vonkritisch betrachtet 04.11.2020

kritisch betrachtet

Kontroverse Themen fazinieren Katharina Sophie Hübener seit ihrer Jugend, von Gesellschaft über Politik bis hin zur Wirtschaft beleuchtet sie aktuelle "heiß diskutierte" Thematiken.

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Unter Gentrifizierung versteht man einen sozioökonomischen Strukturwandel ganzer Viertel in Großstädten, der mit einem kompletten Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen einhergeht. Eine Entwicklung, die bereits seit den 1950er- und 1960er-Jahren zu beobachten ist. 

Vereinfacht dargestellt läuft die Gentrifizierung in den Großstädten so ab: Oft gibt es in der Stadt ein etwas heruntergekommenes Stadtviertel mit viel freier Wohnfläche von minderer Qualität, welches zu günstigen Mietpreisen angeboten wird. Diese niedrigen Mietpreise locken wiederum junge Menschen, Studenten und Künstler an, die dann dort leben, arbeiten und ihre Kunst präsentieren. Sie treffen sich in den Kneipen und Lokalen, und die steigende Nachfrage sorgt für das Entstehen von neuen Kneipen und Lokalen sowie für die Ansiedlung von Geschäften, Kiosken sowie kleinen Kunstläden und Galerien. Es entsteht eine quirlige Szene der Jugend, Studenten und Künstler, voll von Lebensfreude, Partykultur und Inspiration. Diese Szene lockt wiederum auch andere Besucher an. So entsteht nach und nach aus dem ehemaligen, etwas herunter- gekommenen und unattraktivem Stadtviertel plötzlich ein angesagtes Szene-Viertel. Dies steigert die Attraktivität des Viertels und lockt auch zahlungskräftigere Bevölkerungsschichten an, die sich in diesem Szene-Viertel ansiedeln wollen.

Diese neue Bevölkerungsschicht ist jedoch nicht mit dem einfachen Wohnstandart zufrieden, schnell werden Wohnungen aufwendig saniert und aufgewertet. Diese Nachfrage an höherwertigem Wohnraum lockt wiederum Investoren an, die nach und nach nahezu alle alten Gebäude sanieren und hochwertigen Wohnraum schaffen. Am Ende dieser Entwicklung ist die Mietpreisentwicklung im gesamten Viertel so hoch angestiegen, dass sich die jungen Menschen, Studenten und viele Künstler diese Mieten nicht mehr leisten können und wegziehen müssen. Am Ende ist die gesamte Szene verschwunden und aus dem ehemaligen Szene-Viertel entstand ein hochwertiges Wohnviertel für die gehobene Mittelklasse und Oberschicht. Die Szene muss sich ein neues Viertel suchen, mit günstigen Mieten und einfachem Wohnraum. Dann beginnt das gleiche Spiel von vorn, bis die gesamte Stadt aufgewertet ist und kein einziges preiswertes Viertel mehr übrig ist.

Und genau diese Entwicklung der Gentrifizierung kann man in Berlin im Zeitraffer beobachten. Die Stadt Berlin schlummerte über Jahrzehnte im wahren Dornröschenschlaf. Zu Zeiten der deutschen Teilung und des geteilten Berlins herrschte in West-Berlin eine ganz spezielle Stimmung. Die Insellage dieser westlichen kapitalistischen Stadt inmitten des unmenschlichen sozialistischen Regimes der DDR, schreckte viele Menschen ab. Nur ganz speziell gestrickte Menschen zogen nach West-Berlin. Etliche Bürger kehrten der Stadt den Rücken zu und zog davon. So war West-Berlin eine der wenigen europäischen Großstädte, deren Bevölkerung schrumpfte. Nach dem Zusammenbruch der DDR und der Öffnung der Grenzen begann auch in Ost-Berlin der große „Aderlass“, vor allem die jungen Menschen verließen die Stadt und zogen in den Westen Deutschlands, um dort Arbeit und höheres Einkommen zu finden. In der Folge standen auf einmal ganze Wohnblöcke und Straßenzüge leer. Und die finanzschwache Stadt Berlin erbte Hunderttausende Mietwohnungen, oft in schlechtem und vernachlässigtem Zustand. Die leeren Kassen Berlins machten eine rasche Sanierung dieses riesigen Wohnraums unmöglich. Ein Großteil der Mietwohnungen musste verkauft, ja mangels Nachfrage nahezu verschenkt werden. Nach der Wiedervereinigung und auch etliche Jahre danach gab es lange ein Überangebot an preiswertem, jedoch eher minderwertigem Wohnraum. Und dieser lockte die jungen Menschen, Studenten und Künstler in großer Zahl nach Berlin. Immer schneller entstanden die neuen Szene-Viertel auch in Berlin. Die Stadt Berlin war auf einmal die am schnellsten wachsende Großstadt Europas. Und dazu auch noch die mit Abstand billigste Großstadt, nirgends in Europa gab es so preiswerten Wohnraum wie in Berlin, darin sind sich die führenden Berliner Immobilienbewertungsexperten einig. Dadurch wurden immer mehr junge und hippe Menschen angezogen und ließ immer mehr Szene-Viertel entstehen. Diese angesagten Szene-Viertel lockten wiederum finanziell bessergestellte Bevölkerungsschichten und Investoren an.

