgendwann an den Rand ihrer Arbeitskapazität kamen, die meist nur noch aus einem Ehepaar und einer Oma bestand (die Kinder waren in der Regel ausgeflogen), so dass ich stets ein willkommener Helfer war. Dabei stellte ich fest, dass die Frauen meist unglücklich waren, oft weinten, und die Männer nicht selten zu viel tranken oder sich sonstwie allzu selbstherrlich schlecht benahmen. Anders gesagt: Obwohl ich die Arbeit auf ihren Höfen gern tat und viel lernte, war das „Soziale“ dort mehr oder weniger eine Katastrophe. Dies wurde und wird von den Befürwortern einer Rückkehr zu kleinbäuerlichen Familienbetrieben jedoch nie thematisiert.

Familie – das ist wie eine gute noch intakte Maschine, die von der Welt abgenutzt wird, schade sie aufzugeben, aber sinnlos sie neu aufzuziehen. Es gelingt nicht, Mann und Frau müssen jeden Tag das Defizit decken,” meinte der sowjetische Schriftsteller Viktor Schklowski 1925, also einige Jahre vor der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion.

Und in der Tat war dann auch noch in den LPG der DDR das kollektiv organisierte „soziale Klima“ in den Brigaden sehr viel erträglicher als auf den Bauernhöfen zuvor. Zudem hatten die „Genossenschaftsbauern“ ein gesichertes Einkommen, geregelte Arbeitszeiten und Urlaub. Aber die von oben festgelegten Arbeitsabläufe nahmen ihnen die Verantwortung, und die hohe Arbeitsteilung reduzierte die Vielseitigkeit der Aufgaben – derart, dass sie „keine Erfüllung“ mehr in der landwirtschaftlichen Tätigkeit sahen. Dass die Partei weiterhin von „Bäuerinnen“ sprach war Ideologie, sie waren Landarbeiterinnen. Eine solche berichtete der Autorin Annegret Braun in ihrem Buch „Frauen auf dem Land“: „Es war immer der gleiche Trott, man konnte sich nicht entwickeln.“ Anfänglich hatte man in der Sowjetunion den Bäuerinnen noch nahegelegt, sich der neuen Agrartechnik in den Kolchosen zu bemächtigen. Dies thematisierte u.a. der Film „Generallinie“ von Sergej Eisenstein 1928.

In der DDR war zuletzt die industrielle Großlandwirtschaft und damit die Wandlung des Bauern zum Lohnarbeiter, der „auf industriemäßige Weise arbeitet“, derart weit gediehen, dass die Tiere fest in die Produktionsabläufe eingepaßt waren – und diese höchstens gelegentlich durchkreuzten. Tierärzte durften in ihren Fachpublikationen nicht von „geborenen Kälbern“ sprechen, sondern von „produzierten“. Die Partei stellte die „Genossenschaftsbauern“ erst den Arbeitern gleich, sprach dann aber später wieder von „Bauern“, um das verschüttete „bäuerliche Bewußtsein“ in den LPG wieder zu heben.

In Milchviehanlagen mit bis zu 4000 Kühen, von denen jedes Jahr mehrere hundert für den Schlachthof selektiert wurden, waren die langlebigen Tiere nicht viel mehr als „effiziente Maschinen zum Verwandeln von Gras in Milch,“ wie der Philosoph Vilèm Flusser sich ausdrückte. Das selbe galt auch für die Tiere auf den großen privaten Höfen im Westen. Nur das hier beim Bauern noch Kopf- und Handarbeit in einer Person vereinigt waren, er war Herr und Knecht zugleich – oder konnte sich das zumindestens einbilden. Dem Agrarhistoriker Frank Uekötter zufolge begann der Bruch in der Einstellung des Bauern zum Vieh und zum Boden mit der Anschaffung des ersten Traktors, der ihn zu einem Agrotechniker werden ließ – bis dahin, dass er auf seinem eigenen Hof heute mitunter nur noch ein Heimarbeiter der Agrarkonzerne ist. Uekötter zitiert Henry Ford, dem zufolge „der amerikanische Farmer zu 95 Prozent Techniker und nur zu 5 Prozent Landwirt sein müsse.“ Nachholend entwickelte sich auch in Mitteleuropa „der Beruf des Landwirts von 1920 bis 1960 von einem Arbeiten mit der Natur, bei dem technische Hilfsmittel eingesetzt wurden, zu einem technischen Beruf, der auch mit Naturprozessen zu tun hatte.“

 

Nachdem die LPG „Florian Geyer“ in Saarmund uns Westler am 1.Dezember 1989 eingetellt hatte, sah unser Tagesablauf dort so aus: Morgens angekommen tranken wir erst einmal im Sozialraum unserer Brigade Kaffee und redeten über das vorabendliche Fernsehprogramm. Dann ging es ans Ausmisten in den vier Ställen, derweil ein Traktorist von einer Feldmiete Stroh holte und ein anderer den Mist auf einen Haufen im Hof fuhr. Wenn auch die Tröge leergefegt waren, bekamen die Kälber Milch und die Färsen sowie Jungbullen Wasser. Das Tränken der Tiere gehörte zu den angenehmsten Tätigkeiten, schreibt Sabine Vogel (in: „Babelsberg. Eine Endlos-Recherche“). Für den Kälberstall und den (chruschtschowschen) „Offenstall“ für Jungbullen mußte die Mais- und Grassilage mit der Schubkarre herangeholt werden, anstrengend, aber dafür bekam man mehr von den Tieren mit: Welche husten und nicht saufen oder fressen wollen z.B.. „Der stirngescheckte Braune in Buchte drei links“ wird dann als Instruktion für den Tierarzt in den Kalender geschrieben. Bei seiner nächsten Visite bekommt das Tier dann eine Spritze. Sie ist über einen Meter lang.“ Wir, Westberliner, wurden meist im alten Anbindestall des Gutshof bei den etwa 100 Färsen eingesetzt. Manchmal diskutierten wir darüber, welche von den rehbraunen die netteste, klügste und schönste war. Es gab auch schwarz-weiße Färsen. Gelegentlich lieh sich das Defa-Kinderfernsehen ein Kalb aus, das anschließend besonders zutraulich war – was die Kälberpflegerinnen nicht immer guthießen, weil es ständig ihre Arbeit behinderte.

