vonkurzundlaut 04.09.2019

Kurz & Laut

Blog über gesellschaftliche Phänomene, politische Ereignisse und kulturellen Wandel. Kurz und Laut.

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Mehrere Tausend Euro kostet die Fahrt über das Mittelmeer. Dicht an dicht gedrängt liegen die Menschen an Deck und hoffen darauf sicher die nächste Küstenstadt zu erreichen. Dort werden sie mit aller Wahrscheinlichkeit freundlich empfangen. Denn, richtig: Es geht um Kreuzfahrten!

Der Raum des Mittelmeeres ist hart umkämpft. Während an einer Stelle die italienische Regierung mit vollem Bewusstsein das Anlegen von Booten der privaten Seenotrettung verhindert und für sich damit das Sterben von Menschen in Not legitimiert, ist es an anderer Stelle scheinbar weniger strittig, dass riesige Menschenfrachter für wenige Stunden in Venedig halten, die Stadt verwüsten und in ihrer Struktur schwächen. Während die Einen darum bangen langfristig ankommen zu dürfen, zu essen und die Wirtschaft zu stärken – um in Ruhe schlafen zu können – überfallen die Anderen weniger nachhaltig Hafenstädte und sorgen dafür, dass kleine Familienbetriebe schließen müssen, um zu Souvenirläden zu werden. Mitten auf dem dunklen Meer stehen die Einen über die polierte Rehling gebeugt und versuchen die All-Inklusive-Cocktails in sich zu behalten, während die Anderen ein paar Seemeilen weiter an sporadisch befestigte Taue geklammert sind. Die Gemeinsamkeit der beiden Gruppen? Sie alle sind auf der Flucht. Die Einen vor der Tristesse ihres Alltags, ihren Privilegien, welche sie wie eine Schwimmweste sicher umhüllen. Die Anderen auf der Flucht vor Hunger, Hass und Gewalt.

 

Symbolfoto: Kreuzfahrtriese in Mittelmeerbucht
Cocktails schlürfen oben – Anlegestops wenige Seemeilen weiter unten.

Es mag sich um einen zynischen Vergleich handeln. Ein Vergleich zwischen angeborener Privilegiertheit und struktureller Ungleichheit. Ein Vergleich, geschrieben in einer deutschen Metropole mit der Feder des privilegierten Westens. Dennoch ist er wichtig und Absurdität gleichzeitig kaum zu überbieten: So lange Freizeitflüchtlinge in ihren SUV´s des Mittelmeeres denjenigen Menschen ihr Recht auf Überleben absprechen, indem sie politisch die Liegeplätze südlicher Küstenstädte besetzen und wie Barbaren über ihre Dörfer herfallen, braucht es eine Obergrenze. Eine Obergrenze für Blechkolosse, welche die kleinen Gummiboote und schlecht ausgestatteten Kutter der Seenotrettung verspotten. Und damit braucht es in aller Konsequenz eine Grenze für die Illegalisierung von Anlegestops für Boote mit tatsächlich Geflüchteten. Denn es verträgt sich nicht über Menschen zu hetzen, ihnen ihr Recht auf Überleben abzusprechen und sich dann in aller Sicherheit mit Vollverpflegung zwei Wochen über das Mittelmeer chauffieren zu lassen.

 

 

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