vonPeter Strack 18.11.2019

Latin@rama

Politik & Kultur, Cumbia & Macumba, Evo & Evita: Das Latin@rama-Kollektiv bringt Aktuelles, Abseitiges, Amüsantes und Alarmierendes aus Amerika.

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Am 20. November 2019 ist der 30. Jahrestag der Verabschiedung der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. Sie definiert die Rechte aller Kinder und Jugendlichen bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres, weltweit. Etwa das Recht auf Schutz auf der Flucht (Artikel 22). Selbst im vergleichsweise wohlhabenden Deutschland gab es geraume Zeit einen juristischen Vorbehalt, Flüchtlingskindern die gleichen Rechte wie deutschen Kindern zuzusichern. Dieser Vorbehalt ist inzwischen gestrichen. In La Paz – El Alto setzen sich Munasim Kullakita und Caritas Schweiz für die Rechte von Flüchtlingskindern und ihren Familien ein.

Von SIMONA BÖCKLER

Die gescheiterte Wirtschaftspolitik Maduros zwingt Venezuela in die Knie. Heutzutage beträgt das durchschnittliche Monatseinkommen der Bevölkerung umgerechnet 6 Dollar. Aktuell bekommt man dafür eine Packung Eier und 500 Gramm Käse. Die Landeswährung, der Bolivar, ist nichts mehr wert. Die Bevölkerung hungert. Immer mehr Venezolanerinnen und Venezolaner verlassen das Land und suchen Zuflucht in Nachbarländern, aber auch in Bolivien.

Der bolivianische Ex-Präsident Evo Morales hatte als enger Verbündeter Maduros die Krise in Venezuela nicht als solche anerkannt. Seine Regierung hatte die Flüchtlingsfrage lange ignoriert, für eine Strategie der Unsichtbarkeit plädiert und die Migranten ihrem Schicksal überlassen.

Doch die Not junger Venezolaner und ganzer Familien wird immer sichtbarer im Stadtbild, und damit auch der Handlungsdruck größer. Als Antwort auf die aktuelle Flüchtlingsfrage in La Paz und El Alto, hatte die Polizei am 04. Oktober alle Venezolaner ohne legalen Aufenthaltsstatus, derer sie habhaft werden konnten nach Desaguadero, an die Grenze zu Peru abgeschoben, in kompletter Missachtung von Menschen- und Kinderrechten.

  • Fundación Munasim Kullakita und Caritas Schweiz

Munasim Kullakita ist eine Nichtregierungsorganisation, die seit 2008 in El Alto tätig ist und eng mit Caritas Schweiz zusammenarbeitet.

Primäre Zielgruppe ihrer Arbeit sind Kinder und Jugendliche, Opfer von kommerzieller sexueller Gewalt. FMK bietet eine ganzheitliche Betreuung der Opfer, einerseits durch Schutz, Unterkunft und Therapien, anderseits durch Integrationsmaßnahmen in den Arbeitsmarkt. Ihr zentrales Werkzeug zur Identifizierung der ausgebeuteten Personen ist die Street Work. Und genau dort auf der Straße hat das Team die Zunahme venezolanischer Flüchtlinge registriert und ihre schwierigen Lebensumstände erkannt. Insbesondere junge Migrantinnen sind, aus ihrer Not heraus, stark gefährdet sexuell ausgebeutet zu werden.

Seit 5 Monaten sind somit Flüchtlinge, insbesondere Frauen und Kinder, als weitere Zielgruppe in das Hilfsprogramm von FMK und Caritas aufgenommen worden. Die Organisationen bieten den Migranten Schutz, Informationen, medizinische Versorgung und legale Unterstützung bei Asylanträgen an. Die FMK bietet auch einen Raum, wo sich die Migranten treffen, zusammen kochen, sich vernetzen können. Es geht hierbei um eine umfassende Wiederherstellung ihrer Menschenrechte.

Pasticcio in Kullakita (credit: Simona Böckler)
Freitags-Kochtreffen bei Kullakita (credit: Simona Böckler)

 

 

 

 

 

 

 

  • Interview mit Familie Rodríguez

Die 4-köpfige Familie Rodríguez (fiktiver Name) kommt aus Caracas. Vor dreieinhalb Jahren haben sie ihr ganzes Hab und Gut verkauft und das Land verlassen. Der Vater hat dort im Ministerium gearbeitet. Seine Frau ist examinierte Krankenschwester. Die Tochter ist vor kurzem 16 geworden. Der Sohn ist 11 Jahre alt.

Familie Rodriguez (credit: Simona Böckler)

Frage: Mich würde die Geschichte eurer Reise interessieren. Wie seid ihr hierher gekommen?

