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vonlottmann 01.06.2016

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Das Ganze begann mit einem kapitalen Missverständnis. Als ich hörte, dass die Ärzte meinen Bruder aufgegeben hatten – oder er die Ärzte -, fand ich plötzlich (und nicht nur ich), ich müsse über meine Kindheit schreiben, die ja eine Kindheit mit ihm, dem geliebten Bruder, gewesen war. Das „Alterswerk“ müsse nun beginnen, die erinnerungsselige Rückschau. Inzwischen ist der Mann vollständig wiederhergestellt und schlägt mich täglich im Tischtennis und auch in allen anderen Disziplinen, aber damals, 2015, noch vor der Flüchtlingskrise, es ist wirklich lange her, dachte man anders, vor allem der Verlag. Jetzt oder nie war die Devise. Endlich der Fachwechsel, weg vom Pop-Autor hin zur Hochliteratur. Martin Walser schrieb „Ein sterbender Mann“, ich sollte Gleichwertiges schultern.

Die Vorbereitungen gerieten zum Desaster. Mein Bruder war weniger krank als vor allem störrisch. Er sah nicht ein, warum er plötzlich im alten Ferienhotel unserer Eltern den Sommer verbringen sollte, mit mir statt mit seiner Frau. Und stellte sich quer. Auch das „Hotel Sylvia“ war keineswegs begeistert, sondern ausgebucht. Mir war es aber wichtig, die Geschichte in genau diesem „Hotel Sylvia“ stattfinden zu lassen. Ich konnte mich nicht vollständig auf meine Erinnerungen verlassen und brauchte beschreibbare Wirklichkeit. So viel Popliteratur musste schon noch sein. Das bezog sich auch auf die Frauenfigur in der Story. Alterswerk hin oder her, ohne Sex wollte ich dem Leser keine Lektüre zumuten. Immerhin bezahlte er ja dafür.

Es erwies sich als viel leichter, eine blonde junge Frau zu engagieren und nach Italien zu verbringen als meinen Bruder. Drei Monate lang gingen täglich Mails hin und her. Auch der Verlag unterstützte die kommunikative Schlacht, vor allem gegenüber dem Hotel. Alles wurde bezahlt, die Flüge, die Leihautos, die Spesen, das Taschengeld, die Honorare, das ging bis zur Insolvenz des Verlages, wie man später erfuhr (Haffmans & Tolkemitt meldeten in der Woche vor Weihnachten Insolvenz an). Den gesamten Mailverkehr habe ich kürzlich einmal ausdrucken und binden lassen, es sind etwa 500 Mails. Der Widerstand des Hotels und die Querulanz meines Bruders waren Lehrstücke des gesellschaftlichen Stillstandes. Um das Projekt durchzusetzen, hatte ich mich mit zahllosen Menschen befreunden müssen, etwa den Ärzten meines Bruders, mit seiner neuen Frau und Teilen der befeindeten Familien, der Hotelbesitzerin und MitarbeiterInnen des „Hotels Sylvia“, dem Verlagschef Till Tolkemitt und dem Strandkönig von Grottammare Don Rinaldo Joppich. Na, das wird jetzt niemanden mehr interessieren. Wichtig zu wissen ist eben, dass Bruder Manfred und ich die dreizehn Sommer unserer Kindheit in diesem Hotel zugebracht hatten und dass das die Sonnenseite einer ansonsten verdunkelten Zeit . . . und so weiter. Der Rest steht im Buch.

Es fand also tatsächlich statt, das italienische Revival, unser vierzehnter Sommer in Grottammare. Morgens schrieb ich, nachmittags badeten wir, abends kam es zu allerlei Turbulenzen zu dritt, genau wie vorgesehen. Mein Bruder war zwar krank, aber immer noch gutaussehend, ein Mann in den besten Jahren und Filmregisseur. Wir redeten viel über früher, und schon bald waren die ersten 100 000 Zeichen fertig. Anders als sonst in meinen Romanen schrieb ich auch und vor allem über lange Zurückliegendes – und nicht über gerade Erlebtes. Dadurch verlor meine Sprache deutlich an Frische, wie ich fand. Das war jedenfalls mein Gefühl. Ich traute mich nicht, den Text noch am Ort zu lesen. Meine Hoffnung lag in der jungen Schauspielerin, die ihre Sache gut machte und mich zu den wenigen schönen Stellen im Text anregte. Als Vorgabe hatte sie „Bonjour Tristesse“ zu lesen bekommen. Natürlich besorgte mich auch die Krankheit meines Bruders. Und der Verrat an meinem eigenen Literaturverständnis. Niemals zuvor in meinem Leben hatte ich über Krankheiten geschrieben, aus Prinzip.

