vonlottmann 14.08.2018

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Der Wartburg 353 Super stand nicht in der Garage, sondern direkt vor dem Haus. Bei dem heißen Sommerwetter liebte ich kurze Wege, und die Garage befand sich einige hundert Meter entfernt von meiner Wohnung in der Jablonskistraße 42. Es war dieselbe Wohnung, nebenbei bemerkt, in der Hans Fallada seinen Roman „Jeder stirbt für sich allein“ schrieb, ein furchtbarer Titel eigentlich, wenn man ihn nur auf die Wohnung bezog und sozusagen als Omen wertete, was ich aber nie tat. Es ging mir geradezu extrem gut in meiner Berliner Wohnung, die nicht meine Hauptwohnung war, ich fühlte mich nicht allein, und ich starb auch bestimmt nicht so schnell. Allerdings war ich dort einsam. Ich lud nie Freunde zu mir ein. Umso mehr freute ich mich nun, gleich meinen besten Freund Thomas Draschan zu treffen.
Ich bohrte den Zündschlüssel ins verwinkelte Schloß und drehte ihn nach rechts. Es war ein nachgemachter Schlüssel, und er paßte noch nicht so recht. An jedes nicht originale Teil mußte sich der Wagen erst nach und nach gewöhnen. Zum Glück waren das nicht viele. Im Grunde war mein Wartburg noch genau so, wie er im August 1967 vom Band gelaufen war. Er sah auch nicht alt aus. Die kommunistische Fabrik hatte ihn ein Vierteljahrhundert lang völlig unverändert gebaut, und selbst im wiedervereinigten Deutschland wurde die Produktion zunächst einmal weitergeführt. Noch in den 90er Jahren kurvten ein paar Hunderttausend davon durch die neuen Bundesländer, alle in der gleichen Farbe, nämlich Ocker. Es gibt bis heute kein anderes Fahrzeug, das sich diese Farbe zugemutet hätte. Die Konstruktion des Zweitaktmotors stammte aus dem Jahr 1939, genau gesagt von Professor Mikausch, aber sonst sah das Auto durchaus modern aus und gar nicht wie ein sogenannter Oldtimer.
Der Anlasser drehte dreißig Sekunden lang hysterisch und wirkungsarm ins Leere. Dann kündigten erste eruptive Fehlzündungen, die die Karosserie hüpfen ließen, als wolle sich das Auto gleich übergeben, das bevorstehende Anspringen des Motors an.


Ich merkte gleich, also als er lief, daß der Wartburg nicht seinen besten Tag hatte. Er war nicht in der blendenden Form, mit der er zuletzt monatelang geglänzt hatte. Von den drei prachtvollen Zylindern liefen nur zwei, höchstens. Aus dem Auspuff quoll eine dichte, giftige, schwarzblaue Wolke, nicht unähnlich den Pyro-Feuerwerkskörpern, die Fußballfans im Stadion zündeten, um Spiele, die verlorenzugehen drohten, abzubrechen.
Ich trat das Gas durch. Um Freund Thomas nicht warten zu lassen, durfte ich nicht an das Auto denken. Im Zehn-Kilometer-Tempo quälte es sich bis zur Winsstraße. Von dort ging es links auf die Danziger Straße, weiter bis zur Schönhauser Allee, und dort fuhr ich erst einmal rechts ran. Das Handy klingelte nämlich. Thomas erklärte, noch im Eissalon Honkey Donkey in der Storkower Straße zu sitzen und dort auf mich zu warten.
Wie jetzt den Wagen wieder in Fahrt kriegen? Der Anlasser brauchte erneut fast eine Minute. Bis zur Storkower war es aber nur noch eine Querstraße. Passanten, Fahradaktivisten und junge Mütter beschwerten sich über die Giftwolke. Egal. Ich startete durch.
Thomas rief mir schon von weitem zu. Er hatte eine äußerst laute Stimme, die gut zum Wartburg paßte und dessen Motorenlärm und andere Geräusche mühelos übertönte. Ich hielt vor dem Eissalon, und sofort riß Thomas lachend die Fahrertür auf. Er lachte oft und gern und dröhnend laut, vor allem, wenn er den Wartburg sah. Er hatte einen Freund neben sich, Markus, ein Ossi, der ihn mit Viagra versorgte. Thomas nahm überhaupt kein Viagra, er war laut eigenen Angaben ein kraftstrotzender, nie ermüdender Liebhaber, ein Sex-Gott, wie er selbst sagte, nicht ohne Stolz natürlich, und so verstand ich die ganze Viagrasache nicht. Thomas hatte eine Plastiktasche mit sich, griff hinein und zeigte mir ein paar der Viagrapackungen.
