vonKnut Henkel 24.04.2013

Latin@rama

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Morddrohungen per Telefon, bewaffnete Schergen an der eigenen Haustür und schwarze Geländewagen hinter ihrem Kleinwagen – Dina Meza kennt das Instrumentarium der Einschüchterung. Ein paar Monate Pause vom Terror in Honduras hat ihr eine Fortbildung an der Universität York gebracht. Doch bald geht es zurück nach Tegucigalpa.

 

„Es hat schon ein bisschen gedauert bis ich das Englisch der Kollegen aus dem Iran, Simbabwe oder Sri Lanka verstanden habe. Die Betonung ist vollkommen anders, aber nach ein paar Wochen ging es dann“, erklärt Dina Meza schmunzelnd und rückt die Brille zurecht. Voneinander lernen sollen die zwölf Journalisten und Menschenrechtsaktivisten, die an dem Kurs an der Universität von York teilnehmen. Dort, im Norden Englands, absolviert die 51-jährige Journalistin und Menschenrechtsaktivistin aus Honduras einen Kurs, der ihr mehr Sicherheit bringen soll. Wie man seine Kommunikation sicherer gestaltet, wie sich mit Codes moderne Abhörtechnik umgehen lässt und wie sich durch die gezielte Weitergabe von Informationen über die eigenen Aktivitäten Risiken minimieren lassen,lernen die Teilnehmer aus drei Kontinenten dort. „Aber wir lernen auch voneinander“, sagt Meza.

Dina Meza - Journalistin und Menschenrechtsaktivistin aus Tegucigalpa/Honduras
Dina Meza - Journalistin und Menschenrechtsaktivistin aus Tegucigalpa/Honduras

In York, einer von fruchtbaren Feldern umgebenen Universitätsstadt nahe Leeds, ist sie zur Ruhe gekommen. Die Monate vor ihrer Abreise Anfang Januar in Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras, waren brisant. „Ich musste weg. Die Morddrohungen waren massiv; ich konnte nicht mehr allein vor die Tür“, erinnert sich die kleingewachsene Frau. Drohanrufe auf dem Handy, Bewaffnete, die zu Hause nach ihr fragten, dubiose Kerle, die sie abends nach der von ihr moderierten Radiosendung verfolgten. Rote Pusteln bedecken ihre Wangen. Ein Folge vom Stress und Tränengas, so Meza. Letzteres hat sie in den letzten Jahren reichlich inhaliert. Mehr als einmal ist eine Granate in ihrer direkten Nähe explodiert als sie gegen den Putsch und die Menschenrechtsverletzungen in Honduras protestierte.

 

Ein Putsch und die Folgen

 