In Berlin schrieb ich die Novelle fertig und las sie. Ich war entsetzt. Ich hielt genau jene betuliche, räsonierende, besserwisserische „Literatur“ in Händen, die ich immer abgelehnt hatte. Sekunden später rief ich den Verleger an und zog das Buch aus dem Verkehr. Leider hatte er die ersten hundert Seiten, die ich aus Italien geschickt hatte, schon gelesen. Er lachte nur. Dann hörte ich zehn Minuten lang Komplimente, bis ich es nicht mehr aushielt. Sein Urteil über „Hotel Sylvia“ deckte sich nicht mit meinem. Ich bestand darauf, das Büchlein in den Reißwolf zu stecken. In den folgenden Tagen dämmerte mir, dass ich nach all den Mühen nicht so hart auftreten sollte. Der Verleger zeigte sich auch völlig unbeirrt. Er war sich auf eine fast schon verrückte Art sicher, dass das Buch großartig sei, der Beginn eines verheißungsvollen Alterswerkes. Ich musste ihm schließlich gestatten, es in die Verlagsvorschau zu setzen. Dafür versprach er mir, es nicht zu veröffentlichen. Die Verlagsvorschau war für ihn wichtig, da er schon mit der Insolvenz kämpfte, was ich nicht wusste.

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Diese Vorschau lasen einige Journalisten. Gerrit Bartels vom angesehenen „Tagesspiegel“ brachte einen großen Vorausbericht über das Buch. Mir war das unangenehm, da ich meinem Hauptverlag Kiepenheuer & Witsch bereits das Ende von „Hotel Sylvia“ mitgeteilt hatte. Die Leute um Helge Malchow freuten sich über die weggefallene Konkurrenz und boten mir einen neuen Romanvertrag zu verbesserten Bedingungen an. Ich stieg in die Liga der Autoren mit sechsstelligen Vorschüssen auf und war Busenfreund Thomas Glavinic auf den Fersen, der mich ob meiner fünfstelligen Vorschüsse immer verachtet hatte. Doch das war ein Nebenaspekt. Mir war „Hotel Sylvia“ peinlich, und ich fürchtete um das Ende meines guten Rufes als zuverlässiger Skandalautor. Was würden die armen Fans sagen, die Studenten, die 14,90 Euro für eine dünne Novelle ausgaben und dann gestelzte Meinungen zu Jetzt und Früher, zu Kindheit und Reife, Vergänglichkeit und Erwachsenentum herunterzuwürgen hatten? Lottmann stand drauf, und Walser war drinnen? Und, noch schlimmer, die Kritik! Die Kritiker waren ja ebenfalls Fans, also enttäuschte Fans. Ich war in den letzten beiden Jahren von der Kritik verwöhnt worden wie wohl kein zweiter deutscher Autor. Das MUSSTE sich jetzt einfach rächen. Wenn nicht gerade Anna Katharina Hahn zur Feder griff und meinen neuen Stil – nämlich ihren – lobte, konnte ich nur Verrisse erwarten. Ich ging selbst an die Öffentlichkeit und dementierte den Vorausbericht des „Tagesspiegels“. In einem „taz“-Interview sagte ich zu Jolandi Stützer, ich sei „auf Distanz zu ,Hotel Sylvia'“. Diese Formulierung war mir wichtig, also die Anspielung auf Ferdinand Piëch, dessen Worte immer Furcht und Schrecken verbreiteten.

Haffmans & Tolkemitt, also der Nebenverlag, hatte das Manuskript einigen wenigen Freunden zu lesen gegeben, um weitere Meinungen einzuholen. Sie waren alle euphorisch, was mich aber nicht kümmerte. Bis mich eines Tages Ronja von Rönne auf einer Party ansprach. Ihre Parteinahme für das Machwerk rührte mich, denn sie rang nach Worten, als könne es überhaupt keine so schönen Worte für so ein schönes . . . so ein schönes . . . Alterswerk geben. Ich spürte ihre innere Erregung, offensichtlich hatte ihr „Hotel Sylvia“ mehr als nur gefallen, und als sie erneut das Wort „Alterswerk“ in den Mund nahm, weil ihr das richtige, bessere, angemessenere Wort nicht einfiel, liefen ihr Tränen über das hübsche Gesicht. Ich war perplex. In den Tagen darauf hörte ich immer wieder, ich MÜSSE das Buch „Hotel Sylvia“ freigeben. Ich ließ mich bestimmt zehnmal bitten. Es wäre mir wurscht gewesen, aber Ronja von Rönnes Tränen hatten mich nachdenklich gemacht. Warum sollte mein Urteil so viel besser sein als das einer so schönen, so talentierten Frau? Das konnte nicht sein. Und so gab ich schließlich nach. Ich sagte meinem Hauptverlag, das Buch erscheine nun doch. Der Ärger war riesengroß. Die Zeitungen schrieben von einem Zerwürfnis. Kiepenheuer & Witsch wurde immer häufiger als mein Ex-Verlag bezeichnet. Der „Tagesspiegel“ triumphierte – man hatte recht behalten. Der Vertrag für meinen großen neuen Roman mit dem Titel „Der Zweite Faschismus“ kam zwar doch noch bei KiWi zustande, aber ohne den Glavinic-Vorschuss.