„Die muß ich noch nach oben bringen!“
Er wohnte im Haus gegenüber.
„Kein Problem, dann kann ich mich noch um den Wartburg kümmern“, sagte ich.
„Mach das, ich zieh mich noch um. Muß der blöde Matussek halt warten!“
Er verschwand, nicht ohne noch laut über den Wartburg gelacht zu haben und ihm auf Haube und Kotflügel zu schlagen. Mit dem „blöden Matussek“ meinte er den Journalisten Matthias Matussek, der alles andere als blöde war, nämlich der einstmals bedeutendste Zeitungsmensch in Deutschland, und den wir besuchen wollten. Das war das Ziel unseres Ausflugs. Matussek trat in einer Stadt der ehemaligen ‚DDR‘ auf, in Schwerin, im dortigen Schloßhotel, auf Einladung einer rechtspopulistischen Partei – vielleicht war es auch eine linkspopulistische – und ich sollte für die Tageszeitung ‚taz‘ darüber berichten. Das gab gutes Geld, echtes, hartes Westgeld, und ich konnte es wirklich gebrauchen. Die ‚taz‘ war eine der wenigen Zeitungen ohne finanzielle Probleme, da die Altlinken immer noch Zeitungen und Bücher lasen.
Ich tauschte den Benzinfilter aus. Es war ziemlich wahrscheinlich, daß er verschmutzt war und deswegen den Motor zum Stottern und Qualmen brachte. Die Operation war mehr als schwierig. Beim Abnehmen des alten Benzinfilters schoß literweise Benzin aus dem Benzinschlauch und bedeckte den aufgeheizten Asphalt, während ich unter dem schweren Auto lag. Wäre es explodiert, wären nicht nur ich, sondern ein halbes Dutzend Gaffer mit draufgegangen. Das meiste Benzin konnte ich aber geschickt mit einem Handtuch auffangen, das ich extra unter den Schlauch gelegt hatte. In weniger als dreißig Sekunden hatte ich den neuen Benzinfilter montiert und den Benzinfluß gestoppt. Ich robbte weg, rollte mit dem Körper nach links und sprang federnd auf die Beine, wie ein Torschütze nach dem Tor – bloß weg von dem Explosionskörper! In einiger Entfernung wartete ich, bis das Benzin auf der Straße getrocknet war. Es hatte sich auch deswegen nicht entzündet, weil der Wartburg kein normales Benzin verwendete, sondern eine Gemischfüllung aus Rapsöl und Biodiesel.


Thomas kam zurück. Wir konnten starten. Ich war gespannt, ob das Auto nun fuhr. Wieder endloses Anlassen. Schrilles Kreischen des Schwungrades. Fehlzündungen. Kotzgeräusche. Blödes Starren der Passanten. Seltsamerweise kümmerte sich Thomas nicht darum, sondern begann sofort, über Matussek zu diskutieren. Ob ich denn wisse, daß der Mann total mainstreamig nach rechts abgerutscht sei.
„Thomas! Bitte jetzt erstmal auf den Start konzentrieren!“
„Ja, ja! Natürlich!“
Er war ganz erschrocken. Dann sprang der eigentlich kraftvolle Fünfzig-PS-Motor, entwickelt wie gesagt von Professor Mikausch vor dem Krieg für die Auto Union, an. Der Bolide machte einen Satz nach vorne. Wir fuhren! Und wie! Also wirklich jetzt! Zu Matthias Matussek, in die DDR, in die Vergangenheit… hurra!
Sofort redete Thomas weiter. Über Rechtspopulismus und so weiter. Matussek war angeblich auf dem falschen Dampfer. Ich merkte, daß ich Thomas ein paar Informationen geben mußte, eine Art Nachhilfestunde, bevor wir den großen Autor der Nach-Wende-Zeit treffen konnten. Sonst würde er denselben nur dauernd vor den Kopf stoßen.
Ich wartete, bis wir wieder auf der Schönhauser Allee waren und Geschwindigkeit aufnehmen konnten. Alle drei Zylinder gaben ihre volle Leistung. Es war herrlich. Wir erreichten die Prenzlauer Allee, dann die Autobahn nach Norden. Die Schubkraft beim Beschleunigen drückte uns in die weichgepolsterten Stoffsitze. Im Innenraum des Fahrzeugs befanden sich noch vorwiegend Naturstoffe, sogar Holz war verbaut. Die DDR mußte mit modernen Kunststoffe noch sparsam umgehen, Stichwort Devisenmangel. Die Sitze wirkten bei hoher Geschwindigkeit wie Gartenschaukeln. Das beruhigte. So konnte ich dem Thomas nun in aller Ruhe, bei einer Höchst- und Dauergeschwindigkeit von hundert Stundenkilometern, alles über den Mann berichten, über dessen Auftritt in Schwerin ich bald klug und umfassend schreiben mußte.
