vonlottmann 09.05.2009

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Heute war die große Geburtstagsparty von Dr. Cornelius Reiber (31), Assistent von Joschka Fischer in dessen Amerika-Jahr, wir erinnern uns. Die Party fand in der gemütlich-submondänen Bar „Weltempfänger“ am herrlichen Arkonaplatz in Berlin Mitte statt, und alle, alle kamen. Es war eine angenehm entschleunigte Atmosphäre, mit im guten Sinne normalen Menschen, was bedeutete: alle redeten wirklich miteinander, bei jedem Gespräch schien es tatsächlich um etwas zu gehen. Nicht immer drei Sätze Floskeln und dann Themenwechsel und wieder drei Sätze Floskeln, sondern erregtes Argumentieren. Man spürte einfach, daß sich Cornelius‘ Freunde alle seit dem Abitur kennen und ihr Geld seitdem mit geistiger Tätigkeit verdienen. Da ist natürlich an erster Stelle Rühmann, Friebe, Lobo und Reiber selbst zu nennen. Wenn man diese vier zusammen reden sieht, weiß man wieder, was Freundschaft eigentlich sein könnte. Gemeint ist HOLM Friebe, nicht Jens, der jedoch mit dem Genannten verwandt ist und gerade in der Zeitung ‚Zitty‘ einen hellsichtigen Essay über Inklusion und Exklusion veröffentlicht hat. Jens Friebe ist auch der vielleicht wichtigste Popmusiker der Gegenwart, was ich jedoch nicht beurteilen kann. Früher traf ich ihn manchmal im Bötzowviertel mitten auf der Straße, und wir plauderten ein wenig. Ich weiß noch, daß er mich immer als erstes fragte, ob ich denn nicht in Ruhe lassen könnte. Ich nahm dann meine Kopfhörer ab, und er lachte wie Nikolaj Wsewolodowitsch Stawrogin, der bekannte Bösewicht Dostojewskijs. Einmal hatte ich ihn sogar auf Puschkin ansprechen können, worauf ich in seiner Achtung stieg. Aber das ist gewiß schon lange her.
Doch zurück zu Cornelius Reiber’s Party. Natürlich wurde Philipp Rühmann (sein Großvater spielte übrigens den Briefträger in dem erfolgreichen UFA-Film „Der Untergang“) immer sachlicher und nüchterner, je mehr er trank. So war er immer schon. Sein authentischer Zustand wird erst durch den Alkohol freigelegt. Nach dem ersten Bier wirkt er noch beschwipst und ausgelassen, ja manchmal lallt er dann sogar und macht vielleicht einen Witz über mein verkürztes Geschlechtsorgan, das er einmal auf einer öffentlichen Toilette hat beobachten dürfen. Aber das ist nicht sein wahres Ich. Nach dem zehnten Bier, wenn alle schon unter dem Tisch liegen, erlebt man den wahren Philipp Rühmann: präzise, sachorientiert und stark im Detailwissen erklärt er einem längst vertierten Gegenüber – gern auch sächlich – die letzten Gesetzesänderungen im Steuerrecht oder in der Stammheimforschung. Natürlich ist er in philosophischen Themen genauso gut.
Die vielen Informellen Mitarbeiter der ZIA, die anwesend waren, machten klar, wie stark dieses Netzwerk inzwischen angewachsen ist. Kein Wunder, daß sie allmählich nach New York ausweichen müssen. Wolfgang Herrndorf, auf Dauersteuerflucht in den „Staaten“, gab dem Jubilar die Ehre, wirkte aber noch warmherziger als sonst. Was wohl mit ihm geschehen war? Man konnte nur spekulieren. Vielleicht hatte er endlich seine geheime Beziehung zu Cornelius wieder aufgenommen? Vielleicht hatte ihm auch jemand Geld gegeben. Seine Probleme wurden ja zunehmend unliterarisch. Dafür wirkte Thomas Lindemann so ungesund wie nie zuvor: als wäre er gerade von einem zweiwöchigen Malle-Urlaub zurückgekommen. Leute mit Frau & Kindern sehen aber öfter gesund aus als Singles, die ihre Nächte in Clubs verbringen müssen – das ist nur natürlich.
Draußen sah man den Arkonaplatz, also durch die hohen Schaufensterscheiben sah man ihn, und der Regen rann die Scheiben runter, weil es regnete und furchtbar blitzte und donnerte, so laut, daß die Musik im ‚Weltempfänger‘ übertönt wurde. Die Musik ist in dem Lokal sowieso nur leise und ohne Bedeutung. Warmes Licht bricht sich in den hohen Decken. Alte Stehlampen, nicht zu dunkel und nicht zu hell, schaffen eine ruhige Stimmung. Niemals könnte man sich in der ‚Bar 103‘ so gut unterhalten wie hier. Dort sitzt ja auch Maxim ‚Biller‘. Dadurch, daß der romantische Arkonaplatz mit seiner unveränderten 20er Jahre Stimmung andauernd ins Lokal hereinlugt, wird es niemals böse, verkokst, sex- und Mitte-mäßig. Auch die Preise sind nur halb so hoch wie in der Kastanienallee, die ja nicht umsonst früher Castingallee hieß. (Gerade kommt Lukas im Schlafanzug herein, sehr charmant – gute Nacht, gute Nacht!)
Das Geburtstagskind war am Ende geradezu überschäumend vor Freunde, was daran lag, daß es, also Cornelius Reiber, eine lebenslange Geburtstagspartyphobie gehabt hatte, die nun auf einmal widerlegt und überwunden war. Er hatte das Event erst zwei Tage zuvor beschlossen und bekanntgegeben, auch nur in einer einzigen dürftigen Rundmail, voller Angst und Weh. Und dann war es doch so ein freundlicher Abend geworden!
Ich drückte ihm beim Abschied lange beide Hände. „Ich soll Dich übrigens“, sagte ich noch, „recht herzlich von Bettina Andrae grüßen, die auch kommen wollte, aber durch einen Trauerfall in der Familie verhindert war.“
Er dankte gerührt und war doch etwas erschrocken über die Nachricht: „Bettina Andrae, die ‚klügste Frau der Welt‘, wie man so sagt, was… was ist passiert in ihrer Familie? Und sollst du Penner das wirklich in deinem Blog breittreten?“ Ich versuchte es ihm zu erklären, und er ließ mich umgehend im Regen stehen …


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https://blogs.taz.de/lottmann/2009/05/09/cornelius_reiber/

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kommentare

  • waer nett wenn der obige kommentar geloescht werden koennte da er ja faelschlicherweise unter meinem namen veroeffentlicht wurde.

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