EIN GANZER LANGER TAG MIT MICHEL HOUELLEBECQ: Wie der Schriftsteller Joachim Lottmann den französischen Literaturstar während der Frankfurter Buchmesse erlebte

Endlich! Er ist wieder da. Es gibt ein neues Buch von ihm. Der Autor von „Unterwerfung“, DEM Skandalroman des Jahrhunderts – da dort auf perfide, weil erotische Art mit dem politischen Islam kokettiert wird – überrascht mit einem berührenden Bekenntnis-Buch über Schopenhauer. Berührend deshalb, weil Michel Houellebecq ganz schutzlos preisgibt, wie er denkt, was er will und wie Kritiker ihn sehen sollen. Demnach sollen sie gänzlich absichtslos sein beim Schreiben, keine Einordnungen vornehmen, nichts wollen, lieber ganz persönlich sein und Theorien meiden. Was für eine schöne Einladung für unsere Zunft, dachte ich, und vor allem – für mich! Mein Zugang war immer schon persönlich und blieb es auch jetzt, als Houellebecq diese Woche im Rahmen der Frankfurter Buchmesse Deutschland seine vielbeachtete Aufwartung machte. Im Schauspielhaus las er dann aber nicht aus „In Schopenhauers Gegenwart“, sondern aus dem Buch, das er offenbar nach wie vor für aktuell hält, eben „Unterwerfung“.
Ich traf den Weltmeister der erotischen Literatur kurz nach der Jahrtausendwende erstmals in Berlin – und bin ihm dann gleich nach Thailand hinterhergeflogen. Mit meiner Nichte Hase, damals noch ein Teenager und von Michels Roman ‚Platforme‘ ebenso begeistert wie ich, recherchierte ich in Houellebecqs Lieblingsbordell in Bangkok und über die dortigen SexarbeiterInnen, die auf den ersten Blick das schiere Gegenteil ihrer westlichen KollegInnen zu sein schienen. Nämlich frei, liebevoll, ohne Zuhälter, ohne Gewalt und ohne Drogen – somit das ideale Gegenstück zum verklemmten, unglücklichen Single aus dem Westen. Jedenfalls, wenn man Michel glauben konnte beziehungsweise ihm auf den Leim ging. Über Sextourismus schrieb Houellebecq ebenso verstörend-provozierend, weil scheinbar bejahend, wie später über den weltweit vorrückenden und siegreichen Islam. Meine Recherchen gaben Michel dennoch mehr recht, als die deutsche Öffentlichkeit vertragen konnte, sodaß der entsprechende Text weitgehend unter Verschluss blieb. Und Michel selbst wurde ohnehin ständig von den Medien verprügelt, vor allem in Frankreich. Dort schlägt ihm bis heute blanker Haß entgegen, während die Deutschen ihn zu lieben begonnen haben. Man sah es wieder bei seinem Auftritt letzte Woche im Frankfurter Schauspielhaus.
Seit vielen Monaten gab es keine Karten mehr, nicht einmal Presse- oder VIP-Karten, das war alles schon Stunden nach der sensationellen Bekanntgabe, er würde kommen, ER, der scheueste aller Menschen, weg. Draußen standen verzweifelte Bürger mit Pappschildern herum, auf denen „Houellebecq / 1 Karte / bitte!!“ und Ähnliches in ungeübter Schrift gemalt war. Ganz normale Leute, die aber offenbar geradezu fixiert auf den zarten, zerbrechlichen Franzosen waren. So wie ich. Was schätzten sie an ihm? Seinen einzigartigen Wagemut, kulturelle Differenzen zwischen Europa und anderen Teilen der Welt in den Blick zu nehmen, wenn auch ironisch verschleiert? Alle anderen Schriftsteller hielten sich ja an das verinnerlichte Gebot, darüber eisern zu schweigen. War es das? Sprachlich und formal galt der Mann ja „als eher mittelmäßig“, wie der SPIEGEL-Kulturredakteur Romain Leick über ‚Unterwerfung‘ urteilte. Das fand ich nun zwar gar nicht, aber es soll hier ohnehin nicht um Meinungen gehen, folgt man Michels Ratschlägen im Schopenhauer Fanbuch.