Tage später ging Haffmans & Tolkemitt in den Konkurs. Die Welt erfuhr es in der zweiten Januarwoche, kurz nach den Kölner „Vorfällen“ am Hauptbahnhof. Ich schrieb bereits eifrig am neuen Großroman und war ganz ins neue Zeitalter der Flüchtlingskrise eingetaucht. Der Sommer mit meinem Bruder lag Ewigkeiten zurück. Als ich vom Ende des kleinen Verlages erfuhr, tat mir vor allem Gerd Haffmans leid, mein alter Freund aus Uni-Tagen (wir hatten nach dem Krieg bei Diedrich Diederichsen studiert), aber nicht meine unscheinbare Novelle. Ich telefonierte mit den Mitarbeitern, tröstete den armen Till Tolkemitt, der zuletzt noch 150 000 Euro Erspartes in den Verlag gesteckt hatte. Die große Illustrierte, die einen pompösen Vorabdruck geplant hatte, stand ebenfalls blöde da. Ich riet ihnen, die Seiten anders zu füllen und mein Honorar zu sparen. Sie brachten es aber nun erst recht.

Ich vergaß den ganzen Fall. Ehrlich gesagt – ich war erleichtert. Nie wieder Kopfzerbrechen über „Hotel Sylvia“! Nie wieder Alterswerk. Was die Welt wohl NOCH alles von mir gewollt hätte, wenn das Ding wirklich eingeschlagen und gängige Schullektüre geworden wäre. Schüler hätten mich angeschrieben und mir Fragen gestellt. Jede Woche hätte ich irgendwo auf der Welt im Goethe-Institut lesen müssen. Wildfremde Banausen hätten mich mit „Herr Dürrenmatt“ oder „Herr Zuckmayer“ angesprochen. Vorbei die Camouflage. Aber nun dachten auf einmal viele, ich hätte meinen Arbeitgeber verloren und bräuchte selbst Schutz und Trost. Neue Verlage traten an mich heran. Niemand wollte glauben, dass ich weiterhin einen Vertrag mit KiWi hatte. In den Medien wurde die Haffmans-Pleite gern mit dem geheimnisvollen „Hotel Sylvia“ als Aufhänger abgehandelt. Die „taz“ titelte „Warum ,Hotel Sylvia‘ nicht erscheinen darf“. Mein Bruder rief mich an, genesen und tatenfroh, und verlangte Aufklärung. Ich gab sie ihm und schrieb weiter, an meinem islamkritischen Opus Magnum „Der Zweite Faschismus“. Nie zuvor hat mir Schreiben so viel Spaß gemacht. Abends half ich als ehrenamtlicher Helfer im Flüchtlingsheim.

Ich war in Gedanken wirklich ganz woanders, als ich einmal wieder – wie zuletzt selten – das Telefon abnahm. Der totgesagte Ex-Verlagschef Till Tolkemitt rief mich aus Südafrika an, wohin er sich nach dem Bankrott abgesetzt hatte, wahrscheinlich auf der Flucht vor Gläubigern, wie ich geglaubt hatte. Falsch! Er hatte den Verlag zurückgekauft. Aus eigenen Mitteln. Genau gesagt, die Rechte an „Hotel Sylvia“.

„So ein Buch darf einfach nicht verloren gehen! So ein Buch! Das darf doch nicht sterben!“

„Warum nicht?“, fragte ich entgeistert zurück.

Dieses „so ein Buch“ verfolgte mich. Das stand nun fest. Tolkemitt wollte es auf der Stelle auf den Markt werfen.

„Nein, nein! Was soll mein Bruder dazu sagen?“

„Wieso der Bruder? Verstehe ich nicht.“

„Das Ding geht doch um . . . meinen Bruder! Der lebt doch noch!“

„Na und?“

„Am Ende stirbt er, wissen Sie das denn nicht?“

Auf einmal lachte er wie diese blonde Frau aus der „heute show“, Tina Hausten: „Ach, Herr Lottmann! Dies ist doch keine Popliteratur! Da müssen Sie doch keine Angst mehr haben. Es ist RICHTIGE Literatur, die hat doch nichts mit der Wirklichkeit zu tun . . .“

Er erklärte es mir noch mal wie einem kleinen Jungen, denn ich hatte es offenbar nötig. Niemand käme auf die Idee, nach der Geschichte hinter der Geschichte zu fragen, nicht bei dieser Erzählweise, diesem Tempo, diesem . . . Thomas-Mann-haften Geraune im Imperfekt, nicht einmal mein Bruder!

„Aber er hat sich doch in das Mädchen verliebt . . .“

„Das ist doch schön, was soll das mit dem Buch zu tun haben?“

Er dachte wirklich weiter als ich, und ich vertraute ihm.

 

JOACHIM LOTTMANN

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