vonlottmann 11.12.2007

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

Mehr über diesen Blog

Ich hoffe, diesem Mann nicht furchtbar Unrecht zu tun. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist groß. Ich glaube sogar, sie ist über 50 Prozent. Trotzdem ist das, was ich zu sagen habe, also dieser Verdacht, so ungeheuerlich, dass ich ihn einfach äussern muß. Und ich gebe auch zu, dass ich ihn nicht sofort hatte. Meine erste Reaktion auf die Kleber-Nachricht war positiv: ah, dieser nette, integre, gutaussehende Mann vom ZDF, den ich immer so mochte, weil er der einzige deutsche Nachrichtensprecher in 40 Jahren war, der wie Robert Redford aussah. Prima, dass er das macht. Mit dem SPIEGEL. Mal nicht so ein Hass-Objekt wie Stefan Aust. Also ich hasste Aust nicht, aber ich war ja auch anders als alle anderen. Ich war ja selbst ein Hass-Objekt, deswegen konnten wir uns gut leiden, der Aust und ich. Also ich ihn. Umgekehrt war es schon eine Ehre, dass er mich überhaupt kannte, mich nie anbrüllte, und mir einen guten Vertrag gab. Aber die übrigen Kollegen hassten ihn natürlich, und zwar seit Ewigkeiten, also solange sie denken konnten, denn vorher hiess der Aust so ähnlich, nämlich Augstein, und war genauso wie der, unausstehlich und autoritär, und das seit den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Als Günter Grass noch mit der SS über Feld und Flur zog, die letzte Panzerfaust geschultert, plante Augstein bereits das erste deutsche Nachrichtenmagazin nach dem Kriege. Also – Claus Kleber, das neue Gesicht, der Mann aus Washington. Prima. Warum nicht. Mal sehen, wie das wird.
Erst in den nächsten Tagen merkte ich, dass der das ja gar nicht können kann. So wie ich nicht die Berliner Philharmoniker leiten könnte. Ich bin zwar intelligent, nett, gewinnend, habe ein gutes Gesicht, die Frauen mögen mich, ich bin guten Willens, belesen, ein guter Teamworker – aber ich kann keine Noten lesen. Ich spiele kein Instrument. Ich bin unmusikalisch. Wenn man mir nun also den Posten antrüge, wären die Medien zunächst einmal begeistert. Es gäbe wohlwollende Berichte, nette Interviews, home stories, Judith Bröhl würde fotografiert werden (Bild, Vanity Fair), und jeder würde mir mindestens die ersten hundert Tage nichts Böses wollen oder nachsagen. Aber die Berliner Philharmoniker würde es nach 100 Tagen nicht mehr geben.
So ist es nun mit dem SPIEGEL. Kleber, der Sympath, arg- und humorlos, ausgestattet mit der geistigen Tiefe einer ZDF-Sendung („Um der Gewalt Einhalt zu gebieten, braucht es weiterer Friedensanstrengungen…“), ohne intellektuellen Resonanzraum, ohne Geschichte, ohne Abgründe, würde überhaupt nicht wissen, wie ein SPIEGEL-Titel collagiert und getextet werden muß, sodass er nicht 700.000 mal, sondern 900.000 mal verkauft wird (was der allesentscheidende Unterschied ist). Er wird zehn Wochen in Folge die Millionenmarke verfehlen, ja im Sinkflug von anfangs 700.000 auf 450.000 absacken. Und schlagartig werden alle begreifen, dass das bedeutendste Printmedium der Welt seit Austs Abgang von einem Gremium aus Putzfrauen, Kantinenpersonal, berufsmäßigen Frauen aus der ‚Frauen-AG‘ (die gibt es wirklich), Schleichern aus der Dokumentation, ahnungslosen Arbeitern und ihren Gewerkschaftern sowie anderen völlig mediokren altersschwachen Journalisten und sachfremden Typen geleitet wird, nämlich der „Mitarbeiter-KG“. Deren Palaver muß man sich wie eine studentische WG-Sitzung vorstellen. Solange Aust Chef war, hatten sie keine Bedeutung. Aust wurde noch – natürlich gegen den Willen der Mitarbeiter-KG – von Augstein durchgesetzt. Doch nun müssen sie selbst ihren Chef wählen, da Augstein nicht mehr lebt.
Sie werden beim zweiten Versuch, nach dem vorhersehbaren Scheitern von TV-Moderator Kleber, noch mehr danebenliegen. Denn alle anderen Namen, den diese Schluffis, Zombies und ‚Frauen‘ bereits gestreut hatten, klangen wie Karnevalsscherze. Diejenigen fünf bis acht Leute weltweit, die den Job überhaupt hinkriegen KÖNNTEN und die das Gewicht Austs hätten – die raten die kleinen Palastrevoluzzer bestimmt nicht. Vielleicht kommt ja auch Kleber gar nicht, begreift die Tragödie noch im letzten Moment, bleibt beim ZDF. Dann zieht das böse Gewitter noch eher herauf.
Natürlich wird die Zeitschrift noch ein paar Jahre so vor sich hindümpeln, als zweites oder sogar erstes ‚FOCUS‘ am Markt. Immer schön hirnlos die ‚Klima‘- oder ‚Terror‘-Titel, für die Blöden gewissermaßen, ich sagte es ja schon, das garantiert für eine Gnadenfrist den Mindestabsatz. Aber das geistige Leben, die selbst gesetzten Themen, die das Land dann bewegen, die ganze Streitkultur, die die Bundesrepublik so interessant gemacht hat (und die auch andere Länder nicht besitzen), die ist dahin.
Um Themen nämlich SETZEN zu können, anstatt sie nachfolgend zu kommentieren, zu moderieren wie eine halbkalte Suppe, muß ein echter SPIEGEL-Chef den Zeitgeist nicht nur völlig beherrschen, er muß bereits jetzt JENEN Zeitgeist kennen, der in den nächsten sechs bis neun Monaten erst entstehen wird. Und das Heft für Heft, Woche für Woche neu. Theoretisch kann das nur Gott, da das Erdengeschehen mathematisch gesehen unendlich komplex ist. Er muß also soviel hienieden erfahren und durchgemacht haben, dass er Gott ziemlich nahekommt. Qua Intuition und Information.
Ich spreche von echter Information, nicht von den Binsen in Reihe einer ‚heute‘-Sendung.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/lottmann/2007/12/11/claus-kleber/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Die Matttussi jetzt hier? Die Arme.

