vonlottmann 28.01.2016

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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taz: In der Literaturszene haben viele schon gespannt auf ‚Hotel Sylvia‘ gewartet…

Lottmann: Noch mehr warten sie hoffentlich auf mein Hauptwerk ‚Der Zweite Faschismus‘, das dieses Jahr sehr aufwendig veröffentlicht werden wird.
taz: Man ist in einigen Kreisen verwundert, daß Sie die Existenz von ‚Hotel Sylvia‘ geradezu zu leugnen scheinen. Ist das so?
Lottmann: Nein, überhaupt nicht. Aber ich fände es ärgerlich, wenn diese harmlose kleine Novelle dieselbe Aufmerksamkeit bekäme wie ein 800-Seiten-Oeuvre über unsere Gesellschaft in den Zeiten des weltweit vordringenden politischen Islam.
taz: In der Verlagsvorschau wird einem allerdings ordentlich Appetit auf „die kleine Novelle“ gemacht. Dort spricht man von ‚einem Stückchen Weltliteratur, das uns geschenkt wurde‘.
Lottmann: So sind Klappentexte nun einmal. Mir ist so etwas eher peinlich.
taz: Am 17. Februar soll das ‚Stückchen Weltliteratur‘ in den Buchmarkt einschlagen. Den Termin haben Sie allerdings infrage gestellt oder sogar dementiert. Was ist da los?
Lottmann: Ich möchte eigentlich gar nicht mehr viel zum Thema sagen. Gegenüber Marco Verhülsdonk habe ich sinngemäß geäußert, daß ich nicht mehr an ‚Hotel Sylvia‘ glaube.
taz: In einer großen überregionalen Zeitschrift gibt es aber ab dem 10. Februar einen Vorabdruck von ‚Hotel Sylvia‘. Wie ist das möglich, wenn Sie nicht mehr, wie Sie sagen, an den Text ‚glauben‘?
Lottmann: An den Text schon, aber nicht an das Projekt. Lassen Sie uns über „Der Zweite Faschismus“ reden.
taz: Man hört gerüchteweise, achtzig Redaktionen sollen die Fahnen zugeschickt bekommen haben…
Lottmann: Echt? Vom Zweiten Faschismus?
taz: Von ‚Hotel Sylvia‘.
Lottmann: Die nächste Frage bitte. Halte ich übrigens für ausgeschlossen.
taz: Auch in der Verlags-Vorschau wird die Novelle groß angekündigt, als Haupttitel des Frühjahres.
Lottmann: Verlagsvorschauen sind so eine Sache an sich. Wie oft habe ich es schon erlebt, daß Titel angekündigt werden, die dann gar nicht erscheinen! Zum Beispiel das zweite Jörg-Haider-Buch meiner Frau, das schon dreimal in der Verlagsvorschau aufblitzte. Dabei weiß ich, daß sie immer noch auf Seite zehn ist…
taz: Gerrit Bartels schreibt gerade im TAGESSPIEGEL, bei ‚Hotel Sylvia‘, einer rührenden Familiengeschichte, handele es sich um den Beginn Ihres Alterswerks. Das hätten Sie selbst bekannt gegeben.
Lottmann: Warum sollte ich mich freiwillig und ungefragt älter machen, als ich bin? Da würde ich mir ja ins Knie schießen. Ich bin ein gefragter Jugendautor.
taz: Wenn man den Vorabdruck liest, will man schon wissen, wie die Geschichte ausgeht.
Lottmann: Besorgen Sie sich doch eine der geheimnisvollen ‚Fahnen‘, von denen Sie gerade phantasiert haben.
taz: Verraten Sie uns wenigstens, um es sich um eine sogenannte coming of age Literatur handelt.
Lottmann: Ich weiß nicht, was das ist.
taz: Das sind Bücher, die das Erwachsenwerden behandeln.
Lottmann: Aha.
taz: Durfte der TAGESSPIEGEL als einziges Medium schon mehr lesen als nur den Vorabdruck? Der jubilierende Ton legt das nahe.
Lottmann: Fragen Sie Gerrit Bartels.
taz: Wohl ein ziemlich guter Freund von Ihnen?
Lottmann: Ich habe ihn nie gesehen und nie mit ihm Kontakt gehabt.
taz: Es gibt aber ein taz-Interview, das er mit Ihnen vor 15 Jahren geführt hat.
Lottmann: So?
taz: Ja!
Lottmann: Hm, das kann natürlich sein. Ich kann mir aber nicht merken, mit wem ich vor so langer Zeit eine Stunde zusammengesessen bin. Aber wenn es so ist, tut es mir leid, daß ich es vergessen habe. Bartels ist ohne Frage einer der besten Journalisten im Lande. Ich lese ihn ist vielen Jahren gern.
taz: Der TAGESSPIEGEL verrät auch einiges über den Inhalt des Buches. Demnach geht es um „eine große Liebe“, die die Liebe zwischen dem Bruderpaar Manfred und Gerhard sein könnte. Ist es so, oder geht es um die Liebe zwischen dem Erzähler und einer jungen Frau, die als dritte dazustößt?
Lottmann: Hm.
taz: Dieser Bruder im Buch wird von seiner Frau so drangsaliert, daß sie ihm sogar verbietet, sein Auto zu benutzen. Ist dies auch ein Buch gegen die bürgerliche Ehe?

