vonkritisch betrachtet 08.03.2021

kritisch betrachtet

Kontroverse Themen fazinieren Katharina Sophie Hübener seit ihrer Jugend, von Gesellschaft über Politik bis hin zur Wirtschaft beleuchtet sie aktuelle "heiß diskutierte" Thematiken.

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Die Corona-Pandemie hat die seit 2020 fest in ihrem Griff. Für die Menschen und die Wirtschaft sind die Einschränkungen eine enorme Belastung. Immer wieder wird die Herdenimmunität als einzige Lösung thematisiert, zurück zur Normalität zu gelangen. Ein wichtiger Baustein hin zur Normalität sind die Impfungen gegen das Corona-Virus. Mit der größten Impfkampagne in der Geschichte der Bundesrepublik sollen die Bundesbürger vor dem tödlichen Virus geschützt werden. In der Gesellschaft herrscht jedoch eine große Skepsis gegenüber den verfügbaren Impfstoffen und dem Impfen allgemein. Diese Skepsis ist nicht neu. Alles zum Thema Impfen und den Möglichkeiten der Medizin erklärt dieser Blog.

Die jahrhundertealte Methode

Schutzimpfungen sind seit Jahrhunderten eine der sichersten Methoden, Menschen vor einer gefährlichen Krankheit zu schützen. Die erste Impfung der Welt erfolgte bereits im frühen 18. Jahrhundert. In dieser Zeit erkrankten Menschen in Europa und Asien besonders häufig an den Pocken. Die Sterblichkeitsrate bei dieser Krankheit betrug damals mehr als 15 Prozent. Von 100 erkrankten Personen starben 15 bis 20 Infizierte an den Pocken. In den asiatischen Ländern war es seit Jahrhunderten üblich, bisher nicht erkrankte Personen absichtlich mit dem Pocken-Virus zu infizieren. Sie haben daraufhin in der Folge eine leichte Erkrankung erfahren. Für ihr weiteres Leben waren sie dauerhaft vor den Pocken geschützt. Die Immunität verhinderte eine Erkrankung mit schwerem bis tödlichem Verlauf. Das Wissen aus Asien ist mit der Zeit bis nach Europa vorgedrungen. Den ersten Beweis für eine wirksame Impfung gegen die Pocken gelang dem englischen Landarzt Edward Jenner 1796. In Windeseile setzte sich die Impfung gegen die Krankheit auf der ganzen Welt durch. Das Wissen wurde bis nach Amerika getragen.

Die Geschichte der Impfpflicht in Deutschland

Pocken war in der damaligen Zeit eine todbringende Krankheit, die nur schwer zu kontrollieren war. Die wirksame Impfung gegen die Krankheit veranlasste das Königreich Bayern sowie das Großherzogtum Hessen dazu, bereits 1807 die erste Pflichtimpfung auf deutschem Territorium zu veranlassen. Andere deutsche Staaten führten die Impfpflicht erst später ein. In Preußen mussten 1871 erst 125.000 Menschen an der Krankheit sterben, bevor das Reichsimpfgesetz eine Impfpflicht festlegte.Die Pflicht zu bestimmten Impfungen besteht in Deutschland nur noch sehr eingeschränkt, etwa für Kleinkinder. Festgelegt wird die Impfempfehlung gemeinsam vom Bundesministerium für Gesundheit und der Ständigen Impfkommission (STIKO). Die Kommission setzt sich regelmäßig zusammen und entscheidet, welche Impfungen sie für empfehlenswert hält. Entscheidend für die Empfehlung ist die aktuelle Verbreitung bestimmter Krankheiten, für die es bereits einen wirksamen Impfschutz gibt. Abhängig ist die ausgesprochene Empfehlung der STIKO von verschiedenen Faktoren. Das Alter, das Geschlecht, die Art der Vorerkrankungen sowie der Beruf spielen bei der Entscheidungsfindung eine Rolle. Generell wird empfohlen, die Mehrzahl der verfügbaren Impfungen bereits im Kindesalter zu erhalten. Manche Wirkungen lassen mit der Zeit nach, daher ist eine Auffrischung nach einem bestimmten Zeitraum ratsam.