Wenn ich einmal die Stallgasse zu gründlich fegte, sagte mein Kollege Günther: "Mach es nicht 
zu gut, daß stecken sich nur die da oben wieder an den Hut!" Einmal meinte ich zum Essensfahrer,
 er solle doch ein bißchen Putz mitbringen nächstes Mal - beim Ausmisten mit dem Traktor sei 
an der Stalltür ein großes Stück Putz abgeplatzt. Das könnten wir nebenbei nach und nach wieder
 ausbessern. "Bist Du verrückt!" schalt mich während der Kaffeepause im Sozialraum mein Kollege
 Michael, "solche Arbeiten vorzuschlagen - dafür ist die Maurerbrigade zuständig!" "Aber die gibt
 es doch gar nicht mehr, die wurde doch auf die Stallbrigaden aufgeteilt, das weißt du am Besten,
 du warst doch selber Maurer," entgegnete ich. "Das ist aber nicht unser Problem," beendete 
Michael das Gespräch, "da müssen die da oben sich einen Kopf drüber machen." 

Die LPG-Barackenarchitektur mit ihrem hohen Zaun drumrum und den Desinfektionsbecken an den
 Ein- bzw. Ausfahrten erinnerte stark an militärische Einrichtungen, wenn nicht an Arbeitslager.
  Auch die Haltung der meisten Mitarbeiter in der Rinderbrigade ähnelte der von Akkordarbeitern.
„Verdienen tu ich doch nur, wenn ich die für 8 Stunden entlohnte Arbeit in 6 schaffe,“ sagte mein
 Kollege Klaus. An den Sonntagen fütterten wir tatsächlich gleich zwei mal kurz hintereinander – 
um schnell „Feierabend“ zu haben. Und ständig mußten die Rinder umgetrieben werden - 
wobei elektrische Schlagstöcke zum Einsatz kamen. Im Potsdamer Schlachthof erzählte man mir, 
daß sie früher bei den Rindern oft ganze Partien Leder rausschneiden und wegschmeißen mußten, 
weil sie voller Blutergüsse waren: Die Ausstattung der Tierproduktions-Genossenschaften mit 
elektrischen Schlagstöcken sollte dem abhelfen.

Von einem DDR-Agrar-Funktionär erfuhr ich noch später, daß wir im falschen Objekt gearbeitet
 hätten: In den stadtnahen LPG – mit großer Fluktuation - sei das "bäuerliche Bewußtsein" leider
 schon so gut wie verschüttet. In den West-Landwirtschaften schien es mir primär das 
"Eigentümer-Bewußtsein" gewesen zu sein, das dann doch einen pfleglicheren Umgang  mit den
 Tieren gebot. Dazu auch so etwas wie ein bäuerlich-unternehmerisches Ethos, das z.B. die 
endgültige Hofübergabe an den Sohn oder die Tochter immer wieder hinausschieben ließ. 
Danach war der Vater nur noch eine „helfende Hand“ im Betrieb. Auf alle Fälle bestand der 
Idiotismus des Landlebens im Westen anders als im Sozialismus fort. Hier schimpfte ich z.B. 
einmal gegenüber dem Traktoristen Egon laut über das nasse, zum Teil schon schwarzvergammelte
 Stroh, das er aus einer unabgedeckten Feldmiete der banchbarten LPG Pflanzenproduktion holte.
 Es war kaum noch zum Einstreu zu gebrauchen: Nach 10 Minuten standen die Rinder schon wieder
 im Mist. Das war sowohl im alten Anbindestall des ehemaligen Gutshofs als auch in den neuen 
Freilaufställen so, einzig in dem einst von Chruschtschow durchgesetzten "Rinderoffenstall" 
konnten sich die Tiere auch im nassen Stroh noch einigermaßen wohl fühlen. Im Offenstall gab es
 auch die wenigsten Erkrankungen. Egon entgegnete mir daraufhin: Beim Ausmisten mit dem 
Traktor sei gerade das nasse Stroh sehr praktisch - und daher dem trockenen vorzuziehen.

In Westdeutschland war es dagegen mehrmals vorgekommen, daß ein Spediteur mit LKW 
und großem Anhänger zu einem Bauern gekommen war, bei dem ich gerade arbeitete, um Stroh
 für holländische Viehzüchter einzukaufen. Wir stapelten den Lastwagen äußerst sorgfältig mit
 den Ballen voll - trotzdem fehlten am Ende immer einige Zentner an Gewicht. Kurzerhand schloß
 der Bauer einen Schlauch an und bespritzte die Strohballen so lange mit Wasser - bis der Transport
 die nötige Schwere hatte und der Fahrer zufrieden abfahren konnte. Auch dieser 
marktwirtschaftlich rationale Idiotismus geht zu Lasten der Tiere.

