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vonlottmann 16.09.2007

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Überall höre ich jetzt das Gerücht (wobei Enttäuschung mitschwingt), das neue Buch sei ein reines Jubelbuch, völlig unkritisch, meinen journalistischen Freunden um den Bart fahrend. Man habe eine Art „Wallraff“ erwartet und bekomme nun das übliche Bussi-Bussi-Gesülze, das man von Talkshow-Gästen kennt, wenn diese über ihre lieben Kollegen etwas sagen sollen. Es ist aber auch ein Dilemma: Meine Zeit als Deutschlandreporter hat mir gefallen. Ich schreibe gern. Ich mag grundsätzlich Leute, die auch gut darin sind. Günter Wallraff hat die Menschen bei BILD gehaßt, ich habe die Leute in der Brandstwiete geliebt. Wie soll ich schreiben, daß es anders wäre? Der einzige Konflikt, den ich hatte, war ein Prinzipienstreit, bei dem die andere Seite sogar die besseren Karten hatte, wie ich sofort erkannte. Nämlich bei der Frage des Redigierens. Ich war ein Vertreter der Arbeitsteilung: der Autor schrieb, der Redakteur redigierte. Beim SPIEGEL legte man dagegen (wie ich fand: zu grossen) Wert darauf, dass jeder Autor die Kontrolle über seinen Text behielt, von der ersten bis zur 37. Fassung. Das war für die Autoren eine einzigartige Ehre. Deswegen liefen sie so stolz und unnahbar durchs Haus.
In meinem Buch habe ich diesen Konflikt einmal anhand der Serie über das Regietheater angeschnitten, dann aber wieder rausgenommen. Andere Zeitungen sollten nicht Stellen in dem Buch finden, aus denen sie eine Anklage gegen die neue Linie der Kulturredaktion zimmern konnten. Denn vor aller Unterhaltung, die das Buch liefert, war und ist mir die inhaltliche Position der neuen Redaktion, die auch die meine ist, das Wichtige. Altlinke Dogmatik wurde durch ein völlig neues, postmediales, historisch souveränes Kulturverständnis abgelöst. Die Texte atmen nicht mehr die Fixierung auf zwölf furchtbare Jahre, sondern bewegen sich frei in einem Kulturraum, der nach vorn und nach hinten unheimlich viel Luft hat, ich würde sagen Jahrhunderte, aber auch seitlich. Irgendwann werde ich das einmal in einem Essay genauer formulieren.
Um jedoch die vielen kleinen Leute im Lande, die Leser der Stadtbibliotheken, die Sparer, die Rentner ohne Riesterrente, die Fußballfans ohne Premiere, nicht zu sehr zu enttäuschen, will ich heute in diesem meinem Privatblog den seinerzeit rausgestrichenen Passus nachreichen. Die Justiziare des Verlages Kiepenheuer & Witsch mögen mir verzeihen, aber, wie gesagt: er ist ja nicht mehr Teil des Buches AUF DER BORDERLINE NACHTS UM HALB EINS. Voilà:

„Diese Geschichte über das deutsche Regietheater brachte mir einen neuen Beruf ein. Wenn ich wollte, könnte ich meinen Lebensunterhalt nun als Spezialist für Angriffe gegen das Regietheater in Talkshows verdienen, auf Jahrzehnte. Also so lange, wie es das Regietheater noch gibt. Sagen wir, bis zum Jahr 2030. Ständig flattern Einladungen ins Haus, ich solle an Diskussionen über das Regietheater teilnehmen. Denn es gibt Tausende von Vertretern des ‚Betriebs‘, aber nur mich als Gegner desselben. Bis auf einmal habe ich mir das natürlich erspart. Sollen die doch weiter ihre Suppe kochen, ich habe nichts damit zu tun. Ich hatte lediglich den Auftrag, für den SPIEGEL eine Woche lang jeden Abend ein Theaterstück zu sehen und meine Eindrücke aufzuschreiben. Das habe ich getan, und es hat mächtig viel Spaß gemacht. Also das Aufschreiben. Ich schreibe ja ohnehin gern. Aber hier hatte ich besonders viel loszuwerden. Die Texte schrieben sich von selbst, so scheußlich war das Gesehene. Jeder Satz eine Befreiung von diesem Scheiß, dieser Frechheit. Ich war einmal in der Lage, stärker als je zuvor, Anwalt von mißhandelten Menschen zu werden. Menschen, die einfach nur enttäuscht wurden. Nicht gefoltert, nicht vergewaltigt, nicht diskriminiert, nicht ausgebeutet, sondern: enttäuscht. Sie waren freudig ins Theater gegangen, wie Kinder, hatten auf den Weihnachtsmann gewartet, und stattdessen kam dann der perverse Spanner vom zweiten Stock oder so. Statt Stoffteddys und Eisenbahnwagen präsentierte er sein Glied und schrie: „Da lernt ihr mal was!