vonlottmann 23.08.2007

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Live bloggen ist natürlich viel schwieriger als normales bloggen zu Hause, wo man Fehler noch auf unpeinliche, diskrete Weise korrigieren kann. Live bloggen ist das Schwierigste überhaupt. Es ist, als müßte ein Fußballspieler im Spielerinterview direkt in der Sportsendung spontan und ohne Teleprompter antworten. Etwa auf die Frage, ob es Mißstimmungen zwischen ihm und dem Nebenspieler gebe. Die richtige Antwort (auf dem Telepromter) wäre: „Nun, gut, es ist richtig, wir müssen um unseren Platz kämpfen, aber die Medien schreiben immer Dinge, weil sie halt was schreiben müssen.“ Was aber sagt der Mann OHNE diese Hilfsmittel? Wahrscheinlich versagt er. Aber hier, im 9to5 festival der „Wir nennen es Arbeit“ Organisation, darf niemand versagen. Es ist das größte soziale Massenereignis seit dem live8festival vor einem Jahr. Auf dem „Deck“ tippen versunken hunderte von Fotografen mit Schiebermützen in ihre tragbaren W-LAN-Maschinen und nennen es Arbeit. Auch ein paar wenige neue junge Alte, die mit Hilfe des Computerkults ewige Hipness zeigen wollen, sitzen auf den Holzbohlen des Decks und hacken in ihre Maschinen. Hier, im Radialsystem in der Berliner Holzmarktstraße, befindet sich mit Sicherheit der netteste Teil der jüngeren deutschen Generation. Der Erfolg ist unbeschreiblich. Tausende drängten schon um 19 Uhr, zwei Stunden vor Beginn der Mammutveranstaltung, gegen die Stahltore. Woodstock lag in der Luft. Das lag auch an der Luft selbst, die an diesem Tag besonders schwer, warm und Endsommer-süß schmeckte. Spröde, unbeholfene, deutsche Laute, wohl Sprechchöre, erst beim genauen Hinhören zu verstehen als „Holm-Frie-be, Holm-Frie-be“ Anfeuerungsrufe, wie damals bei Willy Brandt in Erfurt, eröffneten den Tag, besser gesagt den Abend. Das waren natürlich Leute, die noch reinwollten, aber die 45 Euro Eintritt nicht rechtzeitig per Creditkarte überwiesen hatten. Nun hofften sie auf Gnade beim „Großen Veranstalter“. Aber da war Jörn Morisse vor. Er wollte die „härteste Tür der Welt“ hinlegen. Sich qualifizieren für höhere Aufgaben. Wenn er das hier gut hinkriegte, also beinhart-cool, konnte er auch eines Tages im „Cookies“ anfangen. Und so kam Judith nicht mehr auf die Gästeliste. Ich hatte es tagelang versucht, hatte sie erst als Journalistin, dann als Fotografin, dann als meine Freundin, mein Ehrengast, Jörn Morisses Freundin, schließlich als unser aller geheime IM der Geheim-ZIA verkauft – umsonst. Im Vorübergehen zischte ich zu Jörn Morisse:
„Die schläft NIE mit Dir!“
Er guckte verdutzt aus der Wäsche, wurde nachdenklich. Zu spät. Im Innern des Radialsystems brach inzwischen der Bär los. Tom Hodgkinson spielte auf zum großen Vortrag (er ist noch im Gange), und gleichzeitig diskutierte Jörg Schröder mit Barbara Kalender über subversive Verlagsgründungen. Der Moderator sagte, Schröder sei gerade vom süddeutschen Dorf weggezogen und zurückgezogen nach Berlin. Ich klatschte laut. Denn das war nun wirklich die beste Entscheidung seines Lebens. Ich ärgerte mich, daß Judith das alles nun nicht miterleben konnte. Den Haudegen Schröder hätte ich ihr gern gezeigt, und den englischen Superdandy, ein