vonBenjamin Kiersch 01.07.2013

Latin@rama

Politik & Kultur, Cumbia & Macumba, Evo & Evita: Das Latin@rama-Kollektiv bringt Aktuelles, Abseitiges, Amüsantes und Alarmierendes aus Amerika.

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Gestern haben die Chileninnen und Chilenen in einer Vorwahl die KandidatInnen bestimmt, die bei den Präsidentschaftswahlen im November gegeneinander antreten werden. Eindeutige Siegerin ist Ex-Präsidentin Michelle Bachelet der Opposition, die 52 % aller abgegebenen Stimmen auf sich vereinigen konnte.

Auf den “Sieger” des Regierungslagers,  Pablo Longueira,  entfielen gerade einmal 13,7 Prozent der Stimmen. Longueira war an der Seite von Präsident und Multimillardär Sebastian Piñera in den Wahlkampf gezogen, nachdem sein Vorgänger Laurence Golbourne wegen Unregelmäßigkeiten bei der Offenlegung seines Millionenvermögens den Hut nehmen musste (Latin@rama berichtete). Die Plakate “Für ein gerechteres Chile” mit dem Konterfei Longueiras neben dem feist grinsenden Piñera gemahnen an Aldous Huxleys Schöne Neue Welt.

Dass Frau Bachelet die Wahl im November gewinnen wird, daran zweifelt hier in Chile kaum jemand. Viele allerdings zweifeln, ob sie in der Lage sein wird, die Reformen durchzusetzen, die das Land braucht, um wirklich gerechter zu werden, nicht nur auf den Wahlplakaten von millionenschweren Pinochet-Apologeten. Die Bilanz ihrer ersten Amtszeit von 2006 bis 2010 lässt nichts Gutes erwarten: das mögen sich viele der über 10 Millionen ChilenInnen, die gestern nicht zur Wahl gegangen sind, gedacht haben.

Denn Chile braucht nichts weniger als eine grundlegende Neuordnung seines Wirtschaftssystems, einer Bilderbuchversion des ungezügelten Kapitalismus, in dem der Staat aktiv dazu beträgt, dass die Reichen immer reicher werden, während die große Mehrheit der Chilenen in Armut und Schulden lebt – wie eben in Huxleys Schöner Neuer Welt, nur ohne Soma.

Zur Illustration der gegenwärtigen Situation in Chile folgt die Übersetzung – in Auszügen – eines Briefes an meine chilenischen Freunde, der vor ein paar Wochen bei Latin@rama erschien.

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Meine lieben chilenischen Freundinnen und Freunde,

“Was ist ein Bankraub gegen die Eröffnung einer Bank?” – Bertolt Brecht (1898 -1956)

Seit 1973 ist es Tradition der chilenischen Regierungen (inklusive der sog. “sozialistischen” PräsidentInnen der großen Koalition), sich zu weigern, die Märkte zu regulieren, und die Gründe für die beeindruckende Ungleichverteilung im Land zu beseitigen. In einer interessanten Studie vom März 2013 erschien, belegen drei Ökonomen der Universidad de Chile, dass Chile Weltmeister der Ungleichheit ist. Zwischen 2005 und 2010 entfielen 21 % der Gesamteinkünfte auf die reichsten 1 % der chilenischen Bevölkerung. Das ist weniger als in den Vereinigten Staaten (17 %).

Zum Vergeich: In “kommunistischen” Ländern wie Schweden oder Dänemark kriegen die Superreichen gerade mal 6 % vom Kuchen ab. Aber wer will schon in Dänemark wohnen? Ein Land, in dem ein totalitäres Regime ohne Gewissen und Respekt für die Menschenrechte herrscht, dass den armen Reichen bis zu 68 %  ihres hart verdienten Einkommens als Steuern abknöpft und sie praktisch zwingt, Fahrrad statt SUV zu fahren? Bei Dauerregen in Kopenhagen? Puh!

