vonHildegard Willer 13.12.2014

Latin@rama

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Was Indígena-Anführer in Südamerika alltäglich erleben, wenn sie ihr Land verteidigen

Es ist gefährlich für einen Indigenen, seine Umwelt zu verteidigen. Lebensgefährlich. Einem Bericht der britischen NGO “Global Witness” zufolge werden auf der Welt jede Woche zwei Naturschutzaktivisten umgebracht. Außerdem liegt Peru, das Gastgeberland der diesjährigen Weltklimakonferenz, mit seinen Morden an Umwelt- und Naturschutzaktivisten  auf dem vierten Platz. Diese Bedrohungen erleben Indígenas aus allen Ländern des Amazonasbeckens.

Ana Clécia do Sousa ist Leiterin des Bündnis “Pitaguray de Brasil”. Vor fünf Jahren war sie zum Opfer ständiger Bedrohungen am Telefon geworden. Eines Tages hörte sie, wie mit einer Waffe geschossen wurde, nicht weit entfernt von ihrem Haus. Plötzlich klingelte das Telefon: “Hast du die Schüsse gehört? Das nächste Mal wird es deinen Kopf treffen”. Die Angst brachte sie dazu, ihre Haare blond zu färben und eine Mütze aufzuziehen. Schließlich entschied sie sich, Brasilien zu verlassen, nachdem die Stalker einen Monat später versucht hatten, ihre Tochter zu entführen.
Fälle wie diese sind inzwischen Alltag bei denen, die ihre Gemeinschaft verteidigen gegen diejenigen, die ihr Territorium “modernisieren” wollen. Die bolivianische Expertin Natalie Calderón, die für die Stiftung “Amigos de la Naturaleza – FAN” (Freunde der Natur) arbeitet, behauptet, dass 52 % der Amazonasgebiete gefährdet sind. “Solange ihnen die so genannte Entwicklung aufoktroyiert wird, werden die Indígena-Gemeinschaften weiter bedroht sein”, fügt die Umweltwirtschaftswissenschaftlerin hinzu.

Bedrohung durch die  Justiz
Die Ecuadorianerin Catalina Chumbi vom Volk der Shuar ist auf dem Kriegspfad gegen Erdölfirmen. Diese haben zusammen mit chinesischen Bergbauunternehmen Konzessionen der indigenen Territorien zugesprochen bekommen.  Der Präsident des ecuadorianischen Shuar-Verbandes (FICSH), José Acacho, wurde wegen der Anstiftung zu Protesten festgenommen und wegen Sabotage zu 12 Jahren Haft verurteilt . Mit ihm wurden 189 weitere soziale Anührer und Bauern vor Gericht angeklagt. “Das Volk hat geschafft, ihn wieder frei zu bekommen, weil wir uns wehren und für die  Verteidigung unserer Heimat leben. Und das werden wir bis auf den letzten Tropfen Blut durchziehen”, erzählt Chumbi, die nach Perú gekommen ist, um die Stimme ihres Shuar-Volkes weiterzutragen.

Bergbauunternehmen und Wasserkraftwerke
Der Brasilianer Antonio Nobre, Mitglied im brasilianischen Wissenschaftsrat zum Klimawandel, behauptet, dass es ein Rückschritt sei, den in “50 Millionen Jahren entwickelten Amazonas für ein paar Wasserkraftwerke zu zerstören “. Diese verursachen in Brasilien den Großteil der sozialen Konflikte. Marcio Kokoj vom Volk Kaingang und Koordinator des brasilianischen Indigenen-Verbandes APIB schildert, dass die Firmen seit einigen Jahren Auftragsmörder anheuern, um die Vorsitzenden aller Gemeinschaften zu bedrohen. “Die Lösung sind Schüsse” – so fasst Nobre das Denken der Unternehmen zusammen: ” … entweder du akzeptierst mich oder ich verzehre dich, ähnlich einer Anakonda”.