GRANDIOSER MANN, erst recht. Obwohl, das hätte sie wieder nicht verstanden. Nein, nicht gemerkt. Nicht wahrgenommen, also die Ideenwelt von Hodgkinson. Ich meine, den Ideen-Anteil an der Welt von diesem tollen Menschen. Judith hätte ihn auch toll gefunden, aber aus anderen Gründen. Sie hätte sein hellbraun-beiges Dandyjackett geschätzt, sein integres Gesicht, seinen Style. Das ist ja auch schon was, nicht wahr. Und ich hätte mich gefreut. Für die IDEEN dieses bedeutendsten Theoretikers des abgelaufenen Jahres hätte sie kein Organ gehabt. So wie ein Stummfilm eben keine Tonspur hat, die man mit Tönen bespielen könnte. Töne gibt es da dann nicht, ganz klar, kann man auch nicht böse sein. Ist eben Stummfilm. Ist ja auch schön. Aber seltsam bleibt es für viele Leute, also für nahezu alle, die, anders als ich, die frühen Sophia-Loren-Filme nicht kennen, oder die ein abgeschlossenes Hochschulstudium hinter sich haben und überrascht ausrufen: „Aber das ist doch Populismus!“
Populismus? Oder Intellektfeindlichkeit? Es steht fest, daß es hunderte von Tests gegeben hat, kluge Bücher, feine Filme, Leute, die die neue Zeit zusammendenken und die Tradition der Geisteswissenschaften dabei getreulich weitertragen wie der berühmte Diener am Weinberg des Herrn; oder, um ein aktuelles Beispiel zu nehmen: jetzt das 9to5 festival! Hier ist das Humankapital versammelt, besser kann man es nicht treffen. Eben ein Vortrag über Fürst Kropotkin. Ein anarchistischer Frühtheoretiker aus dem ich weiß nicht wann Jahrhundert, der die Thesen Hodgkinsons vorwegnahm, und zwar mächtig. Kropotkin, das war ein Guter (würde Paul Breitner sagen)! Hodgkinson dagegen verstieg sich am Ende zu folgendem Stakkato: „Death to the Supermarkets! Bake bread! Play the ukulele! Open the village hall! Make music! Stop consuming! Back to the land! Ignore the state! Anarchy in the uk!“
Anarchy in the uk? Wirklich, DAS hat er gesagt?! Kann das unser Ernst sein? Doch ganz bestimmt nicht. Das werden wir noch ausdiskutieren müssen. Platz zum Diskutieren ist trotz des Ansturms immer noch, irgendwo auf den fünf oder sechs Etagen, dem Deck, den Terrassen, dem Garten, dem Vorplatz zur Straße hin. Selbst wenn morgen doppelt soviele Leute kommen sollten: es wird Platz sein für kleine zweier, dreier, vierer-Grüppchen zum wilden Diskutieren. Hier ist Berlin, hier ist das Zentrum des Zentrums des Zentrums. Könnte jedenfalls sein. Oder die Idee davon. Ach ja, Idee; die Sache mit der Ideenspur, mit Judith, ich hab es nicht weitergeführt eben. Es ist auch nur mit Beispielen zu erklären. Also machen wir uns die Arbeit. Fünf Beispiele sollen den Beginn bilden: Nehmen wir Konrad Adenauer, Cornelius Reiber, Moderne Kunst, die Philosophen Sloterdjik und Safranski, das moderne Regie-Theater und das alte traditionell, die ersten Filme mit Hildegard Knef, das Buch „Tanz um die Lust“, Gisela Getty und die Getty-Familie, das Buch „Wir nennen es Arbeit“, Philip Albers und last but not least Martin Kippenberger. Sind ja schon zehn Beispiele. Umso besser. Was ist diesen zehn Beispielen gemeinsam? Sie beinhalten oder repräsentieren Ideen. Nun wollen wir einmal sehen, wie jemand darauf reagiert, der von Geburt an kein Organ zur Wahrnehmung des Ideenstroms der Menschheit mitgekriegt hat, eben der Populist, der Intellektfeind, der Bild Zeitungs Leser: Konrad Adenauer? „Das ist doch nur ein alter Mann.