vonImma Luise Harms 30.11.2018

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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(Fortsetzung)

Die Reiseschicksals-Kräfte stopfen eine Leberwurst. Rein und rein und „Durchgehen! Da hinten ist noch Luft! Die Türen müssen frei bleiben!“ Gepäckstücke und Kinder werden auf Sitzende gestapelt. Die Menschen in den Gängen verstricken sich bis zur Unkenntlichkeit. Zwischen den Beinen die Rollkoffer. Die letzten kleben dem Fahrer vor der Windschutzscheibe oder stecken im Eingang fest. Eine junge Punkerin mit eingefallenem Gesicht und dunklen Augenringen hat zwei kleine Hunde unterm Arm. Das heißt, den einen habe ich im Nacken. Ich kann nicht ausweichen, der Hund auch nicht. Er winselt ein bisschen, und im Übrigen erträgt er seine Lage wie alle anderen der Busgemeinschaft. Auch der Fahrer kann der Situation nicht entkommen. Er kriegt weder die Türen noch das Gesichtsfeld nach hinten frei. Er fährt einfach los – was soll er machen?

Der Bus schlingert mit geschwollenem Bauch durch die Straßen von Eystrup, durch Alleen, durch Wälder, durch unbekannte Dörfer, vorbei an abgeernteten Feldern und Gewerbegebieten. Der Seegang ist jetzt innen. Wir schwanken gemeinsam und teilen die Atemluft.

Voller Bus

Noch immer meine ich, die Unterschiede zwischen den aus der Spur gefallenen ICE-Reisenden und den Menschen im Nahverkehr auf dem Weg ihrer verschiedenen Verrichtungen zu erkennen. Vor mir zwei junge Frauen, vielleicht Studentinnen, in Markenartikeln aus feinem Tuch gekleidet, mit blondem, langem Haar, die sich gedämpft miteinander verständigen und sich entschuldigen, wenn sie im Gewoge jemanden rempeln. Hinter mir die krächzende Punklady, die ihrer irgendwo anders eingekeilten Freundin zuruft, dass sie jetzt zu spät zu ihrem Termin im Tattoo-Studio kommt. Ja, sie lässt sich ein neues Tattoo machen. Der ganze Bus, jedenfalls der vordere Teil erfährt, was für ein Tattoo das sein wird. Nein, das wird sie nicht bereuen. Ja, das hat sie schon woanders gesehen. Nein, sie lässt sich nicht alles in die Haut stechen. Ja, sie ist sehr wählerisch. Die Hunde kann sie nicht mehr beide halten. Einer wird über die Köpfe zur Freundin rüber gereicht. Die freut sich nicht gerade, aber sie nimmt den Hund entgegen. Der andere sitzt mir weiter im Nacken.

Ich versuche, dem Atem eines dicken großen Mannes auf meiner anderen Seite auszuweichen. Er hat anscheinend einen Döner gegessen. Ein Kind rutscht zwischen die Gepäckstücke und wird wieder herausgezerrt. Ich staune, dass die Kinder nicht schreien. Alle halten an sich, wollen das Ganze irgendwie überstehen. Zwischen den Armen sehe ich die vom Bus zerteilte Landschaft an uns vorbeiströmen.

„Wie lange dauert das denn noch?“ schreit die Punklady über die Köpfe der anderen dem Fahrer zu. Die beiden Studentinnen werfen sich einen Blick zu und verziehen die Gesichter. „Bis wir da sind“, raunzt der Fahrer zurück. „Und wo ist das?“ fragt die Punkerin mit einer Stimme, der man anhört, dass sie gelernt hat standzuhalten. „Wunstorf, noch ungefähr 10 Minuten“, gibt der Fahrer durch.  Ich drehe mich verstohlen um. Die schwarze Farbe um die Augen ist verwischt, die Wangen sind wirklich sehr hohl.

