vonGerhard Dilger 19.08.2018

Latin@rama

Politik & Kultur, Cumbia & Macumba, Evo & Evita: Das Latin@rama-Kollektiv bringt Aktuelles, Abseitiges, Amüsantes und Alarmierendes aus Amerika.

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Von Juanónimo*

Wir müssen die Linke neu erfinden, sie ist in dringlicher Weise mit neuen Herausforderungen in einem neuen Kontext konfrontiert.

Vorworte und Einführungen sind unnötig. Es ist nicht wichtig, wer ich bin. Einer von vielen mit maskiertem Gesicht. Ich wurde in Nicaragua geboren, mitten im Krieg und der Revolution der 1980er Jahre. Von meiner Mutter lernte ich, mich für das Volk und für die Werte des Sandinismus einzusetzen. Und von meinem Vater … blieb mir nur ein Foto, das ihn als Milizsoldaten zeigt, der mich, ein zartes neugeborenes Baby, auf seinen Armen trägt.

Ich bin einer von den vielen, die sich eine Maske überziehen mussten, als die Regierung ihre ablegte.

Was mich heute antreibt – oder eher verpflichtet –, diese Zeilen zu schreiben, ist ein Gefühl von encachimbamiento[1], wie wir in Nicaragua sagen – es kommt aus meinem Inneren und wird von vielen Menschen so empfunden.

Um einander besser zu verstehen, werde ich Ihnen zuerst sagen, dass der Nicaraguaner eine gesellige und lebhafte Natur ist, aber normalerweise ziemlich zurückhaltend darin, Ärger zu zeigen. So, als ob es ein Zeichen der Schwäche wäre, öffentlich seine Wut zu demonstrieren (oder „alles hinzuschmeißen“ wie man hier auch sagt). So haben wir eine Skala von Emotionen, die breiter ist als anderswo: Wenn im Rest der Welt jemand wütend ist, sagt man hier, er sei „verärgert“, während die höchste Stufe in dieser eigenartigen Skala eine eigene, genuine Bezeichnung besitzt: das encachimbamiento. Der Diktator Somoza konnte das Ausmaß dieses Phänomens am eigenen Leib verspüren[2], und heute, 40 Jahre später und mit vielen Ähnlichkeiten, bekommet es auch die doppelköpfige Diktatur von Ortega-Murillo zu spüren.

Das encachimbamiento ist kein einfacher Anstieg des Blutzuckers oder ein plötzlicher Wutanfall, sondern es handelt sich dabei um einen Prozess der sozialen Chemie, um eine allmähliche Entwicklung, die bisher noch nicht genügend von der Politologie untersucht wurde. Es ist wie ein Zustand innerer Gärung, das Ergebnis von mehreren und wiederholten, Rückschlägen, von Wut, Frustrationen und aufgestauten Erniedrigungen, die dazu führen, dass urplötzlich die Mauern der Angst verschwinden und hochentzündliche Dämpfe entstehen.

Dieses encachimbamiento hat genau zu der Situation geführt, in der sich Nicaragua seit dem 19. April befindet. Soweit ist die Sache klar.

Aber infolge all dessen ist in mir, wie auch bei vielen anderen Compañeras und Compañeros, eine andere Wut entstanden. Man könnte sogar sagen, dass wir „sehr ärgerlich“ sind, und zwar auf die angepasste internationale Linke. Ich würde sogar sagen, dass ich encachimbado bin.

Ich bin wütend auf diese Steinzeit-Linke, die sich mit all ihren Zweifeln, ihrer Ängstlichkeit und ihrem Schweigen zum Komplizen der blutigen Repression macht, die sich gegen eine authentische zivile Aufstandsbewegung richtet. Eine Linke, die im Vorbeigehen auch noch den Zug der Geschichte unwiederbringlich verpasst, obwohl dies ein kleineres Übel wäre… Denn während ihre Obergurus ihre Zeit damit verbringen, in ihren Foren und Denkfabriken bedächtig über „weiche Putsche“, „Revolutionen der Farben“ oder die imperialistischen Thesen von Gene Sharp[3] zu debattieren, schwärmen die Mörder des Regimes Ortega-Murillo – ermutigt und bestärkt in ihrem heiligen „revolutionären“ Krieg – zur Jagd aus, um voller Stolz die (größtenteils unbewaffneten) Oppositionellen, die sie als „Vandalen“, „Verbrecher“ und „Terroristen“ bezeichnen, zu verfolgen, zu entführen und zu töten.