Hohe Akzeptanz bei Schutzimpfungen

Die Impfungen im Kindesalter haben in den vergangenen Jahren einen deutlichen Zuspruch erfahren. Zwar ist in der Presse wiederholt von Impfgegner die Rede, die ihre Kinder aus Skepsis nicht impfen lassen. Vom Aufstand der Aluhüte  ist die Rede. Kontinuierlich sind die Impfquoten für Kinder im vergangenen Jahrzehnt gestiegen. Die Akzeptanz ist jedoch unterschiedlich. So besteht etwa bei der Schutzimpfung gegen Masern ein Defizit bei der erforderlichen zweiten Impfung. Erst der zweite Stich mit der Nadel führt zum vollständigen Schutz.Eine Vielzahl von Masernfällen in Deutschland haben die Bundesregierung im Jahr 2020 dazu veranlasst, die Masernimpfung strikter zu regeln. Verpflichtend ist die Impfung für alle Personen, die in einer Gemeinschaftseinrichtung tätig sind. Damit gilt das Gesetz auch für alle Kinder, die in einem Kindergarten, Hort oder sonstigen Gemeinschaftseinrichtung betreut werden.
Bei Aufnahme müssen die Eltern fortan einen Schutz nachweisen. Betroffen von der Impfpflicht sind ferner auch alle Personen, die in einer Gemeinschaftseinrichtung tätig sind. Darunter fallen beispielsweise Erzieher in einem Hort. Auch Pflegekräfte, Logopäden, Ergo-, Physio- oder Sprachtherapeuten oder ehrenamtliche Mitarbeiter müssen die Schutzimpfung nachweisen.

Impfschutz ist zu belegen

Der Nachweis erfolgt am einfachsten, wenn der Masernschutz aus dem Impfpass einer Person hervorgeht. Ist der Pass nicht mehr vorhanden, kann über eine Bestimmung der Blutwerte ein wirksamer Schutz nachgewiesen werden. Für Erwachsene empfiehlt es sich, eine Auffrischung in Anspruch zu nehmen. Die Kosten für eine erneute Masernschutzimpfung beim Hausarzt werden bei allen gesetzlich versicherten Personen von der Krankenkasse übernommen.Die Übernahme der Kosten ist bei allen Impfungen gesetzlich vorgeschrieben, für die in Deutschland eine Empfehlung ausgesprochen ist. Viele Krankenkassen übernehmen darüber hinaus die Kosten für weitere, nicht empfohlene Impfungen. Vor Reisen in tropische Gebiete ist die Gelbfieberimpfung empfohlen. In Deutschland liegt dafür keine Empfehlung vor, da die Krankheit hierzulande nicht auftritt. Dennoch übernehmen manche Kassen auf Antrag die Kosten dafür. Kommt eine impfpflichtige Person der Aufforderung nicht nach, droht ihr ein Bußgeld. Im schlimmsten Fall droht eine Geldbuße von bis zu 2.500 Euro. Anschließend kann ein weiteres Zwangsgeld verhängt werden. Unter Umständen ist eine Befreiung von der Impfpflicht möglich, etwa bei Personen mit einer allergischen Reaktion gegen den Impfstoff. Eine Befreiung ist eine Einzelfallentscheidung und final vom örtlichen Gesundheitsamt zu bestätigen.

Empfohlene Impfungen in Deutschland

Die STIKO ist das entscheidende Gremium, das die Impfratschläge ausspricht und Informationen und Empfehlungen zu Impfungen verfasst. Das erfolgt in einem engen Austausch mit weiteren Organisationen. Durch die Corona-Pandemie ist das Robert-Koch-Institut mit Sitz in Berlin deutschlandweit bekanntgeworden. Das Institut ist bei der Entscheidungsfindung ebenso stimmberechtigt wie das Paul-Ehrlich-Institut in Langen. Es ist das deutsche Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel.
Für Kinder sind unter anderem folgende Impfungen empfohlen:
• Windpocken
• Meningokokken C
• Masern
• Hepatitis B
• Diphtherie
• Hämophilie Influenza Typ b (Hib)
• Rotaviren
• Röteln
• Wundstarrkrampf
Empfohlene Impfungen für Erwachsene sind unter anderem:
• Masern
• Diphtherie
• Pertussis
• Wundstarrkrampf
• Poliomyelitis
Zusätzlich hat die STIKO Impfempfehlungen für bestimmte Risikogruppen sowie deren Angehörige ausgesprochen. Folgende Impfungen sind unter anderem empfohlen:
• Meningokokken
• Pneumokokken
• Röteln
• Influenza (Grippe)
• Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)
• Hepatitis A und B