1990 fand in Suhl der letzte „Bauerntag“ der DDR statt. Als Gastredner sprach dort der Vorsitzende des (west) deutschen Bauernverbands, der Großagrarier Constantin Bonifatius Herman-Josef Antonius Maria Freiherr Heereman von Zuydtwyck. Nach dem Auftritt dieses „Bauernpräsidenten“, der den LPGen bloß noch den Charakter einer „Übergangslösung“ zubilligte und überdies meinte, die einstmals Bodenenteigneten müßten ihr Land wieder zurück bekommen – wurde den ganzen anwesenden LPG-Vorsitzenden klar, daß sie nun anfangen mußten, für sich und ihre Leute zu kämpfen. Als von Heeremann wiederholte: „Mit gebremstem Schaum und Gottvertraun“ seien alle mit der Auflösung der LPGen verbundenen „Probleme“ lösbar, verstand ihn ein LPG-Vorsitzender so: „Wir müssen wieder wie die Wölfe werden!“ – riet er der Versammlung. Entsetzt fragte daraufhin die Agrarjournalistin des Neuen Deutschland auf der anschließenden Pressekonferenz den gerade gewählten neuen Präsidenten der ostdeutschen Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB), ob jetzt nicht eher „Solidarität“ notwendig sei – statt Wölfischwerden. „Faire Partnerschaft“ (mit den Verbänden und Raiffeisengenossenschaften im Westen) sei damit gemeint gewesen, präzisierte der ansonsten noch ganz sprachsuchende neue Ost-Bauernführer, dessen Vereinigung wenig später aber schon dem westdeutschen Bauernverband wich, ebenso lief dann auch ihre eigene Partei, die Bauernpartei der DDR, zum Feind über, d.h. sie schloß sich der CDU an. Auch die Bauernzeitung verhandelte mit einem Münchner Agrarzeitschriftenverlag.

1990/91 gingen dafür etliche LPG-Mitarbeiter auf die Straße. Sie protestierten in Berlin gegen den Boykott ihrer Waren – durch westdeutsche Lebensmittelkonzerne und von Westlern privatisierte Schlachthöfe sowie Molkereien. Für die FAZ waren die Protestierer auf dem Alexanderplatz bloß gepresstes Fußvolk der „Roten Bonzen“, die sich noch immer an der Spitze der LPGen hielten, inzwischen jedoch Geschäftsführer von GmbHs, Genossenschaften oder sogar Aktiengesellschaften geworden waren. Die Zeitung fühlte sich in diesem Sommer an Hans Falladas Neumünsterroman erinnert, in dem es um die militante „Landvolkbewegung“ in den Zwanzigerjahren ging, und übertitelte einen langen Kampfartikel gegen das unerwünschte Fortbestehen vieler LPGen in den fünf neuen Ländern mit: „Bauern, Bonzen und Betrüger“, ihm folgte der noch schärfere Spiegel-Aufmacher „Belogen und betrogen“.

Zuletzt kam im Sommer 2014 die taz mit einer ganzen Serie über korrupte LPG-GmbH-Geschäftsführer und aggressive West-Agrarkonzerne im Osten auf den Markt, parallel zu einer Broschüre der Grünen im Brandenburger Landtag über die „Umbrüche auf märkischem Sand“, in der sie ebenfalls aus ökologisch-kleinbäuerlicher Sicht die landwirtschaftliche Situation in ihrem Bundesland kritisch darstellten.

Auch ich beteiligte mich an Demonstrationen gegen die „industrielle Landwirtschaft“ – in Potsdam, Haßleben und Reichenow, die sich u.a. gegen die immer größer werdenden Schweinemastanlagen der umgewandelten LPGen und vor allem gegen die von Investoren aus dem Westen neugeplanten richteten. Obwohl mich nach wie vor die Entwicklung der LPGen interessiert, wenigstens die paar, die ich kenne, marschiere ich jetzt doch gerne bei den romantischen Ökos mit. Es gibt keine ökonomische Utopie mehr, nur noch eine ökologische. Folglich kommt es nicht darauf an, immer mehr zu verdienen, sondern immer weniger zum Leben zu brauchen. Das ist nicht nur auf den Konsum bezogen. Und der Bauer ist dabei deswegen so wichtig, weil er noch Hand- und Kopfarbeit vereint. So denke ich.

Marx sah den Prozeß der “Expropriation der Ackerbauern” ausgehend von England mit “historischer Unvermeidlichkeit” 1882 als bereits vollzogen an. Dem auf die Zerstörung der Allmende in Westeuropa folgenden “bäuerlichen Parzelleneigentum” gab er keine Chance: Es werde unweigerlich der “von Kapitalisten betriebenen Landwirtschaft” weichen müssen. “Es ist unsere Pflicht,” schrieb Friedrich Engels, “den Bauern die absolute Rettungslosigkeit ihrer Lage klar zu machen.” So optimistisch bin ich nicht mehr.