Es ist äußerst schwer, an Houellebecq heranzukommen. Seitdem er unter Polizeischutz steht, ist es sogar unmöglich. Er hat immer schon die Journalisten gemieden, mehr noch als jeder andere Künstler inklusive Peter Handke. Das könnte sehr wohl der zweite Grund sein, warum er so unbeliebt ist. Nicht wenige Journalisten haben sich sogar schon an mich gewandt mit der flehentlichen Bitte, ich möge einen Kontakt herstellen. Seit dem intern kursierenden Bangkoktext und mehr noch nach dem Roman ‚Alles Lüge‘, den ich Michel Houellebecq widmete, halten mich manche für einen Freund des Autors, für einen deutschen Frederic Beigbeder.
Eigentlich wollte er nur kurz auf die Bühne kommen, ein paar Floskeln sagen und wieder verschwinden, verrät später Julia Encke, die Moderatorin des Abends. Es kam anders.
Schon die erste Minute ließ die Zuhörer erstarren. Das ging so: Nach der freundlichen Ankündigung blickten 800 Augen zu dem Punkt an der Bühnenseite, wo Houellebecq auftauchen mußte. Die Leute klatschten. Er kam aber nicht. Sie klatschten und klatschten. Umsonst. Es war wirklich irritierend. War er auf den letzten Metern hingefallen, kurz hinter dem Vorhang? Die vielen Hundert Vertreter von Staat, Kultur und Wirtschaft sahen sich gegenseitig betroffen an und klatschten ängstlich weiter. Dann, nach der berühmten ‚gefühlten Ewigkeit‘ zuckelte ein kleines Männlein, gehüllt in einem zu großen, ärmlichen Kapuzenanorak, in Zeitlupe über die Bühne. Tap-tap-tap-tap. Kein Zweifel, das mußte der erwartete Autor sein. Hoffentlich stand er die nächste Stunde noch durch! Das war freilich alles inszeniert. Kaum, daß er saß und die ersten Sätze intonierte, wirkte er kräftig, hart, souverän und männlich.


Dann die nächste Überraschung des Abends: der Autor redete eine volle Stunde lang auf das Publikum ein. Niemand hatte damit gerechnet. Und vor allem verblüffte die Provokationsferne seiner freundlichen, ganz normalen, ultranetten Aussagen. Es war eine tour d’horizon durch alle Bereiche, ohne Vorbereitung offenbar, über die Literatur, das Mittelalter, die Politik, den skandinavischen Kriminalroman, den magischen Realismus Südamerikas, Emmanuel Macron, Frankreich und Deutschland. Keine Bosheit, kein Seitenhieb auf die französische Linke. Er wollte wirklich ein guter und ernsthafter Botschafter seines Landes sein, das das Gastland der diesjährigen Buchmesse war! Unglaublich.
Die Zuhörer, die natürlich alles andere als das erwartet hatten, zeigten sich enttäuscht. Sie hörten auf, in den Pausen, in denen übersetzt wurde, zu klatschen. Nach zwanzig Minuten begannen manche zu gähnen. Michel Friedmann, der neben mir saß, blickte unverhohlen verärgert seine Frau an und verschränkte bockig die Arme vor der Brust. Vorher hatte seine Hand noch liebevoll auf ihrem Bein gelegen. DAS sollte Houellebecq sein? Wo blieb die Attacke? Nun hörte man, wie der Autor allen Ernstes sagte, Frankreich werde unter Macron wieder ein stolzes Land werden und mit der Selbstgeißelung aufhören. Die einzigen Lacher erntete er, als er den Deutschen empfahl, führend auf dem Gebiet der erotischen Literatur zu werden. Fifty Shakes of grey hätten so viele Leute gelesen, da sei noch Luft nach oben. Doch auch das meinte er ganz im Ernst.
