vonPeter Strack 02.11.2016

Latin@rama

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Allerheiligen ist im andinen Bolivien das Fest, an dem die Seelen der in den letzten Jahren Verstorbenen für einen Tag zu den ihren zurückkehren, bevor sie an Allerseelen zurück in das Reich der Toten geschickt werden. Die Familien bringen auf Hausaltären, die in den Dorfgemeinden sogar Stockwerkhoch werden können, lila Papierblumen und -fähnchen, Zuckerrohr Palmzweige an. Auf schwarzen Tüchern wird das Lieblingsessen der Verstorbenen aufgebaut, dessen Foto oder wenigstens Namen ebenfalls nicht fehlen darf. Wein, Schnaps und Chicha werden in Gläser gefüllt. Und sie steht in Kanistern oder gar Fässern bereit für Verwandte und Nachbarn, die kommen, um ein Ave Maria und Vater Unser zu beten. Dafür werden sie mit üppigem Essen oder Backwaren entlohnt.

Nicht nur in Privathäusern, auch in staatlichen Einrichtungen werden Altäre aufgebaut. Das bolivianische Außenministerium erinnert in diesem Jahr auf den Fotos an eine bunte Mischung nationaler und internationaler politischer Größen. Unter der Reihe mit Simón Bolivar und anderen Helden der Unabhängigkeit gegen Spanien, folgen hinter den Lateinamerikanern Hugo Chávez, Nestor Kirchner und Ernesto „Che“ Guevara auch  Martin Luther King und Nelson Mandela. Und neben den Schriftstellern Eduardo Galeano und Gabriel García Marquez finden sich mesa2-cancilleriader populistische Politiker, Medienmacher und Musiker Carlos Palenque und Ex-Vizeinnenminister Rodolfo Illanes.

Der war im August von Bergbaukooperativisten bei Protesten als Geisel genommen und brutal ermordet worden. Der Ombudsmann Tezano Pinto hatte Untersuchungen eingeleitet und danach auch die Vorgehensweise der Polizei im Umfeld kritisiert. Nun werfen die Angehörigen des getöteten Illanes dem Ombudsmann vor, sich vor Verbrecher zu stellen. Entgegen Anordnungen und laut Aussagen aus den Reihen der Polizei seien ihresgleichen mit tödlichen Waffen im Einsatz gewesen gewesen, hatte Tezano Pinto verlauten lassen. Unumstritten ist, dass Bergarbeiter durch den Einsatz scharfer Munition getötet worden waren. Doch Staatsanwaltschaft und Polizei, die für Untersuchungen und Strafverfolgung in all diesen Fällen eigentlich zuständig wären, haben zwar inzwischen eine ganze Reihe der Bergarbeiter in Untersuchungshaft gebracht, üben sich in Bezug auf die Toten aus deren Reihen jedoch im zurückhaltenden Schulterschluss und fordern vielmehr den Ombudsmann auf, Beweise vorzulegen.

Illanes war erst seit Anfang März im Amt gewesen. Nachdem sein Vorgänger den Mitarbeitern der von der Opposition regierten Stadtverwaltung El Alto den nötigen Schutz verweigert hatte, als Provokateure während einer Elterndemonstration im Februar das Hauptgebäude und Inventar der Stadtverwaltung anzündeten. Darunter Unterlagen eines laufendes Korruptionsverfahrens gegen die Vorgängerregierung. Die in der Nähe stationierte dem Innenministerium unterstellte Polizei forderte aus dem brennenden Bürgermeisteramt erst eine schriftliche Anfrage. Und als diese dann geschickt wurde, dauerte es noch einmal, bis die Polizei anrückte. Da waren sechs Personen bereits in den Flammen umgekommen. Bis heute ist ist die Verantwortung nicht aufgearbeitet worden.

Für die Toten des Bürgermeisteramtes und für Illanes hat nun der Stadtrat von El Alto an Allerheiligen einen Altar aufgestellt. Ebenso wie für den aus Rosenheim stammenden Priester Sebastian Obermaier, wie auch die Toten des „Schwarzen Oktober“ im Jahr 2003, der zum Sturz des damaligen Präsidenten Sánchez de Lozada geführt hatte. Und den hat der Oberste Gerichtshof gerade vom Vorwurf der Untreue im Fall der Privatisierung der Eisenbahngesellschaften freigesprochen. Während die Staatsanwaltschaft für den Oppositionspolitiker Doria Medina Untersuchungshaft beantragt hat, weil er vor einem Vierteljahrhundert als Minister einen staatlich subventionierten Kredit für Beschäftigungsfördermaßnahmen an eine private Stiftung vergeben hat.

Titelfoto: Veronika Strack, Foto aus dem Aussenministerium: ERBOL

 

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