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vonHans-Ulrich Dillmann 24.11.2009

Latin@rama

Politik & Kultur, Cumbia & Macumba, Evo & Evita: Das Latin@rama-Kollektiv bringt Aktuelles, Abseitiges, Amüsantes und Alarmierendes aus Amerika.

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Am 25. November 1960 wurden in der Dominikanischen Republik die drei Schwestern Patria (36), Minerva (34) und Maria Teresa (25) Mirabal durch Schergen des Diktators Rafael Leónides Trujillo Molina ermordet. Der Tag wurde später von der feministischen Bewegung Lateinamerikas zum Aktionstag erklärt und 1999 durch die Vereinten Nationen zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen erklärt. Bélgica Adela „Dedé“ Mirabal (84) ist die Überlebende der „Mariposas“ (Schmetterlinge), so lautet der Deckname der Schwestern. Sie zog die Kinder von Patria, Minerva und Maria Teresa auf und hat ein Museum zur Erinnerung an ihre ermordeten Schwestern im Elternhaus in Salcedo gegründet. Dem Leben der „Schmetterlinge“ haben die Schriftstellerin Julia Alvarez mit ihrem Buch „Die Zeit der Schmetterlinge“ und Mariano Barroso mit seinem gleichnamigen Film ein Denkmal gesetzt. Das Interview mit Dedé Mirabal aus Anlass der Veröffentlichung ihrer Lebenserinnerungen wurde im Oktober 2009 im Mirabal-Museum in Salcedo geführt.

Dedé Mirabal

Fast fünf Jahrzehnte sind seit der Ermordung Ihrer Schwestern vergangen. Warum haben Sie erst jetzt Ihre Erinnerungen in Buchform herausgegeben?

Dedé Mirabal: Ein Freund hat mich gedrängt, endlich die Geschichte meiner Familie und die meiner Schwestern zu erzählen. Eigentlich habe ich schon in den 80er-Jahren angefangen, meine Erinnerungen niederzuschreiben, aber erst jetzt wurde das Buch beendet. Meine Tochter Minou, so bezeichne ich die Tochter meiner Schwester Minerva. Sie hat mir dabei geholfen, ebenso wie die Schriftstellerin Angela Hernández, die die historischen Ereignisse bearbeitet hat. Es ist die Geschichte meiner Schwestern, aber natürlich auch die Geschichte meines Lebens, gemeinsam mit Patria, Minerva und Maria Teresa und nachdem sie von den Killern Trujillos umgebracht worden waren.

Ihr Leben hat sich seit 1960 fast ausschließlich um das Gedenken an ihre Schwester gedreht?

Dedé Mirabal: Die ersten sieben Jahre waren sehr schwer. Ihr Tod war übermächtig. Ich hatte als Überlebende das Gefühl, nicht mehr weiterleben zu können. Es war eine große Leere in mir. Ich musste raus aus der tristen Erinnerung. Ich kümmerte mich um die Erziehung der Kinder meiner Geschwister und um meine Mutter. Ich nahm eine Versicherungsvertretung an, und durch die Arbeit konnte ich die tiefe Traurigkeit ein wenig vergessen. Natürlich haben mich die Erinnerungen immer wieder eingeholt, aber langsam wurde das Leben wieder wichtiger.

Meine Schwestern haben sehr früh das Haus zum Studium verlassen und geheiratet. Ich blieb zuhause und musste im Geschäft meines Vaters arbeiten, der mit landwirtschaftlichen Produkten handelte. Ich nahm die Stelle des Jungen ein, der im Geschäft bleibt. 1948 heiratete ich und zog dann aber doch mit meinem Ehemann in eine andere Stadt. Aber als mein Vater nach sechs Jahren starb, kehrte ich in mein Elternhaus, eine Finca, zurück, in dem ich heute noch lebe. Meine Eltern hatten inzwischen ein anderes Haus gebaut.

Unser Familienleben war schon früh dadurch bestimmt, das meine Schwester Minerva, politisch interessiert und aktiv war. Wir sind in einer Diktatur groß geworden. In jedem Haus musste ein Schild hängen „In diesem Haus ist Trujillo der Chef!“, aber bei uns gab es das nicht. Unsere Familie hat eine lange, bittere Erfahrung. Von 1916 bis 1924 war das Land von den USA besetzt und diese Provinz, die früher Salcedo hieß und heute nach meinen Schwestern „Provincia Hermanas Mirabal“ benannt ist, hatte immer eine sehr patriotische, widerständische Geschichte. Die Mutter meiner Mutter, eine Witwe, wurde einmal gefragt, ob sie den Aufständischen gegen die US-Besatzung hilft. Aber obwohl sie es nicht machte, wurde sie verraten und die US-Soldaten kamen, schlugen sie und brannten das Haus nieder. Das hat die Familie markiert. Trujillo ließen uns die Amerikaner zurück. Ein Onkel lehrte uns, Trujillo zu hassen. Aber meine Schwester Minerva hat dies am meisten beeinflusst. Sie redete von der Freiheit, die wir bräuchten, so wie Ghandi Indien befreit habe.