Sogar die Subventionsliteratur, die er doch immer verachtet hatte, betrachtete er nun in mildem Licht. Er wolle nicht mehr mit Steinen nach jenen werfen, die eine Förderung beantragten. Er selbst habe einmal für ‚Platforme‘ einen Zuschuss beantragt, den aber widerrufen, als das Buch ein Bestseller wurde. Er tat fast so, als hätte es tatsächlich irgendwo in Frankreich einen verbeamteten Juror geben können, der ‚Platforme‘ verstanden und gutgeheißen hätte. Ebenso gut hätte man auf staatliche Zuschüsse auf die Einnahme von Heroin setzen können.
Nein, kein Streit mehr. Auch die französische Gegenwartsliteratur gefiel ihm, die aktuellen Romane. Er lese gern und könne ohne neuen Lesestoff gar nicht leben. Das Lesen sei ihm viel wichtiger als das Schreiben. Eine junge Verehrerin namens Agathe Nowak de Chevallier, die schon ein Interviewbuch mit ihm gemacht hatte, durfte nach einer Stunde noch Fragen stellen, was aber nichts brachte. Das Frage Antwort Spiel ist nach wie vor nichts für den monomanischen Franzosen. Jedenfalls, wenn die Fragen theoretischer Natur sind statt praktisch-konkreter, da stemmt sich wie gesagt der Schopenhauer in ihm dagegen. Es folgte die Lesung aus ‚Unterwerfung‘ und ein rascher, für alle Anwesenden zu rascher Abgang. Nicht mehr in Zeitlupe, sondern im Sauseschritt verschwand Michel im Bühnendunkel.
Die Entourage hatte Mühe zu folgen und verlor sich im Labyrinth des riesigen Theaterbaus. Die Übersetzerin, die junge Verehrerin Agathe, die Moderatorin, die französische Verlegerin, die deutsche Subverlegerin sowie Ijoma Mangold, Daniel Kehlmann und ich selbst suchten, uns immer wieder verstreuend und wiederfindend, das flinke Kapuzenmännchen.
Es war einfach weg. Nach einer halben Stunde überbrachten französische Freunde die Meldung, die Polizei habe ihn bereits an einen geheimen Ort gebracht. Es solle sich um die Villa Merton handeln. Sie war im Jahre 1927 erbaut worden und lag im noblen Teil von Bockenheim. Wir stiegen in mehrere Taxis und fuhren hin. Da zur selben Zeit die größte Party des Jahres begann, nämlich die legendäre Rowohlt Party, hielt ich mich nicht lange in der Villa Merton auf. Houellebecq auch nicht. In der Villa, einer Art Hochsicherheits-Restaurant für G20-Politiker und ähnlich fragwürdige Leute, standen sich mehr Security Typen auf den Zehen als normale Sterbliche. Ich hatte Michel versprochen, ihm ein persönliches Exemplar von ‚Alles Lüge‘ zu geben, und das brachte ich hinter mich. Ich mußte dazu mit der halben Sollstärke der deutschen und französischen Geheimdienste diskutieren, die eine Sprengbombe in dem Buch vermuteten. Es war leichter, den Mann als Gast des Frankfurter Hofes anzusprechen, denn das war auch mein Hotel. So kam es am nächsten Tag zu einem gemeinsamen ‚Frühstück‘, die Uhr rückte schon auf Mittag zu, und zu ganz und gar untheoretischen, nicht allgemeingültigen, nicht wiederzugebenden Fragen und Antworten. Ganz so, wie Houellebecq es mag. Über Karl Ove Knausgard, Kinder, Christian Kracht, Neukölln, frühe James Bond Filme, la boum 1 und 2, natürlich auch – er referierend – über aktuelle französische Popmusik, und – ich referierend – über entsetzlichen deutschen Hiphop, und sogar, aktuellerweise, über den ‚österreichischen Macron’ Sebastian Kurz…
Arthur Schopenhauers hätte es gefallen.

Joachim Lottmann (* 6.12.1959 in Hamburg), ist ein deutscher Schriftsteller und lebt in Berlin und Wien. Sein aktueller Roman ‚Alles Lüge‘ ist Michel Houellebecq gewidmet.
Die vollständige Fassung des Textes erschien am 13. Oktober 2017 in der überregionalen deutschen Tageszeitung DIE WELT.

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