Empfehlung ist keine Pflicht

Kritiker in der aktuellen Corona-Pandemie setzen sich massiv gegen eine Pflichtimpfung gegen das Virus ein. Dabei gibt es in Deutschland keine Verpflichtung, sich gegen seinen Willen impfen lassen zu müssen. Eine Impfpflicht ist aus rechtlicher Sicht nur schwer durchzusetzen und verstößt gegen die im Grundgesetz zugesicherten Grundrechte eines Bundesbürgers. So besteht auch durch das Masernschutzgesetz keine Impfpflicht, sondern nur eine Empfehlung.
Beim Masernschutzgesetz handelt es sich rechtlich gesehen jedoch um eine sogenannte Impfpflicht durch die Hintertür. Niemand wird zur Impfung gezwungen, nicht geimpfte Personen erleiden jedoch Nachteile im Alltag. So dürfen etwa nicht gegen Masern geimpfte Kinder nicht in einer Gemeinschaftseinrichtung wie einen Kindergarten betreut werden. Angestellte und ehrenamtliche Mitarbeiter ist die Arbeit in einer Gemeinschaftseinrichtung untersagt, wenn sie keinen wirksamen Impfschutz gegen Masern vorweisen können.Im Zuge der Corona-Pandemie hat diese Praxis für große Empörung gesorgt. Kritiker sprechen von Impf-Privilegien für Personen, die sich freiwillig gegen das Corona-Virus impfen lassen. Experten widersprechen diesen Aussagen. Geimpfte Personen erhalten keine Privilegien, sie können schlicht ihre Grundrechte uneingeschränkt ausüben. Die Skepsis gegenüber der Impfung gegen Corona verstehen Mediziner und Virologen nicht.

Sorge vor dem Impfstoff

Im aktuellen Fall um die Impfungen gegen Covid-19 sind die Argumente der Kritiker anders als bei anderen Schutzimpfungen, etwa gegen Masern. Ihnen bereitet die schnelle Entwicklung und Zulassung der diversen Impfstoffe gegen das Corona-Virus Sorgen. Tatsächlich vergehen von der Entwicklung bis zur Marktzulassung bei anderen Medikamenten mindestens ein paar Jahre. Im Falle der Impfstoffe gegen das neuartige Corona-Virus standen die ersten Präparate bereits nach einigen Monaten zur Verfügung. Skeptiker vermuten, dass das hohe Tempo sich negativ auf die Sicherheit auswirke und Langzeitfolgen nicht ausreichend untersucht wurden.Diese Sorge ist gerade in Europa jedoch unbegründet. Die schnelle Entwicklung eines Impfstoffes ist den gigantischen finanziellen Möglichkeiten geschuldet. Die Unternehmen wie das in Mainz beheimatete Biotechnologieunternehmen BioNTech erhielten von der Politik finanzielle Unterstützung in Milliardenhöhe. Sie konnten dadurch deutlich intensiver und schneller an einem Impfstoff forschen.
Auch bei der Zulassung wurde auf das Gaspedal gedrückt. Dauert ein Zulassungsprozess in Europa sonst mehrere Monate bis Jahre, waren die Experten dieses Mal zur effizienten Arbeit angehalten. Die detaillierte Prüfung der Zulassungsunterlagen wurde zudem parallel zu den weiteren Studien der Unternehmen durchgeführt. Dadurch konnte eine Menge Zeit gespart werden. Für gewöhnlich erfolgt eine Prüfung erst nach Eingang aller Unterlagen. Die schnellere Prüfung ist kein Hinweis auf eine schlechtere Wirksamkeit oder geringere Sicherheit für die Patienten, die sich gegen Corona impfen lassen.

Neuartige Impfstoffe im Einsatz

Für die Medizin ist die schnelle Marktzulassung von Impfstoffen gegen Covid-19 ein großer Erfolg. Er basiert auch auf die Entwicklung eines neuartigen Impfstoffes, den sogenannten mRNA-Impfstoffen. Sie haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen Impfstofftypen. Ein mRNA-Impfstoff ist leichter herzustellen und zusätzlich leichter anpassbar. Angesicht der Ausbreitung von Mutanten des Virus kann ein mRNA-Impfstoff an die veränderte Mutation angepasst werden. Sie gehören zur Medizintechnik der Zukunft.Nicht weniger verlässlich sind Vektorimpfstoffe. Sie werden seit vielen Jahrzehnten gegen diverse andere Krankheiten eingesetzt und haben sich bewährt. Vektorimpfstoffe sind im Kampf gegen Ebola oder das Denguefieber seit langer Zeit im Einsatz.Im Kern haben ein mRNA-Impfstoff und ein Vektorimpfstoff dasselbe Ziel. Sie sollen den Körper dazu animieren, Spike-Proteine herzustellen. Ein mRNA-Impfstoff enthält die Baupläne, die der Körper zur Herstellung der Spike-Proteine benötigt. Sie sind identisch mit den Spike-Proteinen des Corona-Virus, lösen jedoch keine Infektion aus. Der Körper erkennt die Proteine und entwickelt eine Immunantwort. Kommt es tatsächlich zu einer Corona-Infektion, erkennt der Körper umgehend das schädliche Virus und setzt es außer Gefecht.Etwas anders ist die Wirkung eines Vektorimpfstoffes. Damit der Körper auch hier die Spike-Proteine herstellen kann, wird ein echtes Virus als Transportmittel geimpft. Das Virus wird als Vektor bezeichnet und ist für den Menschen harmlos. Es dringt in menschliche Zellen ein und löst eine Immunantwort aus. Ein Vektorimpfstoff erhält die echte DNA des gefährlichen Virus, während ein mRNA-Impfstoff nur die Kopie liefert. Beide Impfstoffarten schützen jedoch gleichermaßen vor einer schweren Erkrankung.