Nach der Wende galt es jedoch, den landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften die absolute Rettungslosigkeit ihrer Lage klar zu machen. Der Rechtsanwalt und LPG-Umwandlungsberater Dr. Geyer führte dazu anläßlich einer Besichtigung der umgewandelten Groß-LPG in Golzow durch den Hildesheimer Rotary-Club aus: „Nach der Wende standen die LPGen als eigentumslose Großbetriebe da, wären sie in westliche Rechtsform umgewandelt worden, hätten sie die von ihnen bearbeiteten Flächen in der Regel pachten können, da die Landeinbringer mit Kleinflächen zumeist keine Betriebe wieder aufbauten. Für die Landwirtschaftspolitik gegenüber den LPGen war die ideologische Losung des damligen Landwirtschaftsministers Kiechle, einem Kleinbauern aus dem Allgäu, maßgebend: ‚Die LPG ist ein Musterbeispiel sozialistischer Schlampwirtschaft‘. Dabei war die LPG als genossenschaftliches Gebilde noch eine Restinsel gelenkt-privaten Wirtschaftens im Sozialismus. Deshalb zielte das Landwirtschaftsanpassungsgesetz darauf ab, möglichst die LPG nicht umzuwandeln, sondern zu liquidieren. Zu den Initiatoren zählten viele Alteigentümer, jedoch kein einziger (der in der Wende zumeist neugewählten) LPG-Vorsitzenden. Bei der Liquidation einer LPG konnte man billig Gebäude und Gerätschaften erwerben sowie billig Land pachten, was viele westliche Neueinrichter auch taten. Wurde die LPG dagegen umgewandelt, musste sie zunächst auch für sämtliche Alt-Schulden geradestehen. Das Landwirtschaftsanpassungsgesetz gab – entgegen dem LPG-Recht – den Mitgliedern ein Kündigungsrecht, verbunden mit einem Abfindungsanspruch in Geld für 30 Jahre fiktive Pachtzeit. Da außerdem jeder Landeinbringer bei Eintritt in die LPG – vor rund 30 Jahren – einen Inventarbeitrag zu leisten hatte, 500 Mark/DDR je Hektar Fläche – weitgehend in Naturalien, musste auch dieser Beitrag jetzt von der LPG vergütet werden – und zwar 1:1 in DM (!), obwohl der Westen sonst die Ostmark nie so eingeschätzt hatte. Gleiches galt für die rückwirkende Verzinsung von drei Prozent. Für die Landeinbringung, also bei etwa 50 Bodenpunkten und 20 Hektar ergibt sich folgende Leistung: 2 DM x 50 Punkte x 20 Ha x 30 Jahre = 60.000 DM plus 10.000 DM Inventarbeitrag plus ca. 10.000 DM Verzinsung = 20.000 DM, insgesamt 80.000 DM. Geht man bei 6.000 Ha Nutzfläche der LPG von 300 Abfindungsberechtigten aus, so entspricht das einer Abfindungssumme von 24 Mio. DM – in bar. Es liegt auf der Hand, dass kein Betrieb so etwas leisten konnte. Zusätzlich wären auch noch Arbeitnehmerinteressen zu bedienen gewesen. In der Regel war also eine solche LPG schon zu liquidieren, wenn auch nur 10 oder 15 Prozent ihrer Mitglieder kündigten und die Abfindungsansprüche verlangten. Die dann folgenden Liquidationen führten in der Regel allerdings dazu, dass die Aktiva verschleudert wurden, die Liquidatoren und Gutachter Geld verdienten, die Alt-Schulden voll auflebten und die Anspruchsberechtigten herausgingen. Hätte der westliche Gesetzgeber gerecht sein wollen, so hätte er die ostdeutsche Landwirtschaft rechtlich umgewandelt und nicht zerstört. Nahezu alle LPGen wären sanierbar gewesen, hätte man lediglich eine Umwandlung in westliche Rechtsform vorgeschrieben. Dann hätte auch jedes Mitglied seinen gerechten Anteil an dem Unternehmen erhalten und diesen frei am Markt verkaufen können. Der Verkaufserlös des Anteils hätte sich nach der Ertragskraft des Anteils gerichtet. Es hätte nur ein Gesellschafterwechsel stattgefunden. In vielen Fällen ist es jedoch den Beratern und Leistungen der LPGen gelungen, den Mitgliedern die verheerende Folge der Kündigung durch Gruppen klar zu machen. Dies geschah u.a. auch in der LPG Golzow.“

Bis vor kurzem war diese umgewandelte LPG im Oderbruch, bekannt aus der Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow“, ein expandierendes Unternehmen, aber dann gelang es einem Agrarkonzern, sie zu schlucken. In Mecklenburg mißlang es dagegen zwei Lübeckern, eine LPG und ein Dorf in Besitz zu nehmen. Ihre Missetat verdient es, erzählt zu werden:

„Es ist wichtig, daß man nach Lösungen sucht, damit die Leute Beschäftigung finden. Der Aufhänger, den hier der Bürgermeister gefunden hat, ist besonders vielversprechend“, meinte der Sozialminister von Mecklenburg- Vorpommern, als er den 12. ostdeutschen „Haustierrasse-Schutzpark“ – in Passee-Tüzen – eröffnete. Mittels 17 Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und 1,5 Millionen Mark Sachkosten hatte der ehrenamtliche Bürgermeister Adolf Wittek – als ABM-Projektleiter – seit 1993 ein 40-Hektar-Gelände hinterm Dorf umgestalten lassen. Ein Gutsgebäude in Tüzen wurde zu einer Stallanlage umgebaut, nebendran errichtet ein Ehepaar aus Thüringen ein Restaurant. Die Gemeinde Passee hat drei Tierpfleger angestellt, die Entwicklungsträger-Gesellschaft Kühlung-Salzhaff bezahlt das Leitungsgremium: Ein Tierarzt, eine Agraringenieurin und den gelernten Kellner Wittek. Das „Park-Informationssystem“ entwarf die schwindende Kunstschule Heiligendamm, die Ausrichtung des Eröffnungsfestes besorgte die prekäre Beschäftigungsgesellschaft „Musower Landschaft“. Der Landrat meinte in seiner Eröffnungsrede, daß das berühmt gewordene Dorf Passee mit diesem „Projekt“ hoffentlich erneut – „aber diesmal anders“ – in die Schlagzeilen gerate.

Er spielte damit auf das Wirken des Bad Schwartauer Maklers Christoph Wöhlcke und dessen Lübecker Rechtsanwalt Eckhard Tribess an, das seit 1991 die Gemeinde und seine 250 Einwohner buchstäblich in Atem hält. Es begann – harmlos – damit, daß Wöhlcke von einer Erbengemeinschaft für 60.000 Mark elf Hektar Land im Ortskern von Passee erwarb: für 52 Pfennig pro Quadratmeter. Das Grundstück hatte zu DDR-Zeiten bereits die LPG für 10.000 Mark gekauft, es jedoch nicht ins Grundbuch eintragen lassen. 1972 war dort mit Baugenehmigung eine Kläranlage und die Gemeindeverwaltung mit Post, Arztstation und Konsum errichtet worden. Außerdem hatte die LPG einen Bauernhof in ein Zweifamilienhaus umgebaut, und privat war eine Garage auf dem Grundstück errichtet sowie ein Obstgarten angelegt worden.