Aber verlassen wir Dänemark – über dessen gierige und schamlose Politiker die Geschichte ihr Urteil sprechen wird – und kehren wir nach Chile zurück. Das aktuelle Wirtschaftssystem, entworfen von den Chicago Boys, umgesetzt von General Pinochet und – abgesehen von einigen kosmetischen Änderungen – getragen von den “demokratischen” Regierungen seit 1989, birgt perverse Konsquenzen für die ChileinInnen. Neben wir zum Beispiel die Altersvorsorge. (Anm. d. Übers: General Pinochet schaffte die öffentliche Rentenkasse ab und führte ein System privater Rentenfonds (AFPs) ein. ) Die AFPs zahlen durchschnittliche Renten von 180,000 Pesos (ca. 270 Euro) an die Beitragszahler aus. Die Beiträge der Arbeiter und Angestellten investieren die AFPs in die Banken und Firmen der Superreichen. Die Kollegen Kremermann und Ballesteros vom Mostrador resümieren: “Die AFPs sind der Grundstein des chilenischen Modells der Konzentration des Reichtums.” Unterstützt von der chilenischen Regierung, und 100 % legal, sind die AFPs ein politisches Instrument, um das Geld von den Armen zu nehmen und den Reichen zu lehen, damit diese (also, die Reichen, nicht die Armen)  weiter wirtschaftlich “wachsen” können. (Anm. d. Übers.: Bert Brecht hätte sicher seine Freude daran, eine epische Oper über das chileische Rentensystem zu schreiben.)

Investition der chilenischen Rentenfonds (AFP) in chilenische Banken. Quelle: El Mostrador

Beispielsweise, gehört euch, den chilenischen ArbeiterInnen, durch Eure Rentenbeiträge, 19,6 % von Cencosud (Latinorama berichtete) und leiht dem Multimilliardär Horst Paulmann 575 Millionen Dollar, damit er weiter expandieren kann. Die Dänen würden das System der AFPs wahrscheinlich als Raub und ihre Manager als Diebe bezeichnen. Allerdings man sollte nichts auf die Meinung von korrumpierten Menschen geben, deren Gehirne von einer verfehlten Ideologie gewaschen wurden, oder?

Na also. Und deshalb, meine lieben chilenischen Freundinnen und Freunde, möchte ich Euch einen konkreten Vorschlag machen:

Wie wäre es, wenn Ihr Euch organisiert  und der Bank Eures Vertrauens – oder meinetwegen auch Paulmanns Phallus, dem Costanera Center – einen Höflichkeitsbesuch abstattet? Und die Manager freundlich aber bestimmt bittet, Euch die Differenz zu erstatten zwischen Eurem Gehalt und dem Geld, das man braucht, um im heutigen Chile in Würde zu leben?

Costanera Center, Santiago de Chile. Foto: Gonzalo Baeza

Zum Beispiel, Geld…

… zum Erwerb von gesunden Lebensmitteln für die ganze Familie – also, Fleisch, Fisch, frisches Gemüse und Früchte, nicht die “Diät” aus Weissbrot, Nudeln, Reis und Bohnen, die die Bäuche der Kinder in den Armenvierteln aufbläht;

… für eine gute Bildung – die Deutsche Schule Santiago, an der meine beiden Töchter eine gute – wenn auch nicht die beste – Bildung geniessen, nimmt monatlich 300,000 Pesos (450 Euro) pro Kind, ich denke, das ist ein guter Richtwert;

… für die Gesundheitsvorsorge – ich habe mich mal bei einer privaten Krankenversicherung erkundigt (das öffentliche Gesundheitssystem in Chile ist nicht zu empfehlen): Für eine vierköpfige Familie werden ungefähr 300,000 Pesos (450 Euro) pro Monat fällig;

Moment mal: nur für Bildung und Gesundheitsvorsorge sollte eine chilenische Familie also 900,000 Pesos (1350 Euro) zur Verfügung haben. Da fehlen noch einige Posten wie Essen, Miete, Transport, etc… das könnt ihr besser ausrechnen als ich. Wenn man das mit dem Durchschnittseinkommen der ChilenInnen vergleicht, das 2012 laut Daten des Nationalen Statistschen Instituts gerade mal 280,900 Pesos (424 Euro, für Frauen) bzw. 417,900 Pesos (632 Euro, für Männer)  beträgt, wird einem die ganze Tragweite der Ungerechtigkeit des chilenischen Systems klar: DAS DURCHSCHNITTSEINKOMMEN IN CHILE REICHT NICHT EINMAL AUS, UM DIE HÄLFTE DER KOSTEN FÜR BILDUNG UND GESUNDHEIT EINER VIERKÖPFIGEN FAMILIE ZU DECKEN. […]

Also, warum stattet ihr nicht – als Teilhaber der Banken – denselben mal einen Höflichkeitsbesuch ab? Nur Mut, ihr werdet einem Lächeln und offenen Armen erwartet! Und… wenn ihr mich einladet, bin ich gerne dabei!

 

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https://blogs.taz.de/latinorama/2013/07/01/chile-wahlen-in-der-schonen-neuen-welt/

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