vonImma Luise Harms 20.09.2018

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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Am Morgen hörte ich die Radioansprache von einem Pfarrer. Es ging um Selbsttötungen. 10.000 Menschen bringen sich jährlich in Deutschland um, davon Zweidrittel Männer, übrigens dreimal soviel, wie bei Autounfällen sterben. Der Sprecher reinszeniert die Stimmung, die den Übergang vom Leben zum Tod zu einem leichten Fallen durch eine hauchdünne Menbrane macht. Und dann kommt Gott ins Spiel, denn, so meint der Pfarrer, unser Leben gehört nicht uns, es wurde uns von Gott gegeben und nur er darf es wieder von uns nehmen. Ob das Todessehnsüchtige davon abhält, diesen leichten Schritt zu gehen? Na egal, für mich bleibt es absurd, eine Gottesinstanz auszurufen, der wir Rechenschaft für unser Leben schuldig wären.

Trotzdem wurde ich nachdenklich. Unser Leben gehört nicht uns? Mein Leben gehört nicht mir? Wem dann aber sonst? Denjenigen, für deren Schmerzen ich verantwortlich bin, wenn ich es mir nehme? Oder etwa der Mutter, die mich geboren hat? Nein, mein Leben ist mein Eigentum, ich entscheide, wann es genug ist; damit müssen die anderen klarkommen.

Am Abend war ich in der Oper und habe „die Frau ohne Schatten“ von Hoffmannsthal und Strauss gesehen. Die repressive Botschaft des Stücks ist auch durch die bemühte Inszenierung als Traumgeschehen nicht zu heilen: die kinderlose Frau, die sich dem Gebähren verweigert, bleibt ohne Schatten, ohne wirkliche Materialität. Der Chor der ungeborenen Kinder übernimmt auf drastische Weise die Stimme des Gewissens. Das Video, das dazu auf die Kulissen projiziert wird, könnte aus dem Horrorarsenal der Abtreibungsgegner stammen – gequetschte Gesichter von Babys, die in den Eingeweiden lauern und nach außen drängen. Ihr Leben gehört ihnen, behauptet die Lebensrechtbewegung. Ihr Leben gehört ihnen, noch bevor sie überhaupt empfangen wurden, versteigt sich die Oper, und ihre Geburt macht die Frau erst zum Menschen.

„Mein Bauch gehört mir“, habe ich zusammen mit Tausend anderen Frauen gesagt, als wir uns in den 70er Jahren gegen die Kriminalisierung der Abtreibung eingesetzt haben. Ich bin die Besitzerin des Gartens; was dadrin wächst, entscheide ich! Ich wusste, wovon ich sprach.

1968 habe ich mich unter allergrößten Schwierigkeiten von einer Schwangerschaft befreit, die mich, kaum aufgeklärt und erst vor kurzem mit dem Geschlechtsleben vertraut gemacht, ereilt hatte. Plötzlich kam die Periode nicht mehr, meine Brüste veränderten sich, ich kriegte merkwürdige Appetitanfälle. Der Frauenarzt, zu dem ich ging, beglückwünschte mich. Ich war verzweifelt. Ich wollte nicht Mutter werden, ich hatte ja gerade erst angefangen zu leben! Es begann eine Odyssee mit dem Ziel, die Beule in meinem Bauch loszuwerden. Tabletten wurden eingenommen, eine Spritze bewirkte auch nichts. Aus einer dämmrigen Arztpraxis in einem Hamburger Hinterhof bin ich wieder geflohen. Schließlich habe ich mir mit einer Stricknadel zugesetzt, ohne recht zu wissen, wohin ich denn nun stechen sollte. Meine Freundin E., mit der ich zusammen wohnte, hat mir das Versprechen abgenommen, direkt danach zum Arzt zu gehen. Der hörte sich mein Geständnis an, untersuchte mich, meinte: „Man sollte Ihnen den Hintern versohlen! Aber die Frucht („Frucht“!) ist in Ordnung. Nun reden Sie nochmal mit den Vater!“ und entließ mich. E. hatte die Frucht inzwischen „Siegfried“ genannt, weil sie allen Tötungsabsichten trotzte; wir haben uns Siegfried aber nicht wirklich in meinem Bauch vorgestellt, eher in einem Hain sich nach Wasser bückend, während Hagen hinter ihm steht und die verwundbare Stelle im Rücken mit dem Speer anvisiert. Ich, bzw. wir waren also eher Hagen.