“. Derart belehrt und bedröppelt schlichen sie dann raus, die armen naiven Theaterbesucher. Ich habe es gesehen, ich war dabei. Und niemand sprach für sie. Sie waren peinlich, die Deppen, denen man das Geld aus der Tasche gezogen hatte, 68 Euro für zwei Karten. Na, das alles wissen wir nun, der Artikel hat ja seinen Weg gemacht. Für mich begannen die Schwierigkeiten ganz woanders. Die Stücke auszuhalten, also als Zuschauer, hatte ja noch einen sportlichen Reiz für mich. Ich schaffte es tatsächlich dreimal hintereinander, das Haus nicht während der großen Pause zu fliehen. Beim viertenmal nahm ich meinen Ressortleiter mit, um mich abzusichern. Der Mann, den ich persönlich und inhaltlich schätzte, sollte selbst sehen, was da passierte. Es war ein Horvath-Stück im Hamburger Deutschen Schauspielhaus, und die Zuschauer stürzten in der Pause geradezu panikartig aus dem Theater, um nie wiederzukommen. „Was, schon zuende?“ fragte der Ressortleiter, und ich war zu kaputt, um die Chance nicht zu nutzen. „Ja, schon zuende.“ Wir nahmen unsere Mäntel und schlenderten nach draußen, der Freiheit entgegen. Dann das Sammeln der vielen Eindrücke, es waren ja gleich mehrere Stücke in vier Städten, da durfte ich nicht durcheinanderkommen. Und dann das Schreiben, in maximaler Länge, 25.000 Zeichen – alles prima. Nicht das geringste Hindernis. Nein, das Schlimme war diesmal, dass mein Text zu gut und zu wichtig war, um ihn wieder durch 37 neue Versionen zerstören zu lassen. Er kam natürlich postwendend zurück. Meine Frau Barbi mußte mich trösten, was sie aufopfernd tat. Da ich meine eigenen Texte nicht bearbeiten konnte, wollte ich diesmal, dass wenigstens ein absoluter Top Journalist am Göttlichen kratzte. Ich rief Wolfgang Höbel an, ein phantastischer Stilist und wunderbarer Mensch. Obwohl ich ihn gar nicht kannte und um 23 Uhr aus dem Bett klingelte, sagte er zu und verfertigte über Nacht die nächste Version. Morgens weckte mich irgendein Azubi aus der Leserbriefredaktion, vielleicht war es auch meine eigene Redaktion, ich war noch zu müde, um es genau zu erfassen, vom Dialekt her könnte es auch der Pförtner gewesen sein: „Herräh, Herräh Lottmeier, ich hev hier dat Stück über… also die redigierte Fassung, von de, von de… Theaterstücke un so.“ Ich war erfreut. Höbel hatte es tatsächlich geschafft! Der Gute! Ein echter Star. 25.000 fremde Zeichen, einfach mal so nebenbei satzfertig gemacht. Ich sagte mit tiefer Stimme: „Ja, es war mir ein Vergnügen. Kann ich jetzt die Fahne bekommen?“ Der Typ am anderen Ende lachte krächzend, wahrscheinlich ein starker Raucher. „Nee, junger Mann, so geit dat nich, da müssense schon noch ma ran, nech! Da will ick ne neue Fassung sehen bis heut mittag!“ Die Mühle ging von vorne los. Ich rief wieder reihum alle üblichen Helfen an, bis hin zu Nichte Hase. Jeder wurde involviert. Aber diesmal achtete ich (noch) mehr als sonst auf Qualität. Mein Honorar ging vollständig dafür drauf, all die Helfer zu bezahlen. Damals war ich noch nicht auf die rettende Idee verfallen, meinen Verlag Kiepenheuer & Witsch mit seiner gesamten manpower für diese sinnlose Mühle einzuspannen. Nicht zwölf Beruflektoren, sondern Teile des linken Journalismus und fortschrittliche junge Deutsche wurden hier verheizt. Trotzdem war ich nicht verzweifelt. Dass ein so verehrungswürdiger Mann wie Dr. Wolfgang Höbel so dreist vom Tisch gewischt wurde, also seine Arbeit, liess in mir zwar eine Alarmglocke klingeln. Aber ich war, ich bitte mir das zu glauben, sehr vorbereitet auf die Lage beim SPIEGEL. Selbstverständlich kannte ich alle Vorurteile über das berühmte deutsche Nachrichtenmagazin. Ich