    Und er irrt. Wie meistens mit seinen schiefen Metaphern. Kleber hat ungefähr soviel Ähnlichkeit mit Redford wie er selbst mit einem gutaussehenden Mann.

    Stell dir vor, es ist Spiegel, und niemand will hin!

  • Wer Kleber Humor, Geschichte und intellektuellen Resonanzraum abspricht, legt Zeugnis ab von bemerkenswerter Ahnungslosigkeit oder ebensolcher Boshaftigkeit. Gleiches gilt für den Versuch, die „Tiefe einer ZDF-Sendung“ pauschal auszuloten; das ist so, als wollte man alle taz- oder SPIEGEL-Artikel nach Strich und Faden vermessen – im Durchschnitt! Mal davon abgesehen, dass Kleber nicht die ‚heute‘ moderiert, sondern das ‚heute-journal‘.
    Ich nehme mal an, dass ‚lottmann‘ nie ein Wort mit Kleber gewechselt und nie das Entstehen eines ‚heute-journal‘ aus der Nähe verfolgt hat. Anders ist solch ein binsenweises Geschreibsel kaum zu erklären.
    Sollte es aber der Versuch sein, sich mit der Personaldiskussion beim SPIEGEL auseinanderzusetzen, ist das gründlich in die Hose gegangen. Mit Biller u.a. studiert zu haben garantiert eben keine Qualität.

    Heiter weiter!

  • So, und nach diesem gehässigen Text wissen nun alle, warum der selbstverliebte Matussek nicht mehr Ressortleiter beim SPIEGEL, sondern nur noch Autor ist. Und das ist auch gut so!

  • Ich verstehe ganz gut, wenn man Freund deutlicher und zugespitzter Worte ist, dass man sich dann mit der Person von Claus Kleber schwer tut, besonders mit seinem Herumlavieren, seinem sowohl-als auch, mit seiner scheinbaren Positionslosigkeit, auf die Kleber stolz ist. Wo bleibt das Profil?

    Tja, keine einfache Frage – aber ein paar Hinweise lassen sich finden. Das „geistige Niveau einer Untertasse“ ist zunächst genau das, was es ist – und mehr noch, es kennzeichnet den Satz, in dem es so formuliert steht. Nun, man kann selbstverständlich daran zweifeln, sowohl an Klebers Qualifikation, als auch daran, dass es vor allem eine, gewissermaßen, Führergestalt sei, an dem Wohl und Wehe des SPIEGEL hängt.

    (Wenn Sie nicht an den vielen Kmmmatas hängen geblieben sind, dann lesen Sie weiter!)

    Vielleicht macht es Sinn, die Position von Kleber und die dazu notwendigen Qualifikationen präziser (!) zu betrachten, also noch über die allgemein erwarteten Blattmacherqualitäten hinaus.

    Und das ist schwer. Wer weiß schon so genau, welche Qualifikationen ein solches Amt, zumal bei den Verhältnissen im SPIEGEL, tatsächlich hat? Ist es sicher, dass hier vor allem ein meinungsstarker harter Hund mit Weltformat gefragt ist?