Als Wöhlcke dem Bürgermeister einen Mietvertrag für das öffentliche Gebäude präsentierte, ging dieser zunächst von einem Mißverständnis aus: „Wir hatten dafür doch schon zu DDR-Zeiten mit unseren Steuern gezahlt!“ Das war allzu naiv gedacht, denn dem nun auch in Passee geltenden westdeutschen Recht war diese Eigentumskonstruktion – die Trennung von Grund und Gebäuden – fremd. Da im Einigungsvertrag keine Überleitungsregeln dafür geschaffen worden waren, mußte mittels „Vermögensrechtsänderungsgesetz“ und „Sachenrechtsbereinigungsgesetz“ nachgebessert werden – und das dauerte. In der Zwischenzeit versuchten die mecklenburgischen Richter, zumeist Leihbeamte aus dem Westen, „business as usual“ durchzusetzen.

Der regelmäßig seinen neuen Passeer Grundbesitz inspizierende Wöhlcke steigerte seine Mietforderungen schließlich auf 12.000 Mark monatlich für das Mehrzweckgebäude und 15.500 für die Kläranlage. Vom Konsum, der seit der Wende von der Frau des Bürgermeisters, Regina Wittek, betrieben wird, verlangte er 5.000 Mark. Und weil er auf eigenem Grund und Boden machen könne, was er wolle, ließ er später die Garage niederreißen und die Obstbäume fällen. Während der Zweckverband in Wismar, als Betreiber des Klärwerks, sich bemühte, im Zuge eines Flurneuordnungsverfahrens nicht nur Nutzer, sondern auch Eigentümer des Grundstücks zu werden, versuchte Wöhlcke, für den dieses Ansinnen „Kommunismus in reinster Form“ war, gerichtlich das Nutzungsentgelt einzutreiben.

Unterdes betonierte ein großer „Unbekannter“ das Ablußrohr des Klärwerks zu und beschädigten den Bagger des Zweckverbands, der die Anlage in Passee schließlich von einem Nachtwächter schützen ließ. Als dieser eines morgens mit seinem PKW nach Hause fuhr, wurde er von Wöhlcke verfolgt, der das Auto des Nachtwächters rammte. Wenig später schlug Wöhlcke auch noch den Bürgermeister zusammen, als der trotz mehrmaligen Verbots, das Grundstück zu betreten, des Maklers vermeintlich unerlaubte Anwesenheit am Klärwerk zu photographieren versuchte. Just am Tag, als die Gemeinde Passee ihr 675jähriges Bestehen feierte, ließ Wöhlcke den Lebensmittelladen von einer Gerichtsvollzieherin, die zwanzig Polizisten mitbrachte, zwangsräumen. Frau Wittek ging daraufhin auf den Makler los. Auch die Dorfbewohner griffen ein: Mit Wäschekörben organisierten sie auf die Schnelle den Umzug des Konsum in das leerstehende LPG-Kulturhaus auf der anderen Seite des Dorfplatzes. Wöhlcke vermietete später „seinen“ Laden an die einzige CDU-Vertreterin im Gemeinderat: Anita Zielinski, die jedoch bald Konkurs anmeldete und wegzog.

Die Passeer hängten ein Transparent über die Straße: „Wöhlcke konnte den Laden erringen, aber uns wird er niemals bezwingen.“ Im Herbst 1992 ließ Wöhlcke die Zufahrt zum öffentlichen Parkplatz neben dem Gemeindebüro mit einer Schranke und einem Vorhängeschloß blockieren. Nachdem einige Passeer diese Sperre beseitigt hatten, verübten Unbekannte zwei Anschläge mit Buttersäure auf Witteks Wohnhaus und den Lebensmittelladen. Obwohl „ziemlich geschockt“ lehnte der Bürgermeister jedoch das Ansinnen einiger Passeer, nun eine „Bürgerwehr“ aufzustellen, ab. Der Lübecker Nachrichten erzählte Wöhlcke: Bisher sei stets er das Opfer von Anschlägen gewesen. So hätten Unbekannte die Scheiben seines Ladens beschmiert und zehnmal die Sicherheitsschlösser mit Klebstoff unbrauchbar gemacht. Im Sommer 1993 versperrte Wöhlcke erneut die Zufahrt zum Gemeindebüro – mit 4 Tonnen Kies. Wittek korrespondierte sechs Monate mit den Ämtern – „aber nichts passierte“. Schließlich ließ er den Haufen beiseiteschieben. In der folgenden Nacht besprühten Unbekannte seinen Mazda und seinen ABM-Projektleiter-Dienstwagen. Regina Wittek war laut Ostsee-Zeitung „den Tränen nahe“.

Ende 1994 stellte Wöhlcke das Wasser im Verwaltungsgebäude ab. „Wir haben sofort ein einstweiliges Verfügungsverfahren eingeleitet, aber passiert ist nichts“, so Adolf Wittek. Ähnlich sah es mit dem ehemaligen Laden seiner Frau aus: Sie konnte sich dort zwar vor dem Oberlandesgericht Rostock wieder reinklagen, aber der Laden steht bis heute leer. Den Prozeß wegen des Garagenabrisses gewann Wöhlcke zunächst. Dieser Rechtsstreit betraf auch die LPG als Bauherrin des Wohnhauses, bzw. ihre Rechtsnachfolgerin – die Öko-„LBG“: Landboden Glasin Treuhand GmbH & Co KG. Wöhlckes Rechtsanwalt Eckhard Tribess hatte dazu beim Landgericht Wismar im Genossenschaftsregister entdeckt, daß die dortige Lübecker Leihbeamtin wegen einiger Unklarheiten die von den ursprünglich 400 Genossenschaftlern übriggebliebenen 125 LBG-Kommanditisten noch nicht eingetragen hatte.

