vonPeter Strack 12.08.2018

Latin@rama

Politik & Kultur, Cumbia & Macumba, Evo & Evita: Das Latin@rama-Kollektiv bringt Aktuelles, Abseitiges, Amüsantes und Alarmierendes aus Amerika.

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„Mehr als vierzig Jahre habe ich mich gefragt, was Silvio Rodriguez tatsächlich verloren hat“, schreibt Pablo Solón, früherer UN-Botschafter Boliviens, in der Sonntagsausgabe der Tageszeitung Pagina 7 in Anspielung auf eines der bekanntesten Lieder, mit denen der kubanische Troubador die Phantasie von Generationen, und nicht zuletzt die Identitätssuche meines Sohnes Erik beflügelt hat. Aber jetzt habe er es gefunden, schreibt Solón, der wegen seines Engagements für die Umwelt und gegen Megaprojekte bei Präsident Evo Morales inzwischen in Ungnade gefallen ist. Gefunden hat Solón das Blauhorn allerdings nicht in der mythischen beflügelten Pferde- sondern in Vogelgestalt im TIPNIS, dem Indigenen und Naturschutzgebiet Isiboro Securé. Durch das treibt die Regierung Morales einen Überlandstraßenbau voran. Mit dem wollen die Kokabauern neue Anbauflächen für die nachwachsenden Generationen erschließen. Aber gleichzeitig bedrohen sie die traditionelle Lebensweise der ansässigen Yuracaré, Mojeño Trinitarios und Chimane. Und damit auch die Artenvielfalt der Region. Der wissenschaftliche Name des Vogels, der 85cm groß und fast 4kg schwer werden könne, ist Pauxis Unicornis Unicornis. Die Art, die erstmals von 1939 von einem nordamerikanischen Ornithologen ausgerechnet Namens James Bond beschrieben worden sei, ist heute in der Roten Liste, und gehört zu den 470 Vogelarten des TIPNIS und zu den sieben am meisten vom Aussterben bedrohten Vogelarten Boliviens. Vom Blauen Einhorn, habe es vor 15 Jahren noch 200 Exemplare gegeben. Heute sei nur in drei Naturschutzgebieten Boliviens anzutreffen, darunter dem TIPNIS.

Eine Briefmarke ist zu wenig

2017 brachte die bolivianische Post 2017 eine Briefmarke mit dem Vogel heraus, die auf die Bedrohung dieser Art hinweist. Im gleichen Jahr unterzeichnete Evo Morales das Gesetz, dass ein vorangegangenes von Morales selbst aufgrund der Forderungen und Aktionen indigener Gemeinden erlassenes Schutzgesetz für den TIPNIS wieder aufhob, und den schon vorher begonnenen Straßenbau im Schutzgebiet nachträglich legalisierte. Pablo Solón weist auf Studien hin, die zeigen, dass diese Infrastrukturmaßnahme illegale Ansiedlungen, Handel mit Tieren, Entwaldung und die Ausweitung der Kokaanbauflächen fördern wird, kurzum: Die Zerstörung des Habitats des Blauen Einhorns.

Rechte der Natur zwischen globalem Anspruch und lokaler Wirklichkeit

Am 17. August wird eine Delegation des „Internationalen Tribunals zu den Rechten der Natur“, der auf seiner letzten Sitzung in November 2017 in Bonn den Fall des TIPNIS behandelt hatte, eine Inspektion in diesem Indigenen und Naturschutzgebiet durchführen. Die bolivianische Regierung, die auf der Pariser Weltklimakonferenz ein Internationales Tribunal für die Rechte der Natur gefordert hatte, erkennt dieses zivilgesellschaftlich organisierte Gremium nicht an. Obwohl es auf der Basis der „Universellen Deklaration der Rechte der Mutter Erde“ gegründet wurde, die 2010 von der Regierung Morales in Bolivien verabschiedet wurde.

Evo Morales regiert inzwischen mit über zwölfeinhalb Jahren sogar länger als der legendäre Victor Paz Estenssoro, der 1952 die nationale Revolution angeführt hatte, die Bolivien eine Agrarreform, das Wahlrecht für alle und das Recht auf universelle Schulbildung gebracht hatte. Dies allerdings nicht am Stück. In den 1980er Jahren läutete der selbe Paz Estenssoro dann die neoliberale Epoche in Bolivien ein.

Fotos: Pablo Solón, Pagina Siete

 

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