Ich rücke mir den Rollkoffer zwischen meinen Beinen zurecht. Na, die zehn Minuten werden wir auch noch aushalten. Die Schwarzäugige erzählt den Umstehenden weiter von Tattoos, von Hundeproblemen und anderen Details aus ihrem Leben. Gerade als ich überlege, sie, auch im Namen der anderen Fahrgeäste, zu bitten, doch mal ein bisschen den Mund zu halten, brüllt sie durch den Bus Richtung Fahrer: „Is nicht einfach, was? Sie machen echt nen guten Job, ey!“ Der Fahrer antwortet nichts, brummt nur.

So geht es in die letzten Kurven durch die Straßen von Wunstorf, bis wir vor dem Bahnhofsgebäude zum Halten kommen. Die Türen gehen auf; der Druck im Bus lässt nach; die Schicksalswurst entlädt sich auf das Pflaster der Haltestelle. Die Punkerin hat jetzt wieder beide Hunde auf ihrem Arm. Als sie sich am Fahrer vorbeischiebt, sagt sie „Danke, und Ihnen noch einen schönen Tag!“ Der schaut auf, dreht den Kopf nach ihr und antwortet „Und Ihnen auch!“

Volle Bahn

Als wir endlich in Hannover ankommen, ist der ICE nach Berlin, für den ich ein Ticket habe, natürlich weg. Auf dem Bahnsteig ist dann allerdings unklar, welcher Zug schon weg ist und welcher erst noch kommt. Denn die Züge nach Berlin haben auch Verspätung, werden angekündigt, wieder abgesagt. Ich stehe und warte, was kommen wird. Ein Stück weiter sehe ich die beiden Studentinnen in den Markenklamotten. Der Bahnsteig wimmelt vor Menschen. Sie verteilen sich in der ganzen Länge, um in die Wagen zu drängen, wenn der Zug endlich einfährt. Und dann fährt er ein. Aber er hat nur halbe Länge, kein Doppelzug, wie sonst nach Berlin. Die Menschen von Abschnitt A bis B und von F bis G rennen Richtung Mitte, verdichten das Gewimmel an den Zugenden.

Das kann doch nicht sein, denke ich empört, dass wir da alle rein sollen – zum zweiten Mal an diesem Tag! Empört sind auch die Menschen, die sich an den Türen drängen. Es wird geschimpft. Das ist die Politik der Bahn! Kaputtsparen! Halbe Züge schicken! Denen doch alles egal. Das ist die Politik von dem Mehdorn! Der Zug ist doch sowieso schon voll! Wo sollen wir denn da noch rein?

Wieder denke ich an Kriegszeiten, an die Menschen, die vor Helgoland in Boote gestapelt wurden, oder an die Zugfahrten nach Kriegsende, von denen mir meine Mutter erzählt hat. Kinder und Gepäck wurde durchs Fenster gereicht. Das würde heute gar nicht mehr gehen. Die Hochzeitsreise meiner Eltern endete auf einem Bahnsteig, vom dem sie sich keinen Weg mehr in den übervollen Zug bahnen konnten.

Auch ich sehe keine Chance mehr, drücke, werde gedrückt, bis ich doch noch im Türrahmen klemme. Ein Zugbegleiter steht auf dem Bahnsteig und winkt und schreit. „Das geht nicht, kommen Sie raus! Vorne in der 1. Klasse ist noch etwas mehr Platz, gehen Sie dahin!“ Zusammen mit ein paar anderen lasse ich mich auf den Bahnsteig zurückfallen, wir rennen den Zug entlang bis zur 1. Klasse. Auch dort hat sich inzwischen eine Traube von Einsteigenden gebildet. Mühsam schieben wir uns mit unserem Gepäck durch die Tür und sammeln und sortieren uns erstmal in dem Abteil-Vorraum. Eine Frau in meinem Alter, schmal, hochgewachsen, weißhaarig, schimpft vor sich hin; ihr Mann redet halblaut auf sie ein, versucht, sie zu beruhigen, sie soll sich mit der Situation abfinden.

