vonNiklas Franzen 08.07.2015

Latin@rama

Politik & Kultur, Cumbia & Macumba, Evo & Evita: Das Latin@rama-Kollektiv bringt Aktuelles, Abseitiges, Amüsantes und Alarmierendes aus Amerika.

Mehr über diesen Blog

Das kürzlich erschienene Lied „Boa Esperança“ (Gute Hoffnung) des brasilianischen Rappers Emicida thematisiert Diskriminierung und Rassismus. Das Video zeigt eine weiße, wohlhabende Familie in ihrer Villa und die überwiegend schwarzen Hausangestellten. Nach einer Reihe von Demütigungen und Belästigungen seitens der Familie setzen sich die Angestellten zur Wehr und rächen sich an ihren Arbeitergebern. Emicida, der selbst im Video auftaucht, beobachtet die Szenerie auf dem Bildschirm der Überwachungskameras.

YouTube Preview Image

Das Video kann als Neuinterpretation des Buches „Herrenhaus und Sklavenhütte“ von Gilberto Freyre betrachtet werden. In seinem berühmtesten Werk beschreibt der Soziologe die Haussklaverei als idealisierten Gründungsmythos der brasilianischen Nation. Anders als Freyre erzählt Emicida eine Geschichte von Widerstand. Damit erinnert „Boa Esperança“ auch stark an das Video von Rihannas „Bitch Better Have My Money“, in dem der Popstar Rache an den reichen, weißen USA übt.

Wortgewandt erzählt Emicida die Geschichte der jahrhundertelangen Unterdrückung von Armen und Schwarzen in Brasilien:

 

Die Würze des Meeres war die Träne des Schwarzen

Gespräch mit Skeletten mit anderem Dialekt

Nur Unzufriedenheit, Leben wie Insekten, Dreck

Entschädigung? Ruhm als Verbrecher

 

Der Musiker, der aus der armen Vorstadt der Metropole São Paulo stammt, bricht in seinem Song mit dem Mythos einer harmonischen „Rassendemokratie“. Auf intelligente und poetische Weise klagt Emicida die Diskriminierung in dem Land an, das sich selbst gerne als „Land ohne Rassismus“ darstellt.

 

Schwarze zum Weiterverkauf

Favela ist noch Sklavenhütte

Zeitbombe bereits zum Platzen

 

Bezugspunkt sind die Hausangestellten – die empregadas domésticas. Als letztes Land Lateinamerikas beendete Brasilien im Jahre 1888 die Sklaverei. Viele schwarze Frauen wurden empregedas und heute hat Brasilien die weltweit höchste Zahl von Hausangestellten, ein Relikt der Sklaverei. Die Darsteller*innen in dem von den bekannten Regisseuren Kátia Lund (City of God) und João Wainer (Junho) gedrehten Video arbeiten selbst als Hausangestellte und wohnen in einer Besetzung in der Innenstadt São Paulos.

„Boa Esperança“ ist die erste Single eines in Kürze erscheinenden Albums von Emicida.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/latinorama/2015/07/08/gute-hoffnung-rapper-erzaehlt-andere-geschichte-brasiliens/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.