„Matussek war früher, als es die DDR noch gab, das größte Talent beim SPIEGEL. Dann fiel die Mauer, und er schrieb darüber. Seine Reportagen wurden in einem Buch zusammengefasst, das ‚Palasthotel Zimmer 424‘ hieß. Dafür bekam er den Egon Erwin Kisch Preis…“
„Aber er ist doch nach rechts abgerutscht, heute, oder?!“ griff Thomas ungeduldig ein.
„Moment, gleich! Damals…“
„Aber es ist doch wichtig, was er heute macht!“
„Ah, natürlich. Heute… hm, ich kann dir aber nicht sagen, was er heute macht, weil ich mit ihm nie über Politik gesprochen habe. Ich habe das echt nie getan, früher erst recht nicht. Wir haben immer nur Witze gemacht.“
Das stimmte. Deswegen fuhren wir ja jetzt nach Stettin, damit ich einmal den politischen Matussek kennenlernte.
„Du hast mit ihm… Witze gemacht, mit einem Rechten?!“
Thomas war wieder so laut wie eh und je. Das Thema interessierte ihn aber nicht, lieber hielt er, wie es seine Art war, wieder Monologe über die Schlechtigkeit der Welt. Über das Ende der Ressourcen, die Auto-Lobby, die Verschmutzung der Meere, das Abholzen der Wälder und so weiter. Apokalypse überall. Das Schlimmste waren für ihn die Atomkraftwerke. Noch in einer Million Jahre würden die Abfälle derselben strahlen und uns Probleme machen. Schon die Römer hätten ganz Jugoslawien abgeholzt, den Rest besorgten die großen Konzerne und demnächst die Chinesen. In Afrika würden die Menschen zu Sklaven der Handy- und Mobilfunkindustrie degradiert, während hierzulande…
… und so weiter. Inzwischen, nämlich seit Kilometer 29 des eingestellten Fahrtenzählers, spuckte der Motor wieder. Die Leistung ließ nach. Aus dem Auspuff kam erneut, wenn auch gemäßigter als vorhin, dieser blaue Rauch. Bei mir bewirkte das, daß ich meinem Beifahrer nicht mehr zuhörte, sondern mich ganz aufs problematische Fahren konzentrierte.
Die Symptome wurden natürlich immer heftiger, sodaß ich etwas unternehmen mußte. Eigentlich schade. Die Gegend gefiel mir nämlich. Die Autobahn war alt und kaum befahren, wohl eine alte, vergessene Reichsautobahn vom Hitler. Links und rechts wogte ein unberührter Mischwald aus Goethes Tagen. Zudem war ja das Wetter so schön, so sommerlich und endlos. Seit zwölf Wochen herrschte er bereits, der Jahrhundertsommer von 2018. Nur mit durchgetretenem Gaspedal schaffte der WaBu noch 65 Sachen, es wurde kritisch.


Bei Fahrtenkilometer 47 sah ich ein Schild mit dem Wort ‚Erkner‘. Das brachte mich auf eine Idee. In Erkner wohnte mein Freund Clemens. In den Nullerjahren hatte er noch in Berlin gewohnt, im Ost-Teil der Stadt, und wir hatten uns oft getroffen. Niemand anderes als Clemens hatte mir damals den schönen, seinerzeit noch neuwertigen Wartburg 353 Super besorgt, weswegen ich ihn auch Wartburg-Clemens nannte, im Unterschied zu einem anderen Clemens in meinem Freundeskreis. Wer, wenn nicht Wartburg-Clemens, konnte den Wagen im Handumdrehen wieder fahrtüchtig machen?
Ich bog in die Ausfahrt nach Erkner ein. Thomas redete immer noch über sein Lieblingsthema, und erst jetzt nahm ich es wahr; er hatte seit einer Viertelstunde über den Weltuntergang geredet und die Notwendigkeit verbreiterter Fahrradwege.
Ich mußte nun doch halten, um die Wartburg-Clemens’ Adresse in das Navy einzugeben. Zum Glück bewegte sich das Fahrzeug danach weiter.
Clemens wartete schon vor seiner Wohnung in der Friedrichstraße 54, ich hatte ihn noch kurz angerufen. In dieser Gegend bekam einer wie er praktisch niemals Besuch, und entsprechend riesig war seine Wiedersehensfreude. Ich konnte sie ihm deutlich ansehen. Und Thomas, ein von Kindesbeinen an superhöflicher Österreicher, machte eine gute Figur, war ebenfalls freundlich und herzlich.