Hat sich nur Minerva in die Politik gestürzt?

Dedé Mirabal: Wir alle waren politisch aktiv. Im politischen Sinne waren wir Schülerinnen von Minerva. Aber natürlich hat man die Frauen in dieser Zeit nicht sehr wahrgenommen, das traf auch auf uns zu. Aber es gab die Schmetterlinge, und Minerva berief die Versammlungen ein. Mit 20 Jahren begann sie, Jura zu studieren. 1949 verhafteten die Caliés, die Geheimpolizisten, sie zum ersten Mal. Unsere Familie war zu einem Tanz bei Trujillo eingeladen, Trujillo tanzte mit Minerva, die seine Annäherungsversuche brüsk zurückwies. Deshalb verließen wir das Fest ohne Genehmigung des Jefes, und er fühlte sich erniedrigt. Auf seinem Fest durfte niemand ohne seine Erlaubnis gehen. Mein Vater und Minerva wurden festgenommen und erst freigelassen, nachdem sie ein Entschuldigungsschreiben an Trujillo aufgesetzt hatte. 1951 wurde mein Vater wieder festgenommen, weil er kein Geld für Trujillo spenden wollte. Er blieb tagelang verschwunden. Auch meine Schwester wurde festgenommen, aber da es kein Frauengefängnis gab, wurde sie zusammen mit meiner Mutter in einem Hotel in Santo Domingo, das damals noch Ciudad Trujillo hieß, festgehalten. Neun Tage später erfuhren wir über einen Freund von Minerva, der ebenfalls inhaftiert war, dass er meinen Vater im Gefängnis gesehen hat. Er lag nach einem Schlaganfall im Gefängnishospital. Er wurde freigelassen, hat sich aber nie wieder davon erholt. Mein Vater erlaubte dann Minerva, Jura zu studieren. Sie lernte Manolo Tavarez kennen, einen Juristen. Sie heirateten 1955. Gemeinsam begann sie mit dem Aufbau der Widerstandsbewegung. Am 14. Juni 1959 versuchten dominikanische Revolutionäre hier eine Guerillabewegung aufzubauen. (Insgesamt kamen 198 Männer – 151 Dominikaner, 22 Kubaner, 13 Venezolaner, 5 Puertoricaner, 2 Spanier, 2 US-Amerikaner, 2 Guatemalteken und 2 Personen, mit unbekannter Nationalität – in drei Gruppen, eine mit dem Flugzeug, zwei mit Booten aus Kuba und mit der inoffiziellen Unterstützung der kubanischen Regierung, die erst knapp ein halbes Jahr im Amt war – hud) Der Versuch scheiterte. Fast alle wurden ermordet, nur sechs überlebten. Aber es war das Anfang vom Ende der Diktatur. Obwohl die Befreiungsaktion scheitere, entstand daraus die „Bewegung 14. Juni“.

Aber bereits nach einem halben Jahr, im Januar 1960 wurden ihre Geschwister und Mitglieder der Bewegung festgenommen?