“ Cornelius Reiber? „Definitiv not fuckable.“ Moderne Kunst? „So blöde herumschmieren kann ich auch!“  Sloterdjik und Safranski: „Unmöglich häßlich diese  Leute, also der rote Bart, nee!“  Regie-Theater: „Die brüllen doch nur.“  Tanz um die Lust: „Scheiße.“  Die Gettys: „Alte Leute.“  Die Kennedys: „Wahrscheinlich  noch ältere Leute.“  Wir nennen es Arbeit: „Öde.“  Philip Albers:  „Der hat keinen Arsch in der Hose.“  Martin Kippenberger: „Wie sieht DER denn aus?! Unmögliches Sakko, und dann auch noch absolut die falschen Schuhe.“
Da kann man jetzt auch selbst weitermachen. Das Prinzip ist verstanden. Paris Hilton? „Hat sich den Busen vergrößern lassen.“ Roland Koch? „Der hat ja weiße Haare.“ Fidel Castro? „Auch schon über 70, nicht wahr?“ Oskar Lafontaine? „Die Narbe am Hals ist eklig.“ Rudolf Augstein: „Hat der nicht geschielt?“ Papst Benedikt XVI: „Der würd‘ doch selbst gern mal, der olle Klemmi.“ Gregor Gysi: „Schön, daß wenigstens die Warze weg ist. Aber hat er sich auch gut liften lassen?“ Sarah Wagenknecht: „Ganz okee, aber die Augenbrauen sind schlecht gezupft. Das törnt total ab, sowas.“
Und so weiter. Lustig, nicht. Jedenfalls nicht böse. Und schadet niemanden. Ist wenigstens ehrlich. Und authentisch. So richtig das Herz am rechten Fleck! Mit so jemandem können die Politiker nicht Schlitten fahren! Die Schweine! Stecken sich doch alles hinten und vorne rein. Ist doch wahr. Aber nich mit uns, wa. Jetz nich mehr! Die sollen uns alle ma kennenlernen! Rübe ab für Kinderschänder, sach ich imma. Und die Perversen: wegsperren und Schlüssel wegwerfen! Aber pervers sindse ja alle, de Politiker…
Volkes Stimme. Populisten an die Macht. Unterschichtsfernsehen und Yellow Press Hand in Hand, dazu die Aktion „Mensch“, denn menscheln – das muß sein! Aber mal im Ernst: solche Persönlichkeitsstrukturen haben einen unwiderstehlichen Reiz, wenn man sich vom entgegengesetzten Pol her nähert, der ja genauso schlimm ist. Der Theoretiker, der Bücherwurm, der Nerd, das Bleichgesicht, der Schluck Wasser in der Kurve: bäh! Ist Vitalität nicht immer a priori faschistoid? „Gefühle sind faschistisch“ hieß es früher einmal in der kommunistischen Basisgruppe (gemeint war: vitalistisch, man sollte lieber ‚denken‘). Aber genau das wollen wir: Gefühle! Deswegen ist es alles ein schmaler Grad. „Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr“, sagt Martin Walser.
Doch zurück zum festival. Rainer Langhans, der große Magier, schlug nach Mitternacht alle in seinen Bann. Ein genialer Film von Christa Ritter und Jutta Winkelmann verhandelte Internet-Utopien als direkte Ausgeburt der explosionsartigen Entgrenzung der 68er „Kommune“. Die Leute diskutierten danach wie ein Schwarm aufgeschreckter Arbeitsbienen. Jens Friebe gab eine sehr ordentliche Lesung, wie ein Nachkriegs-Schriftsteller der Gruppe 47. Gegen 2 Uhr startete die große After-Party, und das setzte schon Maßstäbe, obwohl:
Judith kam bis zuletzt nicht rein, und niemand wurde so vermißt wie sie.

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