kannte Frauen, die einem mit aufgerissenen Angstaugen erzählten, die 32-Stunden-Problemgeburt ihres Kindes mit Schieflage, würgender Nabelschnur, Herzstillstand und Not-Kaiserschnitt sei angenehmer gewesen als die Platzierung einer 20-Zeilen-Meldung in irgendeiner SPIEGEL-Rubrik. Schikane war hier Methode, und die Methode hatte immerhin das beste Magazin der Welt hervorgebracht. Ein paar hundert Mitarbeiter mußten leiden, aber fünf Millionen Leser wurden klüger. Ich fand das gut, dieses Verhältnis. Ich selbst hatte davon profitiert, vielleicht mehr als jeder andere. Meine Eltern hatten den SPIEGEL abonniert, damals in Belgisch-Kongo, es war die Verbindung zur Heimat. Als ich fünf Jahre alt war, betrachtete ich schon diese glänzenden Titel, ich erinnere mich genau! Im selben Jahr gründete ich eine Zeitung, die ich meinem Bruder, der schon schreiben konnte, diktierte. Ich malte die Politiker-Köpfe dazu. Mit sieben schrieb ich dann auch die Texte selbst. Bis ich zwölf wurde, kamen 275 Ausgaben zusammen. Ich wollte später nie Journalist werden, wobei mein Gedankengang so aussah: Ich gehe in den Journalismus, weil es die ökonomischte Weise ist, ins Leben vorzustoßen, aber nicht, um Journalist zu werden – denn solange ich nicht zum SPIEGEL kann, ist Journalismus sinnlos. Nun also war ich angelangt am Ziel. Und war ich glücklich? Raten Sie einmal. Ja, natürlich war ich das! Ich wachte jeden Tag mit ungefähr folgendem Gedanken auf: „Zwei Dinge habe ich gewollt im Leben, meine Frau Barbi und zum SPIEGEL zu gehen; beides habe ich geschafft!“ Dabei erfaßte mich ein kleiner Taumel, so ungeheuerlich fand ich das, so unfaßbar kam mir dieses Glück vor. Die nun auftretenden Probleme waren eben genau jene großen Aufgaben, die mit einem so großen Ziel verbunden waren. Sonst könnte ja jeder zum SPIEGEL gehen. Ich mußte mir einfach Lösungen ausdenken. Eine davon war, dass ich mich ganz offiziell mit dem Ressortleiter zum Essen traf, um ihm mitzuteilen, daß ich eigene Texte nicht umschreiben konnte. Ich hatte ihm das immer wieder gesagt, aber vielleicht hatte er es nie so ernst genommen, wie er es sollte. Gesagt, getan. Wir aßen in einem schönen Fischrestaurant direkt an der Binnenalster, im Freien. Es war herrliches Wetter, und ich brachte äußerst gewichtig und in künstlich langsamer Sprechweise mein Anliegen vor. Der Ressortleiter hörte es sich aufmerksam an und schwieg. Er aß nicht mehr weiter. Eine Pause entstand. Ich hütete mich, weiterzusprechen. Aber er sagte nichts. Er schien auch nichts Besonderes zu denken. Ich konnte keinerlei Reaktion entdecken, sodaß ich schließlich sagte, ein Redakteur müsse meine Texte redigieren, wie bei anderen Zeitungen. Der Ressortleiter sagte, alle seine Redakteure seien beschäftigt, und zwar mit ihren eigenen Texten. „Dann müssen wir sofort Peter Unfried einstellen!“ schoß es aus mir hervor. Der Ressortchef sagte genauso schnell, hocherfreut: „Schreibt der denn gut?“ Ich sagte, nein, das heißt doch, aber darum gehe es nicht, er sei eben ein REDAKTEUR, und zwar der beste, kein Autor. Der Ressortleiter fiel in seine alte Starre zurück. Das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Die Tafel war aufgehoben. Wir gingen nach draußen, schnippten ein Taxi herbei und fuhren durch Hamburg. Im Taxi hatte der Ressortleiter noch zwei Ideen. Die eine war, dass ich doch einfach meine Texte SELBER umschreiben solle. Die zweite, ob ich nicht Lust hätte, noch ein Video mit ihm zu sehen, in seiner Wohnung in der Armgardtstraße, mit seiner bezaubernden Grace-Kelly-Frau. Ich glaube, er hatte bereits die Originalfassung von „300“ oder sowas. Für mich bedeutete diese Doppelbotschaft: weiter machen, weiter leiden. Die guten und die schlechten Seiten des SPIEGEL weiter auskosten, die entwürdigende Selbstzerstörung einerseits, auf dem Sofa mit Grace Kelly andererseits. Ich mußte nicht darüber nachdenken. Ich bereue nichts.