„Was bringt euch hierher, in diese Gegend?“ wollte Clemens natürlich wissen.
„Ich muß hier was schreiben, in Schwerin, über Matthias Matussek und die AfD. Der tritt da auf.“
Ich konnte Clemens das sagen, weil er als alter Freund wußte, daß ich mit Matussek befreundet war.
„Der hat ein neues Buch draußen, nicht?“
„Genau. ‚White Rabbit‘ heißt es. Hab’ ich aber noch nicht gelesen, du etwa?“
„Nein.“
Wir wollten reingehen, zu Frau und Familie, aber ich hielt Clemens noch zurück. Ich wollte ihm das Problem mit dem Motor zeigen. Ich wunderte mich schon, daß er den Qualm und die Fehlzündungen nicht bemerkt hatte. In Wahrheit hatte er es durchaus gemerkt, aber für normal gehalten. Ich hielt ihn am Ärmel fest und sagte eindringlich, ja ängstlich, um nicht zu sagen in Panik:
„Der Wartburg ist verrückt geworden. Du mußt ihn sofort reparieren. Wir kommen damit nicht mehr weit!“
„Na, gehen wir erstmal rein. Wir haben schon für euch gedeckt, und Carin freut sich auf dich.“
Carin erwartete ein Baby. Sie war im siebenten Monat. Außerdem hatten sie noch ein weiteres Baby im Haus, das allerdings schon auf der Welt und ein Schaf war. Also ein junges Schaf, das sie aufzogen, da die Mutter es verstoßen hatte. Es lag gerade in einem Kinderwagen und schlief, abseits der sengenden Sonne, im Garten. Der Kinderwagen war natürlich für das echte, kommende Baby angeschafft worden.
Ich hatte Carin erst einmal gesehen, noch in Ost-Berlin, und gleich gemocht. Sie war äußerst ruhig und wohltuend, eine noch sehr junge Frau, die allerdings nie alt werden, im Sinne von alt wirken würde. Sie war 31, konnte theoretisch auch 21 oder 41 sein, und man sah den Altersunterschied zu Clemens, der eher meiner Generation angehörte, nicht. Ich war innerlich gelb und grün vor Neid. Was für eine zarte Haut sie hatte, wie völlig unberührt und unbenutzt sie wirkte! Ich konnte mich nur beruhigen, indem ich mir mit letzter Selbstbeherrschung klarmachte, daß meine Frau trotz allem schöner war als sie.
Ich hatte mich kaum umgesehen, hatte die neue Wohnung erst wenige Sekunden in Augenschein genommen, als ich erschrocken feststellte, daß Thomas schon wieder politisierte. Er hatte, während ich die schönen, frisch eingerichteten Zimmer durchschritt, schon am Kuchentisch Platz genommen und zu reden begonnen. Die internationale Lage, der Kolonialismus, die Verbrechen der Belgier im Kongo, die abgeschnittenen Hände und Ohren Tausender während der Kautschukgewinnung… Ich stand fassungslos vor einer Situation, die niemand gewollt hatte.
Ich wußte, daß Wartburg-Clemens Verschwörungstheoretiker war, wie jeder Ossi, und das war nach seinem tragischen Lebenslauf auch zu entschuldigen. Irgendwie mußte Thomas ihn auf diesem Fuß erwischt haben, während ich noch den sonnendurchfluteten Wintergarten bewundert hatte. Da war es ja fast noch angenehmer, über den angeblichen Rechtsruck von Matussek zu reden. Das war wenigstens mein Thema gerade. Ich sagte also recht unvermittelt, das neue Buch ‚White Rabbit‘ noch nicht vollständig zu kennen, die letzten Seiten aber schon in der Buchhandlung durchgesehen zu haben, und vielleicht sei es gar nicht so schlecht. Thomas reagierte sofort wie erhofft:
„Der ist jetzt Mainstream, der Matussek. Rechts und braun, wie alle diese Arschlöcher. Hängt sich an den Zeitgeist, weil es Kohle bringt. Den kann man vergessen.“
Er hatte noch im Auto die Worte ‚Matussek‘ und ‚White Rabbit‘ gegoogelt, was ich nicht mitbekam, weil ich verzweifelt auf die Symptome des Motorschadens achtete. Nun hatte er natürlich den totalen Wissensvorsprung und nutzte das aus.