Wie bequem sind diese ideologischen Orientierungspunkte, um den legitimen sozialen Protest in eine Verschwörung des CIA für einen Putsch zu verwandeln! Und wie nützlich sind sie für Ortega-Murillo, die ihre Geschäfte verteidigen und ihre Verbrechen rechtfertigen können, indem sie sich als unantastbare Revolutionäre präsentieren! Sie stellen sich als Opfer dar, die von einer Horde Jugendlicher und „rechter Vandalen, […] vom Imperialismus finanziert“, belagert werden. Dabei wollen die Protestierenden nichts anderes, als das, was sie selbst in ihrer revolutionären Phase vor 40 Jahren erreichen wollten: den Diktator zu stürzen! Welch Ironie!

Und welche Verachtung! Ist es tatsächlich so, dass die Kämpfe des Volkes keinen Wert haben, wenn sie nach Meinung von Ortega-Murillo nicht in einen korrekten strategischen Kontext eingebettet, nicht zum richtigen Zeitpunkt durchgeführt und nicht von ihnen angeführt werden? Sind die Kämpfe gegen eine Diktatur je nach dem gut oder schlecht, ob sie gegen eine rechte oder eine sich als links bezeichnende Diktatur geführt werden?

Es muss wohl so sein, dass wir jung, ungebildet, ohne theoretische Grundlagen und ohne Lebenserfahrung sind und an Kurzsichtigkeit leiden: Denn wo wir einen Kampf der Demokratie gegen den Autoritarismus sehen, sehen sie berechtigte Staatsinteressen; sie sehen Verschwörungen in großem Maßstab, gegen die strategische Kämpfe geführt werden müssen, um das Terrain der Linken nicht zu verlieren. Was für ein Pech, dass unser Kampf so sehr diesen berühmten „Revolutionen der Farben“ ähnelt, dass er vom Hohen Rat der Revolutionäre mit ihnen gleichgesetzt wird!

Meine Herren der angepassten Linken (und ich sage Herren, weil es unter ihnen glücklicherweise fast keine Damen gibt), gestatten Sie uns bitte trotzdem, Ihnen hier einige eigene Überlegungen zu präsentieren.

Als erstes: Wir kennen unsere Geschichte. Diese Geschichte ist von dem Unglück gezeichnet, im Hinterhof eines Imperiums geboren zu sein, mit allen Folgen, die das mit sich bringt. Darüber hinaus war Nicaragua der Ort für den Bau eines interozeanischen Kanals, der lange bevor es ihn überhaupt gab, bereits zu mehreren Bürgerkriegen und vielen Invasionen der US-Marines geführt hatte. Nicaragua war schon immer ein Knotenpunkt geopolitischer und geostrategischer Interessen, und damit sich an einem Ort wie diesem etwas ändert, ist es nicht immer genug, dass die Leute darüber entscheiden … man muss auch an höherer Stelle um Erlaubnis bitten.

Wir sind nicht naiv. Wir wissen, dass die Gringos immer versuchen werden zu intervenieren, die ursprünglichen sozialen Veränderungsprozesse abzuwürgen oder sie in ihre Richtung zu lenken, wie klein und schwach sie auch erscheinen mögen.

Aber auf diese Bedrohung so zu reagieren, dass jegliche nicht von oben kontrollierte Initiative des Volkes als Staatsstreich bezeichnet und das eigene Volk im Namen revolutionärer Prinzipien massakriert wird, ist nicht nur unmoralisch und unzumutbar, sondern es ist auch völlig kontraproduktiv, denn während das passiert, spielen die Gringos die Rolle der Guten, erscheinen als die einzigen Beschützer der Demokratie und der Menschenrechte und überlassen der Linken die unrühmliche Rolle, eine völlig unvertretbare Sache zu verteidigen.

Im Namen welcher Prinzipien und welcher Ethik kann so viel Grausamkeit gerechtfertigt werden, so viel Perversität, mit der man ist unser Volk bestraft? Denn in Wirklichkeit handelt es sich um eine exemplarische Bestrafung für Undankbare, für Widerspenstige, launische Rückfällige dafür, dass sie auf der Finca Unruhe stiften, die das Regime bisher friedlich kontrollierte.

