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vonlottmann 16.12.2007

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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(Originalabdruck der Printausgabe)
Nur zwei Jahre leitete der Publizist das Kulturressort des „Spiegel“. Anfang des Monats musste er seinen Posten räumen. Mitarbeiter warfen ihm einen
harschen Führungsstil und konservative Ansichten vor. Was sie verkennen: Er hat ein außergewöhnlich gutes Blatt gemacht, schreibt Joachim Lottmann

GESTORBEN IST Rudolf Augstein
vor fünf Jahren, aber tot ist er erst
jetzt. Die „Spiegel“-Turbulenzen
dieser Tage in ihrer unwürdigen,
seltsam archaischen Art, sind der
Bruch mit 60 Jahren linkspatrioti
scher Kontinuität. Hier revoltierten
mehrere Generationen des Zeit
geistes. Seit 1947 war diese Institu?
tion – manche meinten: das letzte
preußische Ministerium – verkör
pert in der Person Augsteins DAS
deutsche Nachrichtenmagazin, mit
Betonung auf Deutsch. Seit dem
Sturz von Aust und Matussek ist es
nur noch ein Nachrichtenmagazin.
Alle, die jetzt hämisch ihre Rech
nungen begleichen, die von autori
tärem Führungsstil berichten, von
Frauenfeindlichkeit, Cholerik in
der Führungsetage, von „Brüllaffen
in Hosenträgern“, vergessen das.
Am häufigsten wird auf den ge
schassten Kulturchef Matthias Ma
tussek eingeschlagen. Er ist das
beste Ziel für jeden Kommentator,
der nahelegen will, der „Spiegel“
sei zuletzt an die CDU gefallen.
Wer Aust treffen will, schlägt die
sen exponierten, ja schillernden

Kulturchef. Doch hat er wirklich so
einen schlechten Job gemacht?
Im Chor der Kommentatoren
vermisst man eine Stimme, die dar?
auf hinweist, wie im eigentlichen
Sinne ´links´ der „Spiegel“ Kulturteil
unter Matussek wurde. Jedenfalls,
wenn links sein heißt, gerade auch
die eigenen Meinungen zu überprü
fen, aufzulösen, die Dinge immer
wieder neu zu sehen, den eigenen
Laufgraben zu verlassen. Als Ma
tussek im Spätsommer 2005 anfing,
musste er erst mal die Wände strei
chen und Glühbirnen einschrau
ben. Es sah finster aus in diesem
Ressort. Die Batterien waren leer,
die Mitarbeiter hingen schlapp und
käsig in ihren Parzellen.
Unter Matussek herrschte von
Anfang an eine ungeheure Freiheit
des Denkens, ein Heinrich-Heine-
Esprit, eine Mischung aus Angriffs
lust, Humor, Neugierde. Er begann
sehr poetisch mit einer Titelge
schichte über Mozart, die er selbst
schrieb. Zahllose brillante Titel
folgten, über Humboldt, die Ro
mantik, bis hin zu Romy Schneider,
Langtexte über Kierkegaard, Harry

Potter als versteckte Ideologie,
Kampfschriften Brecht versus
Benn. Einmal standen über Tho
mas Pynchon gleich fünf Rezensio
nen nebeneinander im Heft; jeder
der fünf Redakteure hatte über 200
Seiten des Riesenwerkes geurteilt.
Der „Spiegel“ hatte erstmals ei?
nen schreibenden Kulturchef, also
einen, der nicht nur intellektuell,
sondern auch literarisch eine Auto
rität war. Marcel Reich-Ranicki
nannte Matusseks inspirierenden
Heine-Text den besten Beitrag zum
ganzen Heine-Jahr.
Es war eine Zeit des Aufbruchs,
als die links- und rechts-Schablo?
nen zurückgedrängt wurden, als al?
les plötzlich aufwärts ging und ein
Kurt Beck noch nicht einmal zu ah
nen war. Es war nur ein schmales
Zeitfenster, das der „Spiegel“ unter
Matussek nutzte.
Er befreite das Feuilleton vorü?
bergehend von der negativen Fixie
rung auf zwölf kümmerliche Nazi-
Jahre und erweiterte es in die Ge
genwart hinein um 60 Jahre und in
die Vergangenheit hinein um 200
Jahre. Es war plötzlich SOVIEL da