    Ich frag ja nur.

    Und ich spekuliere: Es wäre möglich, dass der Aspekt, die Mitarbeiterschaft auf produktive Weise zu befrieden, tatsächlich ein wichtiger Aspekt wäre. Keine Ahnung, ob das zutrifft. Spekulation. Es wäre auch möglich, dass die Fähigkeit, eine Redaktionsstruktur zu erneuern, zählt, zumal, wenn dies auf eine Weise betrieben würde, dass dabei nicht allzu viel Porzellan zu Bruch geht. Wenn es so wäre, dann spräche einiges für Claus Kleber. Nun, auch das ist Spekulation, obwohl man aus den Kreisen der Gesellschafter heraushören kann.

    Waren die SPIEGEL-Titel der letzten Jahre so überaus gut? War es gut, wie Stories, Reportagen und Mitarbeiter behandelt wurden? Ist Aust, so, wie er heute ist, der beste aller denkbaren Chefredakteure? Oder könnte es sein, dass sich im SPIEGEL zumehmend der Geruch von Lahmstedter Pferdemist ausgebreitet hat, so sehr sogar, dass dies allgemein als lähmend empfunden wurde? Aust hatte zuletzt systematich rechtsliberale Kämpfer in Führungsfunktionen gehievt, die neben einem kritiklosen Wirtschaftsliberalismus von schwiemelnden Kulturkampfgefasel geprägt sind.

    Man kann ernsthafte Zweifel daran hegen, ob das im Sinne des Hausfriedens und auch im Sinne künftiger Auflagenentwicklung stets gute Entscheidungen waren. Der Politredaktion, wenn ich mich recht entsinne, steht ein Mann vor, der sich immer noch (*gähn*) an „den“ 68ern abarbeitet, möglicherweise, weil sie ihn mal sehr gequält haben. Er hat ein Talent für knallige Wortkombinationen und Kampfrhetorik, bevorzugt gegen „Gutmenschen“, „Sozialschmarotzer“ und Rotgrün in Stellung gebracht, aber, nun, allerhand Themen, die für den gesellschaftlichen Diskurs tatsächlich wichtig sind, die hat dieser Aust-Zögling verschlafen. Besondere Durchdringung der gesellschaftlichen Verhältnisse, überhaupt, gedankliche Konsequenz, scheint seine Schwerpunktqualifikation nicht zu sein, nicht einmal das schöne und elegante Schreiben, dafür aber mehr – und das mag nur als Beispiel für allgemeine Fehlentwicklungen im SPIEGEL dienen – eine geradezu nach amerikansichen Vorbild vorgetragene schrille Parteilichkeit. Beispiel: Die zu Teilen sogar auffällig verlogene Tritt-ihn!-Kampagne des SPIEGELS.

    Blattmacher? Wer weiß, vielleicht kann Klaus Kleber dazu besser beitragen, als es Aust zuletzt konnte, der auf viele doch eher wie jemand wirkte, der geistig stehen geblieben ist, und wunderbare RAF-Reportagen verfassen könnte, bis zu seinem Lebensende. Was im Fall Aust ja nichts Übles sein muss, aber nicht für ein lebendiges Magazin ausreicht. Und es mag auch sein, dass Claus Kleber hier nicht genug kann, aber vielleicht wird das bereits von Blumencron aufgewogen. Vielleicht bringt der dritte, von extern erwünschte Vize Leben in die Bude, und zwar ein Leben auf der Höhe der Zeit und fernab der „prowestlichen“ reaktionären Ideologie, welcher Aust und seine Günstlinge zuletzt immer stärker verfallen waren.

    Wie gesagt: Ich weiß es nicht. Die Sicherheit aber, mit der hier eine Auflage in Höhe von 450.000 angekündigt wird, sobald Claus Kleber Chefredakteur ist, die finde ich verwunderlich. Und irgendwie, Verzeihung!, doch allzu sehr von einem schlichten Bild eines mächtigen Führers durchdrungen. Ich glaube aber eher, dass gute Magazinarbeit vor allem Teamarbeit ist. Und dies heute mehr als früher. Claus Kleber kann ich hingegen nicht beurteilen, aber dessen Sorgfalt, wenn er abwägt und politisch urteilt, hat deutlich mehr geistige Tiefe als die am Anfang angesprochene Untertasse.

    Die ich Ihnen, seien Sie mir nicht böse, zur behutsamen Rückverfrachtung in die eigenen Schränke anempfehle. Damit alles seinen richtigen Platz hat.

  • Danke für soviel Mut, die Wahrheit zu schreiben! Spätestens, wenn die KG den Spiegel in seiner jetzigen Form liquidiert hat, kann G+J übernehmen. Die Diktatur der Dienstmädchen und Büroboten wird noch viele kluge Köpfe kosten!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.