Wie kann man mit so einem Hass regieren? Welche Geistesverwirrung kann zu dem Befehl veranlassen, die Krankenhaustore für junge Leute zu schließen, die verbluteten? Oder dazu,  Ärzte nur deswegen zu entlassen, weil sie verletzte Demonstranten behandelt hatten? Oder vergiftete Nahrung an die Studenten an den Barrikaden zu liefern? Oder Säure in die Gesichter der Demonstranten zu gießen? Oder die Polizisten umbringen zu lassen, die nicht mehr an den Massakern teilnehmen wollten? Oder den Angestellten des Bürgermeisteramtes von Managua 2.500 Córdobas extra zu zahlen, damit sie mit der Erlaubnis zu töten und zu rauben auf die Jagd gingen? Und selbst als die „Säuberungsaktionen“ schon abgeschlossen waren, noch weiterhin die Menschen verfolgten, bedrohten, entführten und folterten?

Nur um einige absolut bewiesene und unwiderlegbare Fakten zu erwähnen.

Von welcher Linken reden wir, die in der Lage ist, derartige Gräueltaten zu begehen und zu decken?

Diesen mörderischen Abweg und diese Vetternwirtschaft einer Bananenrepublik mit einem sozialistischen, sandinistischen oder minimal linken Projekt zu verwechseln, sie zu verteidigen oder auch nur Neutralität ihnen gegenüber vorzutäuschen, ist nicht nur ein gewaltiger Fehler, sondern es ist auch eine Schmach, die die Geschichte kaum verzeihen wird.

Es ist eine Sache, zu erkennen, dass das Imperium heute seine Methoden mit viel schwieriger zu erkennenden Strategien verfeinert hat, die im Einklang mit der heutigen Ära der Massenkommunikation und deren Manipulationen stehen.

Eine ganz andere Sache ist es, diese Analyse mechanisch auf jede Situation des Bürgerprotestes zu übertragen oder politische Regimes – allein deswegen, weil sie sich als sozialistisch oder revolutionär bezeichnen – von jeglicher Verantwortung freizusprechen. Im Namen dieser sakrosankten Prinzipien muss unser Volk Schandtaten und Schrecken ertragen, die noch nicht einmal Somoza in so kurzer Zeit verübt hat.

Dies wäre reiner Unsinn, eine Beleidigung der Intelligenz, aber vor allem: eine Haltung tiefer elitärer Verachtung gegenüber dem Kampf eines unbewaffneten (wie lange noch?) Volkes, das angesichts des wiederholten Amtsmissbrauchs seine Angst verliert und auf die Straße geht und so seine Erinnerung und seine Würde wiedererlangt.

Ein Unsinn vor allem deswegen, weil das Regime von Ortega-Murillo, aus welcher Sicht man es auch betrachtet, bei weitem nicht links ist, so sehr es sich auch darum bemühen mag, seine neoliberale Politik durch lästige pseudo-revolutionäre Rhetorik zu übertünchen. An dieser Regierung ist nichts anderes links als der Briefkopf und der Stempel. Und die hat sie mit Tricks einer Partei gestohlen, die sie zudem jeglicher Substanz beraubt und in eine Wahlmaschinerie und ein Unterdrückungsinstrument verwandelt hat, das ihren politischen und wirtschaftlichen Interessen dient.

Darüber hinaus hat die Regierung Ortega-Murillo die IWF-Maßnahmen vorbildlich umgesetzt.

Was würde wohl Sandino, der seinen Kampf gegen die in Nicaragua wirkenden Bergbauunternehmen begann, dazu sagen, dass die Regierung, die heute seinen Namen usurpiert, den größten Teil der Bergbauaktivitäten an große multinationale Firmen verkauft hat? Ganz zu schweigen von dem Verkauf der Konzession für den Bau des interozeanischen Kanals an ein zweifelhaftes chinesisches Unternehmen, das den Bauern ihr Land wegnimmt, ohne sie zu konsultieren oder wenigstens zu versuchen, sie zu überzeugen.

Was ist links an der Politik einer Person, die imstande ist, jeden Trick anzuwenden, um sich selbst, seine Frau und die ganze Bagage seiner Kinder, die alle an der Spitze von Unternehmen, Geschäften und TV-Kanälen usw. stehen, an der Macht zu halten?

Wie kann man die Figur Ortegas nach seiner abscheulichen Geschichte des jahrelangen sexuellen Missbrauches an seiner – damals minderjährigen – Stieftochter Zoilamérica weiterhin als einen Vertreter der Linken ansehen?

Was ist links an einer Person, die bereit ist, sich mit der katholischen Kirche zu verbünden und ein mittelalterliches Gesetz zu verabschieden, das den Schwangerschaftsabbruch sogar aus therapeutischen Gründen verbietet (das also Ärzten Abtreibungen selbst dann untersagt, wenn diese zur Rettung des Lebens der Frauen erforderlich sein sollten).

