vonkritisch betrachtet 17.03.2021

kritisch betrachtet

Kontroverse Themen fazinieren Katharina Sophie Hübener seit ihrer Jugend, von Gesellschaft über Politik bis hin zur Wirtschaft beleuchtet sie aktuelle "heiß diskutierte" Thematiken.

Mehr über diesen Blog

Trotzdem bringen zahlreiche Eltern ihre Kinder in die Notbetreuung. Eine Kitaleiterin sagt, dies sei für alle beteiligten ein moralisches Dilemma.

Zwar sind Schulen und Geschäfte geschlossen, doch trotz des offiziellen Verbots scheint in Kindergärten der Alltag normal weiterzugehen. Bis zu 40 Prozent der Kitakinder besuchen in Berlin weiterhin die Einrichtung. Vor Kurzem beklagte die Bildungsgewerkschaft GEW, dass aufgrund schwammiger Regelungen die Notbetreuung in einem Umfang genutzt werde, die an einem Normalbetrieb angrenze. Meist liegt es an der Auslegung von der Kitaleiterin, wie zahlreich die Kinder wirklich kommen. Seit dreieinhalb Jahren leitet Christina Zimmermann im oberbayerischen Eching die Evangelische Kindertagesstätte Regenbogen und sie ist selbst Mutter. Wie schwer es aktuell die Eltern haben, weiß sie, doch zugleich muss sie ihre Einrichtung ebenfalls schützen. 

In Eching haben offiziell die Kindergärten geschlossen, es kommen derzeit jedoch täglich ungefähr ein Drittel der Kinder in die Notbetreuung. In etwa sind es in München genauso viele. Die Eltern mussten während des ersten Lockdowns einen Härtefall nachweisen oder in systemrelevanten Berufen arbeiten. Nun im zweiten Lockdown hat das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales empfohlen, die einzelnen Fälle nicht sehr zu prüfen und von den Eltern beispielsweise keine Bescheinigung der Arbeitgeber zu verlangen. Es reicht im Grunde also, wenn die Mütter und Väter versichern, dass eine Notbetreuung benötigt wird. Das ist oftmals der Fall, da beide Elternteile auf ihre Jobs angewiesen sind und arbeiten müssen. Die Kinder werden natürlich auch betreut, wenn in der Familie ein Notfall vorliegt, falls beispielsweise einer der Geschwister zum Arzt muss oder ein anderer wichtiger Termin ansteht. Inzwischen entscheiden die Eltern im Grunde selbst, ob es sich in ihrem Fall um eine Notsituation handelt.

Dieser Umstand ist für eine Kitaleiterin wie Christina Zimmermann eine schwierige Situation. Schließlich soll dafür gesorgt werden, dass es zu keinen Ansteckungen in den Kitas kommt, aber die Erzieherinnen können ebenso nicht verbieten, dass zu viele Kinder kommen. Als eine Person, die einen sozialen Beruf ausgewählt hat, fühlt sich Zimmermann verpflichtet, sich um die Kinder zu kümmern. Zugleich weiß sie, dass es für den Verlauf der Corona-Krise besser wäre, wenn die Kinder zu Haus blieben. Natürlich soll auch vermieden werden, dass sich in der Kita Kinder oder das Personal anstecken. Derzeit ist diese Verantwortung für viele Erzieherinnen nahezu erdrückend. Zimmermann liegt daher nachts häufig wach und fragt sich, ob sie sich richtig entschieden hat. Hätte sie nicht eindringlicher raten sollen, dass die Kinder besser zu Hause bleiben sollten? Sicherlich wäre das schlimmste Szenario ein großer Corona-Ausbruch in einer Kita. In einem solchen Fall müssten ohnehin alle wieder zu Hause bleiben.

Daher kann Zimmermann lediglich an die Eltern appellieren, die Notbetreuung mit Verantwortung zu nutzen und die Kinder im besten Fall nicht in die Kita zu bringen. Jeden Morgen sieht Zimmermann selbst, wie schwer eine solche Entscheidung ist. Soll sie ihre fünf Jahre alte Tochter, die ebenfalls ihre Kita besucht, mitnehmen? Häufig muss sie die Tochter mitnehmen, da es sich meist nicht anders organisieren lässt.Zudem weiß Zimmermann, dass zahlreiche Eltern großen finanziellen Druck haben. Schließlich sind Eching und der Landkreis Freising eine wahnsinnig teure Gegend. Die Mieten können sich die meisten Familien mit lediglich einem Gehalt nicht leisten. Viele kommen sogar in finanzielle Schwierigkeiten, wenn sie Kinderkrankentage nehmen und dafür nicht den vollen Tagessatz erhalten. Aus diesem  Grund hat Zimmermann Verständnis für die Doppelverdiener, dass sie ihren Nachwuchs in die Kita bringen.

