vonlukasmeisner 23.01.2023

Kriterium

Die Rechnung 'Krise vs. System' geht nicht auf. Was wir brauchen, ist eine Kritik am System der Krise.

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Es lässt sich gewiss leicht in Frage stellen, ob Marx seinerzeit mit allem recht hatte, wie es vor einigen Jahren ein Buch Terry Eagletons polemisch (nur) in seinem Titel vertrat – war Marx doch auch Kind des 19. Jahrhunderts, seines problematischen Fortschritts-, Technik-, Produktivitäts- und Notwendigkeitsglaubens. Wer, dessen ungeachtet, weitgehend recht behalten hat, ist der analytisch-synthetische Gesamtkomplex des Marxismus. Das gilt insbesondere für jenen Marxismus, der in schärfstem Kontrast sowohl zum Stalinismus wie zur Sozialdemokratie und zum Linksliberalismus steht, ohne den Marxschen Boden je zu verlassen.

Jahre nach Eagletons Beweisführung der Aktualität zentraler Marxscher Paradigmen hat Axel Honneth 2015 ein Buch vorgelegt, das als Weigerung, den Marxismus zu erneuern, gelesen werden kann – wenn nicht als Wunsch, ihn weiter zu verabschieden. Und das, obwohl es ausgerechnet den Sozialismus bzw. immerhin seine ‚Idee‘ erneut theoretisieren will. Es soll nun nicht um Honneth gehen, sondern – genauer – um die Widerlegung jenes Elends der Philosophie, das sich selbst gern ‚Postmarxismus‘ tauft. Kurz, es soll darum gehen, in aller Kürze drei klischierte Antimarxismen zu widerlegen, um gegen gefällige Theorietrends zur Erneuerung des Marxismus beizutragen – ohne dass Marx darum freilich in allem, was er vor anderthalb Jahrhunderten geschrieben hat, recht zu geben wäre.

1. Laut Honneth (et al.) verenge der Marxismus das Politische auf die Wirtschaftssphäre, womit er etwa die Sphären des Staates und der Zivilgesellschaft – neben vielen weiteren sich ausdifferenzierenden Sphären moderner Gesellschaften – ausgerechnet in ihrer Politizität ausgespart hätte. Diese Lesart ist ein Missverständnis, das nicht zuletzt auf einer verfehlten Interpretation der Moderne beruht. Marx ging es gerade nicht darum, dass alles ‚Nichtwirtschaftliche‘ künftig ‚ökonomisiert‘ zu sein habe, noch darum, dass lediglich ein Mitbestimmungsrecht über eine abgetrennte ‚wirtschaftliche Sphäre‘ eingeführt werden solle. Vielmehr ging es ihm darum, das Politische aus seiner einseitigen Fixierung auf das Staatlich-Zivilgesellschaftliche zu lösen und es zu seiner eigenen Konsequenz zu treiben, indem es auch aus Wirtschaft, Wissenschaft und Technik nicht ausgeschlossen bleibt. Diese Marxsche Ausweitung des Politischen – das heißt hier: des Demokratischen – aufs Wirtschaftliche ist bereits für die eigene Fortexistenz der Politik und ihres Primats vonnöten, weil ‚kapitalistische Wirtschaft‘ per definitionem nie ‚nur Wirtschaft‘ bleibt. Als Vergesellschaftungs- und Subjektivierungsform ist sie eben nur zu begreifen, indem nachverfolgt wird, wie ihre Prämissen und Prozesslogiken die ‚Gesamtheit der modernen Gesellschaft‘ überhaupt erst formiert haben durch die eigenen Entbettungsschübe. Schließlich sind es gerade die Systemdifferenzierungen der Moderne, die in ihrer Totalität auf die kapitalistische Arbeitsteilung zurückgehen – statt dass moderne Differenzierung ‚Staat‘, ‚Öffentlichkeit‘, ‚Wissenschaft‘ usw. abstrakt von einem isoliert ‚Ökonomischen‘ abspaltete. Deswegen muss das Politische, um reappropriiert zu werden, auch auf die Wirtschaftssphäre, genauer: auf den wissenschaftlich-technisch-ökonomischen Komplex ausgedehnt werden. Ohne diese Ausdehnung ist soziale Freiheit so undenkbar wie un(ver-)handelbar. Denn ohne Wirtschaftsdemokratie verbleibt Demokratie in einem depolitisierten Formalismus.

2. Laut Honneth (et al.) gilt ‚dem Marxismus‘ das Industrieproletariat zudem als prädestinierte revolutionäre Klasse. Diese altbekannte Rüge basiert in erster Linie auf einer Verkürzung. Zwar ist es berechtigt, etwa mit der Wertkritik die Fetischisierung der Produktivität und die damit einhergehende Vergötzung der Arbeit zu kritisieren. Doch folgt daraus keineswegs, dass es – wundersamerweise – keine Arbteiter*inneklasse mehr gebe. Das Proletariat ist nicht notwendig gleichzusetzen mit dem Industrieproletariat. Dass das Proletariat sich inzwischen teils verstärkt aus dem Dienstleistungssektor zusammensetzt, hat es in seiner inneren Komposition verändert, nicht in seiner Existenz. Auch im Westen hat die Verkleinbürgerlichung des Proletariats durch den Konsumerismus seit dem Zweiten Weltkrieg und seine ‚bürgerliche‘ Reaktivierung unter neoliberalen Prekarisierungsimperativen speziell seit dem späten 20. Jahrhundert nichts daran geändert, dass das Proletariat die demokratische Mehrheit bleibt – und als ‚entrechtete‘ doch weiter exkludiert ist aus den entscheidenden Entscheidungen politischer Ökonomie. Hier geht es um Grundsätzliches: Solange es Kapitalismus gibt, gibt es Ausbeutung, und gibt es folglich das Proletariat, und ist Revolution somit objektiv geboten. Daran hat weder der Keynesianismus noch der Neoliberalismus, weder der Fordismus noch der Toyotismus auch nur das Geringste modifiziert. Das Interesse des Proletariats an einer radikalen Version der Wirtschaftsdemokratie bleibt objektiv gegen Ausbeutung gerichtet, ob Proletarier*innen nun in der Fabrik oder vor dem Bildschirm arbeiten. Es bedarf, heißt das gegen alle Postmodernisierungen des Politik-Begriffs, keines ‚free-floating signifiers‘ und keines affektiven Populismus zur Politisierung – sondern es bedarf der rationalen Einsicht in die eigenen objektiven Interessen. Was verlorenging, ist darum auch nicht ‚das Proletariat‘, sondern seine Theorie, ohne welche die intersubjektive Dynamik des Revolutionären nicht denkbar und entsprechend auch nicht umsetzbar ist. Gerade eine solche Theorie der Revolution aber hatte in Marx ihren profundesten Vertreter.