So kann man hier dieses „Spiel“ vom Entstehen und sterben der Szene-Vierteln in kurzen Zeiträumen beobachten. Die „Karawane“ von Szene-Menschen, Neureichen und Investoren zieht hier von Viertel zu Viertel. Beginnend in Mitte, Kreuzberg, Charlottenburg, Wilmersdorf, Friedrichshain, Lichtenberg und so weiter. Immer im Groben der gleiche Ablauf, günstige Mieten locken junge Menschen, Studenten und Künstler an, es entsteht ein angesagtes buntes Szene-Viertel, dieses zieht wiederum die Besserverdiener und Investoren nach sich. Viertel um Viertel und Stadtteil um Stadtteil werden zu gefragten Wohngebieten mit schnell steigenden Mietpreisen. Verlierer dieser Entwicklung sind vor allem die „Altmieter“, die schon sehr lange in „ihrem“ Viertel wohnen und dieses eigentlich auch nicht verlassen wollen, jedoch die steigenden Mieten nicht mehr bezahlen können. Die sich ständig erneuernde „Szene“ zieht einfach in das nächste Viertel weiter und baut dieses nach ihren Wünschen auf. Dieses überwiegend sogar fast freiwillig und nahezu problemlos. Doch die „Altmieter“ werden aus ihrem Lebensmittelpunkt vertrieben, und dies oft nach Jahrzehnten, die diese Menschen dort lebten. Der Prozess der Gentrifizierung ist in nahezu allen größeren Städten der Welt zu beobachten, dies ist kein Deutsches oder Berliner Problem. Es ist die logische Folge von Angebot und Nachfrage. 

Ist diese allgemeine Entwicklung zu stoppen? 

Theoretisch ja, dazu müsste der Wohnraum in hohem Maße sozialisiert werden, also in das staatliche Eigentum überführt werden. Dann können auch die Mietpreise unabhängig vom Markt festlegt werden. Aber dies ist eine rein theoretische Möglichkeit, in der Praxis haben die Städte, Kommunen und Länder nicht die finanziellen Mittel, um Wohnraum in relevanter Anzahl zu kaufen oder zu errichten. Und selbst wenn städtische oder kommunale Bauträger Wohnraum schaffen, dann orientieren diese sich bei den Mietpreisen oft auch am Markt, sind also letztendlich nicht wesentlich billiger. Eine andere theoretische Möglichkeit wäre eine gesetzliche Festlegung der Mietpreise, auch für private Vermieter. Dies schreckt jedoch Investoren ab und führt dazu, dass auch in Bestandsobjekte nicht mehr investiert wird. Die Wohnhäuser verkommen und verfallen letztendlich.  Alle bisherigen Versuche, die Mietpreissteigerungen und die Gentrifizierung zu stoppen, sind gescheitert. Und ich sehe auch keine real funktionierende Möglichkeit, sich den Gesetzen des Marktes und der Entwicklung zu widersetzten. Dies ist nahezu ein Naturgesetz!

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