Die sozial Schwächeren leiden besonders unter der Situation, beispielsweise die Kinder, die in Eching in der Flüchtlingsunterkunft mit ihren Eltern leben. Die Kita ist für sie ein wichtiger Bestandteil der Integration hier. Der Kitabesuch ist auch zum Lernen der deutschen Sprache ausschlaggebend für sie. Von der Regelung einer Notbetreuung profitieren jedoch gerade diese Kinder nicht, denn oftmals arbeiten lediglich die Väter. Die Mütter hingegen besuchen einen Deutschkurs. Sollte der Kurs allerdings nicht stattfinden, liegt auch kein Anspruch vor, eine Notbetreuung zu erhalten. 

Mehr Arbeitsbelastung trotz weniger Kinder

Die Arbeitsbelastung hat für Erzieherinnen in Eching sehr zugenommen, obwohl nur ungefähr ein Drittel von den insgesamt 91 Kindern zu ihnen kommen. Schließlich müssen sie sich nicht ausschließlich um die Kinder vor Ort kümmern, sondern auch in Kontakt bleiben mit den Kindern, die daheim sind. Die Arbeitszeit hat sich auch verschärft: Früher war es möglich, in den Randzeiten am Morgen und am Nachmittag einige Gruppen zusammenzulegen, falls manche Kinder bereits abgeholt wurden oder noch nicht alle da waren. Aufgrund des Hygienekonzepts ist das in heutiger Zeit nicht mehr möglich. Denn räumlich ist jede Gruppe von den anderen getrennt. 

Diese Regeln bedeuten für die Erzieherinnen mehr Arbeit: Die Kinder dürfen morgens von ihren Eltern nicht mehr hereinbegleitet werden, vielmehr werden sie von den Erzieherinnen am Eingang in Empfang genommen. Manchmal bringen die Eltern die besonders kleinen Kinder mit einem Kinderwagen zur Kita und überlassen diese den Erzieherinnen. Dann ziehen die Erzieherinnen Jacke und Schuhe aus und mit den Kindern waschen sie gründlich die Hände. All diese Schritte kosten Zeit. Beim Essen liegt ein ähnlicher Mehraufwand vor. Da setzen Erzieherinnen normalerweise auf Selbständigkeit: Auf den Tischen gibt es große Schüsseln, woraus die Kleinen sich selbst Essen schöpfen können. Die Erzieher müssen nun in der Pandemie das Essen vorher portionieren und dann verteilen, damit möglichst wenig Kontakt zwischen den Kindern entsteht. Das ist auch für die Kinder eine große Einschränkung. Zur Zeit dürfen die Kleinen auf den Gängen nicht mehr herumlaufen und den Kindergarten erkunden, da sie in ihren Gruppenräumen bleiben müssen.

Was Zimmermann als Kitaleiterin an der Situation sehr erschöpft, sind die häufigen Änderungen und die wenige Zeit, um auf neue Richtlinien angemessen zu reagieren. Dabei wird die Kommunikation der vielen Corona-Regelungen als schlecht bewertet. Es läuft meist so ab: Anfang der Woche verkündet Ministerpräsident Markus Söder neue Richtlinien im Fernsehen. Die Kitaleitung erfährt jedoch oftmals am Wochenende mehrere Tage später aus dem Ministerium per Newsletter, welche neuen Empfehlungen und Anordnungen es für Kindergärten gibt. Meist sind diese viel komplizierter und umfassender als die Kurzinformation, welche in einer Pressekonferenz mitgeteilt wurden. Dann muss Zimmermann einen Plan am Sonntagabend überlegen und Erzieherinnen und Eltern benachrichtigen.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/kritisch/moralisches-dilemma-in-kitas-waehrend-der-corona-pandemie/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.