Siegfried hat dann doch nicht überlebt. Ein Kölner Apotheker knipste in seinem Hinterzimmer die Fruchtblase auf, es blutete ein bisschen. Trotzdem wuchs mein Bauch weiter, eine Woche noch. Dann, auf der Rückkehr von einer Reise nach Paris, überkamen mich heftige ziehende Schmerzen, und auf einem nächtlichen gefrorenen Acker in Belgien erbrach mein Leib die faulige Frucht; ich habe mich nicht umgesehen. Ich habe alles überstanden und nicht mehr an Siegfried gedacht. Mein Bauch gehört mir. Es ist meine Entscheidung, wem ich das Leben schenke.

Viele Jahre später gab es mal wieder eine Unregelmäßigkeit in meiner Menstruation. Mein Frauenarzt, inzwischen längst jemand anderes natürlich, machte sich mit einem Ultraschallkolben in meinem Leib auf die Suche nach der Ursache. Ich folge den Suchbewegungen auf dem Bildschirm. Dunkle Zonen und Nebelschleier, vage Umrisse von Ausbuchtungen, die Organe sein sollen. „Hier, das ist der rechte Eierstock“ usw. Und dann: „Sie sind ja schwanger! Sehen Sie mal: Das hier ist das Herz.“ Und dann sehe ich es auch. Ein kleiner Lichtpunkt, der regelmäßig blinkt. Wie ein winzig kleines Boot auf den dunklen Weiten des Meeres. Das Herz? Diese Wucherung, die vielleicht mal ein Wesen werden könnte, hat schon ein Herz, das pumpt? Was pumpt es denn? Die Wucherung wird doch von meinem Blut durchströmt und ernährt und wächst durch die Kraft meines Herzens heran. Aber das kleine Herz pumpt und blinkt aus dem Innern meines Bauches zu mir herauf. Es ist der nackte Lebenswille, der mir da Zeichen gibt.

Ich habe deine Botschaft gesehen! In einem Zustand überschäumenden Glücks fahre ich mit dem Fahrrad nachhause und bereite mich auf die Ankunft des Wesens vor, in das sich die Beule im Bauch durch die Manifestation seines Willens verwandelt hat.  Heute ist mein Sohn 36 Jahre alt; Siegfried wäre 50 Jahre, aber ich habe ihn damals nicht gesehen.

Hier könnte die Geschichte enden, doch ich will noch einen Gedanken hinzufügen. In dem schönen Kinderbuch „Der Mond hinter den Scheunen“ gerät die Katze unversehens in ein Gespräch mit einer Maus, an die sie nicht herankommt. Die beiden tauschen ihre Sicht der Dinge aus und lernen sich kennen. Später beklagt sich die Katze bei der Eule, dass sie keine Mäuse mehr runterkriegt. „Du solltest auch mit deinem Futter nicht reden!“ sagt die weise Eule.

Wenn du eine Schwangerschaft loswerden willst, solltest du die Bilder aus deinem Bauch nicht als Signale deuten. Oder anders gesagt:  Das Blinken vom Meer macht aus einem Sachverhalt ein lebendiges Gegenüber, das eine Frage an dich stellt, die dich zu einem Mitmenschen macht. Wer ein Boot mit Menschen, die verzweifelt winken und ihrer Rettung erwartungsvoll entgegensehen, schauenden Auges untergehen lässt, wird mit dem Verlust seiner Menschlichkeit dafür bezahlen. Vielleicht ist das der verloren gegangene Schatten.

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https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2018/09/20/signale-aus-der-ferne-des-innern/

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kommentare

  • Also besser sollte man gar nicht erst hinschauen, bevor das Menschsein den eigenen Interessen zuwiderlaufen kann?
    Du und Dein Leben – aber wessen Herz schlägt da Dein Blut?
    Gehört es sich nicht auch selbst, das ungeborene Kind, das aber schon lebt, bevor Du ihm großzügig „das Leben schenkst“ oder nimmst?
    Ist das bei Dir weiblicher Größenwahn, Egozentrik oder eine rechtfertigende Scheinrationalisierung, die aber auch durch die Jahrzehnte hindurch nicht überzeugender wird?
    Schließlich wäre dieses Leben ohne auch Dein Zutun nicht entstanden. Hättest Du es verhüten wollen, wäre das nicht allzu schwer gewesen in der damaligen Zeit.
    Alle wiederholen ihre Affirmationen, Abtreibungsgegner und -befürworter, in Ewigkeit . Amen.

    Wer zweifelt nie an sich selbst? Die Gläubigen – und auch Du!

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