Kartoffelnkaputt, aber alle

Heute habe ich sie alle eingeladen, wir machen Kartoffelnkaputt, aber alle, also alle gemeinsam.

Senor Edmilson ist da. Er ist Schmied und Eisenhändler und hat vor 50 Jahren einen Brückenbogen in Salvador besetzt und eine Werkstatt darin gegründet. Nun will die Stadt ihn dort rauswerfen und Kunstateliers ansiedeln. Er schält eine Kartoffel.

Viviane ist gekommen. Sie unterstützt mit ihrer Organisation jährlich hunderte Kleinprojekte in ganz Brasilien. Zum Beispiel Frauen, die als Kleinbäuerinnen ihre Interessen organisieren wollen. Sie schält eine Zwiebel.

Fernanda ist da. Sie ist Rechtsanwältin und berät AnwohnerInnen, die sich gegen Immobilienspekulationen in ihrem Stadtvierel engagieren. Sie reibt Kartoffeln klein.

Talitinha ist da. Sie entwirft Grafiken und bedruckt T-Shirts; mit vermummten Frauen in Kampfposen, also in äußerst freundlichen Kampfposen. Und sie macht zum Beispiel sowas hier. Sie mischt alles durcheinander.

Ludmilla ist gekommen. Sie entwirft mit ihrer Gruppe Mikrointerventionen für den städtischen Raum. Sie stellen zum Beispiel, morgens um fünf Uhr, Holzbetten auf neben Obdachlosen, die auf dem Bürgersteig schlafen. Sie hat ihre Freunde mitgebracht.

Malayka ist da. Er oder sie oder wasweißichwas führt jeden Dienstag durch das Programm einer politischen Drag Queen-Show in Salvador und zeigt sich dort in den schönsten Masken, die ich je gesehen habe. Er dreht eine Tüte.

Es sind noch drei dutzend anderer Menschen gekommen. Alle so: toll und vielseitig und eigen und anders und so schön. Wir wollen über Affirmation reden und über Widerspruch. Wir machen Reibekuchen, es dauert ewig.

Reibekuchen, wird mir klar, kann zwar ein Open-Source-Essen sein, aber ein scheiß Open-Source-Essen. Reibekuchen machen für drei dutzend Leute, kollaborativ, das zeigt, wie einfältig alles ist, wie ausdauernd alles sein muss, wie dreckig alles wird. Klar, am Ende schmeckt es. Aber der Weg dahin – Arbeit.

Es dauert zwei Stunden bis jede*_()!R (ich mache mal vorsichtshalber ein paar mehr Zeichen ins Wort) ein Probierexemplar bekommt; mit bekömmlichem Apfelmus. Dann reden wir über Gemeinsamkeiten, aber eigentlich reden wir mehr über Trennendes.

Ich zeige mich: Das ist, womit ich mich beschäftige. 30 Minuten lang. Nofretete und Artúr und Peng und Zentrum und Schlagmichtot. Affirmation und Widerspruch. Das, dieses Sichzeigen, war so gedacht als Anknüpfungspunkt, als die Eröffnung von etwas, als Dialogmöglichkeit. Denn, überhaupt, als weißer Ausländer in Salvador zu sprechen, so empfinde ich das jedenfalls, ist fast schon eine Anmaßung. Es wird ein Gespräch über Räume und Linien und über soziale Positionen. Es wird ein gutes, ein emotionales Gespräch, auch ein verstörendes, über die Frage: Warum musst Du wissen wo Du herkommst, bevor Du etwas sagen darfst?

Darüber werde ich bald noch berichten.

 

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