Vor Gericht trug Tribess sodann vor, alle – außer 19 von ihm vertretene Personen – hätten das LPG-Abfindungsangebot angenommen und seien damit nicht mehr Mitglieder. Die Rechtspflegerin ermächtigte ihn daraufhin, eine neue LPG-Vollversammlung einzuberufen, auf der dann 12 der 19 Personen erschienen. Sie setzten den Geschäftsführer der 100 Mitarbeiter beschäftigenden LBG ab und wählten für die „LPG in Liquidation“ einen neuen Geschäftsführer: Wöhlcke! „Damit brach das Unglück auch über die LPG herein“, so Tribess‘ Gegenspieler, der Westberliner Anwalt Rainer Prinz.

Bereits am nächsten Tag brachte Wöhlcke die neuen Beschlüsse zur Eintragung ins Register, während Tribess in seinem Namen die Geschäftsunterlagen bei der Bank einforderte. Als Wöhlcke auf „seinem“ LPG-Betriebsgelände in Passee auftauchte, verwehrten ihm der dortige Bereichsleiter und sein Kollege den Zutritt. „Sie sind entlassen“, verkündete Wöhlcke ihnen, und als die beiden ihn vom Hof drängten, fuhr er mit dem Auto auf sie los. Das diesbezügliche Gerichtsverfahren wegen Körperverletzung stellte der Richter ein, Wöhlcke zahlte je 500 DM Schmerzensgeld.

Die Passeer waren empört und sammelten Unterschriften gegen das Urteil. Zu oft waren die Gerichte bisher gegen sie gewesen, auch die Gerichtsvollzieher und Polizisten hatten zumeist eher dem westdeutschen Makler zugearbeitet, fanden sie. Um dem bedrängten Dorf wenigstens moralisch beizustehen, erklärte der Kreistag den Makler aus Bad Schwartau zur „unerwünschten Person“ im Kreis Wismar. Mehr als 30 Räumungsaufforderungen und Abrißankündigungen hatten Wöhlcke/Tribess bis dahin nach Passee geschickt. „Allein als Folge der LPG-Versammlung sind über 10 Verfahren anhängig“, bilanzierte Rechtsanwalt Prinz.

Ende 1995 gelang es ihm jedoch vor dem Oberlandesgericht Rostock, die Umwandlung der LPG in die Landboden Glasin Treuhand GmbH & Co Landwirtschafts KG für rechtmäßig erklärt zu bekommen. Tribess legte dagegen „Verfassungsbeschwerde“ ein. Auf Betreiben der Ost-SPD, die mit Passee als „Musterfall“ argumentierte, war es unterdes im Bundestag zu einem „Moratorium“ gekommen, mit dem bis zum Inkrafttreten des 3. Sachenrechts-Bereinigungsgesetzes die Rechtsverhältnisse an Grundstücken und Gebäuden bis Ende 1998 zwischengeregelt wurden.

Wöhlcke hatte den Bürgermeister inzwischen wegen „unrechtmäßiger Nutzung“ der Amtsräume auf 18.000 Mark Schadenersatz verklagt und sogar eine einstweilige Verfügung erwirkt, mit der Wittek das Betreten seines Büros verboten wurde. Wochenlang erledigte der daraufhin seine Arbeit auf der Straße, und seine Schreibkraft reichte ihm die Akten aus dem Fenster. Das Landgericht Schwerin erlaubte ihm schließlich – „mit dem Moratorium im Rücken“ – die kostenlose Nutzung seiner Amtsräume wieder. Wöhlcke drohte mit dem Bundesverfassungsgericht: „Die kostenlose Nutzung kommt einer entschädigungslosen Enteignung gleich.“

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Kreistag Wismar nannte Wöhlcke einen „Vereinigungskriminellen“. Mindestens einmal im Monat berichtete das Rostocker TV-Studio des NDR über den „Krieg in Passee“, dessen Reporter Michael Schmidt 1995 sogar ein ganzes Buch unter diesem Titel veröffentlichte.

Um das maklerfreundliche Wirken der mecklenburgischen Justiz und ihrer Organe zu kompensieren, bedachten die anderen Behörden das Dorf mit großzügiger Aufmerksamkeit: So gelang es Wittek zum Beispiel mühelos, 15 ABM-Stellen zur Dorfverschönerung bewilligt zu bekommen. Mit den Plänen für den Haustierrasse-Schutzpark ging es dann „ABM-mäßig“ weiter. Allerdings auch mit dem Bad-Schwartauer Makler, der kurz vor dem Eröffnungsfest erneut das Wasser in den Gemeinderäumen abstellte und den Bürgermeister wegen wilder Entsorgung von Bauschutt aus dem Schutzpark anzeigte. Über 100 Verfahren waren schließlich vor den Gerichten wegen Passee anhängig.

Gleichzeitig waren Wöhlcke und Tribess aber auch noch im Dorf Frankenberg bei Chemnitz aktiv geworden. Hier ging es um eine große Kartoffellagerhalle, die von der Holzhaus-Baufirma Klaus Eckelmann genutzt wurde, als der Schwierigkeiten mit den Vermietern bekam, las er in der Bild-Zeitung einen Artikel über den Bad Schwartauer Makler Wöhlcke, der in dem Springerstiefelblatt als „Spezialist für komplizierte Grundstücksfragen im Osten“ angepriesen wurde. Im Endeffekt bekamen Wöhlcke und Tribess die Kartoffellagerhalle in ihren Besitz und Klaus Eckelmanns Firma ging in Konkurs. Jetzt versucht er zusammen mit dem Berliner Rechtsanwalt Prinz „zu retten, was noch zu retten ist“. hierzu sind ebenfalls noch Dutzende von Verfahren anhängig. Mit Eckelmann hatte auch ich in den Jahren darauf noch öfter zu tun – als Journalist. Zuletzt, 2013, plante er auf einem LPG-Grundstück bei Frankenberg ein riesiges Gewächshaus mit Solardach, um in der dadurch verschatteten Riesenhalle Pilze zu züchten. Es gab jede Menge junge Investoren, die Eckelmanns Risikoprojekt nicht scheuten.