Mutter: Wir sind über Kolumbien und Ecuador mit dem Bus nach Peru gefahren. Bevor wir hierher kamen haben wir einige Jahre in Lima gelebt. Über 2 Jahre lief dort alles sehr gut. Wir hatten eine Wohnung, eine Arbeit und die Kinder gingen zur Schule. Irgendwann kam eine Horde Venezolaner ins Land, nicht alle mit guten Absichten. Der Ruf der ganzen Gruppe war hin. Die Xenophobie gegen Venezolaner wurde immer stärker, irgendwann mussten wir sogar die Kinder von der Schule nehmen. Die Peruaner haben uns keine Arbeit mehr gegeben, aus der Wohnung rausgeschmissen, nichts mehr von uns gekauft. Sie haben uns einfach den Hahn abgedreht. Von Lima sind wir also ins Inland gezogen, damals lebten nicht mehr als 100 Venezolaner dort auf dem Dorf. Vier Monate später war es hier dann auch so weit. Wieder haben wir alles verkauft, was wir hatten, um nach Bolivien zu kommen. Wir sind in Desaguadero, an der bolivianischen Grenze gelandet. Aber die Grenzpolizei wollte uns trotz gültiger Reisepässe nicht ins Land reinlassen. Beim ersten Versuch waren es 5000 Bolivianos, die wir hätten zahlen müssen, beim zweiten Mal hat uns angeblich eine Einladung gefehlt. Es war immer irgendwas. Schlussendlich sind wir, wie die meisten, illegal über die Grenze. Da die Strecke stadteinwärts angeblich stark kontrolliert wird, haben wir ein Taxi nach El Alto genommen. Der Taxifahrer wollte 200 Bolivianos. Wir mussten unsere Handys verkaufen, um das Taxi bezahlen zu können. Es war der 12. Oktober 2019.

Frage: Wie habt ihr Kinder die Reise, die Veränderungen, die Migration bisher erlebt?

Tochter: Es ist schwierig darüber zu sprechen, für mich ist das eine sehr harte Zeit. Als wir noch in Caracas gelebt haben, konnte ich nicht erwarten auf´s Gymnasium zu gehen und als es dann so weit war, mussten wir das Land verlassen. Ich war damals erst 13 Jahre alt. Sich an die neuen Gegebenheiten zu gewöhnen, war sehr schwierig, fern von meinem Umfeld und meine Freunde. In der letzten Zeit in Peru haben sie dann angefangen, mich in der Klasse zu mobben, nur weil ich Venezolanerin bin. Sie haben mich so gedemütigt, ich habe mich nicht mehr „normal“ gefühlt. Und jetzt sind wir seit einem Monat hier. Seitdem habe ich chronische Kopfschmerzen, die nie weggehen. Mir fehlt die Luft, ich kann kaum laufen und mir wird schnell übel. Der Arzt meint, dass ich unter Höhenkrankheit leide und dass ich so bald wie möglich La Paz verlassen sollte.

Sohn: Ich war siebeneinhalb Jahre alt als wir Venezuela verlassen haben. Ich kann mich nicht an viel erinnern aus der Zeit. Ich war noch sehr klein. Ich habe noch Bilder vor Augen von einem schönen Park in Betania, so hieß unser Wohnviertel. Dort bin ich immer hin spielen. Dann sind wir irgendwann nach Peru gezogen. Am Anfang war alles gut. Irgendwann begannen sie mich in der Schule zu beschimpfen, haben mich „Mörder“ genannt. Sogar die Lehrerin hat mich beleidigt. Irgendwann hat mich meine Mutter von der Schule genommen, weil es immer schlimmer wurde. Hier in Bolivien fühle ich mich besser. Es gibt nicht so viel Fremdenfeindlichkeit wie in Peru. Aber mein einziger Wunsch ist es, wieder nach Hause, nach Venezuela zurückzukehren.

Frage: Wie kommt ihr aktuell hier in La Paz zurecht mit der Arbeit, dem Umfeld und der schwierigen politischen Lage?

Vater: Aktuell ist alles ziemlich verstrickt. Über das Team von Kullakita haben wir diese temporäre Unterkunft von Caritas in La Paz bekommen. Wir teilen uns jetzt das Zimmer mit weitere 4 Personen, wir sind 2 Familien in einem Raum. Es ist sehr eng, wir haben keine Privatsphäre. Aber zumindest müssen wir keine Miete zahlen. Aktuell verkaufen wir Süßigkeiten auf der Straße um zu überleben. Wir hätten nie gedacht, dass wir diesen Tiefpunkt erreichen würden. Wenn wir 1 Bonbon für 10 Cent verkaufen, dann müssen wir 50 Päckchen am Tag verkaufen um davon zu viert essen zu können. Es ist praktisch unmöglich. Wir sind eigentlich darauf angewiesen, dass uns die Menschen etwas Geld als Spende extra in die Hand drücken.

