vonkritisch betrachtet 30.03.2021

kritisch betrachtet

Kontroverse Themen fazinieren Katharina Sophie Hübener seit ihrer Jugend, von Gesellschaft über Politik bis hin zur Wirtschaft beleuchtet sie aktuelle "heiß diskutierte" Thematiken.

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Experten sind der Ansicht, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen viel zu langsam vorangehe. Die Pandemie mache das deutlich. Dabei sei der Datenschutz überholt und die Forschung brauche schneller zugängliche Informationen.

Im Gesundheitswesen kann eine stärkere Digitalisierung Leben retten. Daher sollte sich Deutschland in diesem Bereich viel mehr bemühen. Der Sachverständigenrat Gesundheit (SVR) kommt in einem Gutachten, das Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Mittwoch übergeben wurde, zu dieser Erkenntnis. Der Medizinprofessor Ferdinand Gerlach aus Frankfurt, der Vorsitzende der SVR, sagte, dass die Politik einen sinnvollen Weg eingeschlagen habe, doch nach wie vor gebe es zahlreiche Fehlentwicklungen. Eine Neuausrichtung von der Gesundheitsversorgung müsse das Ziel sein, die in Richtung systematisch lernendes, digitales Gesundheitssystem gehe. Für eine Digitalisierung des Medizinwesens fehle eine gezielte Strategie.

In dem Gutachten wird mitgeteilt, dass in Deutschland Gesundheit und Leben der Menschen besser geschützt werden könnten, sofern die Möglichkeiten der Digitalisierung endlich genutzt würden – und das wissenschaftlich sinnvoll sowie verantwortlich. Diese Daten dürften sicherlich nicht in falsche Hände geraten. Allerdings müssten Voraussetzungen erreicht werden, dass die Daten in richtige Hände gelangten, wie zum Beispiel die der Wissenschaftler und der Heilberufe, welche Forschungen durchführen, was die Gesundheit erhält, was Krankheiten entstehen lässt und wie gesundheitliche Leiden bekämpft werden könnten. Demnach reimte Gerlach, dass Daten teilen besser heilen heiße.

Datennutzung ist in Deutschland derzeit nur schwer möglich

Gerlach sagte, dass die Menschen in Deutschland bereits jetzt pro Tag Millionen Daten erzeugten und auch verbreiteten – ebenfalls mit Gesundheitsbezug. Von diesen Daten gelangten die meisten in die Arme der Datenkraken, die sich außerhalb der EU befänden. Diese würden die Informationen für kommerzielle Zwecke, Angebote und Werbung auswerten. Gleichzeitig würden in Deutschland erstaunlicherweise Probleme aufgetürmt, die es nahezu unmöglich machten, von einer sinnvollen Datennutzung zu profitieren.

Dazu nannte Gerlach das Misstrauen gegenüber der ePA (elektronische Patientenakte) und grundsätzlich in Bezug auf der Datensammlung für eine bessere Gesundheitsversorgung, für die Forschung, Diagnostik, Prävention und Therapie. Dieser Umstand sei unverantwortlich. Die Chancen der Digitalisierung nutzten Länder wie Estland oder Dänemark, wo die Datenschutzverordnung ebenfalls gelte, deutlich besser, teilte der Mediziner mit. Schließlich müsse sich die Datennutzung am Wohl des Patienten orientieren. Auch müsse die Nutzung der Daten bislang bereits zugängliche Abrechnungsinformationen enthalten, beispielsweise über die Behandlungsdaten und die verschriebenen Arzneimittel.

Der Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner, der Stellvertreter von Gerlach im Sachverständigenrat, stellte zur Corona-Krise einen Bezug her. Schließlich hätten die letzten Monate gezeigt, wie bedeutsam es gewesen wäre, Teilwissen in elektronischer Form miteinander zu verknüpfen, zum Beispiel die Einzelheiten zu den Ansteckungen mit Kontakt- und Bewegungsdaten. Es hätte sich damit einschätzen lassen, welche Situationen sehr risikoreich waren. Greiner sagte, dass Maßnahmen zur Eindämmung mit solchem Wissen deutlich gezielter sein könnten. 