von da, was man lieben konnte, an
Ideen, an dem, was man Kultur
nennt und was bis dahin aus nichts
sagenden Theaterrezensionen und
Besprechungen irrelevanter Bücher
und Kunstausstellungen bestanden
hatte. Nun, es war das Jahr der Fuß
ball-WM. Die Deutschen machten
kurz Pause von Miesepetrigkeit
und Selbsthass. Im „Spiegel“ stan
den gleich mehrere vom Kulturres
sort produzierte Titelgeschichten
über neue Bürgerlichkeit und Patri?
otismus. Debatten über ein gewalt
loses, heiteres Deutschlandgefühl
wurden angestoßen. Niemand hät
te das mehr gefreut als „Spiegel“-
Gründer Augstein.
Das Gegenwärtige ist oft mittel
mäßig, aber indem Matussek als
Kulisse 250 Jahre ideengeschichtli
cher Hochkultur aufspannte, zu
rückholte ins Massenbewusstsein,
wurde Kultur populär. So gesehen
ist die Unterstellung, dem Ressort
leiter sei es nur um Popkultur ge
gangen, sogar zutreffend. Aber um
die Popkultur seit 1780.
Matussek organisierte Work
shops auf dem Lande, wo die seit

Ewigkeiten verfeindeten Kollegen
sich menschlich endlich näher ka
men. Tägliche Morgen-Lagen (Be
sprechungen) wurden eingeführt –
undenkbar früher. Kollegen began
nen, sich im Flur zu grüßen. Im Ja
nuar schrieb er über die Kommune
1 und die 67er Vorab-Revolte, die
ihn als Sympathisanten der linken
Szene outete. Er bezauberte, eu
phorisierte, polarisierte. Auf diese
Weise trat der „Spiegel“-Kulturteil
in den Blickpunkt der Öffentlich
keit, und Deutschland wurde dar?
auf aufmerksam: seht, es gibt diese
Redaktion. Vorher war das Ressort
eher verwaltet worden.
Die Mitarbeiter liebten Matus
sek, auch wenn man jetzt anderes
liest. Freilich wurden sie verheizt,
mussten über sich selbst hinaus?
wachsen, konnten schließlich nicht
mehr. Kein Wunder, dass manch äl
teres Semester, die sein Berufsle
ben gemächlich in der Brandstwie
te im stillen Kämmerlein abgeses
sen hatte, Luft schnappend „aufhö
ren, aufhören!“ rief. Oder den
´Sarkozy der Kultur´ stillschweigend
sabotierte und dabei, wie mancher

Altstar, sein falsches Giftmischerlä
cheln aufsetzte. Es rockte im vier
ten Stock, wie Matussek-Feind Oli
ver Gehrs nicht ohne Bewunderung
in der „taz“ schrieb.
Trotzdem lautet jetzt ein seltsa
mer Vorwurf, es sei dort nur um das
Gestern gegangen. Die flotte
Schreibe von Matussek und seiner
Crew von Pop-Autoren sei gewis
sermassen Täuschung gewesen.
Wer über Mozart so schreibe wie
über Snoop Dogg, schreibe eben
trotzdem über Mozart. Wirklich
Neues, wie das moderne Regie
theater, sei missachtet worden. Tat
sächlich ging es einfach nur um
Courage. Der neue „Spiegel“ miss
achtete nicht das Regietheater, son
dern die verabredeten Meinungen
darüber. Er zeigte auf des Kaisers
neue Kleider und lachte: „Er hat
doch gar nichts an!“ Ein Lachen,
dass die wirtschaftlich Betroffenen
der Subventionskultur, auch sie
also, auf Rache sinnen ließen.
Tatsächlich bekam das Gegen
wärtige mehr Platz denn je. Der
Kulturteil wurde geöffnet, aufge
brochen, zugänglich gemacht für

alle aktuelle Strömungen auch aus
Grenzgebieten und im engeren Sinn
nichtkulturellen Bereichen.
Nur für orthodoxe Denker, ei
gentlich ja Nichtdenker, die nur
zwischen rechts und links unter
scheiden können, rückte der „Spie

gel“ nach rechts. Dabei blieb er nur
da, wo Augstein ihn hingestellt hat
te. Aber der, lebte er noch, würde
dieser Tage genauso mit Hausver
bot bedacht werden. Innerhalb von
30 Minuten müsste er seinen
Schreibtisch räumen, ginge es nach
den neuen Machthabern.
Aber diese Leute verstehen eben
nichts von Geschichte.

Der Autor arbeitete in der Kul
turredaktion des „Spiegel“ unter

Matthias Matussek von 2005 bis
2006

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