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vonlottmann 10.02.2008

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Mit Lars Olav Beiers Berlinaletasche komme ich auch dieses Jahr kostenlos in alle Veranstaltungen. Natürlich sehe ich alle 20 Bunuelfilme aus der Mexiko-Zeit. Die Leute kennen mich nun schon, wissen, daß ich Lars Olav Beier vom SPIEGEL bin, lassen mich ängstlich durch. Interessant sind auch die Filme aus Thailand, Japan, Singapur und Persien. Qualle riet mir, ich solle ‚Das Leben des Andrew Wilson‘ oder so ähnlich sehen. Er selbst kam extra wegen der Rolling Stones nach Berlin, und fuhr dann gleich wieder (nach ein paar Joints im Hotelzimmer mit Keith? Jung geblieben ist er ja, der Qualle). Dann kam ich gestern mit einem ins Gespräch, der angeblich manchmal für die ‚SZ‘ schreibt und Tobias Kniepe oder so hieß. Er meinte, die Altmeister der Regisseure dürften keine Filme mehr machen, und das sei ungerecht. Dachte er an Hitchcock? Weil der schon tot war? Nein, Billy Wilder habe in den letzten 20 Jahren seines Lebens nicht mehr drehen dürfen, und andere Altmeister auch nicht. Der Mann dachte offenbar völlig ahistorisch. Ich sagte:
„Jedes Jahrzehnt hat einen anderen Geist. Es ist doch gut, daß die jeweils passenden Regisseure den umsetzen.“
Ich nannte als abschreckende Beispiele Claude Chabrol und Wim Wenders, die immer noch drehten, und rief aus:
„Stellen Sie sich vor, Godard würde HEUTE noch Filme machen! Furchtbar! Man kann doch die alten kaum noch nachvollziehen, selbst wenn man Filmgeschichte studiert hat.“
„GODARD? Der ist zeitlos gut!“ sagte Kniepe.
„Eben nicht! Der totale Schrott, aus heutiger Sicht!“
„Was?! Der ist ZEITLOS gut, sagte ich doch!“
„Zeitlosigkeit in der Kunst gibt es nicht. Das ist die große reaktionäre Lüge aller Spießer zu allen Zeiten. Zeitlos ist höchstens diese bequeme Lüge.“
„Wie bitte?!“
Ich glaube, dieser Kniepe, eigentlich ein netterer älterer Herr, wollte auf mich losgehen. Ich zerstörte wohl gerade seine Jugendträume. Judith stellte sich zwischen uns, mit ihrer imposanten Erscheinung und Körperfülle.
Dann fuhren wir ins Atelier, und ich bekam meinen neuen Mantel.
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