vonManuel Biallas 15.09.2019

Kurz & Laut

Blog über gesellschaftliche Phänomene, politische Ereignisse und kulturellen Wandel. Kurz und Laut.

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Alexa ist meine neue Mitbewohnerin. Sie ist klein und spielt laut Musik. Auch dann, wenn es mir gerade nicht passt. Alexa wurde ohne Gebrauchsanweisung geliefert. Plötzlich stand sie in meiner Wohnung und niemand wusste so recht, wie man denn mit ihr umgeht.

Gerade morgens nicht, wenn man sie nach dem Wetter fragt: „Guck dock raus, Du Depp!“, raunzt sie einem entgegen. Meine unheimliche Mitbewohnerin Alexa bestellt auch nichts für mich. Im Gegenteil. Sie holt weder Pakete für mich von der Poststation ab, noch bringt sie das Altglas weg. Alexa schneidet sich die Haare auf unserer Diele und schallert dabei laut „..come as you are!“ durch die Hamburger Altbauwohnung. Ab und zu würde ich ihr gerne den Stecker ziehen.

Aber Alexa macht das Licht nicht aus, gerade nachts nicht, da lässt sie es stundenlang brennen, auch wenn man sie zehnmal darum bittet es doch auszuschalten. Der Umwelt zuliebe. „Alexa, mach das Licht aus“ – das macht sie wütend, sehr wütend sogar. Eigentlich eine ganz normale Handlungsanweisung. Nicht besonders freundlich, zugegeben. Aber Alexa möchte diesem Imperativ nicht Folge leisten.

„Alexa, hol mir ein Bier“– auch bei diesem Satz hat meine feministische Mitbewohnerin, die Samstagabends in einer Bar kellnert herzlich wenig zu lachen. Auch nicht nach dem siebten Bier. Da philosophiert sie höchstens über Marx ́ „Das Kapital“ und verflucht den Onlineriesen amazon, durch den sie täglich in ihrer Freiheit eingeschränkt wird. Nicht, weil er ihr Studentenrabatte gewährt und sie durch immense Anhäufung von Daten das richtige Angebot zur vermeintlich passenden Zeit macht, sondern, weil sie durch ihn ihren Namen missbraucht sieht.

Alexa ist ein freier Mensch. Sie ist wie Du und ich. Sie tanzt gerne barfuß in der Küche, benutzt Kraftausdrücke und redet dann, wenn es ihr passt. Alexa wurde durch einen Internetgiganten als Dienstleistungbringerin objekifiziert, der auf die Individualität des Einzelnen spuckt. Täglich wird sie durch ihren Namen im Alltag auf eine kleine Box reduziert, die ihrem Nutzer das Leben erträglicher machen soll. Für Alexa aber ist das unerträglich. Stelle man sich nur einmal vor, täglich frage einen jemand: „Cem, wie wird das Wetter heute?“, „Gülnur, mach das Licht aus!“, „Alexa spiel Weihnachtsmusik!“. Doch Alexa ist nicht nach Feiern zumute. Sie möchte keine Weihnachtsmusik. Sie möchte keine sprechende Box in ihrem Wohnzimmer. Alexa möchte ihren Namen zurück.

Alexa, meine unheimliche Mitbewohnerin. Sie bringt mir Kaffee ans Bett und sagt mir von sich aus „Es ist kalt draußen, zieh dir eine Winterjacke an“, ganz ohne, dass ich sie danach frage. Alexa ist gut so, wie sie ist. Mit ihrem Herz auf der Zunge und ihrem Bademantel steht sie in der Küche und weist mich darauf hin, dass ich mal wieder das Bad nicht geputzt habe.

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