3. Laut Honneth (et al.) ist ‚der Marxismus‘, vor allem in seiner ‚wissenschaftlichen‘ Form, per se eine Geschichtsphilosophie linearer Fortschrittsdeterminiertheit. Diese Behauptung ist nach 150 Jahren Marxismus als falsch zu bewerten. Gerade marxistische Wissenschaft muss nicht auf teleologische Naturalisierungen reduziert bleiben, denn sie war seit je und bleibt bis heute mehr. Etwa ihr ‚historischer Materialismus‘ lässt sich – neben seinem analytisch-materialistischen Gehalt – als performative Historiographie verstehen, die Objektivität (Ökonomie) dialektisch mit Subjektivität (Gesellschaft) vermitteln will, statt diese künstlich – vorkritisch – zu trennen. In diesem Sinn wird historischer Materialismus zum Kern einer gegenhegemonial-aktivistischen (Ideologie-)Theorie und als solche Theorie explizit Dekonstruktion naturalisierender Gesetzesfixiertheit. Gleichsam lässt sich wissenschaftlicher Marxismus so wenig subjektiv-idealistisch oder nach bloßen Theoriemoden in Luft auflösen wie irgendeine andere wissenschaftliche Tatsache. Denn es bleiben Fakten: Die Ausbeutung ist dem Kapitalismus notwendig eingeschrieben als konkrete Seite seiner realabstrahierenden Verwertung von Lebenstätigkeit. Und die damit einhergehenden Interessen des Proletariats bezüglich einer Überwindung des Kapitalismus – einer Rückverwandlung des konstanten Kapitals in materielle Kultur – sind in dem Grad objektiv statt metaphysische Spekulation der Zuschreibung, als Ausbeutung selbst eine objektiv ökonomische Struktur und nicht nur eine subjektiv moralische Empörung beschreibt. Der Marxismus ist damit nicht bloß eine zuallermindest falsifizierbare Analyse der kapitalistischen Realität, sondern auch eine ideologiekritische Methode – und aus diesen beiden Elementen speist sich seine Wissenschaftlichkeit. Deren zweite Dimension, die Ideologiekritik, eignet sich gegen alle szientistische Objektivierung zur intersubjektiven Reifung in die objektiven Möglichkeiten des Transkapitalismus, welche gerade im Zurückdrängen des Reichs der Notwendigkeit wie der Not bedingt sind – also in der Abschaffung der Arbeit und der Überwindung ihrer Entfremdung.

Der Marxismus hat alles in allem recht behalten bis in unsere Zeit, sofern mitbedacht wird, dass die Marxschen Analysen und Methoden – in Marxens eigenem Sinne – erst in ihrer Historisierung und Praktizierung ihre tiefste Wahrheit entfalten. Unverändert blieb 1.: Nur in einer gesellschaftsweiten Wirtschaftsdemokratie ließe sich Demokratie substanziell politisch realisieren. 2.: Das Proletariat ist nicht nur nicht verschwunden, sondern unverändert im Herzen jeder Perspektive, die über Ausbeutung, Entfremdung und Verdinglichung hinausweist. 3. Der historische Materialismus ist nicht metaphysische Teleologie linearer Fortschrittsgläubigkeit, sondern eine praktische Theorie über die Möglichkeiten und Grenzen revolutionärer Aktion und politischer Hoffnung der jeweiligen Gegenwart. Weil ‚der Marxismus‘ insgesamt nun weder nur weltanschauliche Doktrin ist noch bloße philosophische Schule, sondern zuallererst wissenschaftliche Methode, ist er ‚postmarxistisch‘ nur unwissenschaftlich zu verabschieden. Diese Einsicht dämmert auf in der Renaissance des wissenschaftlichen Marxismus seit der Finanzkrise 2007/8 und inmitten der Krise (neo-)liberaler Hegemonie.

Insofern lässt sich zusammenfassen: Marx hatte sicher nicht mit allem recht; aber um ihn konstruktiv weiterzuentwickeln, gibt es nichts, was so geeignet wäre wie ‚der Marxismus‘. Marx meinte bekanntlich über sich selbst, dass er kein Marxist sei. Heuristisch ist das Resultat dessen nicht nur, dass Marx den Marxismus korrigieren sollte, sondern auch, dass der Marxismus Marx weiterentwickeln kann. Das sind die zwei produktivsten Wege, aus Orthodoxie und Revisionismus gleichermaßen herauszukommen wie aus allen Antikommunismen und ‚Postmarxismen‘.

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