vonkritisch betrachtet 20.05.2021

kritisch betrachtet

Kontroverse Themen fazinieren Katharina Sophie Hübener seit ihrer Jugend, von Gesellschaft über Politik bis hin zur Wirtschaft beleuchtet sie aktuelle "heiß diskutierte" Thematiken.

Mehr über diesen Blog

Das Gebäude glänzt wie in früheren Zeiten der Palast der Republik, wenn sich vor seinen getönten Fenstern die Abendsonne senkt. Mittlerweile ist in Schönefeld der ehemalige Zentralflughafen der DDR Zeuge von einer anderen Zeit. In Ostdeutschland war er für die Menschen ein Tor zur Welt – manchmal weniger, manchmal mehr. Wenn jedoch die letzten Passagiere durch sind, schließen für lange Zeit die Terminaltüren. Es ist auch möglich, dass dies für immer ist. 

Wer vom Bahnhof oder den Parkplätzen zum Terminal die Galerie entlang geht, der begegnet fast keinem Menschen. Nur wenig ist los. Mailand, Moskau, Alicante, Sofia – die täglichen Flüge sind an nur zwei Händen abgezählt. Zudem gibt es Tage ohne einen Start. In den engen Gängen drängten sich noch vor einem Jahr die Passagiere. Aktuell herrscht Leere. Dem sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew gab der DDR-Staatschef Erich Honecker in Schönefeld den „sozialistischen Bruderkuss“. Der letzte prominente Fluggast könnte nun Alexej Nawalny dort gewesen sein. Im Januar checkte der Kreml-Gegner zum Moskau-Rückflug ein.Ein Flughafensprecher sagt zwar, sie würden wieder aufmachen, wenn es gut laufe. Doch niemand weiß, ob in Flugzeuge wieder so viele Menschen einsteigen werden, wie vor der Corona-Krise. Damit Geld gespart wird, wird das Terminal von den klammen Betreibern zunächst für ein Jahr geschlossen. Einem weiteren Flughafen wird in Berlin adieu gesagt – nachdem in Tegel vor drei Monaten das große Finale war, wo auf dem Vorfeld die Mitarbeiter tanzten. Außerdem zwölf Jahre, nachdem in Tempelhof ein feierlicher Betriebsschluss erfolgte. Es wird in Schönefeld wohl ein stiller Abschied, denn eine Feier ist nicht in Planung.

Es gäbe jedoch viel zu erzählen. Trotz all der vielen Umbauten weckt die Betrachtung alter Holzhandläufe hinüber in den Wartebereich mit großen Fenstern Erinnerungen an eine Zeit, in der sich die Fluggäste zum Fliegen noch herausputzten. Die Neue Passagierabfertigung wurde 1976 zum 9. Parteitag der SED gebaut und wurde bald zu einem Sehnsuchtsort. DDR-Bürger beobachteten von der Aussichtsterrasse auch Maschinen von Egypt Air, SAS oder Air France – in diesen Flugzeuge aus verschiedenen Ländern durften sie nicht reisen. Ein Bus mit einer Aufschrift „Transit Westberlin“ brachte Passagiere in diese Flugzeuge. In Schönefeld gab es schließlich im Vergleich zum West-Berliner Flughafen Tegel mehr Auslandsverbindungen und diese waren häufig ein paar hundert Mark günstiger.Dabei flog die DDR-Line „Interflug“ zu Zielen wie Havanna, Moskau und Bukarest, allerdings ebenso Singapur und Kairo, da das in die Kasse Westgeld brachte. Es gab bis 1980 auch Inlandsflüge, zum Beispiel nach Heringsdorf an der Ostsee und Barth. Zudem endete ein Flug in der größten Flugzeugkatastrophe in einem deutschen Gebiet: 1972 stürzte bei Königs Wusterhausen eine Iljuschin Il-62 ab und von den 156 Insassen überlebte niemand. In Schönefeld geriet ein Flugzeug 1989 beim Start in Brand, sodass 21 Menschen beim Unglück starben.

Tegel boomte nach der Wende, sodass Schönefeld ein Schattendasein fristete. Der alte Flughafen erlebte jedoch 2004 mit der Ankunft von Easyjet einen zweiten Frühling. Im Rekordjahr 2018 kamen nahezu 13 Millionen Passagiere – aus der DDR-Zeit war die Höchstmarke zehn Millionen weniger. Billigflieger beherrschten nun das Bild. Millionen Party-Touristen brachten diese zum Taxi-Preis in die beliebte deutsche Hauptstadt – die die Fluggäste mit einem veralteten Flughafen willkommen hieß, mit dem Kürzel SXF.  Es gibt kein Fest zum Abschied, weil nur ein Terminal außer Betrieb geht und kein vollständiger Flughafen. Schließlich ist Schönefeld ein Teil der BER als Terminal 5 geworden. In Sichtweite ist der neue Hauptstadtflughafen entstanden und hat vom Vorgänger eine Start- und Landebahn übernommen.

Den Verantwortlichen wuchsen in der langen Bauzeit die Passagierzahlen aber über den Kopf – das alte Abfertigungsgebäude sollte deshalb am Netz bleiben. Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup sagte noch im Herbst, dass sie das Terminal 5 von der BER wohl noch zehn Jahre oder länger benötigen würden. Er hatte damals in den Berliner Flughäfen noch die 36 Millionen Fluggäste von 2019 berücksichtigt. Es wurden im vergangenen Jahr allerdings lediglich neun Millionen, was ein Viertel ist. Die Fluggäste checken seit November im neuen Hauptterminal 1 ein, wobei dort viel Platz ist. Dort sind bis zu 27 Millionen möglich, in einem bislang nicht verwendeten Terminal haben außerdem weitere 6 Millionen Platz. Erst wenn dieser Platz nicht reichen sollte, denken die Verantwortlichen eventuell an den alten Flughafen Schönefeld auf der anderen Seite der Landebahn. „Guten Tag, Schönefeld“ – im DDR-Fernsehen begann mit diesem Funkspruch die Serie „Treffpunkt Flughafen“. Nun heißt es vielmehr „Gute Nacht, Flughafen Schönefeld.“

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/kritisch/hauptstadtflughafen-schliesst-in-der-ehemaligen-ddr-errichtetes-terminal/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.