Wöhlckes Anwalt Tribess ließ sich unterdes in den Kirchenvorstand des Lübecker Doms wählen, von wo aus er gegen den Rechtsradikalismus, besonders im Osten, vorgehen wolle, wie er der Presse mitteilte. Anderswo im Osten entstanden derweil elf weitere „Haustierrassezoos“ – auf ABM-Basis zunächst.

Bei einer LPG in Pritzwalk griffen zur gleichen Zeit die Umwandlungsgesetze, d.h. die Berater und Anwälte aus dem Westen schafften es, die LPG abzuwickeln. Um herauszufinden, was mit den Mitarbeitern geschieht, filmten wir ein Jahr lang den weiteren Werdegang von vier arbeitslosen Melkern: In Pritzwalk nannte man sie „Die Viererbande“: Günter Schinske, Gabi Schult, Uschi Preuß und Sylvano Schmidt, genannt Max. Die vier steckten gerade in einer AB-Maßnahme. Genaugenommen handelte es sich dabei um eine der ABM vorgeschaltete „Integrationsmaßnahme“ (IM), über die die „immer schwieriger werdenden Langzeitarbeitslosen“ als Kollektiv erst einmal sozusagen ABM-reif gemacht werden sollten.

Das Arbeitsamts-Curriculum sah die Einübung von Bewerbungsschreiben, Ausfüllen von Steuererklärungen sowie die Vermittlung rudimentärer Englisch- und Schreibkenntnisse vor. Die Westberliner (Kunst-)Dozenten Peter Funken und Thomas Kapielski setzten jedoch primär auf „Hilfe zur Selbsthilfe“ und organisierten mit der IM- Gruppe z.B. bei einem Teilnehmer rechtzeitig vor Winterbeginn eine Brennholzhack-Aktion, bei einer anderen die Bepflanzung ihres Vorgartens… Max fuhr einen Wartburg, morgens holte er erst Uschi, dann Günter und Gabi zum Kursus ab: Die beiden wohnten außerhalb von Pritzwalk, und die Integrationsmaßnahme fand im Sozialgebäude der ehemaligen Zahnradfabrik statt, das eine DGB-nahe Qualifizierungsgesellschaft als eine Art General- Ausbildungsübernehmer für die ganze Region angemietet hatte. Es gab dort sogar zwei Kantinen – auf ABM- Basis. Und oben in den ehemals VEB-eigenen Fitnessräumen eine Kegelbahn, die von der IM- Gruppe gerne aufgesucht wurde.

Während ihres Betriebs-Praktikums sorgte Max mit seinem Wartburg für den Transport der Viererbande: Uschi und Max arbeiteten bei einer Forellenzuchtanlage, die ein ehemaliger Mitarbeiter von der Treuhand auf Pachtbasis privatisiert hatte. Gabi arbeitete in den Gewächshäusern eines Gärtnerehepaares, und Günter verdingte sich auf der Kiesgrube eines Fuhrunternehmers aus seinem Dorf. Er half ihm, eine in Berlin billig erworbene Schnellbauhalle auf seinem Schuttplatz wieder aufzubauen. Günter hoffte, dort eine Festanstellung zu finden, sein Chef bot ihm auch die Übernahme der Kosten für einen LKW-Führerschein an, aber das kollidierte dann mit Günters Arbeitslosenstatus und zerschlug sich so. Max suchte sich im Westen Arbeit: Erst als Reisevertreter für ein Münchner Unternehmen ( „Zum Überreden bin ich aber gar nicht geeignet“) und dann am Fließband einer Bremer Molkerei (hier stellte sich das Problem, eine zweite Wohnung anmieten zu müssen, was in der „Probezeit“ ein zu großes finanzielles Risiko war). Gabi und Uschi wurden von ihren Chefs, denen sie sich als Praktikanten angedient hatten, anschließend nicht übernommen.

Dafür versprach das Arbeitsamt dem gesamten IM-Kursus einen Übergang in reguläre AB-Maßnahmen. Nachdem man ihre Westdozenten rausgeschmissen hatte (weil diese sich nicht eng genug an die Kurs-Curricula gehalten hatten), betreute eine ortsansässige Computerfirma die IM-Gruppe weiter. Günter und Max näherten sich unter der Leitung ihrer neuen „Klassenlehrerin“ dem High-Tech-Gerät primär über das Karten-Patience-Programm, ansonsten wurden sie über das neue Rentenrecht und die Rechtschreibreform informiert. Uschi wurde Klassensprecherin. Als solche war sie u.a. für das Alkoholtestgerät verantwortlich, mit dessen Hilfe allzu betrunkene Kursusteilnehmer festgestellt und dann von der Teilnahme ausgeschlossen werden sollten. Kurz vor dem mit einem schriftlichen „Zertifikat“ endenden Kurs teilte die Klassenlehrerin ihnen mit, daß es keine „Auffang-ABM“ gäbe.

Max bereitete daraufhin nach Ablauf einer Anstandsarbeitslosigkeitsphase doch seinen Umzug nach Bremen vor, Uschi, die Alleinerziehende ist, bekam ein schweres Hüftleiden und mußte fürderhin an Krücken gehen. Gabi gab „die Hoffnung“ nicht auf, aber Günter meinte immer mal wieder: „Ick hab‘ keene Zukunft mehr.“ So fiel langsam die „Viererbande“ auseinander.