„Naja, dagegen sage ich ja gar nichts, aber dieser Mann hat einmal den deutschen Journalismus völlig neu erfunden, in den 80er Jahren, praktisch im Alleingang, new journalism und so.“
„Der verdrängt doch nur. Der hat keine Bodenhaftung. Daß die Natur zugrunde geht, merkt der gar nicht, und der ganze Planet. Alles was der schreibt und denkt ist jenseits davon. Also verdrängt, komplett verdrängt. Daß hier die Bäume verdorren, und daß sie da in Afrika die natürlichen Ressourcen zerstören, und in Südamerika für sogenanntes Biobenzin ganze Länder, ich meine, du mußt dir das vom Weltraum aus mal ansehen, da kannst du sehen, wie ganze riesige Löcher mitten in Brasilien…“
Er war nicht mehr zu stoppen, was aber vor allem daran lag, daß ich gesundheitlich deutlich angeschlagen war, von der Fahrt her und den giftigen Auspuffgasen, die ins Wageninnere gelangt waren. Mir war nicht direkt schlecht, aber ich war schwach und konnte kaum noch sprechen. Ich nuschelte und verschluckte Silben, wenn ich etwas zur Debatte beitrug.
Für Wartburg-Clemens war es schwer. Er hatte sich so gefreut, und als ich am Telefon von ‚wir‘ sprach, also daß ‚wir‘ kommen würden, hatte er an mich und meine schöne Frau Harriet gedacht. Er wollte immer schon, daß seine junge Carin und sie, Harriet, sich einmal kennenlernten; und nun hatte er stattdessen den brauseköpfigen, fast gewalttätig lauten, allesdominierenden Vielredner in der neuen Behausung. Clemens kam praktisch nicht mehr zu Wort, und ebenso seine babyaustragende Freundin, die freilich noch lange guter Dinge blieb, bis auch bei ihr schließlich die Mundwinkel traurig nach unten rutschten.
Da ich nicht mehr sprechen konnte, stand ich auf und machte Clemens Zeichen, mir zu folgen. Doch in dem Moment klingelte mein Handy, mit ‚Matthias Matussek‘ auf dem Display. Sollte ich abnehmen? Warum nicht, wir waren ohnehin gerade in einer Sackgasse.
„Matthias, was gibt’s, schon aufgeregt?“
„Hömma, Herr Geheimrat, Herr Professor Lottmann, wandeln Sie schon im Schlossgarten derer zu Hohenzollern, auf der hochgräflichen Lustwiese von und zu Schwerin, hahaha, ich mein’, ich mein’, hahaha…“
Wie? Was? Ob ich schon da war? Er lachte fast so hemmungslos wie Thomas, nur nicht so nett. Thomas war, jenseits aller Politik, der netteste Mensch, dem ich je begegnet bin. Matthias Matussek war, jenseits aller Politik, auch nicht so völlig schlecht. Immerhin hatte er mich einmal zum SPIEGEL geholt. Ein andermal hat er mir 500 Euro geschenkt, als ich in Not war. Und einmal war er sogar über den Atlantik geflogen, von Hamburg nach Rio de Janeiro, um mir zu helfen. Bis in den Urwald von Petropolis war er geklettert, weil ich in der dortigen Sterbehütte von Stefan Zweig in Depressionen verfallen war. Natürlich war Matussek ein verfluchtes Arschloch, da konnte ich nicht widersprechen, andererseits wußte ich niemanden, der sonst nach Petropolis gekommen wäre. Das konnte ich nur nicht gut erzählen, hier am Tisch. Und auch sonst nirgends. So etwas glaubte eben keiner. Hätte ich ja auch nicht geglaubt. Ich hätte schon die Fotos herausholen müssen, und die Reportage, die ich damals schrieb. Das war gerade zu aufwendig. Und natürlich hätte es alles nichts genutzt. Matussek war der unbeliebteste Medienberufler seit Joseph Goebbels. Und klar, ich mußte auch in diese Richtung schreiben, bei meinem ‚taz‘-Auftrag. Vielleicht war es besser, schon einmal vorausschauend unfreundlich zu sein. Ich sagte also mit künstlich tiefergelegter Stimme und redete dabei schneller als sonst, um weiteren Heiterkeitsausbrüchen aus dem Weg zu gehen:
„Ich bin noch nicht in Schwerin. Bei der ‚taz‘ sind übrigens nicht alle glücklich über die Reportage. Ich habe drei brieflange Mails von Redakteuren und einem Ressortleiter gekriegt, die sich recht negativ über dich äußern.“
Er wirkte betroffen, schien zu verstummen. Wahrscheinlich hatte er gedacht, im üblichen Tonfall des Witzereißens ein halbes Stündchen mit mir Spaß zu haben. Wir waren da ein eingespieltes Team. Machte er den Horst Seehofer, machte ich den Paul Hörbiger. Gab er den Führer, gab ich die schwäbische Hausfrau, oder umgekehrt. Wir waren immer albern, imitierten Menschen aus allen Jahrhunderten. Ernst waren wir nie, und der Einbruch der politisch bedingten Vernünftigkeit verwirrte ihn. Er sagte schließlich, ebenfalls mit ungewohnt dunkler Stimme:
„Das meinste nich ernst, oder?“
„Na, das heißt jetzt erstmal, daß ich mich darüber hinwegsetzen muß, mit denen verhandeln muß. Ich krieg’ das schon hin.“
„Die ham was gegen mich, bei der ‚taz‘?“
„Nicht wirklich, aber…“
„Wer hat da was gegen mich gesagt? Peter Unfried? Die Barbara Junge?“
„Nein, nein…“
Er kam wieder auf Betriebstemperatur.
