vonlottmann 03.10.2018

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Voilà: das Establishment. Hierhin verirrt sich in hundert Jahren kein AfD-Wähler. Im Saal sitzt die geistige Elite Deutschlands und Frankreichs. Die Reaktion. Das Justemilieu. Der Geist, der seit fünfzig Jahren die Bundesrepublik dominiert.

Mit Jürgen Habermas wird hier heute ein „Meisterdenker“ ausgezeichnet, dessen Denken die Wirklichkeit der 60er- und 70er-Jahre beschrieb, vielleicht sogar schaffte. Unser Koran sozusagen.

Dass seitdem viel passiert ist, ficht diese Leute nicht an. Die Worte hallen weiter durch den hässlichen Bau des postmodernen ZDF-Hauptstadtstudios, wo Habermas an diesem Mittwochabend den Deutsch-Französischen Medienpreis entgegennimmt. „Freiheit“, „Utopie“, „Menschenrechte“, „Vision“, „Friede“, „Solidarität“, „Wahrheit“, „Kultur“, „Demokratie“ und immer wieder „Europa“. Die Mediengewaltigen aus besseren Tagen sprechen, öffentlich-rechtliche Intendanten, Mitarbeiter. Wenn es stimmt, dass wir in einer Mediengesellschaft leben, ist das hier die herrschende Klasse.

Es ist auch gerade Fashion Week in Berlin, zudem lädt die französische Botschaft zum anschließenden Empfang, und so mischen sich auch einige irritierend schöne Französinnen unter die alten, mächtigen, weißen Männer und Frauen. Françoise Hardy in jung. Man hat ganz vergessen, dass Frauen so aussehen können, so zeitlos chic. Jürgen Habermas, so wird sich noch zeigen, hat kein Auge für sie. Er scheint geradezu der Prototyp des weltfremden, abgehobenen, sich unverständlich ausdrückenden Professors zu sein, der die Freuden und Leiden der Normalsterblichen nicht kennt und nicht kennen will. Die Laudatio hält Heiko Maas, unser Außenminister, auch er ein Prototyp, der des gelehrigen Schülers, Strebers und Bubi-Schlaumeiers. Er macht das aber gut. Besser als Habermas.

Als der seine Dankesrede hält, liest das Publikum auf ausgeteilten Broschüren mit und versteht trotzdem wenig: Habermas spricht von der wachsenden sozialen Ungleichheit – ein Dauerbrenner auf jeder SPD-Veranstaltung –, obwohl sich die Lebensgewohnheiten der Klassen immer mehr angleichen. Wo lebt der Mann? In einer Welt, in der man den Mercedes-Fahrer noch an den Tischmanieren erkannte? Heute haben alle den gleichen Laptop.

Europa setzt er gedankenlos mit der EU gleich. Er sieht Europa in Nationalstaaten zerfallen und dadurch niedergehen. Es ist ihm denkunmöglich, sich ein ressentimentfreies, wirtschaftlich blühendes, liebevolles Europa ohne den lähmenden EU-Bürokratismus vorzustellen: so wie es einmal war. Natürlich darf auch das Wort „Kapitalismus“ an zentraler Stelle nicht fehlen. Ein zunehmender Patriotismus ist ihm nichts anderes als ein „Zurückschrecken vor dem weltweiten Kapitalismus“.

Freilich ist der Kapitalismus eigentlich nur ein Wort. Wenn er international ist und keine Nationen braucht, müsste umgekehrt auch gelten, dass er keine EU braucht. Er braucht nur Firmen, die gut wirtschaften. Und nicht ständig daran gehindert und von Behörden drangsaliert werden. Und von Transferleistungen an andere, die alles andere als gut wirtschaften. „Transferleistungen hat es niemals gegeben“, sagt nun der geehrte „Mann des Geistes“. Man wundert sich.

Dieses Mantra durchzieht ja die Europadebatte bis zur Schmerzgrenze und auch diesen Abend: nur ein großes Europa könne wirtschaftlich bestehen. Nach der Logik stünde nicht das boomende Singapur an der Spitze der wirtschaftlich erfolgreichen Staaten, sondern das dreißigmal größere, morsche Russland.

Und das zweite Mantra trägt erst recht nicht: ohne EU würde Europa wieder in Krieg und Haß zurückfallen. In Wirklichkeit war die Friedensliebe und gegenseitige Sympathie unter den Völkern nie größer als in den Jahrzehnten vor dem Mauerfall, sozusagen der „Zeit vor Maastricht“. Den Haß haben wir jetzt, die schlechte Stimmung, die totale Genervtheit.