Die nächste Fassung schrieb ein hoher Funktionär der Z.I.A., was dem Leser nichts sagen mag, sodaß ich es umständlich erklären müßte, was ich nicht will. Die Z.I.A. (Zentrale Intelligenz Agentur) hat jedenfalls ganz hervorragende Leute, und es war nicht billig. Dann kam wieder einer von der „taz“, nicht Gerrit Bartels, denn der hatte bereits einen anderen SPIEGEL Text umgeschrieben, und mehr als einmal konnte ich selbst altgediente befreundete Kollegen nicht bitten, also ich weiß nicht mehr, wer. Und so weiter. Das Seltsamste bei diesem immer gleichen Spiel war stets das Ende: Wenn die letzte, die allerletzte Fahne, die definitiv aller-allerletzte Korrektur getan worden war, wenn die Seite feststand, die Fotos, die Graphik, die verschiebenen Über- und Unterschriften, wenn die Druckmaschinen bereits liefen und alle Kollegen ins wohlverdiente Wochenende gefahren waren; wenn ich also auf der Bettkante meines Bettes saß und still weinte über den vollständig zermatschten, totgeprügelten Text, unter dem mein Name stehen würde, DANN ereignete sich regelmäßig ein Wunder. Ausnahmslos jedesmal. Jemand griff ein. Es mußte einen heimlichen Redakteur beim SPIEGEL geben. Einen, den keiner kannte, der selbst nicht schrieb, der nur für die Autoren da war. Rudolf Augstein? War das SO unvorstellbar? Auch wenn man kein bißchen an Geister glaubte, so war es nicht völlig abwegig anzunehmen, dass ein kraftvoller intellektueller Geist wie der Rudolf Augsteins auch nach seinem Tod noch ein bißchen im Haus weiterwirkte. Solche Phänomene GAB ES. Die Wissenschaft hatte solche Fälle durchaus bestätigt. Außerdem lag der Tod noch nicht lange zurück, und ich selbst war bei der Beerdigung dabei gewesen. Ich stand wenige Meter neben dem Sarg, als Franziska ihre Rede über den Löwen hielt, und ich hatte geweint. Alles Dinge, die womöglich einen Einfluß hatten, später, also jetzt. Zum anderen wußte ich zu wenig über die Vorgänge in der Chefredaktion. Wahrscheinlich gab es noch eine weitere letzte Instanz, die zwischen Redaktionsspitze und Printbefehl lag, von der weder ich noch mein ganzes Ressort wußte. Irgendein letzter Über-Chef, der das fertige Heft in die Hand nahm, meinen verkorksten Artikel las, und blitzschnell korrigierte. Und zwar in allen Punkten. Kein Buchstabe blieb auf dem anderen. Es entstand ein Text, der mit meinem Schlußtext absolut gar nichts zu tun hatte, der aber ungefähr so gut war wie die Originalfassung. Sogar die Musikalität meiner Sprache war wieder ein bißchen da, so als hätte der große unbekannte Retter (Stefan Aust?) ein bißchen „Mai, Juni, Juli“ gelesen, um sich zu inspirieren. Franz Kafka hätte, wäre er beim SPIEGEL gewesen, nicht mehr weitergeschrieben; alle seine Phantasien waren bereits verwirklicht.