Viele Ölgesellschaften, Bergarbeiter, Wasserkraftwerke und Holzhändler brauchen die Gebiete der Einheimischen, um ihre Rohstoffe zu extrahieren. Jedes Land hat Probleme mit der Vorherigen Konsultation und der Landtitulierung. Es ist üblich, dass die indigenen Anführer die Opfer der gewaltvollen Einschüchterung der privaten Unternehmen  werden.

Vor fünf Tagen wurde am Ufer des Flusses Zamora in Ecuador die Leiche von José Isidro Tendetza Antún gefunden. Er war Gegner einer lokalen Mine. Tendetza Antún hatte geplant in diesen Tagen nach Lima zu kommen, um für seine Gemeinschaft   auf der COP20 zu sprechen. Die Umstände seines Mordes sind bis heute noch nicht aufgeklärt.

Illegaler Drogen- und Holzhandel
Adolfo Chávez ist Mitglied der CIDOB (Koordination der indigenen Organisationen Boliviens). Er sagt, dass nicht nur der Staat und private Firmen die Indígenas bedrängen, sondern  auch kriminelle Organisationen, die plötzlich in den Indígena-Gemeinschaften auftauchen.  ”Sie kennen die Weltanschauung der Gemeinschaft nicht, sie dringen nur ein und verbrennen. Das ist ein Feind mehr”, fügt er hinzu.

Carol González ist Vorsitzende des kolumbianischen Indígena-Verbandes OPIAC und versichert, dass  ”die Banden sogar noch gefährlicher sind, weil sie andere Indigene zum Mitmachen – z. B. beim illegalen Bergbau – überzeugen”.

Vor zwei Monaten wurden im peruanischen Departement Madre de Dios vier Mitglieder der Ashaninka ermordet. Sie waren bekannt als Gegner der hemmungslosen Holzhändler. Diese hatten versucht, in ihr Gebiet auf der Höhe von “Tamaya Saweto” einzudringen. Die Leichen waren zerstückelt, als man sie fand; die Holzhändler wollten den Mord vertuschen. Edwin Chota, einer der ermordeten Indigenen, hatte in einem Interview vor einem Jahr bereits von den Todesdrohungen der Holzfäller gegen ihn berichtet.

Bedrohung Staat
Der Peruaner Zebeblio Kayap war einer der Vorsitzenden des Awajún-Volkes, die den Widerstand seines gegen Erdöl-Konzessionen an ein transnationales Unternehmen anführte. Der Widerstand endete vor fünf Jahren im Massaker von Bagua (Baguazo), bei dem 30 Polizisten und Indigene ums Leben kamen.  Zenobio wurde wegen Entführung von Polizisten  angeklagt. Zebelio Kayap wehrt sich gegen den Vorwurf der Entführung: “Wir wollten vermitteln”.

Die Peruanerin  Ruth Buendia, Gewinnerin des Goldman-Umweltpreises und Führerin des Volkes der Asháninka gegen den Bau von Wasserkraftwerken auf indigenem Land, spricht Klartext: “Die hauptsächliche Bedrohung kommt vom Staat.  Er  glaubt, Rechte sind verkäuflich.”  Sie ist überzeugt, dass die verschiedenen Völker des Amazonasbeckens Bündnisse eingehen und gemeinsame Strategien gegen ihre jeweiligen Nationalregierungen erarbeiten müssen.

Der staatliche Druck, die Bedrohungen durch extraktive Industrien – legale und illegale – und die gerichtliche Verfolgung, sind das tägliche Brot der Indígena-Anührer im Amazonas-Becken. Dies ist der Preis dafür, dass sie 52% des Landes des Amazonas-Beckens besitzen, in dem ein Drittel des gesamten CO2s der Tropen gespeichert ist.

Text: Hernán Padilla

Übersetzung: Lynda Wolff

 

klima (2)Die KLima-Reporteros sind 14 peruanische und deutsche Journalismus-Studierende und Freiwillige, die im Dezember 2014 rund um  die Weltklimakonferenz aus Lima berichten. Das Projekt der Infostelle Peru e.v. wird unterstützt von taz.panterstiftung, Stiftung Umverteilen, Katholischer Fonds.

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