Nebenwirkungen nicht überraschend

Impfungen in der Europäischen Union sind sicher. Hohe Standards bei der Zulassung gewähren einen größtmöglichen Schutz für alle geimpften Personen. Impfreaktionen sind in vielen Fällen jedoch nicht auszuschließen. Typische Beschwerden nach einer Impfung sind Einschränkungen und Beschweren direkt an der Punktionsstelle.
Dazu zählen Rötungen, Schwellungen oder Schmerzen an der betroffenen Stelle. Diese Beschwerden sind bei einer Corona-Infektion ebenso möglich wie bei jeder anderen Impfung auch. Dazu zählen weitere Reaktionen wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und Müdigkeit. Das sind typische Reaktionen, die eine Antwort des Immunsystems auf den Wirkstoff zeigen. In fast allen Fällen verschwinden die Beschwerden nach wenigen Tagen komplett.
Bei allen Medikamenten sind Nebenwirkungen nicht komplett auszuschließen. Die sogenannten unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) sind bei Impfungen sehr selten. Alle Fälle, in denen es zu schwerwiegenden Impfkomplikationen kommt, sind in Deutschland an ein Gesundheitsamt zu melden. Das gilt auch für alle Verdachtsfälle. Sowohl Verdachtsfälle wie auch bestätigte Fälle werden in einer Datenbank festgehalten. Häufen sich die Fälle, erfolgt eine Untersuchung. Bei zugelassenen Medikamenten sind diese Fälle äußerst selten. Das gilt bei Impfungen gegen das neuartige Corona-Virus ebenfalls.

Haftung bei Impfschäden

Gehen die unerwünschten Arzneimittelwirkungen über ein vertretbares Limit hinaus, spricht man in der Medizin von Impfschäden. Sie sind niemals ganz auszuschließen, das Risiko kann selbst in umfangreichen und komplexen Studien niemals ausgeschlossen werden. Dafür ist das menschliche Immunsystem zu komplex.Das Infektionsschutzgesetz regelt deutlich die Ansprüche, die Personen bei auftretenden Impfschäden haben. Erleidet eine Person durch eine öffentlich empfohlene Schutzimpfung einen Impfschaden, besteht ein Anrecht auf Versorgung nach dem Bundesversorgungsgesetz. Dazu zählt beispielsweise auch eine monatliche Rente bei Arbeitsunfähigkeit. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für alle Behandlungen, die medizinisch indiziert sind. Privat versicherte Personen sind ebenfalls komplett abgesichert und können alle Kosten bei ihrem Versicherungsanbieter geltend machen.

Herdenimmunität ist das Ziel

Die meisten Experten sind sich sicher – das Corona-Virus wird erst verschwinden, wenn eine Herdenimmunität erreicht ist. Sind ausreichend viele Menschen gegen das Virus geimpft, sinkt die Ansteckungsgefahr auch für ungeimpfte Personen. Die Herdenimmunität funktioniert bei allen Infektionskrankheiten, nicht nur bei Covid-19.
Sie ist erst dann gegeben, wenn möglichst viele Menschen geimpft sind oder die Erkrankung durchgemacht haben. Sie können das Virus dann nicht mehr weitertragen und schützen somit auch Personen vor einer Ansteckung, bei denen das Immunsystem noch keine Immunantwort bilden konnte. Wie hoch die Herdenimmunität in Deutschland sein muss, bis das Virus ausgerottet ist, kann derzeit nicht eindeutig geklärt werden. Es ist davon auszugehen, dass weit mehr als 75 Prozent der Bundesbürger immun gegen das Virus sein müssen.

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