„Der Mathias Bröckers?!“
„Weißt du, die Linke hat sich ebenfalls radikalisiert in den letzten Jahren, nicht nur die Rechte…“
„Hm, stimmt.“
„… und seitdem du dich mit den Identitären, äh, identifizierst, setzen die sich nicht mehr mit dir auf ein Podium.“
„Aber das ist doch DAS GEILSTE, was es gibt!“
Er schleuderte das Wort heraus, aus innerster Seele, verzweifelt. Er war also wirklich bei dem Verein gelandet. Ich schluckte. Lieber schnell das Thema wechseln.
„Matthias, ich sitze hier noch bei Freunden bei Kaffee und Kuchen, kann gar nicht reden.“
„Alter, jetzt sach’ schon, was die gegen mich gesagt haben! Es war der Unfried, ne?“
„Jop. Der auch.“
„Hömma, du lügst doch wieder. Du lügst doch immer…“
„Und der Bröckers.“
„Nein!“
„Leider doch.“
„Um Gottes Willen, das darf nicht wahr sein! Lies es mir vor!“
„Keine Zeit.“
„Alter, jetzt laß mich hier nicht hängen! Lies es vor, die Minute hast du doch! Bitte!“
Ich scrollte zu den Mails und erwischte zum Glück sofort eines der ‚taz‘-Schreiben. Ich begann es rasch und im Flüsterton vorzulesen.
„Hi Jolo,
was Matussek betrifft: den fand ich schon, als er noch beim Berliner
‚Tip‘ war, eher wichtigtuerisch als wichtig. Als er ’87 beim stern war,
musste ich ihm bei der taz mal Hausverbot erteilen: wir ließen zur
Buchmesse 25 Top-Literaten (Enzensberger, Heiner Müller, Jelinek, Simmel et.al.) drei Tage die Zeitung machen, Reporter waren ausgesperrt, jeden Tag nach der Produktion gabs ne Pressekonferenz. Die versammelte Weltpresse hielt sich daran, nur Matussek schlich sich im Hintereingang rein und wollte Mäuschen spielen, aber ich entdeckte ihn und warf wieder ihn raus. Später, beim Spiegel, fiel er mir bei verschiedenen Anlässen dann nur noch als grandioser Spesenritter auf, seine Geschichten waren aber bestenfalls mittelmäßig. Aufmerksamkeit war dann nur noch mit immer steiler werdenden Thesen zu erhaschen, dem offensiven Katholen-Quatsch und jetzt eben AfD… Mich überrascht das nicht, aber entsetzt bin ich auch nicht… wichtigtuerisch ist eben nicht wichtig… Beste Grüße, M.“
Ich schwieg, und Matussek sagte auch nichts. Es war wohl ein harter Schlag für ihn. Ich fragte dann, ob er mit Bröckers einmal persönlichen, also privaten Ärger gehabt habe, in der Jugend, vielleicht mit einem Mädchen.
„Nein, nein, überhaupt nicht.“
Ich mußte aufhören.
„Matthias, wo ist denn der Auftritt heute? Wo finde ich den im Netz, bei der AfD?“
„AfD? Wieso jetzt AfD?“
Er wirkte gedankenverloren.
„Hat es nichts mit der AfD zu tun?“
„Es sind die sogenannten ‚Schweriner Schloßgespräche‘, so heißt das offiziell. Gibt es seit dem Rokoko.“
„Aber im Rokoko gab es doch gar keine AfD, oder doch?“
Ich versuchte, wieder lustig zu sein. Vergebens. Traurig beendete Matussek die Unterhaltung.
