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vonericbonse 21.06.2020

Lost in EUrope

Eric Bonse, EU-Korrespondent der taz in Brüssel, schreibt hier all das über Europa und seine Krise(n), was die EU gerne verdrängen würde | Bild: dpa

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Nach Brüssel bläst nun auch Berlin zum Kampf gegen “Desinformation”. Doch das ist ein zweischneidiges Schwert.

Beim Treffen der deutschen Innenminister in Erfurt sollte es auch um “gezielte Falschmeldungen, Verschwörungstheorien und Desinformationskampagnen” gehen.

Die Coronoa-Pandemie ebbt zwar spürbar ab, aber nach Ansicht der Minister droht nun eine “Infodemie” mit gezielten Falschmeldungen. Sogar der Verfassungsschutz ist alarmiert.

Auch die EU–Kommission macht sich Sorgen. In der vergangenen Woche hatte sie ihren “Infokrieg” ausgeweitet und erstmals auch China beschuldigt, gezielt Desinformation zu betreiben.

Doch der scheinbar so hehre Kampf, dem sich auch Journalistenverbände und Nachrichtenagenturen angeschlossen haben, führt in die Irre. Jedenfalls so, wie er bisher geführt wird.

Denn zum einen richtet er sich bisher fast ausschließlich gegen die neuen “sozialen” Medien im Internet. Enten und Falschmeldungen in den alten Medien werden nicht thematisiert.

Dabei gab es davon in der Coronakrise jede Menge, auch in Deutschland. Selbst die öffentlich-rechtlichen Medien waren davon nicht frei, wenn sie Regierungsinformationen ungeprüft übernahmen.

Zum anderen wird so getan, als kämen Fake News nur von “bösen” ausländischen Akteuren aus Russland und China. Dabei haben auch deutsche und europäische Politiker in den letzten Wochen viel Unsinn erzählt.

Die Beispiele sind Legion. Es begann mit einer “leichten Grippe”, dann wurde der Nutzen von Masken bestritten, und schließlich wurde der nahende “Shutdown” geleugnet – bis er dann doch kam.

Aus dieser Erfahrung – den Fehlinformationen der Politik und dem Konformismus der alten, allzu regierungsnahen Medien – speist sich nun das Bedürfnis nach “alternativer” Information im Internet.

Politik und Medien sind Mitschuld an dem Phänomen, das sie nun beklagen. Wenn sie wirklich gegen “Fake News” und Desinformation vorgehen wollten, müßten sie auch die eigenen Fehler aufarbeiten.

Das Hauptproblem ist aber ein anderes. Der angeblich so hehre Abwehrkampf im Namen der “Wahrheit” lässt sich nur allzu leicht gegen die freie Presse wenden, wie wir in den USA und Ungarn sehen.

US-Präsident Trump nutzt “Fake News” als Kampfbegriff, den er gegen CNN und die “New York Times” in Stellung bringt. Und Orban nutzt “Fake News” als Vorwand für den Ausnahmezustand.

Das zeigt, dass wir es hier mit einem zweischneidigen Schwert zu tun haben. Die Angst vor der “Infodemie” kann nur allzu leicht genutzt werden, um Macht zu erhalten oder auszubauen…

Siehe auch “So einseitig kämpft Brüssel gegen Desinformation”

P.S. Orban hat den Ausnahmezustand in Ungarn mittlerweile zurückgenommen. Doch mit “Fake News” hantiert er weiter…

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kommentare

  • „Politik und Medien sind Mitschuld an dem Phänomen, das sie nun beklagen. Wenn sie wirklich gegen “Fake News” und Desinformation vorgehen wollten, müßten sie auch die eigenen Fehler aufarbeiten.“
    Sehr richtig!
    Dabei sollte unbedingt die taz einbezogen werden, habe ich doch schmerzlich ihre „ktitische Stimme“ vermisst – und vermisse sie weiter, wenn es um ein Hinterfragen der „Corona-Maßnahmen“ geht.
    Ich habe daher mein Abo gekündigt und informiere mich jetzt im wesentlichen in den „alternativen Medien“.

  • Dass jetzt ausgerechnet die Korrekturen von Informationen zur Corona-Epedemie als Beispiele für Desinformation herhalten müssen, wo es doch ‚Legionen‘ gäbe, finde ich irritierend. Gerade hier gab es doch auch wissenschaftlich eine dynamische Entwicklung des Erkenntnisstandes. Wenn dann überholte Einschätzungen auch korrigiert werden, ist das doch gut und kein Beleg für ‚Desinformation‘ (die es ja durchaus auch gibt)

  • Ja, spannend. Genauso wie es dem Begriff „Terrorismus“ erging. Jeder Autokrat erklärt gerade die zu Terroristen, die ihm nicht in den Kram passen.

    So ergeben sich diese bizarren Situationen, dass irgendwelche internationalen Allianzen gemeinsam „Terroristen“ bekämpfen, von den Alliierten aber jeder andere im Visier hat.

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