Aber selbst mit so viel Nachsicht und so vielen Pakten ging dieses Spiel schief. Nach 11 Jahren des Schäkerns mit dem Großen Kapital, mit der Kirche und sogar mit den USA, fühlt Daniel Ortega sich plötzlich betrogen und greift in zynischer Weise auf die „revolutionäre“ Artillerie zurück: Über Nacht verwandelte sich die private Wirtschaft in eine Gruppe von Putschisten, wurde aus der Kirche eine satanische Sekte, und aus der Jugend, dem „heiligen Schatz“ der Nation, wurde eine vom Imperialismus bezahlte Bande von Vandalen, Terroristen und Kriminellen.

Einmal an diesem kritischen Punkt angekommen, ist es das Wichtigste für Daniel Ortega, die Plakette des Linken nicht zu verlieren und weiterhin das Märchen zu verkaufen, dass er die letzte antiimperialistische Bastion ist und dass daher all diejenigen, die in Opposition zu seinem Regime stehen, nichts weiter sind, als eine Bande von Somozisten, Liberalen und Freunden des Imperialismus.

Es ist jedoch kein Widerspruch, wenn man feststellt, dass die ersten, die versuchen, aus der aktuellen Situationen Kapital zu schlagen, immer die gleichen sind, diejenigen, die am besten darauf vorbereitet sind und die meisten Mittel und Erfahrungen dafür besitzen: die Rechte, unterstützt von den USA und ihren vielfältigen Handlangern.

Es ist offensichtlich, dass die Gringos immer bereit sind, im Trüben zu fischen und soziale Prozesse in die Richtung ihrer eigenen Interessen umzuleiten. Aber was machen wir dann? Setzen wir uns ab? Werfen wir das Handtuch? Oder führen wir unseren Kampf alleine weiter?

Tatsache ist, dass es angesichts der Unfähigkeit der Linken, die wahrhaftigen Veränderungsprozesse zu begleiten und zu orientieren, für die Gringos viel leichter und bequemer ist, diese Bewegungen zu verurteilen und zu unterdrücken.

Aber lassen wir uns auch hier nicht täuschen. Wenn die USA dieser Regierung keinen stärkeren Schlag zugefügt haben, ist das nicht aus Mangel an Mitteln oder Ideen geschehen, sondern weil es in irgendeiner Weise ihren Interessen in der Region dient und weil Gringos, wie auch die Rechte, mehr Angst vor einer Volksrevolte haben, die sie nicht kontrollieren, als vor einer Tyrannei, mit der sie verhandeln können. Daniel Ortega weiß dies sehr gut und nutzt es aus, indem er damit droht, dass die ganze Region ohne ihn in ein unkontrollierbares Chaos stürzen würde.

Und was denkt die angepasste Linke angesichts all dieser Verhältnisse?

Es ist richtig, dass Interessenverflechtungen nicht allzu viele Interpretationen zulassen. Aber außerdem sind viele der Obergurus auch nicht bereit zu riskieren, dass ihr antiimperialistischer Lebenslauf in Frage gestellt wird, indem sie ihren alten politischen Weggefährten ihre Unterstützung versagen. Bestenfalls können sie zugeben, dass Daniel Ortega Fehler gemacht hat, dass ihm die Dinge ein wenig aus der Hand geglitten sind, oder dass all dies passiert ist, weil seine Frau Rosario sich in Angelegenheiten eingemischt hat, die sie nichts angingen.

Aber am Ende kommen sie angesichts der Präsenz des Imperialismus immer zum gleichen Schluss: Der Zweck heiligt die Mittel. Daher ist es auch „nicht an der Zeit, in Debatten einzutreten, die das Lager des Fortschritts in Lateinamerika schwächen“. Dies ist für sie ein ausreichender Grund dafür, Nicaragua im Namen der ALBA[4] weiterhin bluten zu lassen. In dieser Logik sagen viele – sicherlich hinter vorgehaltener Hand – von Daniel Ortega das Gleiche, was die Gringos einmal über den mit ihnen verbündeten Diktator Somoza gesagt haben, um seine blutigen Gewalttätigkeiten zu rechtfertigen: „Er ist ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn!“ Und dann fahren sie in ihrer Argumentation fort, dass „das, was nach Daniel kommen würde, ein Risiko bedeuten könnte“. Es ist sicherlich richtig, dass in diesem Land, das derartig von fremden Interessen bestimmt wird, jede Veränderung ein Risiko bedeutet. Aber sich an einen morschen Balken zu klammern, weil man befürchtet, dass der ganze Boden zusammenbricht, scheint nicht die intelligenteste Option zu sein.