Ich kehrte zu meiner Runde zurück. Thomas Draschan hatte die Gastgeber inzwischen ganz für sich eingenommen. Ich sah es an ihren leuchtenden Gesichtern. Er war ja auch wirklich ein ganz besonderer, einzigartiger Kopf, was man nicht sofort erkannte, wenn er seine Thesen klopfte, die zunächst einmal wie die übliche Fortschrittsfeindlichkeit klangen. Erst allmählich sah man, daß er sich alles selbst ausgedacht hatte. Er plapperte keinesfalls nach, ganz im Gegenteil: er setzte dem bestehenden kollektiven Bewusstsein ein komplettes eigenes Ideenuniversum entgegen. Das hatte Kraft und Schönheit, sobald man sich darauf einließ und die Details nicht überprüfte. Gerade war er beim Thema Nahost Konflikt angekommen.
„…und so kann es gar keinen sogenannten Friedensprozess geben, keine Friedensgespräche zwischen Juden und Palästinensern. Das wäre so, als hätten während des kalten Krieges Friedensgespräche zwischen Deutschland und der DDR stattfinden sollen. Nur die Russen hatten da etwas zu sagen. Und im Nahen Osten ist die Gegenseite der politische Islam. Also die entsprechenden Machtstrukturen in den islamischen Staaten. Die brauchen den Konflikt so dringend wie Hitler seinen Antisemitismus. Ohne Judenhaß kein Faschismus, schon gar kein islamischer! Israel muß als Feindbild bestehen bleiben, sonst kracht alles zusammen. Die Palästinenser-Lager müssen künstlich erhalten werden, schon seit drei Generationen wird das so gemacht, und wird auch die nächsten drei Generationen so gemacht werden, damit Israel den schwarzen Peter behält.“
Thomas hielt inne, nicht, weil ich wieder am Tisch saß, sondern weil er einen Schluck Johannisbeersaft nahm. Eine große Chance für mich, etwas zu sagen.
„Clemens, magst du dir einmal den Wartburg ansehen?“
Er nahm das Angebot an, eher pflichtbewusst als erfreut. Wir gingen schweigend nach draußen.
Als wir nun allein waren und nichts mehr gesprochen wurde, als nur noch die routinierten Handbewegungen beim Reparieren des havarierten Fahrzeugs zählten, wurde mir auf einmal bewußt, wie ähnlich sich Thomas Draschan und Matthias Matussek waren, und daß ich sie beide aus demselben Grund schätzte und mochte. Sie lebten in selbstgeschaffenen Geisteswelten. Natürlich war Thomas, der bedeutendste Wiener Salonmaler des 21. Jahrhunderts, der Liebenswertere. Eine ungeheure Wärme ging von ihm aus, eine fast schon übergriffige Menschen- und Nächstenliebe. Er agitierte mit einem selbstverstümmelten Bettler der albanischen Bettlermafia genauso leidenschaftlich wie mit dem jungen, coolen Kanzler der österreichischen Republik. Matussek würde beiden keine Chance geben. Der sprach nur mit mir. Und mit seiner hübschen Frau natürlich. Gott sei Dank hatte er auch noch einen treu ergebenen kleinen Sohn, mit dem er reden konnte, vor allem je mehr der die Kindheit verließ und ein richtiger Mensch wurde.
Wartburgclemens baute den Motor auseinander. Er ließ mich starten, prüfte die Elektrokontakte zu den Kerzen und zu den Zündspulen. Benzinpumpe und Vergaser liefen mechanisch, er hatte ein waches Auge darauf, während ich am Steuer saß und seine Befehle ausführte. Es ging sehr professionell zu, wie früher, als wir uns öfter trafen, der Wartburg öfter kaputt war und ich weniger Geld hatte. Ohne Wartburgclemens hätte ich in den Nullerjahren kein Auto gehabt. Unvorstellbar.
Er half mir übrigens nicht nur beim Auto, sondern auch in allen Alltagsdingen, damals, und viele lange Jahre lang, als kein Verlag mich veröffentlichte. Jede Woche brachte er mir etwas mit, ein Pfund selbstgepflückte Äpfel, ein Paar Socken, eine Kommode, eine Maus für den Computer. Alles, was gerade fehlte. Nie hat er an eine Gegenleistung gedacht. Wahrscheinlich schuldete ich ihm sogar Geld, bestimmt ein paar Tausender. So war das. Nicht, weil er ein Helfersyndrom hatte wie die deutschen Frauen in der Menopause, die sich lustvoll von jungen männlichen Migranten ausbeuten lassen, sondern weil er Ossi war. Ostdeutsche halfen einfach, das war für sie selbstverständlich.