Tochter: Hinzu kommt, dass die Straße kein sicherer Ort ist. Wir werden oft beschimpft. Die Leute schreien uns Sachen wie „Venezolanischer Müll, geht nach Hause“ hinterher. Ich habe manchmal richtig Angst. Und in den letzten Wochen, durch die Unruhen nach den Wahlen, ist es noch schlimmer geworden. Insbesondere Evos Anhänger sind sehr fremdenfeindlich und seit Montag, also seitdem Morales zurückgetreten ist, sind sie noch aggressiver geworden. Die Straßen im Zentrum haben sich in ein Schlachtfeld gewandelt. Obendrauf haben sie jetzt erfahren, dass sich hier eine Flüchtlingsunterkunft befindet. Deswegen müssen wir sogar hier drinnen wachsam bleiben und alles abschließen. Wir verbarrikadieren uns sobald es dunkel wird. Aktuell ist die Situation ziemlich stressig.

Straßenblockade im Stadtzentrum (credit: Simona Böckler)

Mutter: Auch finanziell stellen die Unruhen und die Straßenblockaden für uns ein Problem dar. Aus Sicherheitsgründen können wir nicht auf die Straße gehen um zu arbeiten. Es ist eh keiner unterwegs, der uns die Bonbons abkaufen würde. La Paz ist aktuell eine Geisterstadt. Wir Leben aber von der Hand zum Mund, was bedeutet: keine Arbeit, kein Essen! Ich hoffe, dass es morgen besser wird, sonst wird es echt eng.

Sohn: Und hier ist alles so anders. In Peru haben wir in der Nähe des Meers gewohnt, wie in Caracas. Hier sind nur Berge und es ist immer so kalt. Meine Lippen sind vor Kälte aufgeplatzt. Auch das Essen ist so anders hier. In Peru gab so viele Venezolaner. So konnten wir wie in der Heimat essen. Und die peruanische Küche ist sehr abwechslungsreich. Hier essen wir jeden Tag das gleiche: Hähnchen und Kartoffeln. Das ist das einzige, was wir kennen. Ich finde es echt schwierig, mich an die Gewohnheiten und das Klima hier anzupassen.

Frage: Was wünscht ihr euch gerade am meisten?

Tochter: Mein größter Wunsch ist es wieder nach Hause, nach Caracas, zurückkehren zu können und dort endlich wieder in die Schule zu gehen. Jeder Venezolaner auf der Flucht wünscht sich nichts anderes!

Ich will dir was erzählen. Der vergangene Sonntag war für uns ein sehr emotionaler Tag. Wir waren auf der Straße verkaufen als uns die Nachricht von Evos Rücktritt erreichte. Alle Venezolaner auf dem Boulevard sind in Tränen ausgebrochen. Wir waren so glücklich für die Bolivianer und gleichzeitig so traurig über unser Schicksal. Wir haben alle geweint und uns gefragt, wann auch unser Land frei sein wird, und wir alle wieder nach Hause können. Sogar mein kleiner Bruder konnte nicht aufhören zu weinen und sagte zu mir: „Das macht mich glücklich aber gleichzeitig so wütend“.

Mutter: Der aktuelle Plan ist es, sobald wie möglich nach Cochabamba zu reisen, denn meine Tochter kann aus gesundheitlichen Gründen nicht länger in La Paz bleiben. FMK und Caritas unterstützen uns gerade dabei. Wir warten nur, dass sich die Lage hier etwas beruhigt und wir das Okay von ihnen bekommen. Wir wünschen uns sehr, dass wir dort ein neues und würdiges Leben anfangen können. Wir träumen von einer eigenen Wohnung, etwas Privatsphäre, Stabilität. Mein Mann und ich wollen wieder einer sichereren Arbeit nachgehen, die Kinder möchten wieder in die Schule. Das dauernde Reisen hat ihnen so viel Lebenszeit gestohlen, sie haben das Recht, zumindest einen Teil ihrer Kindheit und Jugend in Ruhe zu leben. Wir alle sind sehr müde, wir wollen nur irgendwo ankommen.

Sohn: Am meisten wünsche ich mir eine Küche in der neuen Wohnung, denn hier im Heim gibt es keine. Dann können wir endlich wieder Burritos und Arepas backen! Und Cachapa mit Käse!

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