vonManuel Biallas 01.11.2019

Kurz & Laut

Blog über gesellschaftliche Phänomene, politische Ereignisse und kulturellen Wandel. Kurz und Laut.

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Deutschland ist Entwicklungsland. Nicht hinsichtlich seiner stagnierenden Wirtschaft. Nicht aufgrund eines politischen Systems, welches Anfälligkeiten für Korruption zeigt. Vielmehr fehlt es an städtischer Struktur – an einer urbanen Grundversorgung. Schlussendlich an mit Leben gefüllten Straßen und an einer modernen Stadtentwicklung, entworfen für Menschen.

Fällt der Blick auf die urbanen Zentren der Republik, wird deutlich: Sie sind konzipiert für Kraftfahrzeuge. Graue Parkhäuser aus Beton- architektonische Reliquien der Nachkriegszeit, der 50er bis 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts – sie werfen ihren Schatten auf die raren Parkplätze neben den Bürgersteig, der nicht selten ebenfalls zugeparkt ist. In der Lücke, die sich ergibt aus klaffender Häuserfassade und schmalem Bordstein, entsteht eine Parallelwelt: musikhörende Fußgänger, sitzende Bionade-Mütter, Väter mit Kinderwägen. Um sie herum kreiseln währenddessen dunkle Geländewagen und beanspruchen ein Gros der städtischen Infrastruktur für sich. „Die auto-orientierte Stadtplanung der 1950er bis 1970er Jahre hat ihren Anteil daran, dass Straßenräume heute überwiegend keine Aufenthaltsqualität bieten“, so Prof. Dr. Jörg Knieling, Leiter des Fachgebiets für Stadtplanung und Regionalentwicklung an der Hafencity Universität Hamburg (HCU).

Superblocks in Barcelona – Intelligente Stadtplanung: mehr Fläche, weniger Unfälle

Anders ist das in Barcelona. Salvador Rueda, Direktor der Agentur für urbane Stadtentwicklung (BCNecologia), hat die katalanische Metropole so umgestaltet, dass sich die städtische Struktur, unterteilt in sogenannte Superblocks, nach den Bedürfnissen der Bewohnenden richtet und nicht nach dem Verkehr. Hierbei wird der Autoverkehr auf die großen Schnellstraßen der Stadt in eine Richtung gelenkt, die Straßen ringsum mit einem Tempolimit von 10km/h versehen und der eingenommene Raum bisheriger, großer überfüllter Kreuzungen durch eine smarte Umstrukturierung mehr als Halbiert: Durch den hinzu gewonnenen Platz sind soziale Treffpunkte entstanden. Stühle, Bänke, Tische, Sitzgelegenheiten und Freiraum für Kinder mitten auf einstigen Verkehrsknotenpunkten ermöglichen ein nachbarschaftliches Miteinander und kostenfreie, urbane Teilhabe fernab von gefährlichem Straßenverkehr. „Der öffentliche Platz wird dabei zu einem Versammlungsplatz, zu einem Platz des bürgerlichen Ausdrucks, zu einem Schauplatz der Demokratie“, so Rueda. Seit 1993 sind bisher sechs dieser Blocks entstanden, strukturell könnte die Stadt Barcelona 27 weitere schaffen.

Dieser verkehrsberuhigte Bereich beruhigt ebenso die Unfallstatistiken: Gab es im Jahr 2016 in Barcelona 812 Fahrradunfälle mussten derweil in Hamburg 2412 Unfälle verzeichnet werden. Diese dreifache Menge – im Vergleich der beiden Metropolen – hat sich in der Hansestadt von 2016 zu 2018 nochmal auf 2522 Personen, welche in einen Radunfall verwickelt waren, erhöht. Zum einen bieten die Superblocks in Barcelona eine Schutzzone für Radfahrende, zum anderen werden die Radwege auf den großen Hauptstraßen zusätzlich durch in den Beton gelassene Poller geschützt. Das ist in der hanseatischen Großstadt nicht der Fall. Barcelonas Stadtplanung wirkt sich mit der Etablierung der Superblocks nicht nur positiv auf das urbane, soziale Leben der Bewohnenden aus – welche in heißen Sommernächten bis spät in die Nacht die neuen Freiräume der Metropole genießen – vielmehr bietet ihnen der gesamtstädtische Raum aufgrund seiner fortschrittlichen Konzeption schlichtweg mehr Schutz vor Unfällen.

Hausmüll in Granada: Unterirdisch und zentral gesammelt

Die schmalen Straßen und Gehwege im spanischen Granada bieten wenig Raum für Mülltonnen zur Entsorgung der Hausabfälle. Dem wirkt die Stadt entgegen und setzt auf ein sauberes Konzept der Müllentsorgung mit sogenannten Abfallsammelstandplätzen – Hierbei gelangt der Hausmüll durch einen oberirdischen Einwurfschacht in einen unterirdischen Auffangbehälter und wird dann gebündelt von der Stadtreinigung abgeholt. Die zentralen Sammelplätze, deren Einwurfschächte kleiner als Briefkästen sind finden sich in unmittelbarer Nähe zu jedem Haushalt und verhindern vor allem eins: Aufgerissene Müllsäcke und deren Inhalt auf dem Bürgersteig.

Letzteres Bild zeichnet sich vermehrt auf den Straßen Hamburgs ab. Um diesem entgegen zu wirken hat der Bezirk Altona im Stadtteil Ottensen ein Pilotprojekt gestartet: Mit Investitionskosten von rund 430.000 Euro wurden 11 Unterflursysteme – ähnlich wie jene in Granada – und 25 oberirdische Sammelstationen errichtet. Hierdurch hat sich nicht nur die Sauberkeit des Straßenbildes im Hamburger Viertel verbessert, vielmehr können wöchentlich 1.120 Plastikmüllsäcke eingespart werden. Ebendiese welche früher die Geh- und Radwege blockierten und von der Stadtreinigung aufgesammelt werden mussten. Ein Gewinn für Umwelt und Bewohnende des Viertels.

Prof. Dr. Jörg Knieling beschreibt Stadtplanung als ständigen politischen Aushandlungsprozess. „Zu hoffen ist, dass sich die kritischen Stimmen aus Umwelt- und Naturschutz, der Fridays for Future-Bewegung und andere mehr Gehör verschaffen können und auch politisch aufgegriffen werden, damit die Stadt von Morgen nachhaltiger sein kann und eine höhere Lebensqualität für ihre Bewohnerinnen und Bewohner bietet. Wir brauchen, wie es der dänische Architekt und Stadtplaner Jan Gehl so treffend ausdrückt, ‚Cities for People‘“.

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kommentare

  • Guter Beitrag, treffend beobachtet und für mein Empfinden richtig ausgewertet. Allerdings frage ich mich, ob die Stadtplaner dieser Welt ähnliche Prioritäten setzen. Schaut man sich z.B. süddeutsche Großstädte wie München, Freiburg oder Stuttgart an, kann es einem schwindlig werden ob der Ignoranz, mit der weiterhin auf Großfahrzeuge gesetzt wird, die in den Städten naturgemäß den Platz zum Leben besetzen.
    Natürlich kann man sagen, die Menschen wollten solche Klima killenden Panzer und dass die Nachfrage in einem marktkonformen System das Angebot generiert. Allerdings sollte auch berücksichtigt werden, zu welchem Preis.

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