Dedé Mirabal: Ja, die Spitzel waren überall. Mehrere Mitglieder wurden gefoltert und direkt ermordet. Minerva und Maria Teresa, deren Männer wie auch Minerva führende Mitglieder der Bewegung waren, wurden inhaftiert. Am 21. Januar, dem Tag der Altagracia, der Schutzheiligen der Dominikanischen Republik, verlasen die dominikanischen Bischöfe eine Erklärung der Kirche mit einer indirekt heftigen Kritik an Trujillo. Meine Schwestern wurden freigelassen, wieder inhaftiert und dann zu einer Haftstraße verurteilt. Patria und ich blieben auf freiem Fuß. Im Haus von Patria fand die Versammlung statt, in der der Name der „Bewegung 14. Juni“ beschlossen wurde. Auch ihr Mann war inhaftiert. Zu diesem Zeitpunkt war das Land politisch und wirtschaftlich weitgehend isoliert. Im November besuchte Trujillo die Provinz und in Santiago sagte er auf einer Versammlung: „Ich habe nur zwei Probleme: Die katholische Kirche und die Familie Mirabal.“ Das war am 3. November. Am 8. November wurden die Ehemänner meiner Schwestern von Salcedo nach Puerto Plata ins dortige Gefängnis verlegt. Meine Schwestern lebten inzwischen alle im Haus meiner Mutter, denn ihre eigenen Häuser waren zerstört worden. Meine Schwestern wollten ihre Männer besuchen, obwohl es das Gerücht gab, dass die Verlegung nur eine Falle sei, um Minerva auf dem Weg dorthin zu ermorden. Deshalb wollten wir sie nie alleine lassen. Aber niemand von uns glaubte, auch meine anderen Schwestern nicht, dass die Mörder von Trujillo auch sie ermorden würden. Meine Mutter hat mehr als 20 Jahre daran gelitten, dass sie ihre Töchter umgebracht haben.

Erinnern Sie noch den Tag, als Sie die Nachricht von der Ermordung ihrer Schwester erhielten?

Dedé Mirabal: Noch wie heute. Bei mir lebte der älteste Sohn von Patria, Nelson, der als Heranwachsender schon inhaftiert worden war und meine beiden Kleinkinder. Als es Abend wurde, hatte ich noch immer nicht gehört, dass meine Schwestern aus Puerto Plata vom Gefangenenbesuch zurückgekommen waren. Ich blieb die ganze Nacht unruhig wach. Im Morgengrauen kam ein Junge auf einem Muli, den meine Mutter geschickt hatte. Er brachte die Nachricht, dass sie tot waren. Ich fuhr sofort zum Haus meiner Mutter, in dem heute das Museum ist. Als ich ankam, war bereits ein Polizist dort, der uns mitteilte, dass meine Schwestern einen Unfall gehabt hätten – eine Lüge. Ich war außer mir. Meine Mutter und ich fuhren nach Salcedo und von dort nach Santiago ins Krankenhaus. Dort mussten wir Dutzende von Formularen ausfüllen. Da war das Krankenhaus schon voll von Leuten, die gehört hatten, dass die Hermanas Mirabal tot seien. Es war ein Samstag und wir brachten sie nach Salcedo, um sie zu beerdigen. Die Menschen waren sehr solidarisch und viele kamen zur Beerdigung.

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Die Ermordung wurde als Unfall vorgetäuscht?

Dedé Mirabal: Ja. Es war eine übliche Methode des Diktators, Leute umzubringen, in dem einen Autounfall vorgetäuscht wurde. Es stand in der Tageszeitung. „Bei einem Autounfall starben drei Schwestern.“ Nach dem Gefängnisbesuch wollten sie mit dem Auto und unserem Chauffeur zurück nach Salcedo fahren. Ungefähr dort, wo heute die Ferienanlage Playa Dorada ist – dort ist ein kleines Denkmal – wurden sie gestoppt und umgebracht. Als die Caliés Trujillos sie aus dem Auto zerrten, kam ein Lastwagen der Sozialversicherung mit Medikamenten. Sie stoppten und waren die einzigen Augenzeugen. Meine Schwester Patria riss sich los, lief zum Lastwagen und schrie: „Informieren sie die Familie Mirabal, dass die Caliés von Trujillo uns ermorden wollen.“ Aus Angst fuhren sie schnell weiter, und als sie dann später in der Zeitung lasen, dass dies die Hermanas Mirabal waren, bekamen sie Angst, dass sie auch ermordet würden. Der Fahrer wurde fast verrückt, er sah meine Schwester überall. Viel später erst hat er uns diese Geschichte erzählt.

Wusste jeder, dass Trujillo den Befehl zur Ermordung ihrer Schwestern gegeben hatte?

Dedé Mirabal: Natürlich, es war ein offenes Geheimnis. Man hatte zwar das Fahrzeug in einem Abgrund geschoben, aber die Leichen zeigten, dass sie misshandelt worden und nicht durch einen Unfall umgekommen waren. Der Geheimdienst SIM mit seinen Cepillos (Bürstchen), den VW-Käfern, waren gefürchtet. Und die standen an jeder Ecke hier rum und überwachten uns Tag und Nacht.

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Und seitdem haben Sie sich ausschließlich um die Kinder Ihrer Schwestern und um deren Vermächtnis gekümmert?