Die Opposition ist ideologisch weit gestreut und hat als einziges gemeinsames Projekt, den Rücktritt von Ortega-Murillo zu fordern. Wäre es da nicht aus einer linken Perspektive heraus viel konsequenter, diese Jugendlichen, die sich selbst immer noch mit den Idealen Sandinos identifizieren, solidarisch zu begleiten und diese authentischen Volksbewegungen zu unterstützen, damit sie nicht alleine bleiben und ihre Ziele nicht von anderen, fremden Interessen missbraucht werden?

Man muss es sogar in der Wüste schreien: Wir können für den Sturz dieser korrupten Regierung kämpfen und dabei links und sandinistisch sein und den Imperialismus verurteilen. Wir müssen für den Sturz dieses Diktators kämpfen, gerade um die geschändeten Werte der Linken erhobenen Hauptes wieder erneut aufgreifen und verteidigen zu können.

Wir müssen dies tun, damit unsere Eltern, die das Beste ihres Lebens (und unserer Kindheit) für eine so großartige Sache opferten, nicht das Gefühl bekommen, umsonst gekämpft zu haben, und damit sie nicht auf den Gedanken kommen, dass die aktuellen blutigen und wahnsinnigen Verirrungen etwas mit den Idealen zu tun haben, an die sie geglaubt haben. Es ist nicht ihnen anzulasten, dass einige psychopathische Mörder, die sich als Revolutionäre verkleiden, dafür sorgen, dass sie bis in ihr Grab unter der ungerechtfertigten Last ihrer Schuld leiden.

Was hat dieses Land an sich, dass es derart unter seiner Geschichte leiden musste? Vor 40 Jahren waren es unsere Eltern, die eine Diktatur stürzen mussten. Heute sind wir dran. Ohne Waffen, nahezu ohne Unterstützung, von Unverständnis umzingelt, fast ohne eigene Mittel, und ohne die nötige Zeit um nachzudenken und uns zu organisieren.

Sehr geehrte Herren Obergurus der angepassten Linken, wenn Sie Daniel Ortega so sehr als Bezugspunkt und als Ihren Weggefährten lieben, dann behalten Sie ihn! Aber aus Respekt vor denen, die ihr Leben gegeben haben und die weiterhin ihr Leben für ihre Träume, für ihre Ideale und nicht für irgendwelche schäbigen Interessen geben, hören Sie bitte auf, uns zu belästigen, gehen Sie auf die andere Straßenseite und geben Sie sich einen anderen Namen! Wir müssen die Linke und den Internationalismus neu erfinden. Lassen Sie die Longdrinks stehen, und begeben Sie sich auf die Ebene der Pflasterstein-Barrikaden. Denn anders als Sie glauben, kann man den Horizont von dort aus viel besser erkennen.

Anstatt die Realität so lange zu verdrehen, bis sie in Ihre überholten Theorien passt, anstatt etwas zu verteidigen, was nicht verteidigt werden kann, versuchen Sie zumindest ein kleines Loch in Ihren Spekulationen zu finden, das es Ihnen erlaubt, einer Handvoll von erzürnten („encachimbados“) Leuten, ohne Waffen, ohne Geld und ohne Kontakte zum CIA das Recht zuzugestehen, zu existieren, sich öffentlich auszudrücken und für ihre linken Ideale und Rechte zu kämpfen.

Sehr geehrte Obergurus: Wir können uns in den Praktiken der Linken, die Sie repräsentieren, nicht wiedererkennen, sondern beim jetzigen Stand der Entwicklungen sehen wir uns als Waisenkinder dieser Linken!

Die Linke steht in aller Dringlichkeit neuen Herausforderungen in einem neuen Kontext gegenüber, für die wir noch keine klaren Fragen oder Antworten gefunden haben, und noch viel weniger Gewissheiten oder gar Theorien. Es gibt Dinge, die wir bisher noch nicht verstehen. Aber es gibt noch etwas viel Schlimmeres, als nicht zu verstehen: nämlich davon überzeugt zu sein, alles zu verstehen, und dann auf völlig unangemessene Antworten zurückzugreifen. Dennoch gibt es Prinzipien, die auf jeden Fall gültig sind, und an denen wir festhalten müssen: unsere Ethik und unseren Humanismus, ohne die es keine Linke gibt.

