vonkritisch betrachtet 19.04.2021

kritisch betrachtet

Kontroverse Themen fazinieren Katharina Sophie Hübener seit ihrer Jugend, von Gesellschaft über Politik bis hin zur Wirtschaft beleuchtet sie aktuelle "heiß diskutierte" Thematiken.

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Teure Besitztümer verlieren an Wert, wenn es wie jetzt während der Corona-Pandemie letztlich um das Überleben geht. Daher ist es höchste Zeit, über neue Perspektiven nachzudenken.

Wenn ein Jogger an einem dieser Tage in Köln am Decksteiner Weiher läuft, kann es sein, dass er Glück hat: Dann steht die Sonne mitunter genau richtig und der einfache Weiher erstrahlt mit azurblauem Wasser und das ihn umsäumende grüne Gras leuchtet plötzlich noch satter grün. In solchen Momenten erscheint doch nicht alles schlecht zu sein, was einem derzeit widerfährt. Nun wird beim Joggen sichergestellt, dass ein Abstand von 1,5 Metern zu anderen Fußgängern und Sportlern eingehalten wird und die frische Luft wird dabei tief eingeatmet. So ein Moment erscheint heute vielen wie Luxus.

Falls sich ein Bürger auf dem Champs-Élysées an einem coronafreien Samstag umschaut, findet er dort alle großen Marken, die Luxusgüter verschiedenster Art anbieten: Die Touristen stehen dabei vor Louis Vuitton und Chanel Schlange. Nicht jeder bekommt Einlass und die Wartezeit dauert mehrere Stunden. Besonders angesagt sind zu teuren Taschen die richtigen Luxusuhren. Teure Taschen, für deren Preis der Kunde auch einen Kleinwagen kaufen könnte und Garderobe, die kostspieliger als ein Brautkleid ist. Für viele Menschen sind Luxusgüter auch etwas, was als wahrer Luxus bezeichnet werden kann.Weshalb wollen die Menschen jedoch Luxus – was versprechen sie sich davon? Warum wollen viele Verbraucher manche Dinge, die eigentlich überflüssig sind und rational nicht brauchbar? Aus welchem Grund kaufen sich Verbraucher übertrieben schnelle Fahrzeuge, die so schnell fahren können, wie die Besitzer wahrscheinlich nie damit fahren werden? 

Irgendwie erscheint es, als sei das alles nun weit weg, während die Corona-Krise wütet. Es ist kaum noch möglich, Luxus zur Schau zu stellen, da das öffentliche Leben nahezu lahmgelegt ist. Derzeit würde niemand vor Cartier und Dior Schlange stehen – selbst wenn das möglich wäre.Die Menschen stehen stattdessen vor dem Supermarkt, um Nudeln und Toilettenpapier zu kaufen. Unter normalen Umständen findet ein Verbraucher zwölf verschiedene Sorten Toilettenpapier – stattdessen herrscht gähnende Leere. Die Toilettenpapierregale haben manche Supermärkte mittlerweile sogar mit saisonalen Süßigkeiten befüllt – um das geringe Angebot zu vertuschen und eventuell auch, weil die Menschen es kaum ertragen können, dass etwas nicht jederzeit und frei verfügbar ist. Ist nun etwa Toilettenpapier Luxus geworden? Das erscheint irgendwie banal. 

Warum wollen die Menschen Luxus?

Es ist der Überfluss an Dingen, dieses Überangebot, den zahlreiche Menschen für Luxus halten. Doch kann etwas noch Luxus sein, wenn es für jeden Verbraucher zugänglich ist? Der Ethiker Jean-Pierre Wils sagt, es scheine, als befänden sich die Menschen in der Genussfalle. Er fragt, ob es sich bei Luxus um eine verdorbene Perspektive handle. Laut Wils ist es jedoch durchaus verständlich, dass Verbraucher den Drang zum Genießen verspürten. Der Mensch musste zuvor lange verzichten. Sei dies wegen Kriegen, Hungersnöten, aus religiösen Gründen – oder wegen der Corona-Pandemie. Es gab immer entweder nicht genug oder es durfte nicht ausreichend geben. Genuss, Überfluss und Luxus – das alles galt immer wieder als dekadent und unanständig. 

Jean-Pierre Wils führt weiter aus, dass die klare Entscheidung hin zur Vernunft die Menschen ermüdet habe. Schließlich wollen die Bürger nicht immer vernünftig sein. Daher würden die Menschen unter ihrer selbstverschuldeten und omnipräsenten Mündigkeit leiden. Wils erklärt, wer unter der Komplexität dieser Kultur ächze, der solle im Luxus Zuflucht finden. Denn es sei ebenso schön, ohne schlechtes Gewissen einmal etwas völlig Irrationales zu tun. Die Menschen können sich auch jetzt in der Pandemie an Dingen erfreuen, die sie vielleicht gar nicht brauchen. Das ist ebenfalls Luxus. Lambert Wiesing, ein Philosophieprofessor an der Universität Jena, der ein Buch über Luxus geschrieben hat, teilt mit, dass es auch um einen Aufwand gehe. Wiesing sagt, dass der Begriff Luxus häufig synonym mit „Komfort“ und „Protz“ verwendet werde. Allerdings bedeute Luxus alle beide dieser Begriffe nicht. Luxus sei ein übertriebener Aufwand, den die Menschen betreiben würden. Dies geschehe auch in dem Wissen, dass der Aufwand übertrieben sei. Wiesing erklärt, das sei das dadaistische Moment. Wiesing findet, dass es für Luxus nicht gehöre, für eine Tasche sehr viel Geld auszugeben, da das kein Luxus sei. Es sei jedoch anders, wenn der Verbraucher wisse, was für ein Aufwand für die Herstellung einer solchen Tasche betrieben wurde. Das sei dann wiederum Luxus.

Die Dinge aus einer anderen Sicht betrachten lernen

Schon aufgrund der Klimakrise plädiert Jean-Pierre Wils für weniger an Dingen, womit sich die Menschen ohnehin anfreunden müssten. Es sei keine brauchbare Perspektive mehr, ein mehr an Dingen zu wollen. Jetzt sei die Gelegenheit, nach einer neuen Perspektive zu suchen. Und das geht daheim am besten, wo die Menschen über den Hyperkonsum reflektieren und nachdenken können, dem zahlreiche Verbraucher sonst frönen, häufig auch ohne es zu bemerken. Nun ist vielleicht die Zeit, die im Grunde längst hätte erreicht werden müssen. Jetzt ist die beste Gelegenheit, sich zu besinnen und sich neue bessere Blickwinkel zu erschließen. Muss der Mensch wirklich alles haben, weil er es einfach haben kann? Vielleicht ist die frische Luft, das azurblaue Wasser und das satte Grün am Kölner Weiher doch auch ein schöner Luxus. Vielleicht war es von Anfang an mehr eine Vorstellung, der sich die Menschen hingegeben haben mit Luxusgütern, eine Verheißung des besseren, guten Lebens. Sollte es dann nicht lieber an der Zeit sein für eine neue Vorstellung von Luxus? Auf diese Weise kann das Leben nach der Pandemie vielleicht auch ein gutes sein.

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