Jedesmal wenn wir mit Kamera aus Berlin anrückten, war die „Viererbande“ zu jeder szenischen Schandtat bereit. In den Zwischenzeiten zogen sie sich jedoch immer mehr in ihre Wohnungen zurück, tranken Schnaps und verfolgten die Welt quasi nur noch über dürftige Fernseh-Features und billige US-Serien. Derweil verschlimmerte sich Uschis Hüftleiden, ihr Freund kam ins Gefängnis, dann auch ihr großer Sohn und schließlich nahm man ihr auch noch den kleinen Sohn weg. Max bekam, kurz bevor er seine Stelle in der Molkerei bei Bremen antreten konnte oder mußte, eine Herzattacke und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Als er wieder rauskam, war er ein anerkannter Frührentner – mit 500 Euro im Monat. Günter und Gabi wohnten in einem Einzimmerhaus auf dem Dorf, wo – am anderen Ende – auch Gabis früherer Ehemann mit ihren vier Kindern lebte. Jedesmal wenn er einen Alkoholentzug abgebrochen hatte, ließ er seinen Frust an seinen Töchtern, aber auch an Gabi aus. Regelmäßig trafen sich die 17 Pritzwalker Neonazis bei ihm. Im Suff überredete er sie, Gabis und Günters Vorgarten zu verwüsten. Diese trauten sich manchmal im Dunkeln nicht mehr auf die Straße. Auch die reißerischen Sat.1-Reportagen von morgens bis abends stimmten sie nicht gerade optimistisch.

Aber Günter behielt trotzdem seine gute Laune und seinen Witz. Er war ein Pferdenarr, regelmäßig fuhr er nach Neustadt auf den Pferdemarkt. Und Pferderennen im Fernsehen – das war wie ein Parteitag für ihn. Einmal holte er sich ein Pony, kam aber nicht klar mit dem wilden Hengst. Gabi machte derweil ihren Führerschein und kaufte sich ein altes Auto. Und ein Telefon schafften sie sich auch noch an. Ich dachte bereits, sie würden es langsam schaffen – und es sich mit zusammen 1.000 Euro im Monat (bei 120 Euro Miete) gemütlich machen. Günter bekam sogar das vage Versprechen auf einen Halbnachtsjob: Er sollte im Winter Platzwart bzw. Nachtwächter auf der Kiesgrube werden, wo der Besitzer immer mehr Schrottautos abstellte.

Aber dann aß Günter plötzlich nichts mehr, und bald konnte er auch keine Flüssigkeit mehr bei sich behalten – zum Arzt wollte er auch nicht. 14 Tage später war er tot: auf dem Weg zur Toilette zusammengebrochen. Seine Mutter, die im selben Dorf wohnte, und Gabi nahmen während der Vorbereitung seiner Beerdigung über 10 Kilo ab. Die genaue Todesursache wußten sie nicht und wollten sie auch nicht wissen: „Er hat einfach keinen Sinn mehr im Leben gesehen – keine Hoffnung!“ Und das war wahrscheinlich die Wahrheit. Gabi zog nach seinem Tod zu ihrem Mann und schimpfte schon nach wenigen Tagen über Ausländer.

An einem schönen warmen Spätsommertag fuhren wir alle auf den Dorffriedhof, um ihm das letzte Geleit zu geben, wie man so sagt. Cirka 60 Leute hatten sich mit Blumen um die kleine Kapelle versammelt – viele weinten. Auf Gabis Wunsch spielte eine gemietete Beerdigungsrednerin „Ave Maria“ und ließ dann in ihrer Trauerrede noch einmal Günters Leben Revue passieren – ein bißchen zu kritisch für meinen Geschmack, aber besser als verlogen: Ausführlich kam sie dabei auf seine Arbeitslosigkeit, den Alkohol, das Fernsehen und seine Pferdeleidenschaft zu sprechen.

Der Friedhof lag inmitten eines blühenden Rapsfeldes. Von irgendwoher blökten Schafe. Flieder, Schneeball, Rotdorn und Kastanie blühten. Gelegentlich überflog ein Storch oder ein Bussard die Kapelle. Später erzählte mir der Schwager von Günter, daß die LPG ihn 1987 als Fahrer beschäftigt hatte, ohne daß er einen Führerschein besaß. Es kam deswegen zu einem Gerichtsverfahren gegen Günter, das man als Schauprozeß aufzog – und deswegen live im Radio übertrug. Aufgrund Günters witziger Antworten sei das Ganze aber nach hinten losgegangen: „Günter war anschließend ein richtiger Held in der Region“. So hatte er z.B. auf die Frage das Richters, ob er ein Konto besäße, geantwortet: „Ja, ein Fallskonto!“ – „Was ist das denn?“ – „Falls was drauf ist!“ In seinen letzten Lebensmonaten schimpfte er übrigens am liebsten über den Euro. Und seine letzten Worte zu mir am Telefon lauteten: „Der Sozialismus hat uns schon ruiniert, aber der Kapitalismus wird uns nun endgültig fertigmachen!“

Es war trotz allem eine schöne Beerdigung. Nur mit Mühe konnte ich meine Tränen zurückhalten. Schwalben schossen durch die Luft, und die Lerchen jubilierten über den Feldern. Mit der alten Goetheschen Weisheit „Es gibt nichts Schöneres auf Erden, als morgens eine Lerche zu hören und mittags eine zu essen“, gewann ich beim Leichenschmaus im Haus seiner Mutter langsam meine Fassung wieder. Es war die erste Beerdigung in meinem Leben. Leider nicht die letzte.

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