vonericbonse 13.03.2021

Lost in EUrope

Eric Bonse, EU-Korrespondent der taz in Brüssel, schreibt hier all das über Europa und seine Krise(n), was die EU gerne verdrängen würde | Bild: dpa

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Nach einem neuen EU-Bericht ist Deutschland ein Hauptziel für russische Desinformation. Die Sache hat einen kleinen, aber entscheidenden Haken.

Die EU hat seit Ende 2015 mehr als 700 Fälle registriert, in denen russische Medien Falschinformationen und Fake News über Deutschland verbreitet haben, meldet der Auswärtige Dienst.

Dies sei mehr als doppelt so viel wie über Frankreich (mehr als 300) und etwa viermal so viel wie über Italien (mehr als 170 Fälle). Spanien war mehr als 40-mal betroffen.

Das klingt beeindruckend. Allerdings bezieht sich die Zahl auf russische Medien – und nicht auf Fälle von “Fake News” in deutschen oder deutschsprachigen Zeitungen oder Sendern.

Nach dem missglückten Moskau-Besuch von EU-Außenminister Borrell habe sich die Desinformationskampagne sogar noch verschärft, berichtet nun der “Spiegel”.

Doch das Beispiel, dass das Blatt nennt, ist nicht viel mehr als eine bunte Meldung vom Jugendamt aus Berlin – und es geht wiederum um ein russischsprachiges Medium. Zitat:

Russische Medien berichteten, die Berliner Polizei habe drei Kinder im Alter von zwei, vier und sechs Jahren gewaltsam aus der Wohnung einer russischen Familie geholt und dem Jugendamt übergeben. Die Polizei gab laut EAD als Grund für die Maßnahme die »aufgefundene Situation in der Wohnung« an – und dass die Beamten von den Eltern getreten, geschlagen und bespuckt worden seien. Laut der nationalistischen russischen Website »Tsargad« rief ein Polizist dagegen angeblich der Mutter zu: »Das ist für Nawalny.«

Zitiert wird hier die russische Website “Tsargat” – und kein deutsches Medium. Dies ist nicht verwunderlich. Denn die Meldung waren vor allem für den heimischen – russischen – Gebrauch bestimmt.

Der Clou: Das räumt die EU sogar selbst ein. Zitat aus dem EU-Bericht:

It is tempting to write off the Kremlin’s aggressive language as “intended for a domestic audience”. Most of the topics, mentioned above, have not been exploited in ’s channels in German: neither RT, nor Sputnik have chosen to report on “Germany’s oppression of Russians” or on the “Spy Story” or even Ms Navalnaya’s citizenship.

Zu gut deutsch: Die “Fake News”, die eine gezielte und groß angelegte Kampagne belegen soll, wurde überhaupt nicht in deutschsprachigen Medien verbreitet – nicht einmal auf RT.

Dies ist ein kleiner, aber entscheidender Haken.

Denn so kann das deutsche Publikum auch nicht in die Irre geführt werden. Und natürlich kann Deutschland auch nicht “angegriffen” werden – allenfalls das russische Deutschlandbild wird beschädigt.

Aber selbst das sollte man nicht überbewerten: Wer liest schon “Tsargad”?

Siehe auch “Wie mit ‘Fake News’ Politik gemacht wird” und “Fake News und Krieg gegen Corona: Die EU dient sich der Nato an”

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https://blogs.taz.de/lostineurope/2021/03/13/wird-deutschland-angegriffen/

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kommentare

  • Es gibt genug „Russlanddeutsche“, die wahrscheinlich auch russischsprachige Medien lesen und deren gezielte Desinformation Putin am Herzen liegen dürfte.

    • Dann zielt es immer noch auf russischsprachige Menschen, und nicht auf „die Deutschen“ oder gar auf „Deutschland“. Die Wirkung dürfte ungefähr so „groß“ sein wie die polnisch- oder französischsprachiger Medien in Deutschland – also zu vernachlässigen.

      • Russlanddeutsche sind eine wichtige AfD-Zielgruppe.
        Kann man nicht unter „zu vernachlässigen“ abhaken.
        Russische Propaganda wirkt, da bin ich sicher.

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