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Lottmann: Ganz bestimmt NICHT.
taz: Die dazukommende junge Frau – im Text heißt sie Agnes – scheint ja recht locker drauf zu sein. Sie schläft mit mehreren Männern. Ist die heutige moderne Frau eine, die sich nicht mehr festlegt und sich einfach treiben läßt?
Lottmann: Soviel ich mich erinnere – korrigieren Sie mich, wenn es nicht stimmt – ist diese ‚Agnes‘ die Tochter des Erzählers. Also kann ich darüber nicht viel sagen, aus Befangenheitsgründen.
taz: Nun, diese junge Agnes, die sich in die Urlaubssituation der beiden Brüder hineinmischt, wird zumindest als recht hübsch beschrieben. Solche Frauen spielten auch früher schon in Ihren Romanen eine große Rolle. Mal direkt gefragt: Mögen Sie Frauen lieber natürlich oder mit Make up?
Lottmann (denkt lange nach): Blond ist gut.
taz: Badeanzug oder Bikini?
Lottmann: Badeanzug.
taz: Sie geben also zu, daß es sich um eine Urlaubssituation handelt, in der sich die beiden Brüder befinden. Wie wichtig ist für Sie denn der Urlaub? Also der Urlaub an sich?
Lottmann: Geben Sie mir eine Minute… Zunächst fällt mir dazu ein, daß der Verlag ausdrücklich eine Feriennovelle von mir wollte, ganz am Anfang.
taz: Haben Sie damit vielleicht ein neues Genre mitbegründet? Also das alte Françoise Sagan Genre zu neuem Leben erweckt?
Lottmann: So würde ich niemals reden oder denken.
taz: ‚Bonjour tristesse‘?
Lottmann: Ein Meisterwerk.
taz: Aber ist das wirklich zeitgemäß – finden Sie Urlaub in unserer heutigen Zeit nicht langsam überbewertet?
Lottmann: Das war doch kein Urlaub.
taz: Gerade jetzt hat eine große deutsche Wochenzeitung getitelt „Wohin kann man heute überhaupt noch reisen?“
Lottmann: Genau.
taz: Nach Grottammare?
Lottmann: Unbedingt.
taz: In ‚Hotel Syvia‘ heißt es, der Protagonist habe sich bis zu seinem 17. Lebensjahr 42 mal verliebt. Fällt es Ihnen ebenso leicht, sich zu verlieben? Und können es heute Menschen einfach nicht mehr so leicht, und ist das in Wirklichkeit das Problem in unserer Gesellschaft geworden?
Lottmann: Ich weiß ja nicht, was die Leute innerhalb ihrer vier Wände tun. Aber der öffentliche Raum hat sich in der Tat sehr verändert. Man sieht eigentlich keine verliebten jungen Leute mehr.
taz: Der Protagonist Ihres Buches schreibt, daß er Woody Allen Filme mag. Gibt es Parallelen zwischen Ihnen und Woody Allen?
Lottmann: Ich selbst mag keine Woody Allen Filme. Ich bin der Autor, nicht der Protagonist.
taz: Trotzdem – Woody Allen wird in seinen Filmen immer älter, die Frauen bleiben aber bikinitragende 24-jährige. Ist das nicht wie in Ihren Büchern?
Lottmann: Aber nicht in DER ZWEITE FASCHISMUS!
taz: Selbstverständlich. Wir meinen nur, nach der Lektüre dieser ‚Novelle‘ – eigentlich scheint es doch ein recht dicker Wälzer zu sein – drängt sich die Frage auf, ob Sie Intelligenz bei Frauen heute für überbewertet halten.
Lottmann: Tue ich nicht. Im Übrigen werden selbst Sie zugeben, daß das Thema von ‚Hotel Sylvia‘ nicht der Sex oder die Frauen ist, sondern: die Krankheit.
taz: Das ist richtig. Neueste Studien haben festgestellt, daß Probanden, denen man ein Placebo verabreicht, genauso schnell genesen wie solche, die echte Medikamente bekommen. Glauben Sie, daß dieser Bruder ‚Manfred‘ sich in seine Krankheit geflüchtet hat, vielleicht mangels einer besseren Idee? Anders gefragt: Können Gedanken krank machen?
Lottmann: Falsche Gedanken ganz sicher. Meiner Ansicht nach sind falsche Gedanken sogar die einzige Krankheitsursache.
taz: Der Mensch stirbt an falschen Gedanken?
Lottmann: Ja. Der Mensch stirbt auch, wenn er keine falschen und schlechten Gedanken hat, aber viel später.
taz: Herr Lottmann, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Lottmann: Da nich für.

 

Das Interview führte Jolandi Stützer (Foto). Sie hat seit Dezember 2012 eine Hospitantenstelle bei taz Bremen inne (Schwerpunkte Theater und Sport). 2014 wurde Stützer zum Theatertreffen in Berlin eingeladen. Sie gilt als Bewunderin Frank Schirrmachers, dessen fb-Freundin sie bis 2015 war.

Link Vorabdruck ‚Hotel Sylvia‘:  112_115 Lookin_korr-2

Link Rezension Gerrit Bartels DER TAGESSPIEGEL:

http://www.tagesspiegel.de/kultur/joachim-lottmann-und-sein-neuester-wurf-der-alte-von-heute/12810686.html

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