In einer anderen Epoche sagte ein prophetischer und klar denkender kommunistischer Dissident einmal: „Die alte Welt stirbt. Die neue ist noch nicht aufgetaucht. Und in diesem Halbdunkel entstehen die Monster.“

Hoffentlich wird die Linke nicht weiterhin ihr Komplize sein.

*Übersetzung: Matthias Schindler

[1] Encachimbado ist ein sehr typischer nicaraguanischer Ausdruck mit sehr vielfältigen Bedeutungen: Wenn sich jemand encachimbado fühlt, dann fühlt er oder sie sich „angeschissen“, „erniedrigt“, „betrogen“, „hintergangen“, „verarscht“ und ist daher „stinksauer“, „äußerst aufgewühlt“, „total angepisst“, „tobend vor Wut“ und „kampfbereit“. Encachimbamiento ist das dazu gehörige Hauptwort. (Anm. d. Übers.)

[2] Anspielung auf den Volksaufstand, der 1979 zum Sturz Somozas führte. (Anm. d. Übers.)

[3] Gene Sharp (1928-2018) war ein nordamerikanischer Politikwissenschaftler und Vertreter von gewaltfreien Aktionen als Mittel der politischen Auseinandersetzung. 2012 erhielt er den Alternativen Nobelpreis. (Anm. d. Übers.)

[4] Alianza Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América (Bolivarianische Allianz für die Völker Amerikas), ein Wirtschaftsbündnis verschiedener Mittel- und Lateinamerikanischer Staaten als Alternative zum US-dominierten Freihandelsabkommen ALCA. (Anm. d. Übers.)

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https://blogs.taz.de/latinorama/2018/08/19/die-linke-neu-erfinden/

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kommentare

  • […] „Die Linke neu erfinden!“ am 19. August 2018 bei taz Latinorama ist ein von Gerhard Dilger übersetzter anonymer Beitrag, der eine heftige Kritik an jener Linken darstellt, die jede soziale Bewegung in irgendwie links regierten Ländern als ein Werk des US-Imperialismus sehen (der natürlich immer versucht, mit zu mischen) und dabei einleitend festhält: „Ich bin wütend auf diese Steinzeit-Linke, die sich mit all ihren Zweifeln, ihrer Ängstlichkeit und ihrem Schweigen zum Komplizen der blutigen Repression macht, die sich gegen eine authentische zivile Aufstandsbewegung richtet. Eine Linke, die im Vorbeigehen auch noch den Zug der Geschichte unwiederbringlich verpasst, obwohl dies ein kleineres Übel wäre… Denn während ihre Obergurus ihre Zeit damit verbringen, in ihren Foren und Denkfabriken bedächtig über „weiche Putsche“, „Revolutionen der Farben“ oder die imperialistischen Thesen von Gene Sharp zu debattieren, schwärmen die Mörder des Regimes Ortega-Murillo – ermutigt und bestärkt in ihrem heiligen „revolutionären“ Krieg – zur Jagd aus, um voller Stolz die (größtenteils unbewaffneten) Oppositionellen, die sie als „Vandalen“, „Verbrecher“ und „Terroristen“ bezeichnen, zu verfolgen, zu entführen und zu töten. Wie bequem sind diese ideologischen Orientierungspunkte, um den legitimen sozialen Protest in eine Verschwörung des CIA für einen Putsch zu verwandeln! Und wie nützlich sind sie für Ortega-Murillo, die ihre Geschäfte verteidigen und ihre Verbrechen rechtfertigen können, indem sie sich als unantastbare Revolutionäre präsentieren! Sie stellen sich als Opfer dar, die von einer Horde Jugendlicher und „rechter Vandalen, […] vom Imperialismus finanziert“, belagert werden. Dabei wollen die Protestierenden nichts anderes, als das, was sie selbst in ihrer revolutionären Phase vor 40 Jahren erreichen wollten: den Diktator zu stürzen! Welch Ironie! Und welche Verachtung! Ist es tatsächlich so, dass die Kämpfe des Volkes keinen Wert haben, wenn sie nach Meinung von Ortega-Murillo nicht in einen korrekten strategischen Kontext eingebettet, nicht zum richtigen Zeitpunkt durchgeführt und nicht von ihnen angeführt werden? Sind die Kämpfe gegen eine Diktatur je nach dem gut oder schlecht, ob sie gegen eine rechte oder eine sich als links bezeichnende Diktatur geführt werden?…“ […]

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