Das ist Teil ihrer Arbeit. Dina Meza ist für das Komitee der Familien von Verhafteten und Verschwundenen (Cofadeh), einer Menschenrechtsorganisation, tätig und arbeitet parallel als Journalistin mit dem Schwerpunkt Menschenrechte. „Der von den USA unterstützte Militärputsch  vom 28. Juni 2009, der den Präsidenten Manuel Zelaya aus dem Amt beförderte, hat das Land faktisch in die Hände der einflussreichsten Familien überführt“, klagt sie. Als Beweis führt sie die Zwischenlandung der Maschine, die Zelaya außer Landes brachte, auf einem US-Militärstützpunkt an. Zelaya kehrte zwar 2011 nach langen Verhandlungen in sein Land zurück und hat in einem Abkommen die bereits im November 2009 gewählte Regierung akzeptiert, doch unstrittig ist, dass der linksliberale Reformer Opfer eines Putsches wurde. Dagegen protestieren wir“, erklärt Meza. Sie hat das Onlineportal „Defensores en Línea“ aufgebaut, welches für die Einhaltung der Menschenrechte eintritt und für den Schutz bedrohter Kollegen kämpft. Seit dem Putsch vom Juni 2009 wurden, laut Meza, 27 Journalisten ermordet. Reporter ohne Grenzen haben hingegen 25 tote Berichterstatter registriert, wovon acht bei ihrer Arbeit ermordet wurden. Nach Mexiko gilt Honduras derzeit als gefährlichstes Land Lateinamerikas für Berichterstatter. Kritische Artikel seien in Honduras Medien mittlerweile eher die Ausnahme als die Regel, urteilt Meza. Erst Anfang März hat Julio Ernesto Alvarado die Moderation der kritischen Radiosendung „Medianoche“ auf Radio Globo aufgegeben – er fürchtete nach massiven Drohungen um seine Sicherheit und die seiner Frau. Kein Einzelfall, denn in Honduras gibt es nur schwarz und weiß. Mit oder gegen die Regierung lautet die simple Vorgabe und wer sich gegen die Regierung entscheidet, riskiert, dass er oder sie ausspioniert, bedroht oder gar ermordet wird. Dina Meza kennt das Procedere und der Fall ihres eigenen Bruders hat sie 1986 wachgerüttelt.Der verschwand im Juni 1986 spurlos und wurde dann Wochen später lebend, aber mit schweren Folterspuren von der Armee als vermeintlicher Guerillero präsentiert. Kein Einzelfall, denn nicht nur im vom Bürgerkrieg geprägten Guatemala und El Salvador agierten Todesschwadronen in Kooperation mit der Armee. „Damals habe ich begonnen Fragen zu stellen“, erklärt die Mutter dreier Kinder. Fragen, die sie immer wieder in den Fokus von maskierten Schergen brachten. In Tegucigalpa, aber auch im Bajo Aguán, wo paramilitärische Kommandos agieren. 96 Bauern mussten in der landwirtschaftlich attraktiven Region in den letzten Jahren sterben. Dorthin hat Dina Meza im Frühjahr 2012 eine internationale Beobachterdelegation begleitet. Kurz darauf erhielt sie die erste Morddrohung per Telefon. Seitdem musste sie die Wohnung wechseln, Leibwächter engagieren und sich um die Sicherheit ihrer Kinder kümmern, die derzeit bei Verwandten in Sicherheit sind. Das Stipendium an der Universität von York kam daher genau zum richtigen Zeitpunkt.

Zwei Freiwillige von den Internationalen Friedensbrigaden bei einem Einsatz in Mexiko
Zwei Freiwillige von den Internationalen Friedensbrigaden bei einem Einsatz in Mexiko

Rückkehr mit den Friedensbrigaden

Die viermonatige Auszeit vom Terror endet am 7. Mai. Dann will Dina Meza zurück nach Tegucigalpa und für faire Präsidentschaftswahlen kämpfen. „Es kann nicht sein, dass eine Clique von Familien ein Land mit acht Millionen Einwohnern in ihren Privatbesitz überführt“, sagt sie. Dagegen engagiert sie sich und für mehr Partizipation der Zivilgesellschaft. Etwas sicherer könnte es zukünftig für Menschenrechtsaktivisten wie Dina Meza werden. Freiwillige der Internationalen Friedensbrigaden (PBI) werden in der zweiten Jahreshälfte das Honduras-Projekt aufbauen. Angesichts der prekären Lage von Menschenrerchtsaktivisten in dem Land hat sich die Organisation, die derzeit in sechs Ländern Projekte unterhält, entschieden auch in Honduras für den Schutz von Menschenrechtsverteidigerinnen aktiv zu werden. Im Vorfeld der Wahlen eine wichtige Entscheidung, denn bereits jetzt sind mehr als zwanzig Vertreter des linken Walhlbündnis „Libre“ ermordet worden, so Meza. Für das Bündnis kandidiert Xiomara Castro, Ehefrau von Ex-Präsident Manuel Zayala, und am 10. November sollen die 5,2 Millionen Wahlberechtigten über die Zukunft des Landes abstimmen.

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https://blogs.taz.de/latinorama/2013/04/24/pause-vom-terror/

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