Dedé Mirabal: Sie sind meine Kinder. Sie wuchsen als Geschwister auf. Meine Mutter kümmerte sich um die Jungen und ich hatte die Mädchen bei mir zuhause. Alle in einem sehr familiären Zusammenhang, und heute noch bezeichnen sie sich gegenseitig als Geschwister. Mich beeindruckt die Solidarität, die wir damals erfahren haben. Das Interesse an der Geschichte ist heute noch lebendig. Im letzten Jahr hatten wir 70.000 Besucher hier im Museum, das wir im Haus meiner Mutter eingerichtet haben. Allein im letzten November kamen 28.000 Besucher, manchmal stauen sich die Schulbusse, denn der Besuch ist in den dominikanischen Schulen heute obligatorisch im Rahmen des historischen Unterrichts. Hier auf dem Gelände ist auch das Grab des Ehemanns meiner Schwester Minerva. Manolo Távarez wurde im Dezember 1963 ermordet, nachdem ein Triumvirat den demokratisch gewählten Präsidenten Juan Bosch gestürzt hatte. Die Bewegung „Movimiento 14 de Junio“ versuchte eine Guerilla in den Bergen aufbauten, um die konstitutive Regierung wieder an die Macht zu bringen. Sie scheiterte. Manolo und seine Begleiter aus dem Zentralkomitee der Bewegung wurden grausam ermordet.

In Ihrem Museum sieht man nicht nur die Kleidung und private Gegenstände ihrer Schwestern, sondern auch den Zopf, den ihre Schwester María Teresa trug.

Dedé Mirabal: Ich habe ihr den Zopf jeden Tag geflochten. Ich weiß nicht, was mich bewegt hat. Aber ich wollte den Zopf bewahren. Mir gelang kurz vor der Beerdigung, den Zopf heimlich abzuschneiden. Aber ich versteckte ihn vor meiner Mutter, denn das hätte sie nicht ertragen können. Nach dem Tod meiner Mutter traute ich mich dann, den Karton zu öffnen, Die Kinder waren erwachsen, und heute wird er im Museum ausgestellt.

Woher kommen die vielen Erinnerungsstücke, die sie heute ausstellen?

Dedé Mirabal: Meine Mutter hat alles von den Muchachas aufgehoben. Sie hat sich regelrecht mit den Sachen umgeben. Eine Freundin von ihr, Violeta Martinez, die in Santo Domingo ein Porzellanmuseum hat, kam hierher und gemeinsam haben wir die Idee des Museums entwickelt, um die Geschichte der „Mariposas“ zu erzählten, die Geschichte meiner Schwestern, die auch die Geschichte von Frauen ist, die kämpfen.

Heute ist der Tag der Ermordung ihrer Schwestern ein UN-Gedenktag. Macht sie das Stolz?

Dedé Mirabal: 1981 haben die lateinamerikanischen Feministinnen auf ihrem Kongress in Bogotá auf Vorschlag der dominikanischen Frauen das Datum als Aktionstag gegen Gewalt gegen Frauen beschlossen. Daraus ist inzwischen ein internationaler Gedenktag geworden, denn 1999 haben die Vereinten Nationen den 25. November zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen erklärt. Auf der Tribüne in New York saß Minou, die Tochter von Minerva. Sie war damals die stellvertretende Außenministerin unseres Landes, heute ist sie Parlamentsabgeordnete. Es war für uns, aber auch für sie ein bewegender Augenblick. Denn dieser Tag erinnert auch an meine Schwestern.

Ist es nicht eine große Belastung, ein übermächtiger Schatten, jeden Tag in dem Museum mit der Erinnerung an ihre Schwestern zu sein?

Dedé Mirabal: Ich lebe diese Erinnerungen. Ich sehe den Garten, den sie angelegt hatten. Sie leben in meinem Garten, wie die Schmetterlinge, die von Blume zu Blume fliegen.

Buchtipps:

Vivas en su jardin

Dedé Mirabal

VintageBooks 2009

368 S., 10,99 €

Die Zeit der Schmetterlinge

Julia Alvarez

Piper Verlag

München 2004

460 S, 12,00 €

Filmtipp:

Mariano Barroso hat 2001 die Geschichte der „Mariposas“ unter dem Titel „In the Time of the Butterflies“ (Die Zeit der Schmetterlinge) verfilmt.

Reiseinformation:

Casa Museo de las Hermanas Mirabal

Conuco Salcedo

4 km östlich von Salcedo

809-587-8530

Öffnungszeiten:

tgl. 9 – 17 h

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