Meine drei Freunde. Wartburg-Clemens, Matussek, Thomas Draschan. Damit konnte man die Stürme des Lebens überstehen, zum Beispiel den Verlust der allesgeliebten Frau. Natürlich war mir genau das zugestoßen, in den besagten Nullerjahren. Fünf Jahre lang ging es ziemlich holprig zu. Dann faßte ich wieder Fuß, eine noch allesgeliebtere Frau trat in mein Leben, und seitdem, seit fast einem Jahrzehnt, war ich Erfolgsautor. Auch Matussek überlebte seine waghalsige Achterbahnfahrt durch Deutschlands Medien einzig durch sein liebevolles Umfeld. Clemens fand als letzter in die Spur zurück. Im Wende-Deutschland verpönt, von der NVA unehrenhaft entlassen, mußte er sich lange als Autoschrauber und Gelegenheitsjobber durchkämpfen, bis er diese nette Ostfrau fand, die gerade von Draschan verbal eingenebelt wurde.
Clemens wechselte eine der drei Zündkerzen aus. Seltsam war das, denn ich hatte auf der Hinfahrt bereits alle ausgewechselt, aber er bestand darauf. Außerdem stellte er einen unterbrochenen Kontakt zwischen Kerze und Zündspüle wieder her. Er machte das alles sehr verantwortungsvoll und ernst, wie ein erfahrener Arzt in der Intensivstation. Er ließ mich immer wieder starten, bis der Motor nicht mehr japsend, schrill und kreischend klang, sondern lebenssatt und gütig.
Das alles hatte nur eine halbe Stunde gedauert. Wir wollten wieder ins Haus gehen, das vor uns in der tiefstehenden Sonne lag wie ein schwedisches Ferienhaus, aber die beiden anderen kamen uns schon entgegen. Anscheinend war Thomas dann doch der Stoff ausgegangen – eine Premiere. Vielleicht hatte die hochschwangere Frau instinktiv gespürt, daß bei einem weiteren verbalen Dauerfeuer gegen sie und ihren Bauch vorzeitige Wehen eingesetzt hätten.
Es kam zu einer herzlichen, langen Abschiedsszene. Alle bemühten sich immer wieder, ihre gegenseitige Zuneigung und Wertschätzung zu demonstrieren. Sie winkten uns hundert Meter hinterher, wie man das früher tat, in meiner Kindheit.


Im Auto sagte Thomas später, von den beiden Ossis ganz eingenommen zu sein. Sie seien hilfsbereit, höflich, gut erzogen, voller entgegenkommender Aufmerksamkeit und von echtem Interesse am anderen. Sie hätten eine wahre Herzensbildung und seien auch sonst nicht dumm; mit einem Wort: Ossis zum Verlieben! Er lachte laut und herzlich, den inzwischen leise gewordenen Motor um ein Vielfaches überdröhnend.
Wir erreichten wieder die Autobahn, fuhren dann mit gemäßigter Geschwindigkeit auf das Autobahndreieck Fürstenwalde zu. Von da aus konnte man die Richtung nach Schwerin einschlagen. Es war gut, vorher das Navy einzustellen. Wir hielten dazu an einer Parkbucht.
„Was hast du denn mit Matussek ausgemacht?“ fragte Thomas.
„Wir sollen im Netz nach ‚Schweriner Schloßgespräche‘ suchen.“
Das taten wir.
Ich gab erst das Wort ein, und als kein Ergebnis kam, ergänzte ich es mit ‚Matussek‘, dann mit ‚Matthias Matussek’, dann auch noch mit dem Datum. Immer kam die Meldung ‚Kein Ergebnis für diese Anfrage‘. Thomas, der jünger und internetaffiner als ich war, schaffte es irgendwann, einen Eintrag für ‚Schloßgespräche der Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern‘ herauszufischen. Er war aus dem Jahr 2008.
„Du, da stimmt was nicht!“, meinte er resolut.
„Eigentlich haben wir heute schon viel erlebt. Wollen wir da wirklich noch hinfahren?“ fragte ich.
„Ich weiß nicht. Der Matussek soll ja ziemlich nach rechts abgedriftet sein.“
„Sag das nicht! Du sprichst von einem Freund von mir.“
„Entschuldigung, da hab’ ich keine Ahnung. Das weißt du natürlich besser.“
„Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob er rechts ist oder nicht. Darüber haben wir nie gesprochen.“
„Dann ist er vielleicht doch rechts, und du weißt es nur nicht?“
„Kann natürlich sein.“
„Dann laß uns umkehren. Ich will noch zur Celine.“
Celine war eine ehemalige Freundin von ihm, die er neu umwarb. Eine auf hinreißende Weise mütterlich wirkende Jüdin, die bestimmt sieben Kinder bekommen konnte. Von ihm.
„Okey.“
Wir fuhren nach Berlin zurück.

Joachim Lottmann (* 6.12.1959 in Hamburg) ist ein deutscher Schriftsteller und lebt in Berlin und Wien. Zuletzt erschien sein Roman ‚Alles Lüge‘ im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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