Das hab ich inzwischen auch getan und mich mit den Gegebenheiten vertraut gemacht. Die 1. Klasse ist natürlich auch voll besetzt. Die großzügigere Anordnung der Sitze lässt auch nicht so viel Platz für Fahrgäste; für diesen Luxus haben sie ja bezahlt. Dafür ist auf dem Boden mehr Platz. Ich lasse mich zu Füßen eines Geschäftsreisenden im besten Vermittlungsalter nieder, der intensiv auf seinen Laptop guckt. Der Mann könnte mein Sohn sein. Was geht durch seinen Kopf? Überlegt er, ob er mir seinen Platz überlassen sollte? Findet er es peinlich, dass ich zu seinen Füßen sitze? Ist er empört, dass die Exklusivität der 1. Klasse flöten geht? Na, mein Problem ist das nicht. Ich lese ein Buch und strecke die Beine über den Gang.

Der Zug setzt sich irgendwann in Bewegung. Wir werden also nach Berlin kommen. Als wir aus Hannover heraus sind, nimmt die Weißhaarige neben mir auf dem Boden Platz; sie hat wohl eingesehen, dass sie besser schlecht sitzt, als bis Berlin zu stehen. Der moralische Druck auf den Geschäftsreisenden, neben dessen Schuhen wir hocken, wird größer – hoffentlich. Aber er hat ja seinen Laptop, an dem er nun auch seine Ohren verstöpselt. Die Frau tauscht ein paar Worte mit mir, dann lassen wir uns in Ruhe.

Vor Berlin-Spandau kommt noch Wolfsburg. Der Zug hält neben den ausladenden Gebäuden des VW-Geländes. Ein Krisenmanager der Deutschen Bahn bittet per Lautsprecherdurchsage inständig darum, auszusteigen und den nächsten Zug zu nehmen; der käme in ein paar Minuten. Keine Reaktion. Dieser Zug sei überfüllt, man könne so nicht weiterfahren. Keine Reaktion, der Bahnsteig bleibt leer. Wirklich, man werde so auf keinen Fall weiterfahren, der Zugführer könne die Verantwortung nicht übernehmen. Wieder nichts. Also man werde den Weg nach Berlin erst fortsetzen, wenn mindestens 50 Leute ausgestiegen seien. Jetzt schauen sich die Menschen, die im Vorraum und in den Gängen stehen, gegenseitig an. Sollen sie es riskieren auszusteigen? Hier steht man, dort könnte man vielleicht sitzen. Aber wer weiß, was die einem alles erzählen, nur um den Zug leerer zu kriegen? Sollen doch andere aussteigen! Aber die anderen denken natürlich genauso. Ich fühle mich nicht betroffen, ich sitze schließlich, wenn auch nicht ordnungsgemäß.

Niemand leistet der Anordnung des Personals Folge. Und wenn es niemand macht, kann auch niemandem etwas passieren. Es wird ein Wartekrieg. Solange der überfüllte Zug nicht aus dem Bahnhof ist, kann der nächste nicht einfahren; der verliert dann auch seinen Takt, undsoweiter. Die Probleme schieben und vermehren sich.

Irgendwann setzt sich der halbierte, überfüllte ICE 4239 von Köln nach Berlin Hbf dann doch wieder in Bewegung – seufzend, schnaufend, schwer beladen. Nein, das war in einer anderen Zeit! Hier schluckt die Technik den Ausnahmezustand. Und niemand sagt dem Zugführer „Hey, Sie haben einen guten Job gemacht!“ Stattdessen suchen die Mitreisenden in ihrem Smartphone nach den Formularen für die Fahrpreiserstattung.

 

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https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2018/11/30/den-anordnungen-des-personals-ist-folge-zu-leisten-ii/

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