Der Artikel erschien und löste innerhalb wie außerhalb des SPIEGEL ein Beben aus. In der Redaktionskonferenz erhoben sich nun endlich alle meine Gegner ganz offen. Lothar Gorris nannte mich vor versammelter Mannschaft und im Tonfall alter Schauprozesse einen „Reaktionär“. Das war natürlich schön, dass ich nun im Haus so bekannt wurde. Offenbar hatte ich „in ein Wespennest gestochen“ (Johannes Erasmus), als ich die Theaterszene als einen Staat im Staate beschrieb, ein von der Gesellschaft isoliertes Biotop. Natürlich dachte wieder alle Welt, ich sei ein Provokateur. Das Theaterpublikum dachte das nicht. Ich bekam tonnenweise Post von dankbaren ehemaligen Theaterfreunden, denen man ihr Liebstes genommen hatte. Und ich hatte auch wirklich ein eigenes Anliegen. Ich war nämlich selbst ein ehemaliger Theaterfreund. Als Student hatte ich keine Inszenierung versäumt, war süchtig gewesen nach Strindberg, Ibsen, Tschechov, Goethe, Lessing und so weiter. Minna von Barnhelm hatte ich im Laufe der Jahre in acht Inszenierungen gesehen, ich konnte die Dialoge mitsummen wie die Fans von Tokio Hotel deren Refrains. Die Minna als Death Metal Schlampe, die auf der Bühne ihre Tage bekommt und von einer Jopi Heesters Puppe von hinten genommen wird, während Wagnermusik aus Stukas ertönt, hat mir übrigens AUCH gefallen. Ich geniesse Schlingensieff wie kein zweites Kulturprodukt. In der Zerstörung liegt durchaus viel Schönes. Deshalb kam es mir in meinem Artikel vor allem darauf an, den fehlenden Ausdruck des Regietheaters zu zeigen. Ausduck heißt, dass ETWAS ausgedrückt wird. Solange eine Inszenierung den Stoff des Autors ausdrückt, ist sie legitim. Und sogar, wenn sie, wie bei Schlingensieff, die Visionen des Regisseurs ausdrückt. Und jedes Mittel ist da recht. Nur tat das moderne Regietheater genau das nicht. Die Mittel hatten keinen Bezug, zu nichts und niemand. Die Mittel drückten sich selbst aus. Herabregnende Luftballons standen für herabregnende Luftballons. Die Stücke waren eine sinnlose Nummernrevue von ‚originellen‘ Effekten. Als ich im Fernsehen gefragt wurde, was ich denn gegen das Theater hätte, sagte ich: „Das ist kein Theater.“
Im Artikel kam mein Anliegen nur begrenzt rüber. Man hatte mir die schöne Klarheit meiner Absicht natürlich weggestrichen. Dafür galt ich nun wieder als ‚bad guy‘, der sich einen zynischen Spaß daraus macht, den ollen Ritter mit dem Pappschwert zurückzufordern. Zumindest im SPIEGEL selbst schlug mir nun blanker Haß entgegen. In vielen Gesichtern stand der Gedanke geschrieben: „Du bist böse! Du stehst für das große roll back! Du willst uns in die 50er Jahre zurückschreiben, und zwar aus reiner, irrationaler Perfidie!“ Es war daher nicht schlecht, dass der Ressortleiter mir jeden Morgen ungefragt mitteilte, der gesamten Chefredaktion habe mein Text sehr gefallen. Er wiederholte das wie ein Mantra. Er sagte manchmal auch noch, ich gehörte nun dazu. Es kam mir vor, als hätte ich eine Mutprobe bestanden. War es möglich, dass die Chefredaktion einen großen Teil ihrer Redakteure als Ideologen mit Brett vor dem Kopf erachtete? Dass ihr angst und bange war vor diesen Kultur-Mullahs, die sich von den Lesern und deren Leben entfernt hatten? Oder wollte mich nur der Ressortleiter trösten?
Zwei Wochen später stand ein weiterer Artikel über das moderne Regietheater im Blatt. Noch länger als meiner, und mit genau der gegenteiligen Tendenz. Dieser Schritt sollte demonstrieren, dass der SPIEGEL nicht ‚reaktionär‘ geworden war. Die Idee fand ich gut, denn ich war immer für die Streitkultur. Es sollte viele, möglichst radikale Meinungen in einer Zeitung geben, wie in den Zeitungen in Israel. Das säuselnde Konsensgelaber der ZEIT war mir schon als Gymnasiast auf die Nerven gegangen. Jedenfalls kochte daraufhin das Thema erneut hoch. Es kam wochenlang zu endlosen Leserbriefseiten im SPIEGEL. Das ZDF rief an, der WDR, andere Zeitschriften zogen nach. Ich hätte, wie gesagt, jeden zweiten Abend für 500 Euro Tagesgabe in Veranstaltungen zum Thema auftreten können. Aber ich hatte anderes im Sinn; der nächste SPIEGEL Artikel mußte geschrieben werden. Denn plötzlich wollte die Chefredaktion – so sagte man mir – große Aufgaben an mich herantragen.

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