Der Bielefelder Wirtschaftsprofessor teilte mit, dass für eine Beurteilung, welche Einschränkungen tatsächlich angemessen und nötig seien, Wissenschaftler zu den Daten Zugang haben müssten. Dabei zeige die Corona-Pandemie, dass es nicht ausschließlich um den effizienten Schutz von Gesundheit und Leben des Einzelnen und den Mitmenschen beim Thema Datenschutz gehe. Es gehe auch darum, das Leben in der Wirtschaft, Bildung, Freizeitaktivitäten und Kultur nicht unnötig einzuschränken. Daher gehe es um die ideellen und materiellen Grundlagen der Gesellschaft.

Notwendigkeit einer Reform im Datenschutz

Die Sicherheit von dem digitalen Austausch bewerten die Fachleute sehr hoch, finden die Regeln in der jetzigen Form jedoch für reformbedürftig. Greiner sprach deshalb von Konzepten, die längst überholt seien, wie etwa Datensparsamkeit. Die Einschätzung von dem Deutschen Ethikrat werde geteilt, dass das vorliegende traditionelle Datenschutzrecht nur unzureichend dem Missbrauch begegne. Hierbei erlaube ein zeitgemäßer Datenschutz die Auswertung, gezieltere Versorgung und Forschung und zugleich werde mit empfindlicher Strafandrohung, verbesserter Technik und wirksamen Kontrollen die Sicherheit gestärkt. Im Gutachten heißt es, dass der Datenschutz gemessen werden müsse am Patientenschutz. Dieser müsse vor allem mit dem Schutz von Gesundheit und Leben abgewogen und anschließend in einen sinnvollen Einklang gebracht werden. Demnach müsse Datenschutz ein Teil des Gesundheits- und Lebensschutzes sein und nicht das Gegenteil.

Datenschutz ist also nach wie vor ein großes Thema in Deutschland und Europa. Doch was ist, wenn die Bürger besonders wichtige Daten verlieren, beispielsweise durch Unachtsamkeit oder Löschung? In solchen Fällen werden Datenretter eingesetzt, die innerhalb der Bevölkerung mehr Beachtung finden sollten. Schließlich können eine Vielzahl verlorener Daten durch Datenretter wiederhergestellt werden und dieses Wissen könnte für zahlreiche Menschen in Deutschland sehr sinnvoll und hilfreich sein – besonders bei äußerst wichtigen Daten wirtschaftlicher, gesundheitlicher oder persönlicher Art.

Vorschlag der SVR für die elektronische Patientenakte

Anders als bislang vorgesehen empfiehlt das Gutachten, automatisch für jeden Krankenversicherten eine elektronische Patientenakte anzulegen, worauf zum Beispiel Ärzte (behandelnde Leistungserbringer) Zugriff erhalten. Falls Patienten das nicht wollten, müssten diese nach der Opt-Out-Lösung widersprechen. Zudem berge die bislang geplante Opt-In-Lösung, worin die Versicherten erst ausdrücklich die Nutzung von der elektronischen Patientenakte beantragen und freigeben müssten für Einzelfälle, die Gefahr, von nur wenigen Patienten genutzt zu werden.

Damit Forschung und Behandlung enger verzahnt seien, sollten laut SVR der Wissenschaft möglichst viele Daten zur Verfügung stehen. Daher sollte geprüft werden, ob Versorgungsdaten – was bei den Abrechnungsdaten von den Krankenkassen bereits ähnlich erfolgt ist – ohne eine Erfordernis für eine Zustimmung verarbeitet werden dürften. Die Nutzung der Gesundheitsdaten seitens der Wissenschaft sei durch eine treuhänderische Kontrolle  denkbar.

Außerdem empfiehlt das Gutachten in den Heilberufen und bei den Bürgern eine Steigerung der Digitalkompetenz. Das Sachverständigengutachten wird nach der Übergabe an den Gesundheitsminister Spahn dem Bundesrat und dem Bundestag zugeleitet.

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