Natürlich spricht Jürgen Habermas viel von Emmanuel Macron. Der ist überhaupt allgegenwärtig an dem Abend. Ständig werden reizende Farbbilder oder Videos von Macron und Merkel an die Wand geworfen. Der ganze Bau soll ja digital und nach Hightech aussehen, und so stört sich niemand daran. Merkel und Macron sind Freunde, so die Botschaft. Sie sind die fleischgewordene deutsch-französische Freundschaft. Küsschen hier, neckisches Lachen dort, an den Händen halten all the time. Das gefällt den Leuten. Es ist ihre Welt. Mit Habermas gewissermaßen als Oberpriester, an diesem Abend. Und der fordert nun die Kanzlerin auf, die „seit sechs Monaten ausgestreckte Hand Emmanuel Macrons endlich zu ergreifen“. Gemeint ist, der EU noch mehr politische, wirtschaftliche, soziale und finanzielle Kompetenzen zu übertragen.
Dies wollen die meisten Leute nicht. Kein Problem, im Gegenteil. Habermas ermuntert die Politiker, vor allem die der SPD, „um den Preis der Polarisierung die Mehrheiten erst zu gewinnen“. Ein interessanter Standpunkt. Die Herrschenden sollen nicht so sehr auf ihre Untergebenen hören.

Nach ihm, dem „Spiritus Rector der öffentlichen Bundesrepublik“, geht es munter weiter mit den großen hohlen Worten, mit „Integration“, „Freiheit“, „Teilhabe“ und so weiter. Es ist wirklich kaum noch zum Aushalten. Man spricht sich gegen Fake News aus, für den „Kampf gegen Vorurteile“, für eine „kritische“ Berichterstattung. War „kritisch“ nicht immer schon das verlogenste Wort, im Grunde das Vorurteil selbst? Kein Wort auch – nicht einmal das, obwohl es um einen Medienpreis geht – über das Zeitungssterben oder über die Demokratisierungschancen, die das allen zugängliche öffentliche Internet bietet.

Die weiteren Preisträger des Großen Deutsch-Französischen Medienpreises – nicht nur Habermas kriegt einen – werden im Schnelldurchlauf abgefertigt und offenbar für ihre Gesinnung geehrt. Aus den knappen Begründungen lässt sich schließen, dass es nie um Talent geht, um einen neuen Blick, das Zertrümmern einer vorgeschriebenen Meinung, das Entdecken einer neu entstandenen Situation, sondern um das Bestätigen und Belohnen der verabredeten Weltsicht. Da steigen dann wieder die Meere, wird eine weitere Opfergruppe entdeckt, die therapiert werden muss, werden beim toten Opa Liederbücher aus der NS-Zeit gefunden, oder Beate Klarsfeld ohrfeigt wieder Kurt Georg Kiesinger.

Letzteres ist ein prämierter Dokumentarfilm, bei dem nicht etwa Beate Klarsfeld prämiert wird, sondern zwei Frauen, die einfach minutenkurzes Archivmaterial zusammengeklebt haben. Trotzdem hat mir das Filmchen noch am besten gefallen, da ich die Klarsfeld nun einmal bewundere.

Ich habe ihn nie gemocht, Habermas, habe die Verehrung nie verstanden. Er hat mich furchtbar gequält im Studium. Denn im Gegensatz zu Adorno, den ich wenigstens wie eine Art besinnungsloser, aber schöner Lyrik lesen konnte, fehlte seinen Schriften auch noch das Literarische.

Er ist „der größte Europatheoretiker unserer Zeit“, heute würde man Influencer dazu sagen. Der Vater natürlich ein Nazi, er selbst vom Jungvolk geprägt, dann ein Leben lang der Kampf dagegen, die übliche Günter-Grass-Geschichte. Das hat alles mit dem 21. Jahrhundert nichts mehr zu tun. Keinerlei Antworten oder auch nur Gedanken zum politischen Islamismus. Kein Wort zu jener Situation in fünf oder zehn Jahren im blutig versinkenden Zwei-Milliarden-Afrika. Kein Wort zur Demografie bei uns und ihren Folgen in den nächsten zwei Generationen, wenn auf einen Teenager acht Greise kommen.

Dafür soll für jede Dummheit und jedes haarsträubende Missmanagement in Drittweltstaaten der Westen verantwortlich sein, am besten gleich und sehr wortgewaltig denunziert als „wir“. Eigentlich ist solch eine Arbeit am ewigen Weinberg des Selbsthasses und ein Verleiten ganzer Bevölkerungsteile in die falsche Richtung verantwortungslos. Und wenn Habermas einen Rechtsruck konstatiert, hat er zwar recht, und das ist natürlich schrecklich. Doch trägt er nicht sogar dafür eine Mitverantwortung?

Wie gesagt, ich litt unter ihm, als junger Mann, es ist ungerecht. So sollte man über einen dermaßen verdienstvollen Mitbürger nicht schreiben. Es tut mir leid. Aber Philosophien sind situationsabhängig. Was einmal segensreich und enorm demokratiefördernd war, kann ein halbes Jahrhundert später das Gegenteil sein.

 

Der Autor dieses Artikels, Joachim Lottmann, geboren 1959 in Hamburg, ist ein deutscher Schriftsteller. Zuletzt ist von ihm der Roman „Alles Lüge“ erschienen.

 

 

(Vollständiger Abdruck in der Tageszeitung DIE WELT  am 5.7.2018))

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